Dienstag, 17 Februar 2026 20:11

Karnivool - In Verses Tipp

Karnivool - In Verses
    Progressive Metal

    Label: Inside Out Music
    VÖ: 06.02.2026
    Bewertung:10/10

    karnivool.com


Es scheint unvorstellbar, dass eine erfolgreiche Band so lange brauchen würde, um ein neues Album aufzunehmen. Dreizehn Jahre ist eine lange, lange Zeit. In einer solchen Zeitspanne kann so viel passieren, auf der Welt, im Leben. Genau hier setzen KARNIVOOL mit ihrem vierten Album an. „In Verses“ wird zum Soundtrack des Lebens, zur Selbstreflexion.

Jeden verdammten Tag

Nach den ersten Sekunden wähne ich mich im Intro von RADIOHEADs „Day Dreaming“. Die Ähnlichkeit zu den englischen Artrockern endet abrupt, als nach einer verträumten Minute die schiere Kraft der Aussie-Progger im bedrückenden Opener „Ghost“ auf den ausgehungerten Fan hereinbricht. Die spürbar bedrohliche Gitarrenwucht von Goddard und Hosking und Stockmans fauchender Viersaiter verkörpern das Monster „Emotionale Taubheit“, das den Menschen zu verschlingen versucht. Sänger Ian Kenny, der expressive Mittelpunkt der Band, kämpft mit einem „We don’t feel nothing like every day“ verzweifelt dagegen an. Deine Katharsis hat begonnen.

Einige Mitglieder haben in den letzten Jahren selber gegen ihre Dämonen angekämpft. Zeit soll bekanntlich alle Wunden heilen. „You won’t save me ’cause your empathy’s the enemy“. Heuchlerische Pseudo-Empathien, die schnell Wohl und Rettung versprechen, werden im ungezwungenen „Drone“ enttarnt. Einer herrlich sphärisch klingenden Melodie treten massive Riffs und beharrliche Polyrhythmik entgegen – Zugänglichkeit und Komplexität sorgen auch hier für die typische Vool-Dynamik, der wir gefühlt eine halbe Ewigkeit entgegenfieberten.

Den blauen Himmel versprochen

Die innere Unruhe geht mit einer Sinnessuche einher, die die Sehnsucht nach dem „great Escape“ wachsen lässt – nach dem scheinbar erlösenden „Aozora“, das auf japanisch blauer Himmel bedeutet. Für einige kurze Momente findest du deinen Frieden im hoffnungsvollen, bittersüßen Refrain dieses „Proggens“ mit starken Taktart- und Dynamikwechseln. Das ist KARNIVOOL pur!

Trotz des harfenähnlichen Intros und bedächtig grummelnden Starts hält „Animation“ die knisternde Energie aufrecht und pendelt zwischen melancholischer Introspektion und mitreißenden Ausbrüchen, die dich mit ihrer Schwere gnadenlos nach unten ziehen. „The hardest part is fear, my friend“: Die Angst loszulassen dominiert weiterhin.

Den Berg versetzen

Auffällig ist die häufige Wiederholung einzelner Text-Passagen, die sich fast in jedem Song wiederfinden und zum lyrischen Stilmittel des Albums werden, um den aussichtslos scheinenden inneren Kampf zu beschreiben. Im postrockig flirrenden und psychedelisch anmutenden „Conversations“ wird „Keep digging now, keep digging“ ganze fünfzehn Mal hintereinander gesungen. Du würdest am liebsten mit all den Enttäuschungen begraben werden?

Das subtil aufgebaute „Reanimation“ fungiert als besinnliches, grooviges Stück, das Atmosphäre und Klangfarbe betont. Wenn du doch nur „one more day“ hättest, würde es wahrscheinlich nichts ändern, ist die bittere Erkenntnis, die Steven Wilson Gitarrist Guthrie Govan in seinem brillanten Gastbeitrag vertont.

Ganz nah dran

„All It Takes“, ist einer Obsession hinterherzujagen, um das eigene Ego zu befriedigen? Mit herzzerreißendem Gesang klagt Ian Kenny diesen Missbrauch an und stemmt sich gegen die wilden Riffs und unerbittliche rhythmische Vehemenz, mit der vor allem Drummer Steve Jadd zu Werke geht, dessen Präzision und Kraft nach wie vor ein Eckpfeiler des KARNIVOOL-Sounds sind.

„Remote Self Control“ setzt den metallischen Angriff unvermindert fort, wo sich gegenseitig jagende Gitarren und Drums zu verknoten scheinen, bis der Durchbruch in die Leichtigkeit und den Optimismus gelingt. „Time to wake up, we’re not dreaming anymore“. Löse die Fesseln, indem du selbstbewusst der Realität ins Auge siehst.

Wo schlafende Giganten liegen

Mit „Opal“ beginnt die lang ersehnte Heilung, was zum Schlüsselmoment im Album wird. Die orchestrale Gestaltung mit Piano und Streichern und Kennys engelsgleiche Stimme in der ergreifenden Ballade erzeugen Gänsehaut pur, die Tränen fließen. „How far will you go to finish this desperate attempt to revive something you buried long ago“? Du kannst nichts dafür, lass los, befehlen die noisigen Gitarren. Unglaublich, wie befreiend Musik sein kann. Dafür lieben wir KARNIVOOL.

Das sich langsam aufbauende und entfaltende „Salva“ ist die Fanfare der Erlösung. Die Spannung steigert sich zu einem ganz Großen, wo sich schließlich die Katharsis entlädt. „There ain’t no place I’d rather be but I’ve got to go“. Den Entschluss eines Neuanfangs feiert das Finale mit dem überraschenden, sehr bewegenden Einsatz von Dudelsäcken.

Es war intensiv.

„In Verses“ rechtfertigt jede Sekunde des langen Wartens. Es ist ein Album voller Leben und Energie. Es kopiert nicht die Vergangenheit, sondern transformiert sie. Und am Ende entsteht das Gefühl, dass die Band nicht einfach nur zurückgekehrt ist, sondern uns eingeladen hat, mit ihr zu wachsen. Ein monumentales Kunstwerk. Höchstnote!

Karnivool 2026 credit Courtney McAllister lowPhoto credit: Courtney McAllister

Tracklist:
1. Ghost
2. Drone
3. Aozora
4. Animation
5. Conversations
6. Reanimation
7. All It Takes
8. Remote Self Control
9. Opal
10. Salva

Karnivool Line-Up:
Ian Kenny – Lead vocals
Drew Goddard – Lead guitar
Mark “Hoss” Hosking – Rhythm guitar
Jon Stockman – Bass guitar
Steve Judd – Drums

Karnivool Online:
www.karnivool.com
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www.facebook.com/karnivool
www.youtube.com/@karnivoolaus

Wölfi

Stile: Progressive Metal, Heavy Metal, Power Metal, Thrash Metal, Death Metal, Alternative Prog, New Artrock

Bands (momentan): Alterium, Walk In Darkness, Symphony X, Sunburst, Evergrey, Angra, Lovebites, Crypta, Ne Obliviscaris, Leprous, Temic, Orbit Culture

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