Geschrieben von Freitag, 20 März 2026 19:07

FJØRT in Berlin: Ein lautes Manifest gegen die Stille

FJØRT live in Berlin FJØRT live in Berlin Fotos: Heiko Becker

Wenn FJØRT rufen, dann folgt eine der stabilsten Fanbases, die der deutschsprachige Post-Hardcore zu bieten hat. Am 18. März verwandelte das Trio den fast ausverkauften Festsaal Kreuzberg in einen Ort, an dem Wut, Melancholie und politische Haltung zu einer hochexplosiven Einheit verschmolzen.

Wer die aktuelle Platte „belle époque" im Ohr hatte, wusste: Das hier wird kein gemütlicher Abend – es wird ein Brett.

Das Ritual des Exzesses

Schon nach den ersten drei Songs zeigte sich, mit welch körperlicher Gewalt die Band zu Werke geht. Die Instrumente von Gitarrist Chris Hell und Bassist David Frings waren bereits derart bearbeitet, dass das erste Nachstimmen fällig war. Ein Ritual, das sich durch die gut 110-minütige Show ziehen sollte – ein mechanisches Zeugnis für die Energie, die hier zwischen Bühne und Publikum mäanderte.

Politische Kante ohne Kompromisse

FJØRT ließen von der ersten Sekunde an keinen Zweifel daran, wo sie stehen. Ein kurzer Videoclip zu Beginn der Show setzte den moralischen Kompass: Wer Diskriminierung, Hass oder rechtes Gedankengut im Gepäck hat, ist hier schlicht falsch. Diese klare Kante zog sich durch den gesamten Abend und gipfelte in lautstarken „Alerta Alerta Antifaschista"-Chören aus der Menge.

Der Gänsehaut-Moment: '43

Den emotionalen und politischen Kern des Abends markierte der Song "'43". David Frings verließ die Bühne, begab sich mitten in die Menge und hielt eine ergreifende, wütende Ansage gegen das Erstarken des Faschismus. Er erklärte die Entstehung des Songs, den er damals als One-Take mit purer Verzweiflung im Bauch aufgenommen hatte. Während die Menge ihn anschließend auf Händen tragend zurück zur Bühne beförderte (Crowdsurfing als kollektiver Kraftakt), wurde die Dringlichkeit seiner Worte in jeder Note spürbar.

Finale Furioso

Nach rund 90 Minuten regulärer Spielzeit und drei massiven Zugaben entließen FJØRT ein schweißgebadetes, aber sichtlich glückliches Publikum in die Berliner Nacht. Es war laut, es war schmerzhaft ehrlich und vor allem: absolut notwendig.

Fazit: FJØRT bleiben live eine unbezähmbare Instanz. Wer intelligente Texte mit brachialem Sound und einer unerschütterlichen Haltung sucht, kommt an diesem Trio nicht vorbei. „belle époque" ist live genau das, was die Platte verspricht: Ein Mahnmal in einer lauten Zeit.

Heiko

Moin!
Ich bin Heiko Becker, Schleswig-Holsteiner von Geburt und seit vielen Jahren Wahlberliner. Musikalisch bin ich in den frühen 90ern groß geworden, mitten im Grunge und in dieser „angezerrten” Gitarrenmusik, die damals alles auf den Kopf gestellt hat. Nirvana, Guns N’ Roses, AC/DC, Pearl Jam, Foo Fighters, Machine Head, Pantera, Slayer, Metallica, Paradise Lost und Sick Of It All haben mich geprägt und lassen mich bis heute nicht los. Dazu kommen Rap, Hip-Hop und Songwriter, die mich genauso packen, solange die Musik handgemacht ist und etwas in mir auslöst.

Jahrelang habe ich mir als ganz normaler Besucher den Staub oder Schlamm von Roskilde, Wacken, Hurricane und Dynamo Open Air aus den Klamotten geschüttelt. Seit 2024 stehe ich dort endlich auf der anderen Seite des Grabens: als akkreditierter Fotograf, direkt vor der Bühne, mit der Kamera im Anschlag.Genau da fange ich Momente ein, die man nicht planen kann und die man nie wieder vergisst.

Für mich ist Musik vor allem eins: Gefühl. Ob mittendrin im Publikum oder hinter dem Sucher, am Ende zählt, dass sie unter die Haut geht und hängen bleibt.

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