Geschrieben von Sonntag, 22 Februar 2026 11:45

Konzerte als Köder: Wie die großen Veranstalter das Musikbusiness auffressen

Bühne frei – aber für wen eigentlich noch? Bühne frei – aber für wen eigentlich noch?

Live Nation hat erneut imposante Quartals- und Jahreszahlen präsentiert: Milliardenumsätze, zig Millionen Konzertbesucher, ein gesunder Konzerngewinn. Superlative sind Teil ihrer Kommunikation und Ausdruck einer Branche, die sich nach den pandemiebedingten Einbrüchen wieder zum globalen Giganten aufgeschwungen hat. Doch das Konzert ist nicht das Produkt – es ist der Einstieg in ein System, das an jeder Station kassiert. Und das hat Konsequenzen für alle, die Livemusik lieben.

Gerade kamen die frischen Live-Nation-Zahlen für das Jahr 2025 rein, und die lesen sich erneut imposant: 25,2 Milliarden Dollar Rekordumsatz und 159 Millionen Konzertbesucher bei über 55.000 Veranstaltungen weltweit. Aber bei genauerer Betrachtung fällt dabei vor allem eines auf: Mit Konzerten selbst wird erstaunlich wenig verdient.

Zwar gibt es mit CTS Eventim und AEG zwei weitere Schwergewichte, doch Live Nation bleibt der unumstrittene Branchenprimus. Der börsennotierte US-Konzern hat in den letzten Jahren ein Geschäftsmodell aufgebaut, das in seiner Konsequenz und Skalierung einzigartig ist: eine vertikale Integration des kompletten Konzertgeschäfts, von der Ticketbuchung bis zur Security am Einlass.

Live Nation hat das Konzert zur Nebensache gemacht und dominiert trotzdem (oder genau deshalb) das Geschäft.

Im Jahr 2025 erwirtschaftete Live Nation im Segment „Concerts“ fette 20,86 Milliarden US-Dollar Umsatz. Doch der operative Gewinn (AOI) aus diesen Tausenden Shows belief sich auf gerade einmal 687 Millionen Dollar. Das entspricht einer mageren Marge von 3,3 %. Ein schlechter Witz für ein börsennotiertes Unternehmen dieser Größe.

Doch Live Nation veranstaltet Konzerte nicht, um mit Konzerten Geld zu verdienen. Die Shows sind das Lockmittel. Das Konzert ist für Live Nation kein Produkt, es ist der Hebel. Die eigentliche Monetarisierung findet nachgelagert und strukturell statt.

Der Konzern, der sich selbst dreht

Die Marge kommt über die Infrastruktur und Fans zahlen an jeder Station oft, ohne es zu merken. Live Nation hat sich ein Flywheel gebaut, ein selbstlaufendes System, in dem jeder Teil den anderen antreibt.

Promotion & Booking: 2025 hat Live Nation weltweit unfassbare 55.000 Shows veranstaltet und dabei 159 Millionen Fans bespaßt. Dafür hat der Konzern fast 15 Milliarden Dollar in Künstler und Shows gepumpt. Mit fast grenzenlosen Budgets sichert dieser sich die größten Bands exklusiv.

Ticketing: Die Tickets verkauft Live Nation über Ticketmaster mit eigenen Gebühren, VIP-Paketen, Dynamic Pricing und Resales. 2025 lag der Ticket-Umsatz bei knapp 3,1 Milliarden Dollar, der Gewinn (AOI) bei über 1,1 Milliarden. Das macht eine Marge von rund 37 %.

Die eigenen Venues (Venue Nation): Live Nation besitzt oder betreibt hunderte Veranstaltungsorte weltweit. Allein in diesen hauseigenen Venues haben sie letztes Jahr 65 Millionen Fans durchgeschleust (ein Plus von 8 %). Und diese konsumieren. Das sogenannte "Onsite Spending" stieg in ihren Amphitheatern um 6 % angetrieben von massiven, zweistelligen Zuwächsen beim Getränkeverkauf. Für 2026 planen sie hier schon mit über 70 Millionen Besuchern. Die Locations betreibt Live Nation gleich mit, inklusive Catering, Merchandise, Security und Parkplatz. Das bedeutet: Keine Abhängigkeit von Dritten bei Miete, Logistik oder Technik.

Die eigenen Getränke: Live Nation begnügt sich längst nicht mehr damit, einfach nur Fremdmarken über den Tresen zu schieben, sie kaufen sich gezielt als Investoren in die Marken ein, die sie dann exklusiv in ihren Venues vertreiben.

Liquid Death. Die Dose Wasser sieht mit brutaler Schädel-Optik und dem Slogan "Murder your thirst" zwar aus wie feinstes Underground-Metal-Merch, aber Live Nation ist handfester Anteilseigner. Der Konzern hat das Wasser kurzerhand zur Exklusivmarke auf hunderten Festivals und in den eigenen Hallen gemacht. Und die Wette geht auf: Liquid Death ist von 3 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2019 auf wahnwitzige 333 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2024 explodiert und wird mittlerweile mit 1,4 Milliarden Dollar bewertet.  Wir zahlen also einen saftigen Preis für eine Dose Wasser mit coolem Logo, und Live Nation kassiert gleich doppelt: als Gastro-Betreiber und als Investor der Marke.

Und das ist kein Einzelfall: Auch bei der hippen alkoholfreien Marke Hiyo (einem funktionalen "Social Tonic"), den Cocktail-Mixern von Owen’s Craft Mixers oder bei Jolene Coffee (der Cold-Brew-Marke von RED HOT CHILI PEPPERS-Frontmann Anthony Kiedis) hat der Konzern seine Finger im Spiel und hält Anteile.

Sponsoring & Daten: Die Fan-Daten aus diesen Events werden für hochpreisige Werbepartnerschaften verwertet. Große Marken (z. B. Coca-Cola, Red Bull, Telekom) zahlen für Sichtbarkeit auf Tourneen, bei Festivals oder in Ticketing-Systemen. 2025 spülte das Sponsoring bei 1,3 Milliarden Umsatz sagenhafte 845 Millionen Dollar Gewinn in die Taschen, eine traumhafte Marge von 64 %.

Artist Management: Und hier schließt sich der Kreis. Live Nation hat seine Finger tief im Management-Game, unter anderem durch Deals und Beteiligungen bei Schwergewichten wie Roc Nation. Das heißt auf gut Deutsch: Der Konzern sitzt oft auf beiden Seiten des Verhandlungstisches. Sie managen den Artist, buchen die Tour, verkaufen die Tickets und zapfen am Ende das Bier. Ein absolut geschlossener Kreislauf, aus dem kaum ein Cent an externe Dienstleister abfließt.

Monopoly gegen die Fans und die Szene

Indem Live Nation das Konzert als Eintrittstor versteht, nicht als Endprodukt, kann der Konzern auf Gewinnmargen bei Shows weitgehend verzichten. Das Konzert selbst ist nur der Köder. So wird Konkurrenz unterboten, um sich den Markt langfristig zu sichern. Ein Prinzip, das man von Plattformökonomien kennt. Nur dass hier nicht Apps verkauft werden, sondern Emotionen.

Doch die anderen Konzerne ziehen notgedrungen nach. Zwar gibt es mit CTS Eventim und AEG zwei weitere Schwergewichte, doch Live Nation bleibt der unumstrittene Branchenprimus. AEG zieht mit seiner hauseigenen Ticketing-Plattform AXS und eigenen Venues international exakt die gleiche Nummer ab.

Und Eventim? Mehr als eine bloße Ticketbude: Unter dem CTS-Dach tummeln sich riesige Promoter, die fettesten Festivals, eigene Venues und ebenfalls Sponsoring-Deals. Aber auch Klaus Peter Schulenberg, CEO von Eventim, hat kürzlich steigende Konzertpreise prognostiziert und die hohen Künstlergagen als Grund genannt. Dass man aber selbst fleißig mitbietet, lässt man außen vor. Das System ist überall das gleiche, Live Nation hat es nur auf die absolute Spitze getrieben.

Der Wettbewerb wird komplett überholt. Kleinere Veranstalter und unabhängige Booker haben das Nachsehen. Da bleibt für viele Indie-Veranstalter oft nur das Aufgeben, wie es sich zuletzt aktuell beim Rocco Del Schlacko oder vielen anderen kleinen Festivals zeigt.

Kultur am Fließband

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Live Nation produziert Konzerte wie am Fließband. Die alternative Szene blutet langsam aus. Es gibt immer das nächste Superlativkonzert, die noch fettere Stadion-Show, die nicht nur die komplette mediale Aufmerksamkeit, sondern vor allem das verfügbare Geld der Fans aus dem Markt saugt.

Die Konzerne bestimmen mittlerweile maßgeblich mit, was überhaupt als "neue Kultur" entsteht und gepusht wird. Sie diktieren, welche Acts groß gemacht werden, während der Zugang zu dieser Kultur zu einem Privileg verkommt. Live-Musik wird rigoros denen vorbehalten, die die meisten Ressourcen dafür aufbringen können. Wer sich die Ticketpreise nicht leisten kann, bleibt draußen. Wenn die Kohle für das Mega-Event draufgeht, fehlt sie am Ende für das Ticket im kleinen Underground-Club.

Wir steuern geradewegs auf ein quasi Oligopol auf Kultur und Konzerte zu. Konzerte und Kultur werden längst nicht mehr der Kultur wegen oder für uns Fans produziert. Die Riffs, der Schweiß und die Emotionen sind nur noch Mittel zum Zweck, um den Shareholdern ihre Dividenden zu sichern. Der Moshpit mutiert zur Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Die Luft wird dünner: US-Behörden laden durch

Diese tiefgreifende Integration ist es, die aus Live Nation nicht nur einen Marktführer, sondern eine marktstrukturierende Instanz gemacht hat, mit zunehmend monopolistischer Prägung, wie auch US-Behörden und Wettbewerbswächter zuletzt feststellen mussten. Der Vorwurf: Live Nation und Ticketmaster würden ihre Marktmacht ausnutzen, um Konkurrenz zu ersticken, Venues zu knebeln und die Preise für die Fans in die Höhe zu treiben. Wettbewerbshüter haben Klagen eingereicht, die sogar eine mögliche Zerschlagung dieses Imperiums fordern. Ob dieses gigantische Flywheel durch den juristischen Druck ins Stottern gerät, bleibt abzuwarten.

Was aus der Fusion von Ticketmaster und Live Nation hervorgegangen ist, ist heute längst kein Konzertveranstalter mehr. Es ist ein Ökosystem, ein gieriger Krake, welcher seinen Investoren verpflichtet ist, immer mehr Gewinne zu erwirtschaften.

Klar, wenn IRON MAIDEN, ARCHITECTS oder SLIPKNOT aufschlagen, stehen wir am Ende doch wieder zähneknirschend vorm Venue. Aber wir haben auch eine Wahl: Lasst uns nicht vergessen, wer unsere Szene wirklich am Leben hält. Geht in die kleinen, versifften Clubs, supportet die Indie-Veranstalter, trinkt euer Bier am lokalen Tresen und kauft das Shirt direkt beim Act am Merch Stand. Nur so verhindern wir, dass uns der Konzertkapitalismus den letzten Rest der Szene nimmt.

Quellen und weitere Infos:

BYE Redaktion

Wenn Du Metal, Rock, Hardcore oder Alternative hörst und Szene-Polizisten für das Letzte hältst, was Musik braucht, dann bist Du hier zu Hause. 
 
 

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