Storm Corrosion - s/t

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Stil (Spielzeit): Avantgarde/Ambient/Alternative mit einem Hauch von Prog (48:17)
Label/Vertrieb (VÖ): Roadrunner (04.05.12)
Bewertung: 7,5/10

stormcorrosion.com

Die Masterminds von OPETH und PORCUPINE TREE machen gemeinsame Sache – mehr braucht man in Prog-Kreisen gar nicht zu sagen, um die Erwartungshaltung in unendliche Höhen zu schrauben. STORM CORROSION bestehen aus Mikael Akerfeldt und Steven Wilson, zwei der begnadetsten Songwriter, Instrumentalisten, Sänger und Songtüftler, die die heutige Prog-Bewegung kennt. Und sie haben zusammen ein Album eingepielt, das man sich hart erarbeiten muss, bevor es glänzt.

Die beiden STORM CORROSION-Köpfe sprechen bei ihrem selbstbetitelten Erstwerk von dem letzten Teil einer Trilogie, die mit "Heritage" (OPETH) und "Grace For Drowning" (STEVEN WILSON) begonnen wurde. Mit einer hart rockenden Platte hat wohl eh niemand gerechnet, doch einen solch entspannten Trip hatten wohl ebenfalls die wenigsten auf dem Zettel. Gleichzeitig erscheint "Storm Corrosion" als logische Konsequenz aus der Zusammenarbeit der beiden Ausnahmekönner. Bis auf einige Stellen wie die ausbrechenden Düstergitarren im von einer hypnotischen Basslinie unterlegten "Hag" ist das erste Album von STORM CORROSION durchgängig ruhig. Gitarren sind hauptsächlich in Form von intensiv gespielten Akustikparts vorhanden – mal bestimmen sie einen Track wie "Happy", der entgegen seines Titels in der ersten Hälfte recht düster klingt, mal setzen sie wunderschöne Farbtupfer wie im vielschichtigen "Drag Ropes", das durch seinen Aufbau und mehrstimmige Gesänge noch am ehesten die Prog-Abteilung bedient. Verstärkt wird die Wirkung der warmen Parts, die unverkennbar von Mikael Akerfeldt stammen, von spärlichen Percussions, Moog-Sounds, Streichern, schwebenden Flötenklängen und selbstredend Akerfeldts einfühlsamem Gesang, der zu Beginn des mit gefühlvollen Gitarren garnierten und unheimlich entspannten "Ljudet Innan" kristallklare Höhen erklimmt. Kontrastiert werden sie von Wilsons verstörenden Soundscapes und wabernden Keyboards, die eine dunkle, bedrohliche Stimmung hervorrufen. Diese beiden Parts ergänzen sich meist großartig; "Lock Howl" zeigt nach einem Break in der Mitte am besten, wie nach einem schön eindringlichen, spannungsgeladenen, von Gitarren bestimmten Einstieg mit düsteren Klängen experimentiert wird, bevor letztendlich um epische Streicher ergänzt sämtliche Elemente miteinander verwoben werden, bis die Sonne aufgeht. Das ist detailverliebte Musik, der man sich völlig hingeben kann - allerdings nicht, ohne sich auch um diese Wirkung bemühen zu müssen.

"Storm Corrosion" ist eine Scheibe, die Zeit braucht. Anfangs klingen die sechs Songs zu ruhig, zu langweilig, es scheint nicht viel zu passieren. Enttäuschung kommt auf, man möchte sich das eigentlich kein zweites Mal antun – macht es aber natürlich doch, weil man nicht glauben kann, dass dies das Ergebnis einer solch illustren Kollaboration ist. Es spricht für die songwriterische Qualität von Akerfeldt und Wilson, dass das Bild nach einem erzwungenen zweiten, dritten oder gar erst vierten Anlauf drastisch kippt und die Schönheit dieses Albums offenbart. STORM CORROSION belohnen den Hörer dafür, sich mit der anspruchsvollen Musik auseinandersetzen und nicht aufgeben zu wollen. Gleichzeitig ist es eine schwierige Aufgabe, die nicht ganz so geduldigen Hörer bei der Stange zu halten, die sich nach dem ersten Hören nicht weiter auf die Mischung aus atmosphärischen Akerfeldt-Vibes und die verstörenden, Horror-Soundtrack-artigen Sequenzen Wilsons einlassen möchten. Stellenweise fühlt man sich an die ruhigsten Sachen des DEVIN TOWNSEND PROJECTs erinnert, allerdings bauen STORM CORROSION nur sehr selten eine Spannung auf, die erfolglos verpufft oder nicht in irgendeiner befriedigenden Weise aufgelöst wird.

Man kann "Storm Corrosion" sicher nicht immer hören, es ist ein Album für bestimmte Momente, für ruhige Stunden, um lang auf dem Bett liegend die Seele baumeln zu lassen oder sich unterm Kopfhörer auf einer langen Zugfahrt in der vorbeiziehenden Landschaft zu verlieren. Akerfeldt und Wilson haben ein Prog/Avantgarde/Alternative/Irgendwas-Werk weitab vom Mainstream geschaffen, das nicht immer ganz einfach und sehr speziell ist. Wer sich aber die Zeit dafür nimmt, wird auf eine wundersame Entdeckungsreise irgendwo zwischen einem Glas Rotwein in einer rauchgeschwängerten Lounge, einem knisternden Lagerfeuer im Wald und einem warmen, wunderschönen Sonnenuntergang entführt.