Geschrieben von Samstag, 18 Juni 2016 18:00

Sweden Rock Festival 2016 - Der Bericht mit Bildergalerie

Das SWEDEN ROCK FESTIVAL ist seit vielen Jahren fester Bestandteil unserer Festivalplanungnen. Und mit guten Traditionen soll man bekanntlich nicht brechen, weshalb wir uns auch in diesem Juni auf den Weg nach Sölvesborg machten, oder ja eigentlich nach Norje, um einem der unserer Meinung nach best organisierten und entspanntesten Festivals Europas beizuwohnen. Bisher wurden wir ja beim SWEDWEN ROCK FESTIVAL noch nie enttäuscht.
Kurz nach Start des Festivals wurde dann auch noch verkündet, dass die "Sold Out"-Schilder in die Kassenhäuschen gehängt worden waren. Und da auch in diesem Jahr im Billing von zart bis hart wieder alles vertreten war, die Wettervorhersage auch nicht ganz so schlecht aussah, der Elch schon im Wok garte und das Bier kalt stand, blieb bei unserer Ankunft nur eins festzustellen: Es ist angerichtet.

Mittwoch, 08.06.2016

Wie immer ist der Mittwoch der Warm-Up-Tag, die beiden großen Bühnen sind noch gesperrt und die Zuschauerzahl auf 20.000 begrenzt. Bei knappen 17°C, aber trotzdem blauen Himmel, haben die Schweden SAFFIRE die große Verantwortung übertragen bekommen, die Fans als erste Band des Billings anzuheizen. Und das gelingt den Hardrockern auch sehr gut – vor allem, weil sie mit Tobias Jansson einen hervorragenden Sänger in ihren Reihen haben, der nicht nur stimmlich überzeugt, sondern auch ständig auf der kleinen 4-Sound-Stage unterwegs ist und permanent den Kontakt zum Publikum sucht. Songtechnisch liegt der Schwerpunkt auf dem aktuellen Album „For The Greater Good“ (2015), und die Göteborger werden von den geschätzten 4.000 bis 5.000 Fans ordentlich abgefeiert. Guter Einstand, so darf es gerne weitergehen.

Auf der Sweden Stage darf man bei MIKE TRAMP ebenfalls einiges erwarten. Der sympathische Ami hat zwar mittlerweile auch diverse Soloalben am Start, trotzdem haut er auch immer gerne alte WHITE LION Klassiker raus. Und Mike enttäuscht nicht. Trotz der frühen Spielzeit ist er hochmotiviert, hat einen richtig fetten Sound und bringt mit „Little Fighter“, „Hungry“ und „Broken Heart“ die Songs, auf die offensichtlich nicht nur ich gewartet habe. Geschätzte 6.000 bis 7.000 Fans singen sich langsam aber sicher warm.

Das merkt man dann auch bei ECLIPSE, die bestimmt 7.000 Leute vor der kleinen 4-Sound-Stage mobilisieren können. Die Band um Sänger Erik Mårtensson brennt von der ersten Sekunde an ein musikalisches Feuerwerk ab und gönnt den Fans keine Sekunde Pause. Ständig treibt Erik die Fans an, rennt wie ein Dilldopp die Bühne auf und ab und besticht dabei noch mit einem bärenstarken Gesang. Für mich das erste kleine Highlight in diesem Jahr, weil einfach das Gesamtpaket stimmt. Trotzdem haben mich “The Storm” und “Breaking My Heart Again” besonders beeindruckt. (Setlist: I Don’t Want To Say I’m Sorry, Stand On Your Feet, Wake Me Up, The Storm, Battlegrounds, Breakdown, Blood Enemies, Ain’t Dead Yet, Blee & Scream, Runaways, Breaking My Heart Again)

KING WITCH auf der Rockklassiker Stage – in diesem Jahr auch wieder in einem mächtigen Zelt untergebracht –verpassen wir, weil wir auf dem Weg dorthin so viele Bekannte und Freunde treffen, die es erstmal zu begrüßen gilt, dass wir erst am Zelt ankommen, als die letzten Töne erklingen. Es muss aber gut gewesen sein, denn im Zelt sieht man nur zufriedene Gesichter.

Also zurück zur Sweden Stage, auf der als nächstes die Lokalmatadoren und Sweden-Rock-Festival-Hymnen-Verfasser BONAFIDE mal wieder am Start sind. Warum man die Band auch gerne als AC/DC Schweden bezeichnet, wird schon nach den ersten Songs klar: Sänger und Gitarrist Pontus Snibb klingt nicht nur etwas wie Bon Scott, auch der rotzige Sound geht in die Richtung der Australier. Logisch, dass die Band aus Südschweden hier besonders gefeiert und auch die Festival-Hymne „Fill Your Head With Rock“ logischerweise vielkehlig mitgegrölt wird.

SKITARG rocken danach die 4-Sound-Stage. Die Schweden sind eine im positiven Sinne völlig kranke Kapelle, die ihre Musik selber als "Clown Metal" bezeichnet, eine total abgedrehte Stage Show hat, aber in Schweden offensichtlich auch wegen ihrer Lyrics ein gutes Standing genießt. Auch wenn ich nicht viel verstanden habe, macht es Spaß, im Fotograben zu stehen und zigtausende Fans hinter sich die Songs mitgrölen zu hören. Ein Album würde ich mir von den Jungens aber dennoch nicht kaufen.

Die nächste Band hat in Schweden noch etwas gut zu machen. AMARANTHE hatten bei ihrem letzten Auftritt beim Sweden Rock richtig Pech mit dem Sound, der Bassist kam erst zum dritten Song auf die Bühne und Jake E. war stimmlich damals auch nicht gerade in Topform. Die Band entert pünktlich um 21:00h mit „Digital World“ die Sweden Stage – und siehe da, alle Bandmitglieder sind am Start. Ganz kurz versagt das Mikro von Sängerin Elize Ryd den Dienst, aber danach läuft es für die Schweden nur noch rund. Der Sound ist bombastisch, die Lightshow sehr atmosphärisch und ganz nebenbei sieht Elize Ryd mal wieder mehr als lecker aus.

Durch die drei Sänger ist auf der Bühne ständig Bewegung, die Show wirkt sehr routiniert und eingespielt und mich beeindruckt besonders Henrik Englund, der für die Screams und Growls zuständig ist. Meine Faves „Hunger“, „Leave Everything Behind“ und „1.000.000 Lightyears“ sind am Start, und nach „Call Out My Name“ ist für mich persönlich viel zu früh Schluss. Dass die Schweden bei ihrem Heimspiel extrem euphorisch abgefeiert werden, brauche ich glaube ich nicht extra zu erwähnen. (Setlist: Digital World, Trinity, Hunger, Invincible, 1.000.000 Lightyears, Razorblade, Massive Addictive, True, Afterlife, Electroheart (with Drum Solo), Leave Everything Behinde, Amaranthine, Call Out My Name)

Nach so vielen schwedischen Bands wird es langsam auch mal Zeit für unsere Landsleute. BLIND GUARDIAN sind der erste Headliner des diesjährigen Sweden Rock Festival. Mittlerweile ist es ziemlich schattig geworden, aber die Krefelder haben keine Probleme damit, die gute Stimmung, die AMARANTHE hinterlassen haben, aufzunehmen und noch ein bisschen weiter zu pushen. Als die Band zu „The Ninth Wave“ auf die Bühne kommt (stürmt wäre jetzt zuviel gesagt), wird sie mit einem wahren Jubelsturm begrüßt. Hansi Kürsch und Co. scheint das auch sehr zu freuen, zumindest grinsen die Jungens alle von einem Ohr zum anderen.

Auch bei BLIND GUARDIAN ist die Lightshow sehr atmosphärisch und untermalt die Songs wie “Nightfall” (yesss!), das fantastische “Lord Of The Rings” und die unvermeidlichen “Imaginations From The Other Side” und “Valhalla” perfekt. Wer “The Bard’s Song” schon mal live gesehen hat, ist heute allerdings eher enttäuscht von der Sing-Along-Leistung der Fans. Das habe ich definitiv schon besser gehört.

BLIND GUARDIAN haben mich allerdings total überzeugt und eindrucksvoll ihren Headliner Status unter Beweis gestellt. Nach „Mirror, Mirror“ ist daher erneut viel zu früh Schluß. Aber gerade nach dem ersten Tag gehen die Partys und die Wiedersehensfeiern rund ums Gelände ja weiter. (Setlist: The Ninth Wave, The Script For My Requiem, Nightfall, Fly, Tanelorn (Into The Void), Prophecies, The Last Candle, Lord Of The Rings, Bright Eyes, Time What Is Time, The Curse Of Feanor, Imaginations From The Other Side, Sacred Worlds, Twilight Of The Gods, Valhalla, Into The Storm, The Bard’s Song, Mirror Mirror)

Blind Guardian Text



Donnerstag, 09.06.2016

Der Donnerstag startet mit blauem Himmel und LORDI auf der Lemmy Stage, die eigentlich Rock Stage heißt, aber im Gedenken an den verstorbenen MOTÖRHEAD Chef für dieses Jahr umbenannt wurde. Mr. Lordi bemerkt, dass dies der früheste Auftritt in der Bandgeschichte sei. Ich finde es ja immer schade, wenn die Band im Hellen auftreten muss, weil dann die Kostüme nicht so ganz so wirken wie bei der entsprechenden Beleuchtung, aber was soll’s. Der Musik tut dies keinen Abbruch, und auch wenn das nicht alle so sehen, spielen LORDI für mich einen ganz geilen Rock.

Nach dem obligatorischen „God Of Thunder“-Intro fahren LORDI ein Best-Of-Programm ohne Durchhänger auf, von gelegentlich kurzen Showeinlagen durchzogen. Gitarrist Amen ist wie immer der Aktivposten, hat aber im Vergleich zu Ox und Lordi das “sportlichste” Kostüm. Eigentlich hätte ich von der Band noch erwartet, dass sie auf irgendeine Weise Lemmy huldigt, da sie schließlich die erste Band sind, die auf dieser Bühne spielt – aber das bleibt leider aus. Trotzdem eine solide und gewohnt starke Show der Finnen. (Setlist: God Of Thunder (Intro) Estimated Time Of Arrival, Nailed By The Hammer Of Frankenstein, The Kids Who Wanna Play With The Dead, The Riff, Dynamite Tonite, Blood Red Sandman, My Heaven Is Your Hell, Sincerely With Love, It Sonws In Hell, Devil Is A loser, Hard Rock Hallelujah, Who’s Your Daddy?, Would You Love A Monsterman)

Die große Festivalstage und Hauptbühne des SRF wird danach von HALESTORM eingeweiht. Als erstes fällt mal der modische Fehlgriff von Chefin Lzzy Hale auf. Weia. Aber dafür kommt die Mucke mächtig genial rüber. Die Band hat einen fantastischen Sound erwischt und Lzzys Stimme ist zum Niederknien.
Bewegungstechnisch hätte die Band aus Pennsylvania die große Bühne etwas mehr nutzen können. Führt man sich die komplette Show vor Augen, kommen die Musiker über den Bewegungsradius eines Bierdeckels nicht hinaus, was aber solchen Hammersongs wie „Love Bites (So I Do)“, I Am The Fire“, „I Like It Heavy“ oder „Freak Like Me“ keinen Abbruch tut. Zu erwähnen wäre noch das feine Drumsolo von Lzzys Bruder Arejay, mit dem er die Menge vor der Bühne gut in Wallung bringt.

Danach rüber zur Lemmy Stage, auf der SIXX:A.M. mit ihrer Show loslegen. Mit dem ganz fetten Album „Prayers For The Damned“ im Rücken und den vielen Highlights im Backkatalog kann hier eigentlich nichts schief gehen. Tut es auch nicht. Nikki Sixx ist der Chef im Ring, lässt das aber so gut wie nicht heraushängen und überlässt Sänger James Michael und Gitarrist AJ Ashba das Rampenlicht, die das auch perfekt nutzen. Besonders Sänger James Michael haut mich aus den Schuhen. Spätestens bei der Ballade „Skin“, bei der er mit seinem Keyboard direkt am Bühnenrand sitzt, jagt mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Wenn ich von Highlights spreche, dies ist mit Sicherheit eines der emotionalen Sorte.

Aber neben dieser Ballade haben die Jungens mit „When We Were Gods“, “Prayers For The Damned” und dem von den Fans geforderten und zum Schluß gespielten „Life Is Beautiful“ ordentlich Arsch getreten. Ich hoffe nur, dass Nikki sich jetzt voll auf SIXX:A.M. konzentriert und es nicht irgendwann eine Reunion von MÖTLEY CRÜE geben wird. Denn die waren 2015 in Schweden ein Griff ins Klo. (Setlist: This Is Gonna Hurt, Rise, When We Where Gods, Everything Went To Hell, Live Forever, Skin, Dead Man’s Ballet, Prayers For The Damned, Goodbye My Friend, Lies Of The Beautiful People, Stars, Rise Of The Melancholy Empire, Life Is Beautiful)

Bei SHINEDOWN auf der Festival Stage wird es danach richtig voll. Die Amis spielen eine solide Show, ohne mich dabei persönlich richtig vom Hocker zu reißen. Ich kann noch nicht mal sagen warum, denn „Diamond Eyes“, „If You Only Knew“ und das LYNYRD SKYNYRD Cover zu „Simple Man“ kommen echt gut. Brent Smith, Barry Kerch, Zach Myers und Eric Bass gehen auch mit sehr viel Spaß zur Sache, nur der Funke will einfach nicht richtig überspringen. Ist vielleicht auch schwer nach SIXX:A.M., die mich kurz davor so sehr geflasht haben. Die 10.000 Fans vor der Bühne haben aber richtig Spaß, also alles im Grünen. (Setlist: Asking For It, Fly From The Inside, Diamond Eyes, If You Only Knew, Cyanide Sweet Tooth Suicide, Unity, Enemies, I’ll Follow You, Cut The Cord, 45, Devour, Second Chance, Simple Man (Lynyrd Skynyrd Cover), Sound Of Madness)

Auf die L.A. GUNS habe ich mich mich im Vorfeld sehr gefreut. Die ersten drei Alben der Band „L.A. Guns“, „Cocked And Loaded“ und besonders „Hollywood Vampieres“ laufen auch heute noch in schöner Regelmäßigkeit auf meinem Player. Pünktlich um 17:30h entert die Band die Bühne, wobei von der alten Garde ja eigentlich nur noch Sänger Phil Lewis und Drummer Steve Riley dabei sind. Bei den ersten beiden Songs “No Mercy” und “Showdown” finde ich den Sound noch eher dürftig, das pegelt sich aber im weiteren Verlauf wieder ein. Vor der Bühne ist die Stimmung gut, aber nicht so euphorisch, wie ich es in diesem Jahr schon erlebt habe. Und irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass auf der Bühne keine Band steht, sondern jeder der Musiker sein eigenes kleines Ding durchzieht. Ohne Tracii Guns ist es eben nicht dasselbe...

Mit “One More Reason” und “The Ballad Of Jane” sind meine absoluten Lieblingstracks der Band dabei, und mit der Cover-Version zu “Purple Rain” wird auch noch an PRINCE gedacht. Mein leicht enttäuschtes Fazit: War ganz nett.(Setlist: No Mercy, Showdown, Sex Action, Never Enough, I Wanna Be Your Man, Over The Edge, Wheels Of Fire, Hellraisers Ball (with Drum Solo), Gypsy Soul, Purple Rain (Prince Cover), One More Reason, Electric Gypsy, The Ballad Of Jane, Rip And Tear)

Die Running Order meint es aber gut mit mir, denn es geht sofort auf der Festival Stage mit SLAYER weiter. Und die Band hat mich bisher so gut wie nie enttäuscht. Natürlich bin ich auch gespannt, wie die Band mit Gitarrist Gary Holt klingt. Zum Intro von „Delusions Of Saviour“ kommen die Kalifornier auf die mit einem fetten Backdrop ausgestatte Bühne. Der Titelsong vom aktuellen Album „Repentless“ macht den Anfang und SLAYER klingen so, wie sie klingen müssen: mächtig. Tom Araya hat offensichtlich sehr viel Spaß, denn er grinst fast pausenlos. Gary Holt macht dagegen ein Gesicht, als würde er jeden in seiner Nähe am liebsten fressen. Und Kerry King ... naja, Kerry King ist eben Kerry King. Er bangt pausenlos und an einem Stück, als hätte Gummibänder im Nacken.

Die Songzusammenstellung könnte besser nicht sein, wobei bei mir die älteren Stücke immer noch besser durch die Rübe blasen, als die neuen. Naja, „War Ensemble“, „Dead Skin Mask“, „South Of Heaven“ – gefühlte 1.000 Mal gehört, verlieren diese Songs nie an Intensität und Faszination. Tom Araya streut immer wieder kurze Ansagen ein, die mal lustig und mal nachdenklich stimmen. Der Mann hat eben zu vielen aktuellen Themen etwas zu sagen. Geschätzte 10.000 Leute vor der Bühne gehen richtig steil und treiben die Band immer wieder an. Geiler Gig, der mit „Angel Of Death“ einen würdigen Abschluss findet. (Setlist: Delusions Of Saviour, Repentless, Disciple, Die By The Sword, Black Magic, War Ensemble, When The Stillness Comes, You Against You, Postmortem, Hate Worldwide, Mandatory Suicide, Fight Till Death, Pride In Prejudice, Take Control, Season In The Abyss, Dead Skin Mask, Raining Blood, South Of Heaven, Angel Of Death)

Kann das Leben nicht schön sein? Man dreht sich nach einem SLAYER Gig um, geht 300 Meter und steht vor der Bühne, auf der gleich MEGADETH auftreten. Da freut sich doch mein altes Metallerherz. Und wenn man sich beim Sweden Rock auf eines verlassen kann, ist es die Einhaltung des Zeitplans. Daher kommen Dave Mustaine, Dave Ellefson, Drummer Dirk Verbeuren (er ersetzt auf der Tour Chris Adler, der für seine Stammband LAMB OF GOD trommeln muss) und Gitarrist Kiko Loureiro pünktlich um 20:30h auf die sehr genial gestaltete Lemmy Stage. Und kann man eine MEGADETH Show besser starten, als mit „Hangar 18“? In den ersten Reihen fliegen die Haare und die Hände gehen bis weit in die hinteren nach oben.

Das freut wohl auch den gerne mal introvertierten Dave Mustaine, der während der ersten beiden Songs schon mehr auf der Bühne unterwegs ist, als auf dem gesamten letzten MEGADETH Konzert, das ich gesehen habe. Und auch wenn in der Band neben Mustaine schon viele geniale Klampfer gezockt haben, Kiko Loureiro ist für mich die absolute Überraschung. Dass der Mann was drauf hat, weiß ich ja. Aber dass er so perfekt zu MEGADETH passt, hätte ich nie gedacht. Die älteren Songs knallen natürlich ohne Ende, aber die neueren Tracks passen sich nahtlos an, was die Show zu einem wirklichen Genuss macht. Trotzdem meine Highlights: „Sweating Bullets”, “A Tout Le Monde” und das von “Megadeth, Megadeth!”-Sprechchören durchzogene “Symphony Of Destruction”. Irgendwelche Bemerkungen zu Lemmy? Leider auch diesmal Fehlanzeige. (Setlist: Hangar 18, Wake Up Dead, In My Darkest Hour, The Threat Is Real, She-Wolf, Post American World, Sweating Bullets, Poisonous Shadows, Trust, A Tout Le Monde, Fatal Illusion, Dystopia, Symphony Of Destruction, Peace Sells, Holy Wars... The Punishment Due)

Leider macht danach das übertriebene Megastar-Gehabe des QUEEN Managements den Abend etwas zunichte: Man braucht eine extra Genehmigung des Bandmanagements, um den Fotograben (trotz Weste) betreten zu dürfen. Ok, das haben andere Bands wie AEROSMITH oder MÖTLEY CRÜE in der Vergangenheit auch schon praktiziert und jeder kann entscheiden, ob er den Vertrag unterzeichnen will oder nicht. Dass aber dann Leute durch die Reihen gehen und einen auffordern, seine Fotoweste auch außerhalb des Fotograbens auszuziehen, ist neu. Die Begründung: Das QUEEN Management möchte auch im Publikum keine Fotografen sehen. Ok, ziehe ich die Weste eben aus. Doch dann kommt der Nachschlag: Ich und etliche andere Fans und Journalisten werden aufgefordert, die Kameras komplett wegzupacken und es wird einem (zum Teil unter Androhung von rechtlichen Schritten) untersagt, zu fotografieren.

Seitens des SWEDEN ROCK FESTIVALS wird auf der Homepage extra darauf hingewiesen, dass jeder Fan von außerhalb des Fotograbens auch mit professionellem Equipment Foto- und Filmaufnahmen machen darf. Für eine Band, die nur noch zu 50 Prozent aus Originalmitgliedern besteht und seit Jahrzehnten kein neues Album am Start hat, finde ich das Verbot einfach nur lächerlich. Dagegen wirkt das Diva-Gehabe von Axl Rose fast wie das eines kleinen Schuljungen.

Ich hätte die Show eigentlich gerne gesehen, habe aber genau wie eine handvoll anderer Fotografen keine Probleme gehabt, mir die Band daraufhin komplett zu kneifen. Wir haben den Abend dann mit einer Gruppe befreundeter finnischer Fotgrafen an deren Caravan ausklingen lassen und Koskenkorva getrunken. Auch schön.

Megadeth Text


Freitag, 10.06.2016

Habe ich gerade geschrieben, dass Koskenkorva trinken schön ist? Leute, macht das nicht. Das tut am nächsten Tag echt weh. Zum Glück gibt es dagegen ja Mittel. Trotzdem war es schon hart, bereits um 12:00h wieder auf dem Gelände zu stehen – aber EPICA und 220 VOLT wollte ich mir in Teilen nicht entgehen lassen.

In Teilen deshalb, weil die Bands unglücklicherweise zeitgleich spielen. Daher zuerst zur Lemmy Stage zu EPICA. Die Band um Sängerin Simone Simmons macht einen, trotz der frühen Uhrzeit, fitten Eindruck und steigt, glaube ich, mit „Originem“ und „Second Stone“ in die Show ein. Ich bin mit dem Songmaterial der Band nicht so hunderprozentig vertraut. Der Sound ist gut, die Fläche vor der Bühne könnte voller sein, aber es ist ja jetzt bereits der dritte Festivaltag, da muss man schon Verständnis haben, wenn der ein oder andere Fan noch in der Penntüte liegt. Die, die da sind, haben aber Spaß und feiern die Holländer standesgemäß.

Da ich aber auch noch bei 220 VOLT vorbeischauen möchte, renne ich mal schnell zur Sweden Stage rüber. Hier ist es doch um einiges voller, was schon verwunderlich ist, wenn man mal das aktuelle Standing beider Bands vergleicht. Aber die Schweden, die bereits 1979 ihr erstes Lebenszeichen von sich gaben, scheinen trotz der fast zwölfjährigen Pause von 1990 bis 2002 nicht an Popularität verloren zu haben. Und auch die Tatsache, dass man sich mit SKINTRADE Vokalist Matti Alfonzetti quasi einen Sänger ausleihen musste, scheint niemanden zu stören.

Der macht im Übrigen einen saustarken Job und ansonsten sprechen die eingängigen Ohrwürmer der Band einfach für sich. Die ersten drei Songs habe ich ja verpasst, komme aber zu “Broken Promises” an der Sweden Stage an. Und die Band, der Sound und die Songs, die dann noch folgen, sind einfach zum Niederknien. Ich habe nicht eine Sekunde überlegt, eventuell zu EPICA zurück zu gehen. (Setlist: System Overload, Eye To Eye, High Heels, Broken Promises, It’s Nice To Be A King, Walking In Starlight, Power Games, Through The Wastelands, Love Is All You need, The Harder They Come, I’m On Fire, Firefall)

Auf dem Weg zu GLENN HUGHES auf der Festival Stage bleiben wir für ein paar Songs bei HAWKWIND hängen. Der Psychedelic Space Rock der Briten hat zwar Kultstatus, unter anderem auch weil Lemmy Kilmister von 1972 bis 1975 hier die Basssaiten zupfte, kann mich aber heute nicht begeistern. „Silver Machine“ und „Spirit Of The Age“, vom einzigen noch verbliebenen Gründungsmitglied und Sänger Dave Brock vorgetragen, sind mir heute einfach zu abstrakt, um mich umzuhauen.

Anders dagegen GLENN HUGHES. Gott, ist der Mann gut drauf. Drei Mann auf der riesigen Festival Stage, die sich noch dazu kaum bewegen, und trotzdem versprüht er eine Aura, die einfach einmalig ist. Auch die Setlist ist zum auf die Knie fallen: Glenn spielt sich durch den Großteil seiner Karriere bei DEEP PURPLE, TRAPEZE, HUGHES/THRALL und natürlich BLACK COUNTRY COMMUNION. Hierbei sei ihm verziehen, dass Songs von BLACK SABBATH, GARY MOORE und PHENOMENA außen vorbleiben. Auch seine Spielzeit ist schließlich begrenzt. Logischerweise bleiben Moshpits vor der Bühne aus, trotzdem feiern die gut 12.000 Fans jeden Songs mächtig ab. (Setlist: Strombringer (Deep Purple)Muscle And Blood (Hughes / Thrall), Orion, Touch My Life (Trapeze), Sail Away (Deep Purple), Meduza (Trapeze), Can’t Stop The Flood, One Last Soul (BCC), Mistreated (Deep Purple), Black Country (BCC), Soul Mover, Burn (Deep Purple)

Das nächste Déjà-vu findet auf der Lemmy Stage statt. LITA FORD. Die Frau ist super in Form, macht mir nur ein bisschen zu viel Werbung für ihr Buch „Living Like A Runaway“. Einmal hätte auch gereicht, aber es quasi nach jedem zweiten Song anzupreisen, ist dann doch etwas viel. Ansonsten macht Lita einfach nur Spaß, geht voll motiviert zur Sache und freut sich ganz offensichtlich über die gute Stimmung vor der Bühne. Und wenigstens sie schafft es, mal ein paar nette Worte über Lemmy loszuwerden, als sie den Song „Can’t Catch Me“ ankündigt, den sie mit ihm zusammen geschrieben hat. Danke Lita – du weißt, was sich gehört.
Bei dem Duett „Close My Eyes Forever“ übernimmt Gitarrist Patrick Kennison eindrucksvoll den Part von Ozzy Osbourne und der Song wird lautstark von den Fans mitgesungen. Auch hier wie schon so oft: Mit „Kiss Me Deadly“ ist viel zu früh Schluss. (Setlist: Gotta Let Go, Larger Than Life, The Bitch Is Back (Elton John Cover), Living Like A Runaway, Can’t Catch Me, Cherry Bomb (Runaway Cover), Black Leather, Close My Eyes Forever, Kiss Me Deadly)

Aber die kleine Zeitreise geht ja zum Glück weiter. Nach Glenn Hughes und Lita Ford haben wir uns jetzt für FOREIGNER vor der Festival Stage platziert. Für mich sind FOREIGNER schon immer die Könige des AOR gewesen, daher bin ich gespannt, was die Band heute so anbietet. Grundsätzlich müssten die Jungens mindestens zwei Stunden spielen, um annähernd alle Hits ins Programm zu bringen. Mit „Double Vision“ steigen Sänger Kelly Hansen, Gitarrist und einziges verbliebenes Gründungsmitglied Mick Jones und der Rest der Band fulminant in ihre Show ein. Der Sound ist bombastisch und Kelly Hansen ein Frontmann der alten Schule. Ständig in Bewegung und immer den Kontakt zum Publikum suchend, bearbeitet er die komplette Bühne inklusive des Catwalks.

„Headgames“ und „Cold As Ice“, da bleibt kein Auge trocken. Die Band zeigt so unglaublich viel Spielfreude, dass sich manche jüngere Kapelle locker eine Scheibe davon abschneiden könnte. Und das nach mittlerweile 40 Jahren, einem Jubiläum, das auf der aktuellen Tour ausgiebig gefeiert wird. „Urgent“ und „I Want To Know What Love Is“ sind die Smash-Hits der Band und werden am heftigsten gefeiert. (Setlist: Double Vision, Head Games, Cold As Ice, Dirty White Boy, Feels Like The First Time, Urgent, Juke Box Hero, Long Long Way From Home, I Want To Know What Love Is, Hot Blooded)

Deutsche Bands sind dieses Jahr ja rar gesät, daher ist meine Vorfreude auf GAMMA RAY auch sehr groß. Aber nicht nur deshalb, denn die Band geht immer. Und ich bin schon etwas erstaunt, wieviele Fans sich vor der Sweden Stage eingefunden haben und schon lange vor Beginn Kai Hansens Namen skandieren. Die Hamburger scheinen eine große Fanbase in Schweden zu haben. Ein wahrer Jubelsturm jagt los, als GAMMA RAY mit „Heaven Can Wait“ die Bühne stürmen. Super Einstand, denn auch der Sound ist brilliant.

Auch während „Last Bevor The Storm“ und „Fight“ bleibt der Partyfaktor vor der Bühne extrem hoch. Nicht nur in der ersten Reihe kreisen die Matten und Kai Hansen hört nicht auf zu grinsen. An die Tatsache, dass er mittlerweile nicht mehr alle Vocals selber singt, sondern das Mikro an Frank Beck abgegeben hat, habe ich mich inzwischen gewöhnt – und Frank macht seine Sache auch ziemlich souverän. Nach „Fight“ kocht die Stimmung richtig über, als die Jungens „I Want Out“ anstimmen. So laut habe ich die Fans in diesem Jahr bisher noch nicht gehört. Es folgen „Induction“, „Dethrone Tyranny“ und „The Silence“, und die Stimmung will nicht nachlassen. Der Platz vor der Sweden Stage platzt aus allen Nähten und mit dem megastarken „Rebellion In Dreamland“ und „To The Metal“ geben die deutschen Nordlichter den Schweden den Rest. Ganz großes Kino, Männer.

Im Vorfeld habe ich eigentlich eher die Augenbrauen hochgezogen, als TWISTED SISTER als Headliner bestätigt wurden. Irgendwie habe ich die Band in den letzten Jahren schon zu oft gesehen. Aber da vor allem Dee Snider immer Vollgas gibt und die Band sich ja auf ihrer endgültig letzten Tour befindet, gibt es eigentlich keinen besseren Rahmen als das Sweden Rock, um sich von den Jungens zu verabschieden. Nach dem Intro “It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n Roll)" stürmen Dee Snider, John “JayJay” Fench, Eddi “Fingers” Ojeda und Mark “The Animal” Mendoza die Bühne. Hinter dem Drumkit sitzt niemand geringerer als Mike Portnoy, der den im März 2015 verstorbenen Drummer Anthony “A.J.” Pero ersetzt.

Dee Snider rennt wie ein Wahnsinniger zu „What You Don’t Know (Sure Can Hurt You)“ von rechts nach links und wieder zurück über die Bühne. Der Mann ist definitiv in Topform, was man eindrucksvoll sehen kann, als er nach dem Song seine Jacke auszieht und sein Sixpack vorführt. Auch stimmlich habe ich ihn noch nie besser gesehen. Dass die anderen Musiker eher stoisch auf der Bühne stehen und ihrem Frontman die Show überlassen, ist ja bei TWISTED SISTER nichts Neues. „The Kids Are Back“ und „Destroyer“ kommen genauso intensiv wie der Opener. Zwischendurch erzählt Dee Geschichten aus der TS Karriere. Die Bühne ist übrigens sehr sparsam gehalten, es ragt nur das riesengroße TS Symbol hinter dem Drumkid empor. Dafür ist das Licht aber sehr abwechslungsreich und sorgt für eine tolle Atmosphäre.

“The Price“ wird dann A.J. Pero gewidmet und die Fans warden aufgefordert, alle ihre Handys in die Luft zu halten. Der Anblick sorgt extrem für Gänsehaut, denn der Aufforderung kommen wirklich fast alle Menschen vor der Bühne nach. “We’re Not Gonna Take it” ist seit dem verregneten Bang Your Head in Balingen meine persönliche TWISTED SISTER Hymne, die auch hier vielkehlig mitgesungen wird. Es geht jetzt wirklich Schlag auf Schlag.

“Tear It Loose” wird genutzt, um alle Bandmitglieder mit kurzen Anekdoten vorzustellen, und auch die Crew wird gewürdigt. “S.M.F.” ist dann der Abschluss einer tollen Band, die mit Sicherheit immer einen Platz in der Szene haben wird. Mit einem fetten Feuerwerk werden TWISTED SISTER nach ihrer letzten Show in Schweden minutenlang gefeiert.
(Setlist: It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n Roll), What You Don’t Know (Sure Can Hurt You), The Kids Are Back, Burn In Hell, Detroyer, Like A Knife In The Back, You Can’t Stop Rockn Roll, The Fire Still Burns, I Am (I’m Me), I Wanna Rock, The Price, I Believe In Rock’n Roll, Under The Blade, We’re Not Gonna Take It, It’s Only Rock’n Roll (But I Like It Stones Cover), Come Out And Play, Tear It Loose, S.M.F.)

Eigentlich müsste man jetzt Zeit haben, diese Show sacken zu lassen, aber fünf Minuten nach TWISTED SISTER starten AVANTASIA auf der Lemmy Stage. Was heißt, im Laufschritt durch die Menschenmassen zu hetzen. Pünktlich zu den ersten Klängen von „Mystery Of A Blood Red Rose“ – der Song, mit dem AVANTASIA den ESC gewonnen hätten – stehen wir vor der wunderschön gestalteten Bühne, die mit mehreren Treppen und Emporen ausgestattet ist. Es ist mittlerweile richtig schattig geworden, und da es mehrfach am Tag kurz aber heftig geregnet hat, wird Tobias nicht müde, die Fans für ihr Durchhaltevermögen zu loben.

Nacheinander kommen Michael Kiske, ein stimmlich eher angeschlagener Bob Catley, die begnadeten Ronnie Atkins und Jorn Lande, sowie Eric Martin als Gastsänger zu den einzelnen Songs auf die Bühne. Bei “Farewell” bekommt auch Amanda Somerville ihren Solopart, den sie wie immer klasse absolviert, und bei dem sie (auch wie immer) sehr klasse aussieht. Nach “Let The Storm Descent Upon You” macht Tobias die traurige Mitteilung, dass aufgrund der leichten Verspätung durch das TS Feuerwerk ein Song leider gestrichen werden muss, womit nach einem grandiosen “Lost In Space” leider schon Ende ist. Ein langer Festivaltag findet seinen würdigen Abschluss. 
(Setlist: Mystery Of A Blood Red Rose, Envoke The Machine, Ghostlights, Avantasia, The Great Mystery, The Scarecrow, Promised Land, Dying For An Angel, Twisted Mind, Farewell, The Story Ain’t Over, Prelude, Reach Out For The Night, Let The Storm Descent Upon You, Lost In Space)

Twisted Sister Text



Samstag, 11.06.2016

Heute haben wir es nicht so früh aufs Gelände geschafft, weswegen unsere erste Band LEGION OF THE DAMNED um 15:30h auf der 4-Sound-Stage spielt. Die Jungens geben wie gewohnt Vollgas und auch der sehr böige Wind kann nicht verhindern, dass der Sound uns ordentlich die vielleicht noch vorhandene Müdigkeit aus dem Hirn haut. „Into The Eye Of The Storm“, „Demonfist“ und „Cult Of The Dead“ zeigen eine sehr spielfreudige und eingespielte Band. Sänger Maurice Swinkels, Bassist Harold Gielen und Klampfer Twan van Geel bangen quasi um die Wette. Die Show hätte definitiv mehr Zugang als die vielleicht 3.000 bis 4.000 Headbanger verdient. Mit „Scourging The Crowned King“ gibt’s dann auch noch eine Livepremiere. Thumbs up!

Jetzt heißt es zügig zur Festival Stage, denn da hat sich eines meiner absoluten Gitarrenidole angesagt: STEVE VAI. Wie auch schon bei Glenn Hughes stehen hier nur drei Musiker auf der Bühne, die keine große Show um sich herum brauchen sondern ausschließlich die Musik für sich sprechen lassen. „Bad Horsie“ und „Whispering A Prayer“ lassen ahnen, was der Mann zu Stande bringt, wenn man ihn mal von der Kette lässt. Nicht nur mir, sondern wahrscheinlich vielen anderen Hobbygitarristen dürfte die Kinnlade extremst nach unten gefallen sein. Sowas kann man also alles mit der Gitarre machen? “Liberty” und “Erotic Nightmares”, das hammerstarke “The Riddle” und das von mir erhoffte “For The Love Of God” sorgen für Jubelstürme vor der Bühne.

Die Massen fest im Griff hat dann auch Russell Allen von SYMPHONY X auf der Lemmy Stage. Sympathisch und energiegeladen wie immer geht der Ausnahmesänger zu Werke und kündigt fast jeden Song mit einer kleinen Geschichte an. Das macht auch Sinn, denn Herzstück der Show ist das aktuelle Konzeptalbum “Underworld”, das komplett durchgespielt wird. Und Russell Allen schafft es perfekt, den Fans die Geschichte des Albums nahezubringen. Neben ihm, der natürlich immer im Focus der Action steht, beindruckt mich Gitarrist Michael Romeo mit seinem wirklich großartigen Spiel. Und das will schon was heißen, denn nach Steve Vai kann eigentlich jeder Gitarrist nur schlecht aussehen. Hut ab. (Setlist: Intro:Overture, Nevermore, Underworld, Kiss Of Fire, Without you, Charon, To Hell And Back, In My Darkest Hour, Run With The Devil, Swan Song, The Death Of Balance / Lacrymosa, Out Of The Ashes, Sea Of Lies, Set The World On Fire (The Lie Of Lies), Legend)

Danach heißt es, “good bye” zu Udo Dirkschneider zu sagen. Nicht zu ihm persönlich, aber unter dem Namen DIRKSCHNEIDER verabschiedet sich der U.D.O. Chef von seiner musikalischen Vergangenheit mit ACCEPT. Auf dieser Tour hat er angekündigt, zum letzten Mal die alten Klassiker live zu performen. Ob ihm das schwerfällt, kann man nicht sagen, zumindest vermitteln er und seine U.D.O Jungens (inklusive Sohn Sven an den Drums) sehr viel Spaß dabei, Songs wie “Living For Tonite”, “Princess Of The Dawn”, “Fast As A Shark” oder natürlich “Balls To The Wall” zu performen. Und es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass diese unsterblichen Klassiker von den Fans, die sehr zahlreich vor der Hauptbühne feiern, lautstark mitgesungen werden.

Auch wenn ich diese Songs wirklich liebe, kann ich die Entscheidung nachvollziehen, sie nicht mehr zu spielen. Schliesslich haben U.D.O. mittlerweile genug eigene geile Titel am Start um in Schwierigkeiten zu kommen, eine Setlist zusammenzustreichen. Wer die Möglichkeit hat, die Band nochmal auf der Tour zu sehen, sollte sich DIRKSCHNEIDER nicht entgehen lassen. Ich zumindest bin glücklich, Udo nochmal mit dem ACCEPT Programm gesehen und gehört zu haben. (Setlist: Starlight, Living For Tonite, London Leatherboys, Midnight Mover, Breaker, Princess Of The Dawn, Restless And Wild, Son Of A Bitch, Up To The Limit, Midnight Highway, Screaming For A Love-Bite, Flash Rockin’ Man, Losers And Winners, ENCORE: Metal Heart, Fast As A Shark, Balls To The Wall, Burning OUTRO: My Way (Sinatra)

Dass ERIC SARDINAS AND BIG MOTOR im Zelt fast zeitgleich ein ganz fettes Bluesprogramm abziehen, kriegen wir quasi im Vorbeilaufen mit. Da DIRKSCHNEIDER die Massen vor die Festival Stage gelockt haben, ist das Rockklassiker Zelt leider nicht so voll, wie die Band es verdient hätte.

ANTHRAX machen dann, was sie am besten können: Mitten in die Fresse. Vor der Bühne tanzt der Papst im Kettenhemd und Sänger Joey Belladonna, meiner Meinung nach der einzig wahre ANTHRAX Frontman, peitscht die Menge mit „You Gotta Believin“ und dem Joe Jackson Cover „Got The Time“ nach vorne. Gitarrist Scott Ian, neben Belladonna der zweite Aktivposten auf der Bühne, dreht ebenfalls völlig am Rad. ANTHRAX habe ich ja auch schon oft gesehen, aber lange nicht mehr so energiegeladen und im positiven Sinne außer Rand und Band.

„Madhouse“ haut mich völlig aus den Socken und es bildet sich – für’s Sweden Rock eher untypisch – ein kleiner Moshpit vor der Bühne. Bei „Evil Twin“ und (yesss!) „Antisocial“ verhindern nur meine Ohren, dass ich nicht komplett im Kreis grinse. Hammershow, Jungens! (Setlist: You Gotta Believing, Got The Time (Joe Jackson Cover), Caught In A Mosh, Madhouse, Fight ‘Em Till You Can’t, Efilnukufesin ( N.F.L.), Evil Twin, Medusa, Breathing Lightning, Antisocial, Indians)

Vor dem Headliner SABATON renne ich nochmal zur 4-Sound-Stage, um zumindest die ersten beiden Songs von MY DYING BRIDE zu sehen. Das sind namentlich „Your River“ und „Feel Mysery“. Die Band um Sänger Aaron Stainthorpe hat natürlich extrem Pech, den Slot im Billing zu erwischen, der zeitgleich mit den Local Heroes SABATON liegt. Daher ist die Crowd vor der Bühne eher übersichtlich. Trotzdem gehen MY DYING BRIDE professionell sehr motiviert zur Sache. Auch wenn ich mich jetzt auf den Weg zur Festival Bühne machen muss, hier doch die Setlist: Your River, Feel Misery, And My Father Left Forever, The Cry Of Mankind, She Is The Dark, To Shiver In Empty Halls.

Die Festival Stage ist hergerichtet. Zwei fette Panzer flankieren die Bühne, auf dem rechten ist das Drumkit von Hannes van Dahl installiert. Mittig hinter der Stage befindet sich eine riesige Videowand. Der Jubel ist ohrenbetäubend, als das von SABATON Sänger Joakim Brodén gesungen Intro “In The Army Now” ertönt. Als Soldaten verkleidete Komparsen entfernen die Tarnnetze von den Tanks und als zu einem wahren Pyro-Flammeninferno Pär Sundström, Chris Rörland und Thobbe Englund auf die Bühne stürmen, gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Wir haben ja schon viele namhafte Headliner in Schweden gesehen, aber so enthusiastisch wurde hier noch keiner empfangen. Heimspiel für die Jungens aus Falun. Die Videowand wird immer wieder mit den farbenfrohen Albumcovern gespeist, und auch die Lightshow ist der Hammer. Man merkt der Band an, dass es für sie etwas ganz Besonderes zu sein scheint, das größte Festival ihres Heimatlandes zu headlinen. Dieser Stolz äußert sich auch darin, dass mit „The Lion From The North“, „Gott Mit Uns“, “The Caroleans Prayer” und “A Lifetime Of War” direkt vier Songs auf Schwedisch performed werden. Ich weiß zwar, um was es geht, verstehe aber natürlich kein Wort. Dennoch bin ich im Fotograben mehr als beeindruckt, wie laut die Fans SABATON feiern und wirklich jeden Song mitsingen. Die Band spielt sich wirklich in einen Rausch und dabei durch ein Best-Of Programm vom Feinsten. Eine Live-Premiere gibt es von “The Lost Battalion”, was sehr gut kommt. Die Songsnippets vom SCORPIONS Song „Winds Of Change“ vor „Hell And Back“ hätten sich die Jungens dann aber kneifen können.

Auch SABATON bekommen nach dem obligatorischen Rausschmeißer “Metal Crüe”, bei dem die komplette Bühnenumrandung in Flammen aufgeht, ein fettes Feuerwerk. Sahne-Show. (Setlist: In The Army Now (Bolland & Bolland Cover), The March To War, Ghost Division, Far From The Fame, Uprising, White Death, Resist And Bite, Dominium Mris Baltici, The Lion From The North, Gott Mit Uns, Carolus Rex, The Caroleans Prayer, A Lifetime Of War, Swedish Pagans, Cliffs Of Gallipuli, Soldiers Of 3 Armies, The Art Of War, Attero Dominatus, The Lost Battalion (Live Premiere), To Hell And Back, ENCORE: Night Witches, Primo Victoria, Metal Crüe)

Vor den letzten beiden Titeln mache ich mich jedoch schon langsam auf den Weg zur Lemmy Stage, um rechtzeitig zu MICHAEL SCHENKER FEST vor Ort zu sein – und muss erstaunt feststellen, dass die Fläche vor der Festival Stage mittlerweile höchstens noch zur Hälfte gefüllt ist. Offensichtlich haben viele Fans das Gelände vor Ende der SABATON Show verlassen, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. In Sachen Energie, Show, Licht, Sound und Songs war das mit Abstand der beste Headliner, den ich seit langem in Sölvesborg gesehen habe. Sehr seltsam.

Alleine die Ankündigung, dass Michael Schenker unter dem Namen MICHAEL SCHENKE FEST zusammen mit seinen alten Sängern Gary Barden, Graham Bonnet und Robin McAuley die diesjährigen Festivals unsicher macht, lässt einem als MSG Fan das Wasser im Mund zusammen laufen. Sympathiepunkte sammelt Michael dann direkt, als er seinen Opener „Into The Arena“ mit den Worten „This is for Lemmy“ ankündigt. Gut, der Mann. Der manchmal sehr introvertiert wirkende Michael Schenker ist trotz der späten Stunde bestens gelaunt und permanent am Lachen oder Grinsen. Über sein Gitarrenspiel braucht man eigentlich kein Wort zu verlieren, das ist wie immer gigantisch. Spannend ist die Frage, welcher der drei Sänger sich am besten schlägt.

Gary Barden macht seine Sache solide, singt sich souverän durch „Rock My Night Away“, „Victim Of Illusion“ und „On And On“. Graham Bonnet, der danach zu “Desert Song”, “Dancer” und “Assault Attack” auf der Bühne ist, scheint sich etwas zu quälen und kämpft sich eher durch die Titel. Er scheint auch fast froh zu sein, als er durch Robin McAuley abgelöst wird. Der macht dann einen wirklich fantastischen Job und performed die MCAULEY/SCHENKER Songs „Save Yourself“, „This Is My Heart“ und die UFO Klassiker „Shoot Shoot“, "Doctor Doctor“ und das atemberaubende „Rock Bottom“. Das zwischendurch eingestreute SCORPIONS Instrumental „Coast To Coast“ geht in dem Hitfeuerwerk fast unter.

Die letzte Band des Festivals wird noch frenetisch von ca. 4.000 bis 5.000 Unentwegten gefeiert, die trotz des vierten Tages, niedriger Temperaturen und der späten Uhrzeit durchgehalten haben. Und ich denke, keiner hat es bereut, den deutschen Ausnahmegitarrero mit seinem Festivalprojekt genossen zu haben.

Sabaton Text


Fazit:
Das SWEDEN ROCK FESTIVAL 2016 war wie immer der Hammer. Die Organisation war vorbildlich, ebenso das freundliche Auftreten aller Security-Mitarbeiter und Helfer, Pressebetreuer und Standbetreiber. Einzige kleine Kritikpunkte: Der Toilettenbereich neben der 4-Sound-Stage ist weggefallen. Der nächste war zwar nicht so weit weg, aber dafür dementsprechend stark frequentiert.

Und der zweite Punkt: Warum wurde Lemmy nur so „sparsam“ gewürdigt? Die Kritik geht noch nicht mal an die Veranstalter, sondern eher an die Bands. Wenn ich mich an das Sweden Rock nach dem Tod von Ronnie James Dio erinnere, wurde damals von fast jeder Band ein DIO Song perfomed und jeder, der ihn mal getroffen hat, hat eine Geschichte über ihn erzählt. Jorn Lande hat damals eine Gänsehaut-Laudatio auf der Festival Stage verlesen, bei der locker 30.000 Pommesgabeln gen Himmel gereckt wurden. Das hat mir zu Lemmy wirklich gefehlt, denn er hat die Szene ebenso über Jahrzehnte geprägt. Aber das ist auch eher meine ganz persönliche Meinung.

Ansonsten war es wie jedes Jahr ein Fest, in Norje Gast sein zu dürfen. Gastfreundschaft und Herzlichkeit pur (in dem Kontext: danke Daniel für die 48 Dosen Bier!). Til nästa år, Sverige!

(c) copyright all pictures by Dirk Götze for BurnYourEars Webzine

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