Geschrieben von Dienstag, 15 Dezember 2009 23:41

Ass-Card Fest: Hot Water Music, Strike Anywhere, A Wilhelm Scream, Tribute To Nothing - Dortmund /FZW



27.11.09 Ass-Card Records 11th Anniversary Fest: Oh man, was für ein Lineup! Als hätten die netten Leute von ASS-Card-Records eigens für mich ein Festival auf die Beine gestellt, als hätte man das Groezrock-Festival auf ein paar Stunden komprimiert und mir relativ nahe vor die Haustür gesetzt. An diesem Festival – und ich nehme hier schon mal vorweg, dass es wohl das Konzert des Jahres meinerseits sein dürfte – gab es kein vorbei, und so fuhr ich nach der Arbeit direkt ins Dortmunder FZW, um dort einen absolut begeisternden Abend erleben zu dürfen.


Den Anfang machten die Teils-Lokalmatadore von THE ESCAPE ARTIST, die mit ihrem EmoCore, Posthardcore und Pop schon mal eine ganz grobe Marschrichtung vorgeben sollten, allerdings die mit Abstand seichteste Band des Abends waren. Ich habe zwar nur die letzten paar Songs mitbekommen, fand aber den Sound und die Halle schon mal ziemlich klasse. Die Band selber – überwiegend in schwarz gekleidet – hatte auch Spaß an ihrem Auftritt, ließ dies aber nicht gerade in Übermut ausufern. Die Songs schienen klassische Posthardcore-Harmonien zu besitzen, die mit einem großen Popappeal und elektronischen Spielereien vom Band aufgepeppt wurden. Der Gesang war leider ziemlich genregerecht bis klischeehaft und konnte mich am wenigsten von Allem begeistern. Ansonsten war das nette Popmusik mit schönen Melodien.

Die darauf folgenden RED TAPE PARADE habe ich mittlerweile zum zweiten Mal gesehen und muss ihnen leider nach wie vor den Vorwurf machen, dass sie ein sehr seltsames Songwriting praktizieren: zum einen haben sie Songs, die sich ganz klar an BOYSETSFIRE bzw. THE CASTING OUT orientieren, zum anderen haben sie kurze, knackige Hardcoresongs. Und grade die kurzen Songs sind in meinen Ohren einfach oft noch nicht zu Ende gedacht worden. Die Titel hören einfach auf und der Hörer wundert sich dann, wo der Rest vom Song geblieben ist, da einfach irgendwas zu fehlen scheint – und damit meine ich nicht die Spielzeit. Zwar fand ich sie an diesem Abend besser als damals in Hamburg (und vor allem die neueren, etwas längeren Songs konnten mich teilweise begeistern), aber dennoch fiel mir dieser abgehackte Songwritingstil immer mal wieder etwas holprig auf. Aber egal, denn musikalisch passten sie schon eine ganze Ecke besser zu den Bands, die die meisten Zuschauer vermutlich sehen wollten.

Mit den Engländern von TRIBUTE TO NOTHING betrat nun eine dieser Bands die Bühne. Bestehend aus drei Brüdern plus zusätzlichem Gitarristen genossen sie bereits vor dem ersten Ton einen hervorragenden Ruf als Live-Band, und so war ich auch ziemlich gespannt, was die Britten nun abliefern würden. Sie selber erwähnten zunächst einmal, dass dies einer der sehr wenigen Gigs des Jahres für sie sei und das Publikum gewisse Unsauberheiten bitte einfach überhören solle. Und im ersten Moment wirkte es sogar so, als hätten sie recht, da sich der (ein wenig nach englischem Hooligan aussehende) Gitarrist dauernd zu verzocken schien. Aber dann konnten wir feststellen, dass es sich eher um kaputte Technik handelte, die es dem Sechssaiter unmöglich machte, seine Ideen rüberzubringen. Aber spätestens nachdem diese Panne behoben war, ging es wirklich ab. Die Band hatte selber ohne Ende Spaß, die Gitarren wurden durch die Luft geschleudert und die Band arbeitete sich mit großem körperlichen Einsatz durch ihr HWM-beeinflusstes Set aus Posthardcoresongs, die mal vertrackter und mal hymnischer ausfielen. Vor allem Sänger und Gitarrist Samuel und besagter Sechssaiter sah man ihre Leidenschaft für das Dargebotene an, und so konnten sie die sich bereits etwas mehr füllende Halle langsam auf ihre Seite ziehen. Spätestens mit dem letzten Stück „Day In, Day Out" und seinem langen Chor am Ende sollten sie den anwesenden Zuschauern klar gemacht haben, welche Qualitäten sie als Live-Band vorzuweisen haben.

Danach kam für mich die Band des Abends: A WILHELM SCREAM aus New Bedford in den USA. Wie gewohnt gut gelaunt zeigte sich diese unsagbar normal gebliebene Band auf der Bühne, während sie die heftigsten Riffs und Parts aus den Ärmeln schüttelten. Um die Wette lächelnd und trotzdem extrem präzise spielten sie Hits wie „The Horse", „We Built This City (on Debts and Booze)", „Killing It" und natürlich den kleinen Klassiker „The King Is Dead". Ich durfte die Band mittlerweile schon das ein oder andere Mal live genießen, und ich bin jedes Mal wieder hin und weg von der Geschmeidigkeit und gleichzeitigen Genialität ihres Songwritings. Technisch gesehen spielen sie vermutlich den Großteil der Metal- und Hardcorewelt, mit denen sie sich meist die Bühne teilen, mal ganz locker an die Wand; und trotzdem kommt der Fünfer absolut locker und unverkrampft rüber. Teilweise sehen die Jungs schon ein wenig nerdy aus, gewannen aber mit ihrer eigenen guten Laune so ziemlich das gesamte Publikum für sich. Auch der Pit wurde so langsam eröffnet, und siehe da: kein doofes Rumgetrete, keine Macho-Allüren. Zwar musste man den Leuten schon ein wenig Feuer unter'm Arsch machen, aber dann ging es los. Mit dickem Grinsen im Gesicht (vor und auf der Bühne) wurde ein fantastisches Set abgefeiert, was selbst noch draußen beim Rauchen diverse Sing-a-longs nach sich zog.

STRIKE ANYWHERE brauche ich vermutlich (hoffentlich) kaum noch jemandem vorstellen. Mit der neuen Platte auf Bridge9 zeigen die Politpunks mal wieder, wie wichtig eine Meinung im Hardcore ist und wie gut man dabei klingen kann. Nur weil die Herren um Sänger Thomas wirklich etwas zu sagen haben, muss das nicht verkrampft laufen. Bereits ziemlich zu Beginn des Sets kam mit „I'm Your Opposite Number" eine neuer Hit von „Iron Front" aufs Tablett. Das Publikum gab sich restlos begeistert, ließ den Chor am Ende des Stückes einfach nicht sterben und sang auch nach dem Lied noch „Ohohos" aus vollen Kehlen mit. Die Herren aus Richmont nahmen dies begeistert zur Kenntnis. Thomas zeigte sich mal wieder als genialer Fronter, machte sympathische Ansagen, ging immer wieder auf Tuchfühlung mit dem Publikum und ließ die Fans in der ersten Reihe gerne die eine oder andere Zeile singen. Bewegung gab es natürlich wieder genug auf der Bühne, und vor ihrem recht großen Backdrop wirkten die Fünf wie eine doch mittlerweile sehr ordentlich gewachsene Band, die in der Hardcoreszene schon einen kleinen Ausnahmestatus inne hat. Wenn man die Jungs nach der Show mit den Leuten reden sieht, merkt man ihnen das erst mal gar nicht an. Das Set bestand übrigens nur zu einem ganz geringen Anteil aus neuen Stücken und dürfte wohl den meisten Fans viel von dem geboten haben, was sie hören wollten. Und vielen davon wird es wir mir gegangen sein, denn der Weg am Ende des Abends führte unweigerlich zum STRIKE ANYWHERE-Stand, um die neue Platte käuflich zu erwerben – beim nächsten Gig möchte ich schließlich auch ein paar neue Textzeilen mitsingen können. Durch mitreißende Hits à la „Instinct" oder dem abschließenden „To The World" konnten sie ein mittlerweile ziemlich gut gefülltes FZW begeistern und untermauerten eindeutig ihre Klasse. Einfach eine gute Band!

Dass die meisten Leute dann aber doch auf HOT WATER MUSIC warteten, zeigte sich an dem mittlerweile sehr gut gefüllten Raum. Wo vorhin noch Platz zum Pogen oder Tanzen war, stand man jetzt etwas enger beieinander und wurde von den Wellen im Pit eher weggetragen anstatt angespornt. Aber egal, die Herren aus Gainesville wollten ja auch kein Bollo-Hardcore-Set abliefern. Und so stand man ab dem Intro mit den spanischen Gitarren gebannt vor der Bühne, bejubelte das „Einlaufen" der vier Haudegen und wurde sofort mit „Remedy" belohnt, welches sich nicht nur auf Platte gut in der Poleposition macht. Die Jungs waren sympathisch, und selbst der kurze Ausfall des Basses wurde sympathisch überbrückt. Der Vierer präsentierte sich ziemlich tight und spielfreudig, ging aber auch nicht mehr so ab wie die doch etwas jüngeren Bands zuvor. Aber wem sollten die Vier noch etwas beweisen müssen? Richtig, und so taten sie es auch nicht. Beziehungsweis doch: sie bewiesen einfach, eine gute Punkrockband zu sein und nicht umsonst zu den einflussreichsten Bands des Genres zu zählen. Stücke wie „Wayfarer", „Papercuts", „All Heads Down" oder „Rooftops" holten das Maximum aus den Kehlen im Publikum heraus, und im selbigen waren auch einfach wieder diese absolut begeisterten Gesichter auszumachen. Auch die Band selber erwähnte mehrfach, wie dankbar sie dafür sei, immer noch auf der Bühne stehen zu dürfen und Musik machen zu können.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass meine Füße langsam lahm wurden und ich ganz gut damit leben konnte, dass bald Schluss war – dafür spielten HWM aber auch als einzige Band eine Zugabe. Dass sie ihr Publikum bereits davor in der Tasche hatten, bräuchte ich wohl nicht extra zu erwähnen, doch so neigte sich dann irgendwann tatsächlich ein unglaublich begeisternder Abend dem Ende zu. Vielen Dank Ass-Card, vielen Dank FZW und vielen Dank an Bands und Zuschauer, die dieses Konzert wirklich zu einem meiner Favoriten des Jahres gemacht haben.

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