dirk-bengt:
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... @Chris: Deine Frage, ob Adornos Urteil bei extremerer Musik „gnädiger“ ausgefallen wäre… wage ich mal zu beantworten: Ganz sicher nicht: zum einen, weil es hier um „popular music“ und nicht bloß um Schnulzen wie von Joan Baez geht… Und Metal ist nun mal vor allem Unterhaltungsmusik. Und die hat nun einmal schlicht „Warencharakter“… Diese Tatsache mag mir als Metaller nicht gefallen, ändern tut das nichts. Der Warencharakter, das Eingeschriebensein in die kapitalistische Logik aus Produktion und Konsum, was sogar das Entsetzliche des Vietnamkrieges (oder Auschwitz) konsumierbar macht, macht die Musik (J. Baez nicht weniger als Slayer) dem Entsetzlichen gleich. Um ein Aodorno-Zitat aus einem ganz anderen Zusammmenhang zu benutzen: Sie ist „Mimesis… ans Tote“. Wenn er, der Musiksoziologe und Komponist über Jazz sagt, man höre den „Maschinengang des Getriebes“ Lyrik „nach Ausschwitz“ für „unmöglich“ erklärt (aus eben dem Grund, warum eine Schnulze über Vietnam letzten Endes entsetzlich ist…), dann ist leicht auszurechnen, was der vor den Nazis geflohene Halbjude bspw. über ein „Angel of Death“ sagen würde. Selbst wenn es weniger provokativ formuliert wäre oder vom Irakkrieg handeln würde. So wie viele die heute Metal oder Punk hören, damals nach Woodstock gepilgert wären, so hörten die Wohlstandskiddies des Wirtschaftswunders Jazz… Was Adorno in Musikalische Schriften V über den Jazz gesagt hat, gilt zwischenzeitlich nicht weniger für Metal, Punk etc. … „So wenig er mit echter Negermusik tun hat, die hier industriell geglättet und gefälscht wird, so wenig eignet ihm Destruktives oder Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen (Other Bands play, Manowar kill, Ha-Ha), die aufreizen mochte und auf revolutionäre Hintergründe zu deuten schien, ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging, den sie sich denn dort stahl, wo sie ihn fand…“ (Gesammelte Schriften Bd, 18. S. 795) @Thorsten in aller Kürze: Adornos Kritik ist keine Musik-, sondern wie letztlich immer: wesentlich Kapitalismuskritik… ich glaube in die Falle bist eher Du mit Deiner Bewertung von Adornos Bewertung getappt: Ob ehemalige Jazzer, 50er R’n’Rer, Woodstock-Veteranen, Punks der 70er, Altmetaller wie meiner einer... Sie alle hielten sich für rebellisch, wenn nicht revolutionär. Und mit den Jahren wurden sie immer froher, wenn sie die rechtzeitig die Karrierekurve kriegten und an Wohlstandssymbolen vorzeigen können, was der je (sub)kulturelle Codex verlangt. Ausnahmen ausgenommen… Adorno würde der rebellischen Musik nicht absprechen, Inhalte zu transportieren, aber er würde stets auf den „Verblendungszusammenhang“ --die „objektiven Bedingungen“ des Kapitalismus nämlich-- aufmerksam machen, unter denen das geschieht. Was das Alter Adornos angeht: wenn nur 10% aller Leute in Deutschland so jung und radikal denken könnten wie er, sähe es hier anders aus… |
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... Er kritisiert ja aber hier nicht die Kommerzielisierung der Musik an sich, sondern spricht der kommerzialisierten "Unterhaltungsmusik" ab, die Inhalte des politischen Protests transportieren zu können. Jetzt wäre es interessant, ob er anderen Musikgenres diese Fähigkeit zugetraut hat. Spätestens dann wären wir beim von mir angedeuteten Wiederspruch, denn letztendlich ist jede niedergeschriebene oder aufgenommene Musik nur zu dem Zweck festgehalten worden, konsumiert zu werden. |
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... @ Thorsten Der von Dir angedeutete Widerspruch, ist ja keiner. Adorno leugnet ja nicht, dass es so etwas wie einen politischen Song gibt… Im Gegenteil: gerade die unpolitischen Songs sind ja politisch wirksam: als Schlafmittel. Oder wie er sagen würde: es gibt keinen ideologiefreien Raum. Jeder der eine Alternative zum Bestehenden anbietet, wird sofort vom Markt kassiert. Ob das der Musik- oder der Meinungsmarkt ist, ist dabei völlig egal. Er macht hier ja eigentlich nur auf den simplen Tatbestand (mit sehr komplexen Hintergrund) aufmerksam, dass „die Szene“ korrumpiert ist… egal, ob sie nun bewusst / unbewusst apolitisch ist oder eine noch so große Fahne vor sich herträgt… Am Ende wird die Musik samt eventueller Botschaft vom Markt kassiert. Als Gegenentwurf zur U-Musik käme daher formal nur die so genannte Ernste Musik in Frage… aber die schneidet, falls es Dich interessiert, nicht wirklich besser ab… Zitat: Das Recht von Musik --von aller Musik-- überhaupt dazu sein, wird fragwürdig. Man braucht nur aufs Geratewohl an der Skala eines Radioapparates herumzudrehen. Gelingt es einem selbst, dem immergleichen der sei’s heimeligen, sei’s schnöden Schlager zu entgehen und sogenannte ernste oder, wie das in der Sphäre der informierten Barbarei genannt wird, klassischen Musik zu erwischen, so erscheint diese allein dadurch, dass sie als eine Sparte unter anderen dem Einerlei sich eingliedert, selbst in ihrer Differenz schon wieder als ein Moment des Einerlei. Beim ersten Klang hört man: ernste Musik, so wie man beim ersten Ton der Orgel das Signal „Religion“ empfängt. Bereits durch diese dem Phänomen vorweg beigegebene Klassifizierung hört es auf, das zu sein, was es beansprucht: etwas an sich. Es wird zum bloßen „Für andere“. (Theorie d. neuen Musik, a.a.O., S. 151) Darin steckt natürlich auch Kritik an uns ferngesteuerten, dummen Hörern. Aber wie sagte Adorno so richtig und fast schon anthroposophisch? Sinngemäß: Dummheit sei ein Mahnmal gesellschaftlicher Verstümmelung. --- Also kein persönlicher Fehler. Ein Verstümmelungsinstrument ist natürlich der Markt: er blendet nicht nur die Mucker d.h. die Produzenten, die meinen oder tatsächlich auf leichte Konsumierbarkeit hin produzieren müssen; sondern auch die Konsumenten, die zwar einerseits immer nach Neuem schreien, aber andererseits doch immer wieder nur das hören, was ihren Gewohnheiten nicht allzu sehr zuwider ist. Es geht im Übrigen überhaupt nicht darum, dass Musik produziert (geschrieben / gespielt) werden muss und man als Musiker sich ein Publikum (Konsumenten) wünscht… Es geht darum, dass Musik zur technisch reproduzierbaren Ware verkommen: Welchen Schaden „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ nimmt, lässt sich auch schön bei Walter Benjamin nachlesen: den völligen Verlust der Aura. Und spätestens der Umstand, dass man Musik auf Börsen handelt und tauscht wie Vieh, zeigt wie wenig das alles noch mit aussagefähiger Kunst zu tun hat. Und warum der Begriff „Kunsthandwerk“ eigentlich viel besser passt. Die teilweise sehr routiniert vorgetragene Ekstase von Muckern und Fans bei Konzerten ist ja vielleicht noch ein schwacher Abglanz der quasi-religösen Aura, die früher mal die Kunst ausgestrahlt haben könnte. @ Chris Könnte sein, dass A. der disharmonischen Brutalität von DF musikalisch durchaus etwas Positives abgewinnen könnte. Als Spiegel der zerrüttenden Verhältnisse, als mimetisches "Nachzittern des Grauens", vielleicht? Aber dass er das als Authentizität im Sinne eines "authentischen Kunstwerks" (seine Absetzung gegenüber "Kulturwaren") bewerten würde, bezweifle ich weiterhin... Was vielleicht nur daran liegt, dass ich DF für eingängig halte, während der von Adorno gedisste Jazz mich regelmässig überfordert :-) |
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... Ich finde Musik als Protest immer noch besser als "reine Unterhaltungsmusik", aber im Endeffekt ist auch dieses Mittel nur sehr oberflächlich. Und wer glaubt, rebellisch oder revolutionär zu sein, nur weil er Bad Religion oder Bob Dylan hört, ist für mich nicht ernst zu nehmen. Krieg ist ein Resultat unserer Gesellschaft und Lebensweise. Und wer populäre Musik macht, ist nunmal auf Aufmerksamkeit und Erfolg aus (deshalb die Konsumierbarkeit)- was letztlich eine Form von Ehrgeiz und Habgier ist, wie immer nobel das Motiv auch sein mag. Ehrgeiz, Habgier, Neid, Vergnügen, Leid, zudem Angst und Gewalt, darauf gründet sich unsere Gesellschaft. Oder nicht? Deshalb ist eigentlich das einzig rebellische und revolutionäre kein Teil dieser Gesellschaft zu sein, in dem man psychologisch (nicht äußerlich) von all diesen Dingen frei ist. Nicht in dem man auf Konzerte von Protestmusikern geht, mit dem Kopf nickt und dann nach Hause geht und das gleiche, dumme, angepasste Leben führt. So wie wir sind, so ist die Welt. Ich kann Adorno schon verstehen... |
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