August Burns Red - Phantom Anthem Tipp

August Burns Red - Phantom Anthem
    Metalcore / Prog

    Label: Spinefarm
    VÖ: 06.10.17
    Bewertung:9/10

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AUGUST BURNS RED sind eine dieser Bands, die ich immer nebenbei mitbekommen habe. Immer mal wieder einen Song gehört, ein Video gesehen und auch mal live auf einem Festival gesehen. Ich mochte die Musik immer sehr, habe mich aber irgendwie nie weiter mit ihnen beschäftigt. Und die neue Platte zeigt mir jetzt ganz klar auf, dass dies ein Fehler war.

Ich habe ABR nämlich immer „nur“ unter sehr gut gemachtem Metalcore mit viel Melodik und ausgefuchster Rhythmik verbucht – und jetzt braucht „Phantom Anthem“ grade mal 60 Sekunden, um mir zu zeigen, wie falsch ich liege. Da gehen die Amis nämlich auf einmal in einen unheimlich melodischen Zwischenpart, den ich so definitiv nicht erwartet hatte – weder von den Harmonien noch von dem Arrangement her. Haben die nicht gerade eben noch Blastbeats gespielt? Und jetzt sowas? Ja! Jetzt sowas!

Und genau das machen AUGUST BURNS RED hier die ganze Zeit. Ich habe hier ein Album erwartet, das klingt wie THIS OR THE APOCALYPSE und ähnliche Bands – aber das Quintett aus Pennsylvania kommt hier mehr oder weniger in jedem einzelnen Song an einen Punkt, der es eher in die Nähe von BETWEEN THE BURRIED AND ME oder meinetwegen sogar DREAM THEATER und Konsorten bringt.

Zwar klingt es manchmal ein wenig gewollt, wenn sie aus diesen sphärischen Parts wieder zurück in ihren ausgeklügelten Metalcore gehen oder – sagen wir mal – einen nahezu Country-mäßigen Part ans Ende eines Songs basteln, aber mit ein paar Durchläufen komme ich damit wunderbar klar und bin einfach nur noch weggehauen von der Kreativität der Band. Und da, wo andere Bands dicke Midtempo-Refrains mit Cleangesang einbauen, um melodisch zu sein, gehen AUGUST BURNS RED einfach in den nächsten epischen und monumentalen Part, den man so überhaupt nicht von einer Metalcoreband erwartet. Und eigentlich sind sie in den Momenten dann auch eine ganz klare Progband.

Allerdings können sich die Amis auch nicht komplett von ihrer Vergangenheit lösen und bauen deshalb immer wieder kleine Moshparts ein, die meinem Empfinden nach eigentlich gar nicht nötig gewesen wären – aber das ist wohl Geschmackssache. Aber diese Moshparts sind nie belanglos und oft genug macht die unfassbar melodische Leadgitarre solche Momente wieder spannend. Und überhaupt ist die erste Gitarre dem positiven Wahnsinn entsprungen und es macht wirklich auf albumlänge Spaß, ihr zuzuhören. Aber das gleiche gilt eigentlich auch für das Schlagzeug, das hier in einer Tour arbeitet.

Ich hätte hier jeden zweiten Song als jeweiliges Beispiel für meine Beschreibungen aufzählen können. Aber wozu? Hier ist mehr oder weniger jeder einzelne Song ein kleines, total durchdachtes Meisterwerk, welches sowohl technisch als auch kompositorisch die meisten anderen Bands ähnlichen Sounds in die zweite Liga verbannt. Hier gibt es keine einfachen Strukturen und dennoch sind die Songs total flüssig und fließen direkt ins Ohr, ohne ihre Heavyness einzubüßen. Ich habe keine Ahnung, wie AUGUST BURNS RED früher auf Albumlänge klangen, aber mit „Phantom Anthem“ haben sie sich eine eigene kleine Nische geschaffen, Metalcore mit Prog verbunden und die Definition des Wortes „Spielfreude“ erweitert. Hut ab!