Geschrieben von Montag, 27 Mai 2019 19:03

Sabaton im Interview: "Geschichte hilft, andere Menschen zu verstehen"

Ob man SABATON nun hasst oder liebt – "The Great War“ ist eines der am sehnlichsten erwarteten Metalalben des Jahres 2019. Wir haben uns an einem sonnigen Nachmittag mit Pär Sundström, Bassist und Manager der Band, an die Berliner Spree gesetzt und über das neue Album, die Bedeutung von Geschichte und die Gefahren von Geschichtsvergessenheit gesprochen.

Hi Pär! Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung eures neuen Albums. Wie geht’s dir heute?

Gut, weil ich langsam echt anfange, mich zu entspannen. Wenn du ein Album aufnimmst, empfindest du so viele Emotionen und auch Hoffnung, dass du lange nicht weißt, ob das Album gut ist oder nicht. Der Blick von außen fehlt. Jetzt reise ich seit ungefähr zwei Wochen umher, rede mit verschiedenen Leuten und ich bekomme nur gutes Feedback.

Es wird noch einmal ein paar Monate nach dem Release brauchen, bevor wir das Album komplett analysieren können. Aber ich bin guter Dinge und denke, dass SABATON momentan eine sehr starke Position inne hat. Das Interesse am neuen Album und an SABATON ganz generell ist höher, als jemals zuvor. Und ich bin aufgeregt, weil sich so viele Türen für uns geöffnet haben und wir an so vielen großen Sachen zur Zeit arbeiten. Es ist eine sehr aufregende Zeit für uns.

Ihr habt gleich nach der Ankündigung des Albums "The Great War“ die Single "Bismarck“ veröffentlicht, welche weder auf dem Album enthalten ist, noch etwas mit dem Konzept zu tun hat. Wie kam das zustande?

Es ist so: Wir sind seit 20 Jahren SABATON und als wir darüber nachdachten, was wir den Fans geben könnten, war die Antwort relativ simpel. Ich meine, was wollen die Fans von SABATON? Sie wollen Musik, richtig? Und in den vergangenen Jahren haben wir so viele E-Mails erhalten. Wirklich, jeden Tag ist mein E-Mail-Postfach voll mit Ideen: Schreibt bitte einen Song über dies, schreibt bitte einen Song über das. Und das am meisten genannte Thema – mit Ausnahme von Star Wars – war das Schlachtschiff Bismarck.

Der nächste Schritt war dann, die Frage zu beantworten, was das größte Geschenk an die Fans wäre: Ein neuer Song mit dem Thema, das sie wollen. Wir haben schon seit mehreren Jahren eine Kooperation mit wargaming.net, die "World Of Tanks“ und "World Of Warships“ machen. Und als ich denen diese Idee erklärte, waren sie sofort begeistert und haben vorgeschlagen, dass man diese Idee um ein Musikvideo erweitern könnte. Das haben sie gemacht und es ist ein fantastisches Video geworden.

Wir wollten es dann sofort raushauen. Das hatte einen gewissen Schockfaktor, aber das ist ja nichts Schlechtes. Die Leute können sich trotzdem auf das neue Album zu konzentrieren – es ist einfach ein Song, wie ein Bonustrack, den du nicht kaufen musst.

Ihr habt den Song auch schon live gespielt, richtig?

Ja!

Wie hat das Publikum den Song aufgenommen?

Fantastisch, absolut fantastisch. Wir haben ihn schon zweimal gespielt und es ist auch aus meiner Sicht als Musiker ein wirklich toll zu spielender Song. Es ist gut, dass wir irgendwas Neues hatten, wir haben jetzt fast zweieinhalb Jahre dieselben Songs gespielt.

Dann lass uns in das neue Album eintauchen. "The Great War“ ist ein Konzeptalbum über den Ersten Weltkrieg – was fasziniert dich an diesem Ereignis so sehr? Warum ein Album über den ersten Weltkrieg?

Wir haben schon in der Vergangenheit Songs darüber geschrieben, einige sogar. Wir mochten diese Zeit, die Szenerie des Ersten Weltkriegs. Sie ist ein bisschen düster, fast schon zerstörerisch und böse. Es war an der Zeit, das endlich anzugehen, schließlich lag das 100-jährige Jubiläum des Waffenstillstands von Armistice de Rethondes vor uns. Und die letzten vier Jahre wurde viel über den Ersten Weltkrieg geredet.

Vor zehn Jahren hat das kaum jemand auch nur erwähnt, da hat sich alles um den Zweiten Weltkrieg gedreht, welcher auch das Setting für alle möglichen Bücher und Filme darstellte. Aber heute gibt es viel mehr dazu und in nächster Zeit kommen auch einige interessante Filme über den Ersten Weltkrieg auf den Markt. Es gibt in den nächsten 100 Jahren kein besseres Timing dafür.

Hat sich der Songwriting-Prozess im Vergleich zu "The Last Stand“ oder "Heroes“ verändert?

Wir haben vielleicht ein paar winzige Dinge verändert, aber ganz allgemein setzen wir mit SABATON den Weg fort, den wir schon eine lange Zeit beschreiten. Auch wenn jetzt mehr Bandmitglieder als Joakim am Songwriting-Prozess mitwirken. Es lief so: Letzten Sommer haben wir uns hingesetzt und ich habe mit Joakim darüber diskutiert, welches Thema wir für das kommende Album nehmen. Wir hatten viele verschiedene Ideen auf dem Tisch und der Erste Weltkrieg war eine davon. Es hat sich für uns natürlich angefühlt, dieses Thema jetzt zu wählen.

Als wir uns dafür entschieden hatten, begann die eigentliche Songwriting-Periode. Während wir die Songs geschrieben haben, haben wir auch Themen gesammelt und diese schließlich miteinander in Verbindung gebracht. Wir hatten die zehn Albumsongs und vielleicht 20 verschiedene Ideen für Texte. Leider konnten wir nicht alle Songs umsetzen. Da gab es ein paar, die es nicht auf das Album geschafft haben und so haben wir die für später gespeichert.

Während ich das Album angehört habe, habe ich mich gewundert, dass es keinen Song über den Weihnachtsfrieden von 1914 gab.

Dieser Weihnachtsfrieden war einer der Songs ... Wir hatten vier Hauptthemen, von denen wir dachten, dass sie auf jeden Fall auf das Album müssen. Das war der Rote Baron, Verdun, der Weihnachtsfrieden und "The Attack Of The Dead Man“. Aber wir haben keine Musik gefunden, die zum Weihnachtsfrieden gepasst hätte. Dementsprechend mussten wir das beiseite legen. Die anderen drei Themen haben wir realisieren können.

Ihr habt ja vor kurzem Verdun besucht und das ganze Ausmaß dieser Katastrophe mit eigenen Augen gesehen. Wie war das für dich?

Natürlich hat es einen Einfluss auf dich. Ich glaube, wer das nicht sagt, ist ziemlich gefühllos. Es ist interessant. Wir waren in der Vergangenheit schon an vielen ähnlichen Orten, an Grab- und Schlachtfeldern. Und es ist immer anders, tatsächlich dort zu sein, als darüber zu lesen oder Bilder davon zu sehen. Dort zu sein war … eine gute Erfahrung. Es gibt dir einen tieferen Eindruck.

Joakim und ich haben den Großteil der Songs geschrieben und wir kommen dabei ganz automatisch in die richtige Stimmung. Der Besuch von Verdun war jetzt eine tolle Möglichkeit für die anderen in der Band, ebenfalls mehr zu fühlen. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Und ganz persönlich denke ich, dass es ein guter Weg war, das Album anzukündigen.

Es ist unschwer zu erkennen, dass ihr ein besonderes Verhältnis zum Thema Geschichte habt. Wie wichtig ist „Geschichte“ jedoch für die Menschheit im Allgemeinen?

Es gibt Menschen, die ein glückliches Leben leben, ohne über die Vergangenheit nachzudenken. Und dann gibt es vielleicht keinen Bedarf dafür. Aber es ist ein interessantes Themengebiet. Viele Leute haben eine Leidenschaft dafür, manche haben es als Beruf und es hat auch … Ich meine, um zu verstehen, warum die Welt aussieht wie sie es tut, musst du in der Zeit zurückgehen.

Darüber hinaus denke ich, dass Geschichte dir die Möglichkeit gibt, andere Kulturen und andere Menschen zu verstehen. Und dankenswerterweise haben wir viele andere Menschen getroffen und Geschichte aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erleben können.

Ich fühle mich sehr wohl in der Welt heutzutage, auch wenn ich Angst vor ihr habe. (lacht) Ich fühle mich wohl, weil ich verstehe. Eine der Lektionen, die ich über die Jahre gelernt habe, ist, dass jede Person recht hat, auch wenn ich denke, dass sie falsch liegt. Weil sie ihre Entscheidungen, ihre Gedanken, ihre Standpunkte im Leben aus ihrer eigenen Realität heraus begründet.

Und das ist eine Sache, die viele Menschen in unserer polarisierten Welt – speziell im Jahre 2019 – machen. Sie sagen, dass dies richtig und das falsch ist. Aber was ist richtig und was ist falsch? Das ist nicht an mir, das zu entscheiden. Wenn ich einen Ratschlag an Menschen geben könnte, wäre es, dass niemand das exklusive Recht auf die Wahrheit hat. Wir müssen lernen, die andere Seite zu respektieren und den Hintergrund, die Geschichte und warum jemand anderes seine Entscheidungen auf eine bestimmte Art und Weise getroffen hat, anzuerkennen.

Es wäre auf jeden Fall ein Weg, Konflikte zu vermeiden. Wäre es auch ein Weg, in der Zukunft Kriege zu vermeiden? Ich bezweifle es, weil ich glaube, dass Krieg mehr ist, als der Konflikt zwischen zwei Ideologien. Krieg wird von soviel mehr angetrieben als von zwei Menschen, die einander missverstehen. Die Kriege, die im Jahr 2019 starten – und es gibt unglücklicherweise Kriege, die 2019 starten –, starten meiner Meinung nach nicht aufgrund eines solchen Missverständnisses. Sie beginnen aus den Absichten der Akteure heraus.

Im Deutschen haben wir das schöne Wort "Geschichtsvergessenheit“ und es passt meiner Meinung nach ganz gut in eine Zeit, in welcher die letzten Zeitzeugen des Holocausts sterben. Ist es gefährlich, dass vergangene Kriegsgräuel in Vergessenheit geraten?

Sicher ist es das. Es wird wahrscheinlich einen Tag geben, an dem Menschen Fakten in Frage stellen. Eben weil niemand mehr am Leben ist, der davon erzählen kann. Und das kann gefährlich sein, klar. Was wir tun können mit unseren Songs ist, Geschichte zu erzählen. Unsere Songs basieren auf Geschichte, aber wir können nicht alles, was passiert ist, in einem vierminütigen Song erklären. Wir kratzen nur an der Oberfläche. Aber was wir nicht tun können, ist die Fakten ignorieren.

Wir können auswählen, welche Fakten wir erzählen, weil nicht alles in die Lieder passt. Aber wir können die Fakten nicht verändern. Wenn das passiert, dann wird es gefährlich.

Als wir das erste Album "Primo Victoria“ geschrieben haben, war das Internet längst nicht so weit wie heute. Und so viele dieser Geschichten waren nicht auf Englisch erhältlich und damit auch nicht zugänglich für uns. Heute haben sich viel mehr Wege eröffnet. Mehr Geschichten werden zum Leben erweckt oder gelangen an die Öffentlichkeit. Das ist gut, weil es dir die Möglichkeit gibt, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Was ich immer an SABATON bewundert habe, ist, dass ihr es geschafft habt, in anderen Leuten ein echtes Interesse für Geschichte zu wecken.

Ich glaube auch, dass wir das jetzt mit unserem Youtube-Kanal "SABATON History Channel" auf eine neue Ebene gebracht haben. In den Songs können wir nur wenige Worte über die Themen verlieren. Den Rest mussten die Hörer bis jetzt für sich selbst herausfinden. Aber dank dem History Channel können wir jetzt wirklich den Hintergrund unserer Songs erklären.

SABATON steht hin und wieder in der Kritik dafür, eingängige Partymelodien mit Texten über Kriegsgräuel zu kombinieren und diese dadurch ein Stück weit zu glorifizieren. Deine Antwort darauf?

Ich weiß, was du meinst und ich bekomme das auch mit. Wir haben keine Angst vor Leuten, die uns das vorwerfen. Sie hassen uns, weil sie uns nicht mögen, nicht aufgrund dessen, über was wir singen. Die suchen nur nach etwas, woran sie sich aufhängen können. Wäre es nicht das, wäre es etwas anderes. Und wir haben viel Munition, falls jemand damit auf uns zukommt, weil hinter uns die Leute stehen, denen unsere Musik wichtig ist. Da sind die Nachfahren der Leute, über die wir singen, wir haben Überlebende und Veteranen, wir haben die Museen, wir haben die Geschichtslehrer, die alle befürworten, was wir tun.

Es kommt nicht darauf an, wie du es machst. Wir machen genau das gleiche wie ein Museum oder wie ein Film. Da gibt es keinen Unterschied. Es sind einfach nur unterschiedliche Herangehensweisen. Und um über Geschichte zu lernen ... (seufzt) ... Es geht nicht nur um Geschichte, sondern um alles in deinem Leben. Wenn die Sache, die du lernen willst, nicht zugänglich für dich ist, dann ist es nicht attraktiv.

So können Leute, die kein Buch lesen wollen, ein Lied hören. Wer nicht in ein Museum gehen will, kann sich einen Film anschauen. Das sind verschiedene Mittel, um den gleichen Zweck zu erreichen. Wir machen genau das gleiche wie ein Museum. Und dann gibt es Leute, die behaupten, dass SABATON zum Krieg ermutigen würde. Wie ermutigen wir denn bitte zu zukünftigen Kriegen, wenn wir über einen Krieg schreiben, der vor langer Zeit geschehen ist? Das wäre das gleiche, wie wenn man dem Schulsystem vorwerfen würde, Krieg zu bewerben, weil darüber unterrichtet wird.

Es wäre dasselbe! Wenn du ein Denkmal für den Holocaust baust, promotest du dann einen weiteren Holocaust oder hältst du die Erinnerung daran am Leben, um es in Zukunft zu vermeiden? Und wenn jemand sagt, dass das Werbung oder Inspiration für andere Leute ist, dann ... na ja, viel Glück damit. Das will ich nicht diskutieren, das ist eine unendliche Geschichte. Damit will ich meine Zeit nicht verschwenden.

Kommen wir zum Ende: Was können Fans von eurer kommenden Tour erwarten?

Es ist lange her, dass wir unser Tour-Setup so erneuert haben. Wir haben uns viel Mühe mit dem Bühnenbild und der Anpassung an das neue Albumkonzept gegeben. Und ich denke, dass es toll aussieht, was wir mit der Bühne angestellt haben. Darüber hinaus fühle ich mich sehr wohl mit dem neuen Album, sodass wir viele der aktuellen Songs spielen werden. Damit setzen wir unseren Weg fort: In den letzten Jahren haben wir auf jeder Tour immer viele neue Songs gespielt.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass unsere Fans auch die Musik mögen, die wir heute schreiben und wir nicht nur Songs vom ersten Album oder so spielen müssen. Wir werden uns also sehr auf das neue Album konzentrieren, auch wenn es Stimmen gibt, die sagen, dass wir angesichts des 20-jährigen Bandjubiläums nur alte Songs spielen sollen. Das ist nicht unser Ding, wir wollen den Blick so lange wie möglich auf die Zukunft richten. Und ich glaube, die Zukunft für SABATON sieht sehr rosig aus.

Danke dir für das Interview, gibt es irgendwas, das du noch loswerden willst?

Ich glaube, ich habe das meiste gesagt. Ich rede viel. So viel, dass meine Stimme eigentlich schon völlig zerstört ist. Und heute habe ich den ganzen Tag schon Tee mit Honig getrunken, um irgendwie meine Stimme in Schuss zu halten. Es ist echt intensiv: Wir geben um die 400 Interviews auf dieser Tour.

Macht das überhaupt noch Spaß? Ich meine, da kommen doch ständig die gleichen Fragen. Wir haben gerade auch wieder über das Songwriting etc. geredet.

Tatsächlich ist das gar nicht so schlimm, weil wir mit so vielen verschiedenen Medien quatschen. Die Perspektiven sind unterschiedlich. Da gibt es die klassischen Metalmagazine mit ihren Standard-Fragen, aber wir reden auch viel mit Leuten von Lifestyle-Magazinen. Die haben eine komplett andere Herangehensweise. Manchmal rede ich auch mit Business-Magazinen über meine Tätigkeit als Manager der Band. 

Ich würde also nicht sagen, dass die Interviews alle gleich sind. Wir reden jetzt viel über das Thema Geschichte wegen unseres History-Channels. Ich mag es, unterschiedliche Menschen zu treffen und interessante Diskussionen zu führen. Entspannte Interviews schätze ich sehr.