Geschrieben von Montag, 11 April 2005 23:18

The Dillinger Escape Plan & Heaven Shall Burn - Köln / Underground


dillinger

The Dillinger Escape Plan und als Special-Support Heaven Shall Burn an einem Abend - wer da als Fan von Noise- und Metalcore nicht hinging, war selber Schuld! Dass das ein besonderer Abend werden würde, ahnten aber zum Glück nicht wenige und so war das Kölner Underground auch mit 300 Besuchern gut gefüllt. 

Bei den Einheizern von Heaven Shall Burn merkte man aber gleich zwei Dinge: Erstens, viele Zuschauer waren nicht wegen ihnen gekommen und Zweitens, Köln ist Konzert-verwöhnt. Während bei der deutschen Metalcore-Macht in irgendeinem Provinznestchen die Hölle los ist, zeigte man sich in der Rheinmetropole recht verhalten. Der Applaus war da, doch der Pit blieb recht überschaubar und „luftig". Die sympathischen Thüringer konnte da wirklich nichts für, denn die spielten mal wieder arschtight, mit vollem Elan, gutem Sound und gegen die Bombentracks vom aktuellen Metalcore-Meisterwerk „Antigone" und auch einigen älteren Sachen kann man eh nichts sagen. 
Mit „The Only Truth" startend zündeten die Herren eine Brachial-Bombe nach der anderen und groovten selbstverständlich wie Sau. Sänger Marcus ist inzwischen zu einem souveränen Frontmann gereift, der intelligent und humorvoll (und geilem Sächsisch) mit dem Publikum kommunizieren kann, auch wenn die Eiszapfen im Club noch leicht zu spüren waren. Vielleicht hätten Heaven Shall Burn schon zu Beginn verraten sollen, dass sie am nächsten Morgen zur Schule müssen (!) und ihnen auch noch eine Klausur bevorsteht (!!!). Für dieses workaholische Monsterleistung gab's natürlich viel Respekt-Beifall. Aber nicht nur deshalb, sondern weil diese Band einfach bärenstark agiert, gingen Heaven Shall Burn mal wieder als Gewinner von der Bühne. Und zwar schnell, man musste ja noch schlafen, vielleicht sogar noch ein bisschen Stoff auswendig lernen, hehe...

Im Biergarten kurz verschnaufen, ein Kölschchen trinken, Kippe rauchen und Luft schnappen, bevor The Dillinger Escape Plan jedwede Harmonie im Keim vernichten werden. Kurzes Intro und dann ging's los. Der Album-Opener „Panasonic Youth", noch von Stroboskop-Lichtgewitter begleitet, haute allen Anwesenden die Kinnlade runter. So etwas Brutales und Kaputtes hatten viele Anwesende, darunter überraschend viele Frauen, wahrscheinlich noch nie live gesehen. Auch für mich war es das musikalisch extremste Konzert meines Lebens. Der Wahnsinn, was die verrückten Noise-Core-Titanen da veranstalteten. Eine Eruption nach der anderen ließ den kleinen Club beben und hinterließ am Ende nichts als Schutt und Asche. Der neue Sänger ist der Hammer, Oberarme wie ich Beine hab und eine Stimme direkt aus der Hölle! Auf der Bühne ging mächtig die Post ab. Einer der Gitarrist haute mit seinem Instrumentenhals so wild um sich und sprang von den Boxen, dass man echt Angst um die Gesundheit seiner Mitmusiker haben musste. Ach ja, Musiker ist das richtige Stichwort: Um dem fulminanten Mix aus New School Hardcore, progressive Metal und Free Jazz die Genialität herauszuhören bedarf es keiner musikakademischen Ausbildung, man brauchte nur mal auf die Finger von Bassist Liam Wilson (sexy mit 70s-Schnurbart) zu schauen, um zu sehen welch komplexen Scheiß der Ami-Haufen da verrichtete. Aber bei The Dillinger Escape Plan geht es nicht um den ersten Platz beim Virtuosität-Wettbewerb - da gibt es definitiv stärkere Bands - sondern darum, dem Hörer einen vor den Kopf zu hauen. Und diese Härte... mein lieber Herr Gesangsverein! Wer einmal Blut geleckt hat, lässt gerne 50 Minuten Chaos auf sich niederschlagen. Das Publikum war dementsprechend ganz aus dem Häuschen, jubbelte, johlte und Pfiff. Doch wie man sich zu so irrsinniger Musik bewegen sollte, wusste so recht keiner. Bangen? Moshen? Glotzen? Äh, mitsingen? Wäre mal einen gute Interviewfrage, was sich die Jungs so wünschen würden. Wie dem auch sei, die einen taten dies, die anderen taten das, begeistert war jeder im Raum.Der Schwerpunkt der Setlist lag bei den Songs des aktuellen Albums „Miss Machine". Highlight: „Baby's First Coffin", „We Are The Storm" (mit sanft-melodischer Bridge) und "43% Burnt". Auch der melodischste Track der Bandgeschichte "Setting The Fire To Sleeping Giants" kam zum Zuge und wurde von Sänger Gregg Puciato mühelos gemeistert. Hut ab vor solch talentierten Musikern. Eine Zugabe gab's trotz minutenlangen Applauses nicht, dafür hallte die Gewissheit, eines der krassesten Konzerte gesehen zu haben, noch lange nach. Heftig!!!

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