Samstag, 09 Mai 2026 08:53

Geoff Tate - Operation: Mindcrime III Tipp

Geoff Tate - Operation: Mindcrime III
    Rock, Hard Rock, Progressive

    Label: Independent Release
    VÖ: 03.05.2026
    Bewertung:8/10


Es gab bislang kein Review, an das ich mit so einem unguten Gefühl rangegangen bin, wie an dieses: 38 Jahre nach „Operation: Mindcrime“ wagt sich Ex-QUEENSRYCHE-Sänger Geoff Tate an einen dritten Teil des geradezu sagenumwobenen Konzeptwerks. Ein Unterfangen, das eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Aber: So schlimm kommt´s zum Glück dann doch nicht – und am Ende steht ein Album, das es wert ist, sich damit zu beschäftigen.

Zunächst ein kurzer Rückblick: 1988 veröffentlichten QUEENSRYCHE mit „Operation: Mindcrime“ ein Konzeptalbum, das in kompositorischer wie textlicher Hinsicht Maßstäbe setzte, melodischen Metal mit leicht proggigen Klängen verband und völlig zurecht von vielen Musikliebhabern bis heute in einem Atemzug mit PINK FLOYD´S „The Wall“ genannt wird. Die Geschichte des drogensüchtigen Nikki, der vom wahnhaften Dr. X als todbringende Waffe missbraucht wird, bot unfassbare Melodien und magische Momente – und vor allem hatte sie: Seele.

Unantastbares Jahrhundertwerk

Schon der Versuch von QUEENSRYCHE, im Jahr 2006 mit „Operation: Mindcrime II“ an diesen Erfolg anzuknüpfen, verpuffte in meiner Wahrnehmung gänzlich, denn wie sollte man ein solches Jahrhundertwerk, in dem bereits alles gesagt wurde, auf ähnlichem Level weiterführen?

2012 kam es zum Zerwürfnis, Sänger Geoff Tate stieg aus und veröffentlichte ein paar Solo-Alben, die jedoch alle ohne großen Wiederhall blieben. In den vergangenen Jahren kehrte er als Mitglied von AVANTASIA zurück ins Rampenlicht und ist zudem unermüdlich mit seiner Band auf Tour, mit der er die eigenen QUEENSRYCHE-Klassiker zum Besten gibt. Wer Geoff Tate live erlebt hat, weiß: Der 67-Jährige ist nach wie vor einer der besten Metal-Sänger und strahlt auf der Bühne eine beeindruckende Aura aus.

Geoff Tate live 2023 in Augsburg (Pic: Marcus Bendel)

Doch muss Geoff Tate im Spätherbst seiner Laufbahn wirklich versuchen, gemeinsam mit seinem musikalischen Partner Kieran Robertson Songs zu komponieren, die „Operation: Mindcrime“ in irgendeiner Form die Stirn bieten können? Ist es pure Selbstüberschätzung, oder geht´s schlichtweg ums Geld und den Werbeeffekt, den dieser Albumtitel mit sich bringt (die Scheibe erscheint ohne Unterstützung eines großen Labels)? All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich mir das frisch veröffentlichte Werk zum ersten Mal in Ruhe anhören konnte.

Mindcrime III überrascht

Soviel sei schon mal gesagt: Mindcrime-Puristen, die nur Kompositionen vom Stil und der Qualität eines perfekten Songs wie „Eyes Of A Stranger“ gelten lassen, können hier getrost aufhören zu lesen. Wer sich jedoch die Mühe macht, sich trotz anfänglicher Zweifel und vielleicht sogar Enttäuschung auf die Scheibe einzulassen, für den gibt es mehr zu entdecken, als ich selbst zunächst vermutet hätte.

Das Album, das sich in textlicher Hinsicht der Perspektive von Dr. X widmet, beginnt fast schon erwartungsgemäß mit einigen alten Soundschnipseln, die das Feeling von 1988 wieder hervorrufen sollen. Der Opener ist dann schon mal eine positive Überraschung: Obwohl „You Know My Fucking Name“ ein eher getragener Song ist, geht vor allem die Strophe ins Ohr, und auch live wird das Stück ganz sicher gut funktionieren. In eine ähnliche Kerbe schlägt „The Answer“.

Geoff Tate - The Answer (Official Lyric Video)

Wie bereits angedeutet, gibt es etliche Gründe, die für mich dagegensprechen, „Operation: Mindcrime III“ als eine wirkliche Fortsetzung einzustufen. Geoff Tate singt mittlerweile in tieferen Tonlagen, die hohen Screams scheinen der Vergangenheit anzugehören. Ohrwurm-Refrains im Stil von „I Don´t Believe In Love“ existieren hier nicht, auch kein harter oder schnellerer Song wie „The Needle Lies“. Die mehrstimmigen Parts sind für mich zum Teil gewöhnungsbedürftig produziert, und statt hörspielartiger Zwischensequenzen - auf dem Original noch mustergültig kurz und prägnant eingesetzt - gibt es diesmal nur ein spannungsarmes Telefonat zwischen Nikki und Dr. X, das sage und schreibe 2´40 Minuten vor sich hinplätschert.

Überzeugendes Duett

Und doch muss ich paradoxerweise sagen: Ich mag das Album! Bei einem Song wie „The Devil’s Breath“ ist er wieder da, der alte Geoff Tate, der in unnachahmlicher Art mit leichtem Sprechgesang Teile einer düsteren Geschichte erzählt. Den Gitarristen gelingt es tatsächlich, eine gewisse Mindcrime- und Empire-Stimmung zu erzeugen, Drummer Rich Baur spielt immer wieder gekonnt hinter dem Beat, und John Moyer (DISTURBED) ist am Bass ein Meister seines Fachs.

Auch „Power“, das mich als Single-Auskopplung zunächst nicht überzeugen konnte, entwickelt sich im Gesamtkontext zu einem wichtigen Ankerpunkt der Scheibe. Ein Highlight für mich stellt „Do You Still Believe?“ dar. Im Duett mit Geoff Tate lässt die irische Sängerin Clodagh McCarthy für einen Song Sister Mary wieder auferstehen – mit rauerem Timbre als seinerzeit Pamela Moore, aber ähnlich mitreißend. Ziemlich kitschig, die Nummer – aber auch wirklich schön!

Geoff Tate - Power (Official Audio Clip)

Überraschend: Trotz seines Titels beschließt „A Monster Like Me“ das Album nicht furios, sondern in Form einer fast schon versöhnlich klingenden, unerwartet smoothen Club-Nummer, mit Saxophon und Geige.

Fazit: Kein Mensch konnte erwarten, dass sich die kreativen Sternstunden, die vor vier Jahrzehnten die legendäre Mindcrime-Besetzung Tate / DeGarmo / Wilton / Jackson / Rockenfield zu Höchstleistungen antrieben, irgendwie reproduzieren ließen. Doch für sich genommen ist „Operation: Mindcrime III“ ein wirklich gutes und interessantes Rockalbum, auf dem es einen anderen Geoff Tate zu entdecken gibt, mit den definitiv besten Songs seiner Solo-Karriere.

Anspieltipps: Do You Still Believe? / The Devil’s Breath / You Know My Fucking Name / Power / A Monster Like Me

„Operation: Mindcrime III“ Tracklist:

The Scene Of The Crime
You Know My Fucking Name
The Answer
Vulnerable
I’ll Eat Your Heart Out
Do You Still Believe?
The Devil’s Breath
Ascension
Set You Free
Descension
Power
You Can’t Walk Away Now
A Monster Like Me

Line-up:

Geoff Tate (Vocals, Synths, Strings)
Kieran Robertson (Guitars, Synths, Strings)
John Moyer (Bass, Co-Producer)
Rich Baur (Drums)
Dario Parente (Guitars)
Amaury Altmayer (Guitars)
Clodagh McCarthy (Vocals)

Marcus

Als Kind geprägt durch die umfangreiche Plattensammlung meines Vaters, in der von BAP bis Motörhead alles vertreten war, sowie eine dauerhafte Infektion mit dem Kiss-Virus (seit 1979 nicht mehr abgeklungen), entwickelte sich äußerst früh meine Begeisterung für Rock, Hardrock, Metal und Konzerte. Und abgesehen von Paul Stanley und Co. gilt in meinem Fall: Je kleiner, desto feiner! Diese unglaubliche Energie, die ein Clubgig entfachen kann, ist für mich mit nichts zu vergleichen. Insofern ist es gar nicht hoch genug zu bewerten, dass es auch nach Corona und trotz bedenklicher Preisentwicklungen kleine Veranstalter und Locations gibt, die mit Herzblut dafür kämpfen, auch unbekannteren Künstlern eine Bühne zu bieten – das ist keine Selbstverständlichkeit! Daher: Support your local clubs and bands!

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