Geschrieben von Samstag, 13 Mai 2006 12:07

Jutta Weinhold - Interview


 

Link: http://www.jutta-weinhold.de/

Seit 1969 steht Jutta Weinhold auf Bühnen, angefangen als Sheila im Musical „Hair“, später aktiv in der Hamburger Szene von ´75, Zusammenarbeit mit Lindenberg und anderen Bekannten. Vom Blues ausgehend entwickelte sich ihre Liebe zum harten Rock. Mit ZED YAGO begann eine Ära, die bis heute noch durchklingt. Jutta ist sowas wie die Erfinderin des „Dramatic Metal“. Nach dem bitteren Ende von ZED YAGO machte sie mit VELVET VIPER weiter, gründete mit einer Musikschule einen Gospel-Rock-Chor und kam doch immer wieder auf den Metal zurück. Alte Liebe rostet nicht. Am 19. Mai 2006 kommt ihr aktuelles Album „Below The Line“ auf den Markt. Anlaß genug, ein langes und sehr informatives Gespräch zu führen.

Ein sonniger Frühlingsabend, kurz vor 18 Uhr klingelt mein Telefon und eine quirlige Jutta sprudelt am anderen Ende hervor. „Ha, ich bin superpünktlich!“, freut sich da jemand. Also zurückgelehnt, und einfach mal Frau Weinhold machen lassen.

Guten Abend, Jutta, vielen Dank für Deine Bereitschaft über „Below The Line“ und dies und das zu reden! Wie fühlst Du dich heute mit dem Album im Kasten?
Wow, gut! Ich bin zufrieden mit dem Album. Auf „Below The Line“ habe ich zum allerersten Mal in meinem Leben auch private Dinge in den Songs verarbeitet. Das war eine richtige Befreiung. Früher passten ja keine autobiographischen Bezüge in die Fantasy-Welt von Zed Yago (Anm. d. Verf.: Zed Yago Alben waren Konzeptalben, die sich um die Abenteuer und Erlebnisse der Tochter des Fliegenden Holländers drehten), da ging es um meine Fantasiewelt und die ganzen Geschichten, die sich daraus entwickelten. Aber jetzt habe ich tatsächlich versucht, Erfahrungen aus der Zeit musikalisch zu verarbeiten.

Zum Beispiel in welchen Songs?
Memory´s Remind“ handelt von der ganzen Scheiße, die damals bei Zed Yago passiert ist, „Storyteller“ dreht sich um den Kampf gegen das Leid und inneren Verlust, die damals auf mich einprasselten.

Also sowas wie Seelenarbeit?
Ja, absolut. Das hat total gut getan, meine Gefühle mal so auszudrücken. Früher war da ja nie Platz für, in Konzeptalben hat Persönliches nichts zu suchen. Aber jetzt konnte ich mich ausleben, und das war wirklich gut.

Dein Produzent war ja erneut Lars Ratz, erzähl doch mal wie diese Zusammenarbeit überhaupt entstanden ist.
Hachja, der Lars (lacht). Nach dem Crash mit ZED YAGO hatte ich in Hamburg Auditions abgehalten für eine neue Band. Und Lars war einer der Basser, die vorspielten. Zum einen ist er ein guter Musiker, aber mich hat seine Art einfach so mitgerissen. Er war so offen, so neugierig und wißbegierig, ganz anders als viele Musiker, die einfach nur ihren Part runterschrubben. Und mich hat es immer beeindruckt, wie er seinen Weg einfach durchgehalten hat. Ich bin ja eher hektisch bei der Arbeit, er ist völlig relaxt. Die Arbeit in den Tornadostudios war also sehr stressfrei mit guter Atmosphäre und tollen Vibes.

Wenn ich Dich zitieren darf: Du hast mal gesagt, dass Musik heute die Haltbarkeit einer Quarkspeise hat. Dem kann man außerhalb des Metal bzw. Rock größtenteils durchaus zustimmen. Warum glaubst Du, ist es bei „unserer“ Musik nicht so?
An der Aussage hat sich ja auch leider nichts geändert. Ich finde nichts schlimmer als diesen Schlabberrock (Namen für Schlabberrock konnte ich ihr leider nicht entlocken). Bei dem Metal ist es anders, weil wir Wurzeln haben. Guck, mit Rock fing doch alles an. Jimi Hendrix war mein persönlicher Auslöser. Das hat bei mir soviel ausgelöst. Rock ist ja nicht nur Party, Sex and Drugs, auch wenn ich das in den ersten zehn Jahren wirklich heftig gelebt habe, sondern eine Lebensphilosophie. 
Am schönsten kann ich das am Beispiel FC St. Pauli gegen Bayern München bei dem Spiel vor ein paar Wochen erklären. Pauli hatte das Spiel bereits verloren und wirklich alle Fans stehen im Stadion und singen „You´ll Never Walk Alone“. (Anm.d.Verf.: Krieg immer noch Gänsehaut wenn ich dran denke). Das ist Liebe, Vertrauen, Respekt, Treue, Gemeinschaft. Rock eben. Und genau da müssen wir auch wieder hin. In der heutigen Musik fehlt einfach der Blues und die Progressivität. Immer nur dem Konsum hinterher zu hecheln ist doch nicht richtig. Das Geld sollte niemals an erster Stelle stehen. Habe ich früher auch immer gedacht und mich leider auch geirrt. Ich hab das wohl sehr idealistisch gesehen, aber ich glaube immer noch dran. Kunst an sich fängt mit dem eigenen Schaffen an, leider haben viele viel zu kurze Schaffenszeiten.

Klingt irgendwie bekannt. Stichwort Castingshows?
Pah, da sag ich nur: junge Leute müssen ihre eigenen Songs schreiben, alte Säcke sollen das nicht machen. Mir tut es immer für die jungen Menschen Leid, wenn sie sowas singen müssen. Dieser Trend mit JULI, SILBERMOND, WIR SIND HELDEN, das erfreut mich ja irgendwo. Auch wenn ich es nicht wirklich höre. Aber das ist immerhin handgemachte Musik. Die Medien müssen endlich anfangen, anders zu manipulieren. Sie müssen Seelenarbeit leisten, sozusagen. Rock ist eben mehr als nur Party. Der Stellenwert der Musik in der Öffentlichkeit ist so wichtig, aber es läuft eben in die falsche Richtung. Ich liebe zum Beispiel SYSTEM OF A DOWN oder KORN, die machen so ihren völlig eigenen Stil und haben sich einfach nie verbiegen lassen. Klasse.

Wie bist Du in all den Jahren eigentlich als Frau im Rockbusiness klargekommen? Du warst nie so ein Rockmäuschen, wie sind die Erfahrungen gewesen?
Boah, hör bloß auf. Ich war nun wirklich nie so eine Strapsmaus mit Titten. Wen gab es denn damals. Doro, Lee Aaron und mich? Und mehr haben die Männer auch irgendwie nicht zugelassen. Ich habe ja in meiner Naivität damals gedacht, ich könnte da gesellschaftspolitisch was ändern. Bis dann irgendwann einer von ZED YAGO auf mich zukam und meinte, ich müsste meine Geschichten umändern. Das solle doch lieber ein männlicher Hauptdarsteller werden. Ich dachte nur, was soll das denn jetzt? Ich bin eine Frau und kann nur aus Frauensicht schreiben.

Mit Verlaub, das war ein fraglicher Vorschlag, sollte das mehr Erfolg bringen oder wie? 
Unsere Szene ist ja im Grunde genommen sowas von konservativ. Wenn Frauen im Metal mal was fordern, dann wird das meist nix. Demokratie war damals wie heute nicht möglich. Und das akzeptiere ich einfach nicht. Ich bin nach wie vor der festen Auffassung, dass Spiritualität mehr wiegt als Materialismus. Guck, wenn es jemandem schlecht geht, dann kann ich dem kein Geld geben und auch keinen Job besorgen, aber ich kann ihn aufbauen. Jeder Mensch ist doch wertvoll!

Das wäre ein schöner Abschlußsatz, aber wir kommen so schön ins Reden. Erzähl doch noch was zu deinem musikalischen Werdegang, wie bist Du damals eigentlich auf Gospel gekommen?
Oh, Gospel ist so schön zu singen. Da können auch Anfänger, die gerne singen möchten, es aber irgendwo noch nicht so super können, gleich voll einsteigen. Natürlich gibt es auch sehr anspruchsvolle Songs. Aber als ich für die Musikschule angefangen habe, Unterricht zu geben und den Frauenchor gegründet hatte, sind die Mädels so toll eingestiegen. Und ich bin ja so eine Exhibitionistin (prustet), wenn ich singe, bin ich nächsten Tag echt tot! Ich singe immer mit vollem Einsatz, keine halben Sachen! Außerdem lerne ich selber immer am meisten beim Unterricht!

Du spielst ja auch so gerne live, gibt es denn irgendwelche Pläne mit „Below The Line“?
Neee (seufzt). Das ist ja nun mal ein reines Studioalbum, wir müssen mal gucken, wie die Platte so läuft. Guck, als ich damals mit WEINHOLD zurück kam und wir den Auftritt auf dem WOA 2004 hatten, da waren wir voller Feuer und hatten echt gedacht, dass uns danach Auftritte angeboten werden. Da kam zwar auch was, aber alles nur so halbe Sachen. Die Live-Szene hat ja so nachgelassen! Früher (1975) kamen die Leute in die vielen Live-Clubs, weil sie einfach interessiert waren an den einzelnen Bands und deren Schaffen. Heute rennen sie höchstens mal zu Coverbands.

Och naja, das mache ich aber auch ab und an recht gerne, dann aber um Party zu machen...
Ja! Das ist ja auch völlig ok. Aber die Leute haben irgendwie so wenig Interesse an eigenen Songs der Musiker. Ich finde, jede Generation bekommt die Musik die sie verdient. Und diese Generation... (Gegacker auf beiden Seiten)

Whoa, geiler Satz, kann man sich glatt auf ein Shirt drucken!
Ja, nicht? Hihi... Das Problem ist halt, wenn ich auftrete, mache ich wie bereits erwähnt keine halben Sachen. Und für einen Auftritt im Ballroom Hamburg oder so lohnt sich der Aufwand mit den Vorbereitungen und Proben eigentlich nicht. Vielleicht könnte man ja mal sowas wie Unplugged machen, so wie in Worpswede vor kurzem, wo ich nur mit einem Pianisten zusammen einige Songs gesungen habe. Das ist ja auch sehr schön. Oder nur mit einem Gitarristen vielleicht... (Anm. d. Verf.: Fände ich auch mal sehr fein...)

Singst Du denn nie Coversongs oder so? Du hast ja vorhin eher negativ über Coverbands geredet.
Doch schon. Ich finde es ja auch schön, wenn eine Band zum Abschluß eines Konzertes mal so ein oder zwei Coverversionen bringt. Aber eben nicht nur. Ich selber singe genau zwei. Einmal „Rock And Roll“ von LED ZEPPELIN und dann liebe ich einfach „You´ll Never Walk Alone“. Der Song ist unglaublich, man kann seine ganze Bandbreite an Stimme einsetzen, von ganz unten bis ganz nach oben, sooo klasse!

Erzähl noch was zu „Below The Line“, gibt es noch einen Song der irgendwie speziell ist?
Ohja. „Spirit Of Fear“. Der ist ganz plötzlich entstanden. Ich saß beim Arzt und hatte einen Vorsorgetermin, das kennst Du ja wahrscheinlich auch. Ich hasse sowas und saß und saß im Wartezimmer und wurde immer kribbeliger. Und dann sah ich so ein Poster mit einem öden Feld und mittendrin eine Pflanze. Und da stand der Satz „Gott hat Dir nicht das Geschenk der Furcht gegeben, sondern das Geschenk der Kraft“. Und dieser Satz hat mich so beeindruckt! Ich bin ganz ruhig geworden und ohne Angst zum Arzt reingegangen. Es war auch alles in Ordnung und als ich aus der Praxis rauskam war ich so euphorisch, dass ich was gemacht habe, was ich noch nie getan habe...

Und was?
Ich bin rein in einen Schuhladen und habe mir Schuhe gekauft (lautes Gelächter auf beiden Seiten)! Ich kann auf den Dingern nicht mal laufen, die sind viel zu hoch, aber das musste einfach sein. Ich musste mich belohnen. Und danach habe ich „Spirit Of Fear“ geschrieben. Ich werde übrigens alle Texte von „Below The Line“ auf meiner Homepage auch noch mal auf Deutsch reinsetzen. Ich möchte, dass auch die Leute meine Message verstehen, die vielleicht nicht so gut englisch können. Und grade dieser Song liegt mir sehr am Herzen.

Jutta, das war ein supertolles Gespräch, sehr aufschlußreich. Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg mit „Below The Line“ und hoffe doch insgeheim auf das eine oder andere Live-Erlebnis mit Dir.
Ohja, das wäre toll. Ich bin selber gespannt wie „Below The Line“ sich so macht. Ich bin glücklich damit! Ich sage ja immer: Nur freie Musiker sind gute Musiker.

Und damit beenden wir das Gespräch. Ich bin ehrlich ziemlich überwältigt. Jutta redet zwar wie ein Wasserfall und hoppst von einem Thema zum nächsten, aber sie hat so unglaublich viel zu erzählen, dass die Frau echt mal ein Buch schreiben sollte. Ich kann nur meinen imaginären Hut ziehen vor einer Frau in ihrem Alter, die so voller Leben und Energie steckt und im Inneren so superjung geblieben ist. Respekt!