Eureka - Shackleton's Voyage

Eureka_ShackletonsVoyage

Stil (Spielzeit): Melodiöser Neoprog / AOR (51:14)
Label/Vertrieb (VÖ): InsideOut/SPV (05.06.09)
Bewertung: 5/10

Links: www.eureka-music.de, www.myspace.com/eurekashackletonsvoyage

Schon mit dem Namen seines 1997 gegründeten Projektes EUREKA gibt der Multiinstrumentalist Frank Bossert einen Hinweis auf die dominierenden Themen seiner Alben: die Suche nach den ganz großen Entdeckungen, vorzugsweise per Schiff. Bossert stammt gebürtig aus Hamburg und hat sich Mitte der Neunziger Jahre im nordfriesischen Husum an der Nordseeküste ein Tonstudio zur Verwirklichung seiner Konzeptalben eingerichtet.
„Shackleton's Voyage" ist sein viertes Album und erzählt von einer der dramatischsten Fahrten des sogenannten „Goldenen Zeitalters der Antarktisforschung" zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Endurance-Expedition von Ernest Shackleton. Zum besseren Verständnis des Albums möchte ich mit einer etwas längeren Beschreibung der Leistung dieses 1874 geborenen Briten irischer Abstammung beginnen. Wen so etwas nicht interessiert, der sollte die nächsten beiden Absätze überspringen.

Es war das Jahr 1908 als er nach einer vorherigen Antarktismission unter Robert F. Scott, vom dem er wegen angeblicher Krankheit nach Hause geschickt worden war, erstmals als Expeditionsleiter mit seinem Schiff „Nimrod" und seiner Crew ins eisige und sturmumtoste Südpolarmeer aufbrach.
Zunächst lief alles gut. Shackleton und seine Begleiter Jameson Adams, Eric Marshall und Frank Wild kamen dem geografischen Südpol so nah wie noch keine Menschen zuvor, nämlich bis auf 88° 23 Minuten südlicher Breite. Es fehlten ihnen nur noch 185 Kilometer. Doch dann kamen sie kaum noch voran, Die Vorräte gingen zur Neige. Shackleton musste eine schwere Entscheidung treffen. Sollte er todesverachtend seine treuen Gefährten weiter antreiben, ohne Rücksicht auf deren Leben, aber mit der geringen Chance für sich alleine ewigen Ruhm zu erringen? Oder sollte er diese einmalige Chance verstreichen lassen und als Verlierer heimkehren?
Anders als bei so vielen anderen Entdeckern, Konquistadoren und Abenteurern siegte bei ihm das Gewissen. Ab sofort war sein Ziel, mit allen Männern heil heimzukehren, der mühsame Rückmarsch begann. Als Adams krank wurde, zogen ihn die anderen auf einem Schlitten. Schneeblind, halb verhungert und mit Erfrierungen marschierten sie die letzten 36 Stunden durch. Alle überlebten diese Tortur.

1909 erreicht Robert E. Peary den Nordpol, 1911 Roald Amundsen den Südpol. Shackleton steht immer noch ohne greifbaren Erfolg da. In der erstmaligen Durchquerung der Antarktis zu Fuß sieht er seine letzte Chance auf Ruhm.
Im August 1914 sticht er mit der „Endurance" und einer kleinen Crew, zu der er erneut ein gutes Verhältnis aufbaut, wieder in See. Kurz vor dem geplanten Landungsplatz frieren sie im Packeis fest, driften im antarktischen Winter monatelang immer weiter von der Küste weg und beobachten letztlich vom Packeis aus, wie das Schiff zerbirst und sinkt. Drei kleine offene Boote und die Vorräte bleiben ihnen. Sie sitzen weit über tausend Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt bei Temperaturen von bis zu unter -40° Celsius auf dem Packeis fest, mit einer nach heutigen Maßstäben primitiven Ausrüstung. Shackleton manipuliert die Verlosung der geretteten Schlafsäcke so, dass die Offiziere die dünneren bekommen – im hierarchieversessenen frühen 20. Jahrhundert ein einmaliger Vorgang.
Nach fünf Monaten in ihrem improvisierten Camp ist das Eis genug getaut und zerfallen, um mit den kleinen Booten nach Elephant Island zu gelangen, ein unwirtliches, unbewohntes Eiland, 1500 Kilometer von der Insel Südgeorgien mit seiner Walfangstation entfernt.
Shackleton und fünf weiteren Männern gelingt es mit einem der nicht einmal sieben Meter langen Boote in einer zweiwöchigen waghalsigen Fahrt durch sturmumtoste eiskalte See dorthin zu gelangen, sich über Berge und Gletscher zur Station durchzuschlagen und Hilfe zu organisieren. Vier Monate später (es tobt der Erste Weltkrieg) holt ein Schiff die gesamte Besatzung ab. Wieder hat Shackleton das Missionsziel verfehlt, aber keinen einzigen Mann verloren.

Dieser zweiten von vier Antarktisexpeditionen und dem Verhalten des lange Zeit in Vergessenheit geratenen Shackleton, der sein fraglos reichlich vorhandenes Streben nach Reichtum und Ruhm in den entscheidenden Situationen dem Wert des Lebens unterordnete, soll mit diesem Album ein kleines musikalisches Denkmal gesetzt werden.

„Shackleton's Voyage" beschreibt im Sinne eines Konzeptalbums chronologisch die einzelnen Abschnitte dieser dramatischen Reise. Symphonischer Neo Progressive Rock mit vielen Elementen des Celtic Folk und der Weltmusik lässt den Hörer mit auf Große Fahrt gehen. Vom optimistischen Aufbruch über das Drama des Festfrierens und des Schiffsverlustes, die Monate währende Langeweile im Lager, mühsame Märsche, verrückte Bootsfahrten bis zur unmöglich erscheinenden Rettung wird alles fast in der Art eines Soundtracks vertont. Der durch englischsprachige und deutschsprachige Filme, Werbespots und zahlreiche Audioführer deutscher Museen bekannte Schauspieler und Sprecher Ian Dickinson verbindet die Songs als Erzähler. Wie auch die wenigen Songtexte sind seine Passagen auf Englisch.
Die Liste der Gastmusiker ist so eben noch übersichtlich: Yogi Lang von RPWL bedient Moog und Synths und kümmert sich auch um Mixing und Mastering. Das Damen-Trio KALEMA steuert Gesang zum Stück „Will You Ever Return?" bei, Troy Donockley spielt Uilleann Pipes und Low Whistle, Stefan Markus Uilleann Pipes und Steve Hanson Brush Snare. Der wohl bekannteste Gast dürfte Billy Sherwood (Ex-YES, CIRCA:) sein. Er singt bei den Songs „The Challenge" und „Going Home".
Die drei genannten Stücke sind die einzigen mit Gesang. Alle anderen vertrauen alleine auf eine melodieselige Symphonic Prog/AOR-Mischung oder die Folkmusik der Gastmusiker. Für die ruhigen Phasen der Expedition ergibt sich daraus schöne und passende Musik. Auch die Erhabenheit der Landschaft wird greifbar. Leider gelingt es Frank Bossert jedoch nicht, die wirkliche Dramatik der Expedition angemessen erlebbar zu machen. Gemein gesagt: das Album könnte eher der Soundtrack eines Pfadfinderausfluges denn einer Beinahe-Katastrophe sein. Bosserts Gitarrenspiel im Stile Mike Oldfields ist schlichtweg zu sanft um die Urgewalt von Kälte, Wind und Wellen oder die Härte der Situationen darzustellen. Gleiches gilt für die gewählten Instrumente, Sounds und Songstrukturen. Für das Konzeptalbum als solches ein riesiges Problem.

Auch die originalen, von der Royal Geographical Society und dem Scott Polar Research Institute lizensierten Expeditionsbilder ändern nichts daran, dass „Shackleton's Voyage" trotz guter Ansätze, einer einwandfreien Produktion und eines interessanten Themas letztlich nur „ganz nett" ist.

PS: Ernest Shackleton starb 1921 während seiner letzten Antarktisexpedition an Herzversagen. Er wurde auf der Insel Südgeorgien begraben, also auf jener Insel, der er einst sein Überleben und das seiner Crew verdankte. Die erste Durchquerung der Antarktis zu Lande gelang erst 40 Jahre nach der Endurance-Expedition.