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Blogs Music matters (Chris) Adorno der Extrem-Metaller?

Adorno der Extrem-Metaller?

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Music matters

Geschrieben von: chris   
Freitag, den 26. März 2010 um 16:21 Uhr



Ich bin über diesen Clip gestolpert, in dem Adorno der Unterhaltungsmusik im Kontext des Vietnamkriegs die Eignung als Transportmittel für politischen Protest abspricht:

"Wenn jemand auf eine schnulzenhafte Musik irgendwelche Dinge darüber singt, dass Vietnam nicht zu ertragen sei, dann finde ich, dass gerade dieser Song nicht zu ertragen ist, weil er, indem er das Entsetzliche noch irgendwie konsumierbar macht, schließlich auch daraus noch etwas wie Konsumqualitäten herauspresst." (Gestrafftes Zitat)

Was die Kritik am Seichten betrifft, könnte man sich nun fragen, ob Adorno mit Sodoms (Anti-)Vietnam-Song "Agent Orange" oder Metallicas Kriegskritik "Disposable Heroes" eher einverstanden gewesen wäre. An die Grenzen des für ihn "irgendwie Konsumierbaren" hätte ihn spätestens Dying Fetus' "Destroy The Opposition" geführt, zumal die Death-Grinder auch inhaltlich ganz bei ihm sind ("A mediated world, what a sick reality...").

Hätte Adorno extreme Musik als (politisches) Protestmittel eher akzeptiert, weil Text und Musik gleichermaßen provozieren? Oder hätte er doch in erster Linie den "Warencharakter" gesehen, die Produkthaftigkeit der Musik, die den künstlerischen Aspekt und damit das Ansinnen des Protests überschattet?

Ich kenne Adornos Theorien nicht umfassend genug, um mögliche Antworten aus dem Stand herleiten zu können; er selbst hat Metal Musik in ihrer heutigen, bisweilen extremen Form nie zu hören bekommen. Dabei hätte ich dem alten Herrn gerne beim Moschen zugesehen... aber das bleibt – wie so vieles bei Adorno – nur ein Gedankenspiel.

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Kommentare (6)add comment

Thorsten:

Thorsten
...
Ich würde sagen, da lag der gute Theo mal relativ weit daneben.

Zum einen verkennt er den Ursprung dieser politischen Protest-Musik in der Singer/Sonwriter Kultur, die weit in die 30er Jahr von Leuten wie Woody Guthrie bis zur neuen Folk-Bewegung mit Musikern wie Pete Seeger zurück geht und in den 60ern zum Beispiel von Woodys Sohn Arlo weiter geführt wurde, als Beispiel hier nur das brillante Alice's Restaurant (eine Aufnahme von Arlo aus dem Jahr 2005, leider die einzige komplette Version, die ich gefunden habe...die Ur-Version: Teil 1, Teil 2). Und im Gegensatz zu anderen Stilen war diese Musik eben immer auch politisch und immer bewußt mit dem "kleinen Mann" verknüpft, also ist es eigentlich kein Wunder, daß sich daraus diese Protest-Szene entwickelte.

Dazu kommt, daß die Frage natürlich konsumierbar werden mußte, weil er diese Generation beschäftigt, die männliche Hälfte ja sogar direkt und lebensbedrohlich betraf. Also mußten sie Wege finden, es zu verarbeiten. Einige haben es mit Zynismus versucht, wie Country Joe McDonald, Hendrix' "Star Spangeled Banner" hat fast expressionistische Züge, und andere haben es eben als "konventionelle" Liedermacher versucht.

Und allgemein müßte Adorno damit ja eigentlich jeder Musik absprechen, Inhalte transportieren zu können. Wenn man schon nicht über etwas im Prinzip simples wie einen Krieg singen kann, wie sollte man dann Liebe oder etwa Religiösität in Töne fassen? Damit könnte man im Prinzip die ganze Musikgeschichte abhaken.
Ich denke eher, statt die Uniformierung und Kommerzielisierung vorher zu sehen, wie ihm der Sprecher anträgt, ist er eher in die typische Falle älterer Menschen getappt, die Jugendkultur der nächsten oder übernächsten Generation nicht mehr zu verstehen. Aber ich nehme an, Beethoven haben auch Menschen für Krach und Schumann für weichgespülten Schmonz gehalten :D
 
27. März 2010
Stimmen: +0

dirk-bengt:

dirk-bengt
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@Chris: Deine Frage, ob Adornos Urteil bei extremerer Musik „gnädiger“ ausgefallen wäre… wage ich mal zu beantworten:

Ganz sicher nicht: zum einen, weil es hier um „popular music“ und nicht bloß um Schnulzen wie von Joan Baez geht…
Und Metal ist nun mal vor allem Unterhaltungsmusik. Und die hat nun einmal schlicht „Warencharakter“… Diese Tatsache mag mir als Metaller nicht gefallen, ändern tut das nichts.

Der Warencharakter, das Eingeschriebensein in die kapitalistische Logik aus Produktion und Konsum, was sogar das Entsetzliche des Vietnamkrieges (oder Auschwitz) konsumierbar macht, macht die Musik (J. Baez nicht weniger als Slayer) dem Entsetzlichen gleich.
Um ein Aodorno-Zitat aus einem ganz anderen Zusammmenhang zu benutzen: Sie ist „Mimesis… ans Tote“.
Wenn er, der Musiksoziologe und Komponist über Jazz sagt, man höre den „Maschinengang des Getriebes“ Lyrik „nach Ausschwitz“ für „unmöglich“ erklärt (aus eben dem Grund, warum eine Schnulze über Vietnam letzten Endes entsetzlich ist…), dann ist leicht auszurechnen, was der vor den Nazis geflohene Halbjude bspw. über ein „Angel of Death“ sagen würde. Selbst wenn es weniger provokativ formuliert wäre oder vom Irakkrieg handeln würde.

So wie viele die heute Metal oder Punk hören, damals nach Woodstock gepilgert wären, so hörten die Wohlstandskiddies des Wirtschaftswunders Jazz… Was Adorno in Musikalische Schriften V über den Jazz gesagt hat, gilt zwischenzeitlich nicht weniger für Metal, Punk etc. …
„So wenig er mit echter Negermusik tun hat, die hier industriell geglättet und gefälscht wird, so wenig eignet ihm Destruktives oder Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen (Other Bands play, Manowar kill, Ha-Ha), die aufreizen mochte und auf revolutionäre Hintergründe zu deuten schien, ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging, den sie sich denn dort stahl, wo sie ihn fand…“ (Gesammelte Schriften Bd, 18. S. 795)

@Thorsten in aller Kürze: Adornos Kritik ist keine Musik-, sondern wie letztlich immer: wesentlich Kapitalismuskritik…
ich glaube in die Falle bist eher Du mit Deiner Bewertung von Adornos Bewertung getappt: Ob ehemalige Jazzer, 50er R’n’Rer, Woodstock-Veteranen, Punks der 70er, Altmetaller wie meiner einer... Sie alle hielten sich für rebellisch, wenn nicht revolutionär. Und mit den Jahren wurden sie immer froher, wenn sie die rechtzeitig die Karrierekurve kriegten und an Wohlstandssymbolen vorzeigen können, was der je (sub)kulturelle Codex verlangt. Ausnahmen ausgenommen…

Adorno würde der rebellischen Musik nicht absprechen, Inhalte zu transportieren, aber er würde stets auf den „Verblendungszusammenhang“ --die „objektiven Bedingungen“ des Kapitalismus nämlich-- aufmerksam machen, unter denen das geschieht. Was das Alter Adornos angeht: wenn nur 10% aller Leute in Deutschland so jung und radikal denken könnten wie er, sähe es hier anders aus…
 
28. März 2010
Stimmen: +1

Thorsten:

Thorsten
...
Er kritisiert ja aber hier nicht die Kommerzielisierung der Musik an sich, sondern spricht der kommerzialisierten "Unterhaltungsmusik" ab, die Inhalte des politischen Protests transportieren zu können.
Jetzt wäre es interessant, ob er anderen Musikgenres diese Fähigkeit zugetraut hat. Spätestens dann wären wir beim von mir angedeuteten Wiederspruch, denn letztendlich ist jede niedergeschriebene oder aufgenommene Musik nur zu dem Zweck festgehalten worden, konsumiert zu werden.
 
28. März 2010
Stimmen: +0

chris:

chris
...
Adornos wohl bekannteste Aussage zur Lyrik nach Auschwitz hatte ich auch im Hinterkopf, wobei er sein Urteil nachträglich etwas abgemildert haben soll. Diesbezüglich erkannte er Künstlern Authentizität zu, wenn "in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert". Demnach wäre es also durchaus denkbar, dass Adorno sich für extreme Musik hätte begeistern können (im Sinne der Authentizität).

Zum interessanten Jazz-Zitat: Auch wenn Jazz damals als rebellisch galt, Dying Fetus sind doch ungleich extremer und im Vergleich viel weniger "auf Konsum getrimmt", kaum noch Populärmusik zu nennen. Wo Jazz immer noch auf Wohlklang setzte, findet man bei Bands wie Agoraphobic Nosebleed fast schon reine Kakophonie - ich glaube also nicht, dass man Adornos Betrachtung der Jazz-Musik einfach auf heutige Extrem-Musik anwenden kann.

Anders hergeleitet: In dem Clip wirft Adorno einem Stück Musik vor, nicht authentisch zu sein, weil es trotz kritischem Inhalt a) musikalisch etwas anderes vermittelt und b) damit konsumierbar wird.

Daraus folgt: Kritische Kunst darf, wenn sie authentisch sein will, nicht konsumierbar sein. (Und da hat Grind Metal doch klar die Nase vorn ;-))
 
28. März 2010
Stimmen: +0

dirk-bengt:

dirk-bengt
...
@ Thorsten
Der von Dir angedeutete Widerspruch, ist ja keiner. Adorno leugnet ja nicht, dass es so etwas wie einen politischen Song gibt… Im Gegenteil: gerade die unpolitischen Songs sind ja politisch wirksam: als Schlafmittel. Oder wie er sagen würde: es gibt keinen ideologiefreien Raum. Jeder der eine Alternative zum Bestehenden anbietet, wird sofort vom Markt kassiert. Ob das der Musik- oder der Meinungsmarkt ist, ist dabei völlig egal.

Er macht hier ja eigentlich nur auf den simplen Tatbestand (mit sehr komplexen Hintergrund) aufmerksam, dass „die Szene“ korrumpiert ist… egal, ob sie nun bewusst / unbewusst apolitisch ist oder eine noch so große Fahne vor sich herträgt… Am Ende wird die Musik samt eventueller Botschaft vom Markt kassiert.

Als Gegenentwurf zur U-Musik käme daher formal nur die so genannte Ernste Musik in Frage… aber die schneidet, falls es Dich interessiert, nicht wirklich besser ab…

Zitat: Das Recht von Musik --von aller Musik-- überhaupt dazu sein, wird fragwürdig. Man braucht nur aufs Geratewohl an der Skala eines Radioapparates herumzudrehen. Gelingt es einem selbst, dem immergleichen der sei’s heimeligen, sei’s schnöden Schlager zu entgehen und sogenannte ernste oder, wie das in der Sphäre der informierten Barbarei genannt wird, klassischen Musik zu erwischen, so erscheint diese allein dadurch, dass sie als eine Sparte unter anderen dem Einerlei sich eingliedert, selbst in ihrer Differenz schon wieder als ein Moment des Einerlei. Beim ersten Klang hört man: ernste Musik, so wie man beim ersten Ton der Orgel das Signal „Religion“ empfängt. Bereits durch diese dem Phänomen vorweg beigegebene Klassifizierung hört es auf, das zu sein, was es beansprucht: etwas an sich. Es wird zum bloßen „Für andere“. (Theorie d. neuen Musik, a.a.O., S. 151)

Darin steckt natürlich auch Kritik an uns ferngesteuerten, dummen Hörern. Aber wie sagte Adorno so richtig und fast schon anthroposophisch? Sinngemäß: Dummheit sei ein Mahnmal gesellschaftlicher Verstümmelung. --- Also kein persönlicher Fehler.

Ein Verstümmelungsinstrument ist natürlich der Markt: er blendet nicht nur die Mucker d.h. die Produzenten, die meinen oder tatsächlich auf leichte Konsumierbarkeit hin produzieren müssen; sondern auch die Konsumenten, die zwar einerseits immer nach Neuem schreien, aber andererseits doch immer wieder nur das hören, was ihren Gewohnheiten nicht allzu sehr zuwider ist.

Es geht im Übrigen überhaupt nicht darum, dass Musik produziert (geschrieben / gespielt) werden muss und man als Musiker sich ein Publikum (Konsumenten) wünscht…

Es geht darum, dass Musik zur technisch reproduzierbaren Ware verkommen: Welchen Schaden „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ nimmt, lässt sich auch schön bei Walter Benjamin nachlesen: den völligen Verlust der Aura. Und spätestens der Umstand, dass man Musik auf Börsen handelt und tauscht wie Vieh, zeigt wie wenig das alles noch mit aussagefähiger Kunst zu tun hat. Und warum der Begriff „Kunsthandwerk“ eigentlich viel besser passt.

Die teilweise sehr routiniert vorgetragene Ekstase von Muckern und Fans bei Konzerten ist ja vielleicht noch ein schwacher Abglanz der quasi-religösen Aura, die früher mal die Kunst ausgestrahlt haben könnte.

@ Chris
Könnte sein, dass A. der disharmonischen Brutalität von DF musikalisch durchaus etwas Positives abgewinnen könnte. Als Spiegel der zerrüttenden Verhältnisse, als mimetisches "Nachzittern des Grauens", vielleicht?

Aber dass er das als Authentizität im Sinne eines "authentischen Kunstwerks" (seine Absetzung gegenüber "Kulturwaren") bewerten würde, bezweifle ich weiterhin... Was vielleicht nur daran liegt, dass ich DF für eingängig halte, während der von Adorno gedisste Jazz mich regelmässig überfordert :-)
 
28. März 2010
Stimmen: +1

Deniz Kilic:

0
...
Ich finde Musik als Protest immer noch besser als "reine Unterhaltungsmusik", aber im Endeffekt ist auch dieses Mittel nur sehr oberflächlich. Und wer glaubt, rebellisch oder revolutionär zu sein, nur weil er Bad Religion oder Bob Dylan hört, ist für mich nicht ernst zu nehmen. Krieg ist ein Resultat unserer Gesellschaft und Lebensweise. Und wer populäre Musik macht, ist nunmal auf Aufmerksamkeit und Erfolg aus (deshalb die Konsumierbarkeit)- was letztlich eine Form von Ehrgeiz und Habgier ist, wie immer nobel das Motiv auch sein mag. Ehrgeiz, Habgier, Neid, Vergnügen, Leid, zudem Angst und Gewalt, darauf gründet sich unsere Gesellschaft. Oder nicht? Deshalb ist eigentlich das einzig rebellische und revolutionäre kein Teil dieser Gesellschaft zu sein, in dem man psychologisch (nicht äußerlich) von all diesen Dingen frei ist. Nicht in dem man auf Konzerte von Protestmusikern geht, mit dem Kopf nickt und dann nach Hause geht und das gleiche, dumme, angepasste Leben führt. So wie wir sind, so ist die Welt. Ich kann Adorno schon verstehen...
 
17. Juli 2010
Stimmen: +0

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