Geschrieben von Donnerstag, 17 August 2017 22:22

Wacken Open Air 2017 - Der Festivalbericht

Nich' lang schnacken – ab nach Wacken! Das dachte sich auch in diesem Jahr unsere wackere (haha!) Autorin und kehrte zurück auf den Acker. Denn wer nicht wackt, der nicht gewinnt ... doch Schluss jetzt mit lahmen Kalauern und ab ins Getümmel in Retrospektive, wie immer mit fetter Bildergalerie!

Mittwoch 02.07. – Rückkehr auf den Acker und kaputte Orgeln

Wie jedes Jahr kommt unsere kleine Reisegruppe am Mittwoch gegen Mittag auf dem Campground an. Allerorts ist die Vorfreude auf die kommenden Tage zu spüren. Zwischen Wohnmobilen mit besofaten Dachterrassen, brummenden Generatoren und beeindruckend großen Zeltburgen, errichten wir unser Lager. Das Training der letzten Jahre zahlt sich aus und unsere Zelte stehen binnen Minuten. Zufrieden mit uns selbst und der Welt als solcher, öffnen wir die ersten Getränke und erkunden die Nachbarschaft. Direkt neben uns campen die Metal-Battle-Teilnehmer MORNA aus der Slowakei, die heute noch ihren Auftritt auf der W.E.T. Stage bestreiten werden. Getreu dem Motto "Support your local Campingground" beschließen wir, die freundlichen Progressive-Death-Metaller bei ihrer Show anzufeuern.

Der erste Weg zum Gelände macht Hoffnung. Zwar sind einige Wege schon jetzt ziemlich zermatscht, aber das ist kein Vergleich zu den katastrophalen Bedingungen der letzten Jahre. Als wir die Zeltbühne erreichen, sind die Slowaken bereits mitten in ihrem Auftritt und kämpfen um den diesjährigen Gewinn des Battles – und damit um 5.000 € und jede Menge Sachpreise. Der Battle bietet jedes Jahr internationalen Newcomer-Bands die Chance, vor einem großen Publikum zu spielen und im besten Fall von einem Label entdeckt zu werden. 28 Länder treten dieses Jahr gegeneinander an. Unsere Nachbarn gehen am Ende, trotz guter Show und massivem Daumendrücken, leer aus. JET JAGUAR aus Mexiko holen sich den begehrten Pokal.

Nach dem Battle bleiben wir direkt bei den Bühnen im Zelt. Hier ist es trocken und der Boden ist fest. Fast schon ironisch, dass die ehemals immer schlammige W.E.T. Stage mittlerweile die einzige Bühne auf dem Gelände ist, die bei Schmuddelwetter Zuflucht bietet.

Als nächstes stehen UGLY KID JOE auf unserer Liste. Die Hard-Rocker mit Punk-Einflüssen stehen nach ihrer Trennung 1997 nun auch schon wieder seit 2010 gemeinsam auf der Bühne. Generell ist zu sagen, dass das diesjährige Wacken erstaunlich punkig daherkommt und einige bekannte Namen der Szene aufgefahren hat. Eine nette Abwechslung und Erweiterung für Stammbesucher, die sich vielleicht nicht zum x-ten Mal AMON AMARTH oder ACCEPT angucken möchten (sorry).

UGLY KID JOE machen richtig Laune und kommen mit einer guten musikalischen Mischung ums Eck. Die Songs „Devil’s Paradies“, „No One Survives“ und „I’m Alright“ vom neuen Album können durchaus überzeugen, aber wie so oft sind es die alten Klassiker, die jeder noch im Ohr hat und die lautstark mitgesungen werden. Neben „Neighbor“ ruft „Cats In The Cradle“ die meisten Erinnerungen wach. 1992 war das. Ach herrje!

Stilistisch völlig anders und viel dunkler kommen im Anschluss die Doom Metaller von CROWBAR daher. Die Brecheisen aus New Orleans zeichnen sich durch ihren schweren, langsamen Sound aus. Und dadurch, dass sie so wunderbar böse gucken können. Trotz der düsteren Härte schaffen es CROWBAR schon mit dem ersten Song „High Rate Extinction“ irgendwie, zugänglich zu sein und mit ihrem Sound eine ganz eigene, fesselnde Atmosphäre aufzubauen. Schwere Sludge-Riffs wechseln mit groovenden Passagen und werden von gekonnten Gesangsharmonien untermalt. „Walk With Knowledge Wisely“ und „Like Broken Glass“ bilden den Abschluss der Düsternis und machen Platz für den Orgel zerlegenden „Kultkünstler“ MAMBO KURT. Mit dem Umschwung muss man erst mal klarkommen.

Tatsächlich bin ich seit 10 Jahren auf dem Wacken und habe noch nie einen Auftritt von MAMBO KURT gesehen. Es mag an der Uhrzeit, am Alkohol oder gar an beidem liegen, aber was der Mann im kamelfarbenem Anzug da vorne macht, ist erstaunlich witzig. RAMMSTEINS „Engel“ auf einer alten Orgel mit Polka-Sound zu hören, ist auf jeden Fall mal etwas anderes.

Donnerstag 03.07. – Virtuelle Realitäten, Regen und Wiener Metalhände

Donnerstag startet erneut punkig, mit den UK SUBS. Leider aber auch sehr nass. Auf dem Weg zum Gelände werden wir von einem Starkregenschauer in Empfang genommen, der uns binnen Minuten bis auf die Haut durchnässt. Tropfend und bibbernd finden wir uns einige Minuten später vor der W.E.T Stage ein. Die Stimmung ist trotzdem gut, als Charlie Harper (ja wirklich) und seine Jungs die Bühne betreten. Ein Blick auf die Wiki-Seite der Band und die vielen Namen im Bereich „ehemalige Mitglieder“ lässt vermuten, dass Mr. Harper nicht der einfachste Zeitgenosse ist. Obwohl man auch sagen muss, dass bei so einer langen Bandgeschichte der ein oder andere Personalwechsel nicht ausbleibt. Die UK SUBS bestehen immerhin schon seit 1976.

Den Punk lebt der in die Jahre gekommene Fronter aber immer noch voll aus. Die eigentlich weißen Haare sind hellblau gefärbt und mit seinem Streifenpullover erinnert er ein bisschen an eine Mischung aus Freddy Krueger und der netten alten Nachbarin im Erdgeschoss. Die Spielfreude ist den Briten deutlich anzumerken und obwohl ihre Hochzeiten schon Jahrzehnte zurückliegen, finden sich erstaunlich viele junge Fans im Publikum, die textsicher alle Lieder mitgrölen.

Nach diesem gelungenen Startschuss retten wir uns vor dem nächsten Regenschauer ins Pressezelt. Hier wartet eine Virtual-Reality (VR)-Brille auf mich, mit der ich mir 30 Minuten lang die VR-Dokumentation „Welcome To Wacken 360°“ ansehen kann.

"Welcome To Wacken 360°" – Wacken in Virtual Reality

Der Film ist in mehrere Kapitel aufgeteilt, die es einem erlauben, verschiedene Personen und Situationen auf dem Festival mitzuerleben. Über ein einfaches Menü, welches durch die Blickrichtung und einen kleinen Button an der Brille gesteuert wird, kann man von Kapitel zu Kapitel springen. Tatsächlich vermittelt einem die Brille ein gutes Gefühl für Wacken. Das Festival wird aus ganz verschiedenen Blickwinkeln eingefangen. Sei es auf dem Campground, in der Menge im Infield stehend, im Cagefight bei den Wasteland Warriors, oder – als Highlight – gemeinsam mit ARCH ENEMY auf der großen Bühne.

Besonders lustig sind die Momente, in denen Menschen aus dem Film mit einem interagieren, bzw. in die Kamera grinsen. Automatisch lächelt man zurück und kommt sich beim Abnehmen der Brille ein bisschen doof vor, weil einem bewusst wird, dass man sich gerade auf einem Stuhl sitzend um sich selbst gedreht und nicht anwesende Menschen angegrinst hat. Das Ding funktioniert also.

Kein Wunder, denn der Film stammt aus dem Hause Banger Films, der kanadischen Filmschmiede von Sam Dunn, der sich unter anderem mit seinen bisherigen Dokumentationen „Metal – A Headbanger’s Journey“ und „Global Metal“ einen Namen gemacht hat. Auch ALISSA WHITE-GLUZ von ARCH ENEMY hat die VR-Experience getestet und ist begeistert: 

Während ich in der virtuellen Realität gerade noch in der Sonne stand, setzt auf dem echten Gelände wieder der Regen ein und zwingt uns nach kurzer Zeit, den Rückweg zum Zeltplatz anzutreten, um uns trockene Sachen anzuziehen. Als wir wieder zurückkehren, machen wir uns direkt auf den Weg zur Wasteland Stage. Dort spielen KAISER FRANZ JOSEF aus – wie könnte es anders sein – Österreich.

Die Jungs sind hierzulande eher noch ein Geheimtipp, aber tatsächlich haben sie schon einiges in ihrer Bandgeschichte erreicht. Bereits im Jahr ihrer Gründung waren sie Support-Act für AC/DC bei ihrem Konzert in Wels, und in ihrer Heimat konnten sie sich bereits über Auszeichnungen und hervorragende Chartplatzierungen freuen. Musikalisch gesehen erkennt man bei KAISER FRANZ JOSEF deutlich die Einflüsse von QUEENS OF THE STONE AGE und SOUNDGARDEN. Tatsächlich erinnert Sänger Sham auch optisch ein wenig an den verstorbenen CHRIS CORNELL. Der energetische Auftritt wird von immer wieder auflodernden Flammen untermalt.

Eigentlich schade, dass so wenige Bands auf der Wasteland spielen. Die Bühne, die nur aus Containern besteht, hat eine wunderbar rebellische Ausstrahlung und ist deutlich familiärer als die riesigen Bühnen im Infield, die so viel Publikum ziehen, dass man sich freuen kann, wenn man überhaupt etwas von den großen Shows sieht. Hier im Wasteland steht man zwischen ein paar hundert Menschen und ist ganz nah dran am Geschehen. Da entgeht einem auch nicht die zauberhafte Ansage „Hebst eure Metalhand!“, die ihr euch an dieser Stelle im feinsten Wiener Schmäh vorstellen müsst.

Wo wir gerade vom vollen Infield sprechen: Auch wir begeben uns nun zum ersten Mal in diesem Jahr zu den großen, neu getauften Bühnen. Denn aus „Black“, „True“ und „Party“ sind „Faster“, „Harder“ und „Louder“ geworden. Ziemlich smart. Ich hätte aufgrund des Festivalbesuchers, der sich über die nächtliche Ruhestörung bei der Polizei beschwert hat, noch den Verbesserungsvorschlag: „Faster“, „Harder“, „Zimmerlautstärke“.

VOLBEAT jedenfalls spielen heute auf der rechten Hauptbühne „Harder“ und es ist, wie zu erwarten war, wahnsinnig voll. Wir laufen Slalom um tiefe Matschpfützen und Menschenmassen, um einen halbwegs guten Blick zu erhaschen. Leider ist der Sound nicht optimal und Windböen sorgen für ordentliche Lautstärkeschwankungen – davon abgesehen sind Michael und seine Mannen aber wie immer auf den Punkt. Seine charakteristische Stimme und der Rockabilly-Einschlag sind die Markenzeichen von VOLBEAT. Natürlich gab es im Vorfeld gerade deshalb wieder viel Gezeter, weil die Dänen nicht "trve genug" für das Wacken Open Air seien. Am Ende stehen dann aber trotzdem wieder alle vor der Bühne und singen mit.

Neben ihren großen Hits wie „Soulweeper“ und „Hallelujah Goat“ stimmen VOLBEAT aber auch ruhigere Töne an und gedenken mit „Goodbye Forever“ den verstorbenen Chris Cornell (SOUNDGARDEN)  und Chester Bennington (LINKIN PARK). Es soll nicht der letzte Gruß für verstorbene Legenden an diesem Wochenende bleiben.

Mit dem Gastauftritt von Barney Greenway, Sänger der Grindcore-Größe NAPALM DEATH, bei „Evelyn“ sorgen VOLBEAT dafür, dass die Stimmung wieder steigt. Trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen Gesangsarten harmoniert das Duo Greenway / Poulsen ganz hervorragend miteinander und spätestens beim letzten Song „Still Counting“ sind alle wieder in bester Partylaune.
Wir lassen den Abend mit technischem Frickel-Deathmetal von NILE auf der Headbangers Stage ausklingen. Soll noch mal jemand sagen, dass das W:O:A nicht abwechslungsreich ist.

Freitag: Jede Menge Matsch und alte Helden

Auf den heutigen Tag freue ich mich besonders – mit LACUNA COIL, CLAWFINGER und MARILYN MANSON stehen gleich drei Interpreten auf der Running Order, die mich seit langer Zeit musikalisch begleiten. Dementsprechend bin ich bester Dinge und stehe schon mittags mit einem Grinsen im Gesicht und einem Bier in der Hand im Infield, um Christina Scabbia von LACUNA COIL singen zu hören.

Das aktuelle optische Konzept der Italiener verstehe ich nicht ganz. Alle sind in schmutzige, weiße Anzüge gehüllt, die eine Mischung aus Zwangsjacke und Knastkleidung darstellen. Warum? Wieso? Weshalb? Keine Ahnung. Doch meine Erwartungen werden voll erfüllt: Christina hat nichts von ihrer voluminösen Stimme verloren und schafft es bereits zu dieser frühen Stunde, das Publikum zu begeistern. Bei „Heaven's a Lie“ bekomme ich eine kleine Gänsehaut vor Begeisterung und spätestens beim DEPECHE MODE Cover „Enjoy The Silence“ wird lauthals mitgesungen.

Natürlich darf auch der obligatorische Kollektiv-Mittelfinger nicht fehlen. „Wir fürchten uns vor nichts. Wir trotzen allem“, so die Aussage von „Nothing Stands in Our Way“, bei dem das Publikum nur zu gerne der Aufforderung zum eindeutigen Handzeichen nachkommt. Schade, dass LACUNA COIL so selten in Deutschland zugegen sind. Auf jeden Fall eine Band, die ich mir gerne noch mal in einem Club anhören würde.

Auf der Louder-Stage geht es direkt weiter mit CLAWFINGER. Zugegeben, bis auf die beiden großen Hits „Nigger“ und „Do What I Say“ kenne ich nichts von den Rap Metallern, aber damit bin ich wahrscheinlich in bester Gesellschaft. Als Zak Tell auf die Bühne prescht, bin ich kurz überfordert von so vielen Farben – neben Schwarz und Matsch-Grau-Braun sieht man auf dem W:O:A ja nicht sonderlich viele davon. Da ist der Testbild-Anzug des Frontmanns schon eine Herausforderung für die Augen.

CLAWFINGER nutzen sie ihren Auftritt auf dem Wacken nach längerer Band-Pause dafür, ihre neue Single „Save Our Souls“ vorzustellen, die am gleichen Tag erscheint. Der Song ist eine offene Kritik an der Trump-Regierung. Schön, dass die Band wieder zurück ist – der Stil von CLAWFINGER ist heute selten geworden. Keine Soli, keine Schnörkel. Einfach nur kurze, eingängige Gitarrenriffs und Hooklines, die ins Ohr gehen.

Die Schweden begeistern auf ganzer Linie. Lediglich bei „Nigger“ habe ich einen kurzen Betroffenheitsmoment, da mir im gleichen Atemzug der Becher von einem schwarzen Bierverkäufer gefüllt wird. Klar, das Lied sagt genau das Gegenteil von dem aus, was das Wort bedeutet, bzw. hinterfragt, warum dieses Wort in manchen Kulturkreisen als normale, selbstverständliche Anrede benutzt wird. Trotzdem wirkt es irgendwie seltsam, wenn das überwiegend weiße Publikum lautstark den Text mitgrölt.

Ungefähr zur Hälfte des Sets meldet sich der große Feind des Festivals wieder – „I bims, der Regen!“ Wir trotzen dem Wetter noch eine Zeit lang, müssen dann aber doch vorzeitig den Rückweg antreten, als aus dem Niesel- ein Starkregen wird. Während wir über das Infield rennen, dröhnt aus dem Hintergrund noch „Do What I Say“. DOG EAT DOG treten dann zum Glück wieder im Zelt auf, welches Dank des Wetters mehr als gut besucht ist.

Feststellung Eins: Als weißer Mann jenseits der 30 solltest du keine Rastazöpfe tragen.
Feststellung Zwei: DOG EAT DOG machen immer noch das, wofür sie bekannt wurden: Richtig gute Partymusik. Neben den UK SUBS oder CLAWFINGER laden auch DOG EAT DOG zu einer Zeitreise in die 90er ein, und diese Einladung wird vom Publikum nur zu gerne angenommen. Bei „Who´s The King“ und „No Fronts“ verwandelt sich das Zelt in eine gigantische Hüpfburg und die Menge grölt aus vollen Kehlen (haha, doppeldeutig!) mit: „No fronts, no tricks, no soap box politics! No guns – just blunts – we kick this just for fun!“ Ein Hoch auf die 90er und auf „All Boro Kings“.

Als nächstes riskieren wir einen Blick bei TRIVIUM. Allerdings mehr im Vorbeigehen, da der Funke gerade nicht so recht überspringen mag. Egal, wie oft der Satz „Rain Or Shine“ ausgesprochen oder der klebrige Matsch abgekultet wird, mich nervt es nach drei Jahren nur noch. Die Stimmung ist einfach nicht so ausgelassen wie sonst. Wie denn auch? Springen funktioniert nicht, weil die Schuhe dann im Modder stecken bleiben. Ein Circle Pit ist fast undenkbar, aus genanntem Grund. Keine Möglichkeit, sich zwischendurch mal entspannt auf die Wiese zu setzen und eines der zahlreichen Konzerte von dort aus zu hören, und auch an Crowd-Surfen ist nicht zu denken. Niemand mag schlammige Gummistiefel an den Kopf bekommen.

Klar, die Veranstalter können nichts für verregnete Sommer, aber irgendwie muss man diesem Problem doch mal Herr werden. Die hochgepriesene Pipeline, die für Entlastung sorgen sollte, hat auf jeden Fall nicht geholfen.

TRIVIUM geben sich trotzdem alle Mühe, zu überzeugen. Sänger Matthew Heafy lobt das Festival in den höchsten Tönen und bezeichnet es als das "beste Festival der Welt". Eine Aussage, die spaltet. Genau wie die Band selbst. Denn spätestens seit ihrem 2015 erschienenen Album „Silence In The Snow“ und eigentlich schon zu Zeiten von „In Waves“ war klar, dass TRIVIUM sich von ihrem ursprünglichen Stil entfernt haben und eine neue Richtung einschlagen. Der Sound der Band zeichnet sich durch simple Songstrukturen, packende Gitarrenarbeit, tighten Schlagzeugsound und melodiösen Gesang aus. Auf Growls und Shouts wird größtenteils verzichtet. Aber TRIVIUM haben auch die Fans der ersten Stunde nicht vergessen. Ihren Auftritt beenden sie mit „Like Light To The Flies“.

In der Hoffnung auf eine Verbesserung der allgemeinen Stimmungslage und mit dem Wunsch nach wärmeren Klamotten geht es noch mal Richtung Zelt. Nur kurz die Augen zu machen – dann der Schock! Wir haben den Wecker nicht gehört und in 10 Minuten betritt MARILYN MANSON die Bühne. Wir nehmen die Beine in die Hand und machen uns schnellstmöglich auf den Weg zum Gelände. Als wir ankommen, wünschte ich mir fast, ich hätte den Auftritt verpasst. Wer ist denn dieser alte, aufgedunsene Mann, der lustlos über die Bühne schlurft? MANSON ist in einem desolaten Zustand. Er wirkt müde und abwesend. Seinem lalligen Gesang kann man nur folgen, weil man die Songs kennt. Und dass er mal einen Ton trifft, ist eher die Ausnahme als die Regel. Leider fehlen mir zu diesem Auftritt komplett die Worte. Absolutes Lowlight und auf ganzer Linie enttäuschend.

Samstag – Lebende und vergangene Legenden

Endspurt. Nach drei Tagen Festival sind der körperliche und geistige Verfall deutlich spürbar und meine Stimme nähert sich unaufhaltsam dem rauchigen Flüstern von Bonnie Tyler an. Eigentlich ganz sexy.

Wer auch eine sexy Stimme hat, ist EMIL BULLS Sänger Christoph „Christ“ von Freydorf. Willkommen bei „Schweineüberleitungen – die Show“. Auch die BULLS spielen, wie so viele meiner favorisierten Bands dieses Wochenende, auf der W.E.T Stage und sind trotz des frühen Slots bester Dinge. Kein Wunder, denn die Hütte ist rappelvoll und das Publikum hat Lust, zu springen und zu tanzen.

Direkt vom ersten Ton an ist die Stimmung bestens und wir moshen, was das Zeug hält. Wer die EMIL BULLS schon mal live gesehen hat, weiß, dass die Band eine Präzision und Spielfreude an den Tag legt, die ihresgleichen sucht. Harte, effektive Metalcore-Riffs und ausgiebiges Gebrüll, das ist das Rezept der EMIL BULLS – und es geht voll auf. Mein persönliches Set-Highlight ist definitiv „Rainbows And Butterflies“. So sanft der Song vom Titel her klingt, so knüppelhart geht er nach ganz vorne. Und wer kann schon einem Lied widerstehen, das folgenden Text enthält: „We don't give a shit about rainbows and butterflies. We fuck your elves and unicorns doggystyle ...“? Auch mit „Man Or Mouse“ und „Hearteater“ treten die EMIL BULLS so dermaßen Ärsche, dass es eine wahre Freude ist.

Nach diesem musikalischen Festschmaus steht Deutschrock mit KÄRBHOLZ auf dem Programm. Ich habe mich bisher nicht mit der Band befasst, aber heute hat sich Lenny von den oldschool Death-Metallern ENDSEEKER als Gastsänger angekündigt, und das will ich dann doch gerne sehen.

Die Fanbase der deutschen Rockformation aus Nordrhein-Westfalen ist erstaunlich groß und textsicher. Die Songs sind aber auch eingängig und laden zum Kopfnicken ein. So richtig warm werde ich mit dem Genre Deutschrock trotzdem nicht. Auch jetzt befinden sich im Publikum während des Auftritts vermehrt T-Shirt- und Kuttenmotive, die ich für zweifelhaft halte und das trotz der politisch linken Ausrichtung der Band. Dieser Umstand lenkt mich vom Geschehen auf der Bühne ab und ich höre tatsächlich erst so richtig zu, als Lenny bei "Evolution Umsonst" die Bühne betritt. Er und KÄRBHOLZ-Sänger Torben harmonieren hervorragend und während Torben den Mitsing-Refrain anstimmt, growlt Lenny seine Zeilen darüber. Eine gute Kombination, die man auch auf dem aktuellen Album „Überdosis Leben“ hören kann.

Wir verabschieden uns von den Zeltbühnen und machen uns ein letztes Mal auf zum Infield, wo die Werwölfe aus Armenien bereits ihre dunkle Messe begonnen haben. Attila Dorn und seine Wölfe liefern eine grundsolide Show ab, aber langsam wird es langweilig. POWERWOLF machen Laune – und wer Power Metal mag, wird sicherlich seinen Spaß an den Saarländern haben (die kommen nämlich gar nicht wirklich aus Armenien, aber psssst). Aber nach mehrmaligem Genuss der Show kommt man nicht umhin zu merken, dass nicht nur die Songs, sondern auch die Ansagen und Publikumsanimationen sehr redundant sind. Etwas Neues habe ich in diesem Jahr zumindest nicht finden können, daher blieb die Begeisterung aus.

Wer aber sehr wohl zu begeistern weiß, ist ALICE COOPER, der mit seinem Auftritt wieder ein absolutes Festivalhighlight abliefert. Wie bereits bei seinem ersten Wacken Stelldichein 2013, wird er auch in diesem Jahr von seiner fantastischen Band begleitet. Lediglich an der Gitarre gibt es einen Neuzugang: Nita Strauss ersetzt Orianthi und wirft dabei die Frage auf, ob Cooper tatsächlich irgendwo ein Frankenstein-Labor hat, in dem er sich wunderschöne und absolut brillante Gitarristinnen bastelt.

ALICE COOPER feuert einen Hit nach dem anderen ab. „No More Mr. Niceguy“, „Poison“ und „School’s Out“ dürfen natürlich nicht fehlen. Und auch die theaterartige Bühnenshow sorgt für Begeisterung. Bei „Feed My Frankenstein“ wird Cooper in einer Zwangsjacke auf eine Art Bahre geschnallt und kommt nach einer feurigen Explosion als riesiges Frankenstein-Monster zurück auf die Bühne. Es ist beeindruckend, wie viel Energie und Freude immer noch in dem 69jährigen stecken und welch gutes Gespür er für Entertainment hat. So sorgt ALICE COOPER zum Abschluss seines Gigs auch noch für kollektive Gänsehaut und das eine oder andere Tränchen im Publikum, als er, oder besser gesagt sein Bassist Chuck Garric, Lemmy zu Ehren den MOTÖRHEAD Hit „Ace Of Spades“ performed.

Doch damit nicht genug der Gänsehaut. Direkt im Anschluss betritt Festival-Organisator Thomas Jensen die Bühne und ruft das Publikum zu einem weiteren Tribut für Lemmy auf. Die Hymne für das kommende Wacken 2018 soll „Heroes“ von DAVID BOWIE werden – MOTÖRHEAD hatten den Song vor Lemmys Ableben bereits 2015 für ihr neues Album gecovert. Doppelt dramatisch, dass kurz nach Lemmy auch Bowie sein zu frühes Ende fand. Dementsprechend emotional ist der Moment, als das Video auf den Leinwänden startet und Zehntausende lauthals mitsingen.

Mit schönen Bildern im Herzen und jeder Menge Musik im Ohr verlassen wir das Gelände. Auch 2017 hat Wacken wieder einiges zu bieten gehabt. Wir haben bei Weitem nicht jede Band gesehen, die wir sehen wollten, und haben das Gelände noch nie so wenig erkundet wie in diesem Jahr. Das ist allerdings auch darin begründet, dass es für Stammbesucher nicht sonderlich interessant ist, jedes zweite Jahr ein ähnliches Line-up anzusehen. Nach fünf Mal SUBWAY TO SALLY ist die sechste Wiederholung eben nicht mehr so reizvoll.

Bleibt zu hoffen, dass es im nächsten Jahr ein paar wirklich große Überraschungen gibt. Bisher sind unter anderem bestätigt: ARCH ENEMY, DORO, KNORKATOR und SEPULTURA. 

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