Queensryche - s/t Tipp

Queensryche - s/t
    Progressive Metal

    Label: Century Media
    VÖ: 21.06.2013
    Bewertung:10/10

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Nach Spuckattacken, Verbalangriffen und einem billigen "FU" in Richtung Michael Wilton, Eddie Jackson, Scott Rockenfield und Parker Lundgren hat Geoff Tate endgültig jegliche Sympathie verspielt. Der einzig mögliche Triumph wäre die Entscheidung des amerikanischen Gerichts, Tate und seiner Armada an Gastmusikern den Bandnamen QUEENSRYCHE zuzusprechen. Bis dahin dürfen sowohl er als auch die vier übrig gebliebenen Mitglieder plus Sänger Todd La Torre (ex-CRIMSON GLORY) den Namen verwenden. Dass Wilton, Jackson und Co. die wahren QUEENSRYCHE sind, zeigen sie mit ihrem selbstbetitelten Output, das nichts weniger als das beste QUEENSRYCHE-Album seit "Empire" ist.

Mit 35 Minuten und neun Songs (das Intro "X2" und Zwischenstück "Midnight Lullaby" ausgenommen) stellt "Queensryche" das kürzeste Album der Bandgeschichte dar. Mehr als dreißig Jahre nach ihrer ebenfalls selbstbetitelten Debüt-EP klingen QUEENSRYCHE genauso hungrig und ambitioniert wie Anfang der Achtziger. Die neue Aufbruchsstimmung lässt sich nicht nur an Albumtitel und Cover festmachen, sondern vor allem an den durchweg großartigen Songs. "Where Dreams Go To Die" ist der wohl ursprünglichste und ehrlichste Ryche-Song seit vielen, vielen Jahren. Mit seinem aggressiven, militärischen Einstieg, den zurückhaltenden, groovenden Strophen, der melodischen Bridge, dem temporeichen und dramatischen Refrain transportiert er die QUEENSRYCHE der Frühachtziger perfekt in das Jahr 2013. Auch die Zwillings-Gitarren und charakteristischen Leads sind endlich wieder zurück. Man könnte fast meinen, Chris DeGarmo hätte den Opener geschrieben, doch überraschenderweise gebühren die Songwriting-Credits alleine Parker Lundgren. Wer vor lauter Gänsehaut nicht weiß, wie ihm geschieht, wird mit dem vertrackten "Spore", das deutlich den Geist von "Rage For Order" atmet, weiter an die Hand genommen.

Sollte es danach unverständlicherweise immer noch Zweifel geben, werden diese mit "In This Light" vollständig ausgeräumt. Alleine der Beginn mit melodischen Twin-Gitarren zwingt zum Niederknien, doch darf man keinesfalls die eingängigen Strophen und den fantastischen Gänsehaut-Chorus sowie das Gitarrensolo außer Acht lassen. Die dezente Orchestrierung gibt dem von La Torre und Rockenfield geschriebenen Song den letzten Schliff und macht ihn zu einer Jahrhundert-Nummer, bei der nicht zum ersten Mal deutlich wird, wie perfekt die Band miteinander harmoniert. Wilton und Lundgren schütteln sich mal eben die besten Riffs, Leads und Soli seit Jahrzehnten aus dem Ärmel, Rockenfield begeistert mit einem detailreichen, abwechslungsreichen Schlagzeugspiel, Jackson sorgt mit seinem Bass für ein wohliges Brummen in der Magengegend, und La Torre ist kein Ersatz für Tate, sondern wischt den egozentrischen ex-Sänger nach nur drei Songs vollständig aus dem Gedächtnis.

Im gefühlvollen, vor Intensität berstenden "A World Without" schimmert "Operation Mindcrime" durch. Dazu passend wispert Pamela Moore ein paar Zeilen ins Mikro; die zurückhaltenden Streicher und das formidable Solo macht die Gänsehaut perfekt. Den Biss der neuen QUEENSRYCHE hört man am Besten in "Redemption", "Vindication" und "Fallout" – alles drei Songs, die mit einer verloren geglaubten Inbrunst und Leidenschaft eingespielt wurden. Mehrstimmige Gesangslinien in den Refrains, vertrackte Rhythmen und eine neue Kraft sorgen für wahre Glücksgefühle. Auch "Don't Look Back" mit seinen lockeren Melodiebögen und den absolut typischen Ryche-Gitarren sowie das abschließende, mega-eingängige "Open Road" (La Torres Gesang ist nicht von dieser Welt!) sind absolute Prog-Göttergaben.

Im Gegensatz zu Geoff Tate orientieren sich La Torre, Wilton, Jackson, Rockenfield und Lundgren unüberhörbar an den Anfangsjahren der Prog-Legende, die mit den letzten Outputs arg Federn lassen mussten. Zu stark war auf „American Soldier" und „Dedicated To Chaos" der Einfluss von Tate und Produzent Jason Slater, die den restlichen Bandmitgliedern kaum eine Chance gaben, sich am Songwriting zu beteiligen. Mit dem konsequenten Rauswurf von Tate haben sich QUEENSRYCHE den größten Gefallen überhaupt getan. Gleich dahinter rangiert die mutige Entscheidung, Todd La Torre als Sänger ins Boot zu holen. Böse Zungen behaupten, der Mann klinge wie eine Kopie seines prominenten Vorgängers. Tatsächlich ist die Stimme des ehemaligen CRIMSON GLORY-Frontmanns der von Tate zwar sehr ähnlich, gleichzeitig liegt jedoch eine Aggressivität und ein Hunger in La Torres Vocals, von der Tate seit vielen Jahren bloß träumen kann. Mit La Torre sind die Leidenschaft und das Gefühl, die man so lange vermisst hat, zurück in den Vocals.

Der Albumtitel, das Cover, die Spielzeit, die Songs, die wirklich jede Phase von der "Queensryche"-EP bis zu "Empire" streifen, die Verpflichtung von Produzent James "Jimbo" Barton, der bereits "Operation Mindcrime" und "Empire" einen perfekten Klang verpasst hat (und "Queensryche" eine satte, ausgewogene Produktion verpasst, die allerdings etwas zu komprimieret erscheint), der Wechsel hinterm Mikrofon – all das macht hundertprozentig Sinn, all das steht für eine Band, die mit viel Herzblut und einer Wundertüte an progressiven, melodischen, eingängigen, vertrackten und epischen Metalsongs den lange ersehnten Befreiungsschlag geschafft hat.

Ich höre dieses Album rauf und runter, seit ich die Promo bekommen habe. Nach einem vorsichtigen Herantasten (zu bitter waren die Enttäuschungen der letzten Jahre) habe ich schon nach dem ersten Hören gemerkt, dass diese Scheibe etwas Besonderes sein muss. Jetzt, unzählige Durchläufe später, kann ich sagen: "Queensryche" ist auf Augenhöhe mit den Bandklassikern und verdient nichts mehr als die Höchspunktzahl. Dieses Teil ist ein gottverdammtes Meisterwerk!