Geschrieben von Montag, 18 Oktober 2004 01:27

The Haunted - Interview mit Gitarrist Anders Björler zu "Revolver"



Wenn mich dieser Tage ein Album wirklich umgehauen hat, dann ist es die aktuelle Thrash-Kante der Schweden The Haunted. Es versteht sich von selbst, dass da schnellstmöglich ein Interview her mußte, und so trafen meine Fragen per Telefon auf das geneigte Ohr des zurückhaltenden aber gut aufgelegten Gitarristen. Lest selbst, was Anders Björler über "rEVOLVEr", den Labelwechsel und den neuen alten Mann vor'm Mikro zu berichten hatte.


Als ich "rEVOLVEr" zum ersten Mal gehört habe, hat mich das Album schlicht umgeblasen. Ich saß alleine in meinem Zimmer und musste meine Arbeit beiseite legen, um erstmal eine Runde zu Headbangen, und das ist kein Witz … Also sag mir bitte, dass Du mit dem neuen Album verdammt zufrieden bist!

[Lacht] Ja, bin ich. Ich denke, es ist ein sehr gutes Album geworden und ich bin froh darüber, dass die Band wieder zurück auf der Bildfläche ist - mit mehr Tiefe und Durchschlagskraft.

Was denkst Du, hat sich in Eurer Musik verändert seit dem letzten Release - abgesehen davon, dass Peter Dolving Euer neuer (alter) Sänger ist?

Es hat sich gezeigt, dass Peter mehr Sänger ist, er hat mehr Ideen in musikalischer Hinsicht und das spielt eine große Rolle. Aber wir haben Peters stimmliche Bandbreite auch mehr genutzt und uns auf ihn abgestimmt. Dazu kommt, dass wir mit Peter viel proben konnten, im Gegensatz zu Marco [ehem. Sänger], der viel Zeit in Stockholm verbracht hat, sodass wir mit ihm zusammen nicht viel üben oder Songs schreiben konnten. Das war eine ziemlich verrückte Situation, um Sachen zu schreiben. Es hat sich sehr natürlich angefühlt, wieder Songs als ganze Band im Proberaum zu schreiben und sie dort fertigzustellen.

Hat Peter neuen Wind und eigene Ideen mit eingebracht?

Er hat immer tausend Ideen, weißt Du. Er ist da sehr enthusiastisch, ja. Man kann also sagen, dass er eigentlich der perfekte Sänger für dieses Album war …

Könntest Du Dir "rEVOLVEr" auch mit Eurem alten Sänger vorstellen?

Könnte ich, ja. Ich denke, es wäre ein wenig eindimensionaler geworden, nicht so dynamisch. Marco hat es bei einem der Tracks versucht, mit cleanem Gesang, doch am Ende haben wir aufgegeben. Es hat wirklich nicht funktioniert. Also das Album hätte wohl schon geklappt mit Marco, aber es hätte sich anders angehört.

So wart Ihr mit Marco limitierter als mit Peter …

Ja, genau …

… oder mehr auf der Death-Metal-Schiene?

… hmmm nein, ich würde The Haunted auch keineswegs als eine Death-Metal-Band bezeichnen, auch wenn die letzten Alben gesanglich schmutziger klangen. Ich mag die Produktion auf dem neuen um einiges mehr. Es klingt, finde ich, sehr gut.

Ihr habt euer altes Label Earache verlassen und bei Century Media unterschrieben. Wie kam es zu dem Wechsel?
Der Grund war, dass der Vertrag ausgelaufen ist. Wir hatten eine Vier-Alben-Option noch zu At The Gates-Zeiten [ehemalige Band des Gitarristen], so haben wir "Slaughter To Soul" aufgenommen und drei The Haunted-Alben.

Und ihr wart danach mit Earache nicht mehr zufrieden?

[Atmet tief ein] Ähm… es war eine wirtschaftliche Frage. Ich denke, Earache entwickeln sich von Tag zu Tag schlechter; sie können es sich nicht leisten, Band zu pushen und zu fördern. Wir haben zum Beispiel eine ziemlich miese Tour durch die USA erlebt, die sie nicht einmal promotet haben - es gab keine Werbung, keine Hinweise. Das war eine ziemlich schlechte Erfahrung. Heute verlieren sie ihre Bands, Morbid Angel sind auch gegangen, also denke ich, dass sie den Berg runter gehen. Aber sie haben auch nie ein Angebot gemacht, den Vertrag zu erneuern. Ich denke, sie wussten, dass es für uns keinen Weg mehr gab, um mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Na dann hoffe ich, dass Century Media einen besseren Job machen werden …

[Lacht] Ja, ich hoffe. Wir haben erst vor vier Monaten unterschrieben, aber ihr Job ist bisher sehr gut.

Warum seid Ihr ausgerechnet zu ihnen gegangen?
Sie haben den besten Deal gehabt und eine sehr gute Strategie sowie gute Pläne für The Haunted, was sie Zukunft betrifft. Nicht bloß für die nächsten sechs Monate sondern für Jahre.

Um auf Euren neuen Sänger zurückzukommen: Peter, der auch auf Eurem Debüt zu hören ist, hat wieder seine alte Position eingenommen. Warum ist er eigentlich damals ausgestiegen und heute wieder dabei?

Peter ist damals gegangen, weil er Schwierigkeiten mit Eric [Label-Mitarbeiter] hatte. Zu der Zeit hatte er zudem eine Menge persönlicher Probleme. Damals passierte für The Haunted nicht viel, denn Eric kümmerte sich nicht um die Vermarktung des Albums und cancelte die Promo-Tour, es gab kein Tour-Line-Up und nichts passierte, sodass Peter ziemlich frustiert war, dass nichts passierte. Heute sind wir sehr zufrieden mit den Umständen, einem neuen Label und neuen Möglichkeiten. So war Peter sehr enthusiastisch, als wir wieder auf ihn zukamen.

Mußte er lange überlegen, ob er wieder bei Euch einsteigen soll?

Ich glaube, er kam tatsächlich direkt am nächsten Tag.

Warum ist Marco ausgestiegen?

Er hat uns seinen Weggang bereits auf der Festival-Tour letzten Sommer mitgeteilt. Ich denke, der Hauptgrund dafür war, dass er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte.

Demnach ist es ein Full-Time-Job, bei The Haunted zu spielen …

Yeah, it is.

"rEVOLVEr" klingt sehr melodisch und nicht minder aggressiv, sodass es mich hier und da recht stark an die so genannte "New Wave Of Amerikan Heavy Metal" erinnert, also die aktuelle Metalcore-Flutwelle, die Elemente aus Hardcore und Metal vermischt ...

Ähm, ich kann Dir dazu gar nichts sagen, weil ich aus dem Bereich eigentlich kaum etwas kenne. Ich kenne mich da gar nicht aus. Es ist schwierig für mich, zu sagen, was mich als Gitarrist beeinflusst. Es kommt bei mir einfach so, wie es kommt, es ist sehr schwer, Einflüsse zu nennen. Die größte Veränderung bei diesem Album ist vielleicht, dass ich auch progressive Songs erarbeitet habe, zum Beispiel "My Shadow". Zwei Songs gehen vielleicht eher in die Hardcore-Richtung, ,"Sabotage" und "Who Will Decide".

Ich frage auch deshalb nach einer Verbindung zum Metalcore, weil euer Album von Tue Madsen abgemischt und gemastert wurde, der ja auch das letzte Heaven Shall Burn-Werk eingeregelt hat. Es hätte ja Absicht sein können, klanglich in eine ähnliche Richtung zu gehen …

Ich habe den Namen mal gehört, ja, aber der Grund für unsere Entscheidung für Madsen war, dass er mal als Live-Techniker mit auf Tour war. Er ist ein alter Freund von uns und wir hören ab und zu Sachen, die er gemacht hat … Mnemic und so. Heaven Shall Burn habe ich bislang noch nicht gehört.

Gibt es aktuell Bands, die Dich oder die gesamte Band auf eine Weise inspirieren?

Es gibt so viel gutes Zeug, aber besonders in neuerer Zeit höre ich mehr so sanfte Sachen. Alles von Ambient bis hin zu Coldplay, Radiohead und sowas. Ich spiele die ganze Zeit Metal und finde es mittlerweile echt hart, auch in meiner Freizeit Metal zu hören. Ich nutze Musik mittlerweile, um mich zu entspannen und tobe mich aus, wenn ich auf der Bühne stehe.

Spielst Du privat also eher ruhige Sachen, wie Alternative Rock oder Popsongs?

Ähm, manchmal spiele ich das ein wenig auf meiner Gitarre, ja, aber ich habe nichts davon aufgenommen oder so. Aber ich möchte das gerne mal machen, vielleicht als Sideprojekt, aber eher so als Filmsoundtrack oder so. Aber das wird die Zukunft zeigen …

Ich habe leider keine Songtexte zu "rEVOLVEr" vorliegen, kannst Du mir vielleicht etwas dazu sagen?

Das ist eigentlich mehr Peters Ecke, aber ich versuch`s mal. Auf dem letzten Album haben wir alle etwas zu den Texten beigetragen, dieses Mal haben wir diesen Job Peter machen lassen. Er ist der beste Textschreiber, zu uns kein Vergleich. Das ist, als ob vier Kinder versuchen, Shakespeare zu übertrumpfen … Er schreibt sehr gute Lyrics, sehr persönlich und doch objektiv die heutige Welt beschreibend.

Ihr werdet Damageplan und Shadows Fall auf ihrer US-Tour supporten. Ich denke, andersherum hätte das auch funktioniert, oder?

In den USA ist das eine andere Sache. Shadows Fall haben über 100.000 Platten allein in den USA verkauft, wirklich erstaunlich. Ich kann nicht viel zu Damageplan sagen, ich habe nur ein paar Songs gehört. Ich denke, wir haben die Tour gewählt, weil wir glauben, die gleichen Fans zu haben. Die Fanbase könnte die gleiche sein und es kann ein gutes Tourpackage werden.

Habt Ihr die neuen Songs bereits live gespielt? Und wie sieht es generell mit den bisherigen Reaktionen auf das Album aus?

Wir haben "99" schon einige Male gespielt, einige Leute konnten sogar schon mitsingen [lacht]. Jede einzelne Reaktion war positiv bislang. Aber vielleicht lügen die ja [lacht], ich weiß es nicht …

Kannst Du mir etwas über das Artwork des neuen Albums berichten?

Wir wollten wiederholt ein sehr einfaches und Design-artiges Cover. Ich denke, man muss das Booklet sehen, um das Ganze zu verstehen. Da musst Du leider auf das richtige Album warten [mir lag nur die Promo-CD vor]. Ein Freund von uns aus Dänemark hat es entworfen, obwohl wir ursprünglich denselben Typen dafür haben wollten, der auch das letzte Cover gestaltet hat. Er hatte zu der Zeit aber einige persönliche Probleme und konnte nichts für uns tun. Wir hatten dann zwei Versionen und konnten uns für keine der beiden entscheiden - wir haben dann beide genommen, eine für das Digipack.

Was hat das Wortspiel im Titel aus "Revolver" und "to evolve" zu bedeuten?

Es hat nichts mit der Waffe zu tun, sondern mit der Mechanik eines Revolvers und bezieht sich im Grunde genommen darauf, dass Peter wieder zurück in der Band ist. Er war damals Mitglied und ist nun wieder mit dabei, also eine Art Zirkel. Zudem blicken wir in die Zukunft und entwickeln uns weiter.

Hattet Ihr eine Fülle an Songs, aus denen Ihr für "rEVOLVEr" die besten herauspicken konntet? - Denn kein Song hört sich an wie ein Füller …

Wir hatten so ungefähr zwanzig Songs, auf dem Digipack sind zwei mehr drauf, "Fire Alive" und "Smut King". Ein weiterer Track kommt in Japan als Bonus heraus, "Out Of Reach" [o.s.ä.] und dann haben wir noch einen, bei dem wir noch nicht wissen, was wir damit machen.

Vielleicht als Download auf Eure Homepage… ?

Ja, zum Beispiel, aber wir haben das noch nicht geklärt. Und dann gab es noch drei bis fünf Songs, die wir in den Müll geschmissen haben [lacht]. Aber ich habe noch die Riffs, die ich vielleicht als Basis für zukünftige Songs verwenden kann …

Ok, dann danke ich Dir vielmals für das Interview und lasse Dir die letzten Worte ...

Checkt uns live an, auf der Europatour im Februar/März nächsten Jahres! Danke Dir!