Geschrieben von Donnerstag, 05 Februar 2026 16:30

TAILGUNNER im Interview: „Heavy Metal lebt – und es geht ihm gut!“

Bassist und visionärer Bandkopf von TAILGUNNER: Thomas Hewson, genannt Bones. Bassist und visionärer Bandkopf von TAILGUNNER: Thomas Hewson, genannt Bones. Alle Fotos: Tunde Valiszka

Mit ihrem zweiten Album „Midnight Blitz“ werfen die Briten TAILGUNNER an diesem Freitag ein echtes Brett auf den Markt. BurnYourEars hat für euch Infos eingeholt bei Bandleader Bones und Drummer Eddie Mariotti.

Hallo, ihr zwei, und Glückwunsch zur Veröffentlichung von „Midnight Blitz“ (hier geht´s zum Album-Review). Bones, bei unserem letzten Interview vor 15 Monaten hattest du angekündigt, dass bei dieser Scheibe alles „auf Elf“ hochgejagt wird. Ich finde, du hast nicht zu viel versprochen. Hat auch aus eurer Sicht alles geklappt, wie ihr es vorhattet?

Bones: Am Ende ja. Dieses Album zu machen, war ein langer Prozess, und es gab viele Dinge, auf die wir achten mussten. Du lieferst dein zweites Album ab, und wenn du dich nicht wirklich konzentrierst, aufpasst und hart arbeitest, ist es leicht, es zu vermasseln und die Leute zu enttäuschen.

Eddie: Wir wollten wirklich ein großes, großes Statement setzen als Nachfolger von „Guns For Hire“, das unglaublich wichtig für das Wachstum der Band war. Also hatten wir zusätzlichen Druck, das beste Produkt abzuliefern, das wir können. Aber das ist generell unsere Denkweise. Jede Platte, jede Show – wir wollen immer den besten Eindruck hinterlassen und die beste Version von uns selbst sein.

EDDIE Drums SHOT 1 Photo Credit Tunde Valiszka CLOSEEddie Mariotti (Schlagzeug)

Eddie, du bist vor etwa einem Jahr als Letzter zum aktuellen Line-up dazugestoßen. Wie fühlt es sich an, an so einem Album mitzuwirken und Teil einer Band zu sein, von der die britische Metal-Presse dermaßen viel erwartet?

Eddie: Es ist unglaublich. Bones und ich kennen uns schon seit ein paar Jahren, und ich war vorher schon Fan der Band. Tatsächlich habe ich TAILGUNNER in ihrer allerersten Besetzung in London vor einigen Jahren gesehen. Dass sich die Dinge dann so entwickelt haben, war für mich einfach nur großartig, und ich war sofort bereit einzusteigen. Es ist alles wahnsinnig aufregend!

Manche Bands veröffentlichen ein oder zwei Alben und haben danach nichts mehr zu sagen.

In den letzten zwölf Monaten ist bei euch viel passiert: neues Label, neues Album, mehrere Touren, neue Outfits, eigenes Stage-Design … Zahlt sich die harte Arbeit der letzten Jahre jetzt endlich aus?

Bones: Ich denke, ja, es zahlt sich definitiv aus, aber es liegt auch noch ein weiter Weg vor uns, um dorthin zu kommen, wo wir als Band sein können, wo wir uns selbst sehen. Manche Bands veröffentlichen ein oder zwei Alben und haben danach nichts mehr zu sagen. Bei uns ist es genau andersrum. Wir sind extrem stolz auf „Midnight Blitz“, aber es fühlt sich an, als gäbe es noch so viel mehr, was wir erreichen können. Es ist ein wichtiger Schritt auf der Reise – aber ganz sicher nicht das Ende.

Wie kam’s eigentlich, dass du statt Thomas nur noch Bones genannt werden möchtest?

Bones: Den Spitznamen habe ich schon, seit ich zwölf war. Damals in meiner ersten Schulband hat der Vater unseres Gitarristen angefangen, mich Bones zu nennen. Mir gefiel es – und der Name ist über all die Jahre hängengeblieben. Bei diesem Album jetzt dachte ich irgendwann: „Warum nicht auch bei TAILGUNNER so auftreten?“ Es ist ein cooler Bühnenname.

Bekanntermaßen sind IRON MAIDEN ein großer Einfluss für euch. Und es ist eine interessante Parallele, dass du als Bassist die Band gegründet hast und als Bandleader fungierst, wie Steve Harris. Triffst du bei TAILGUNNER alle wichtigen Entscheidungen bezüglich Karriere, Musik, Outfits, Image und so weiter?

Bones: Nun, jede Band braucht einen Leader – Steve bei Maiden, Axl bei Guns N’ Roses, Malcolm war es bei AC/DC. Du kannst nicht zu viel Demokratie haben, zu viele Köche und so weiter … Ich habe eine Vision, und ich denke, wir haben eine Band, die dieser Vision vertraut. Es gibt ein großartiges Zitat von Doyle, dem Gitarristen der MISFITS. Er sagte: „Wenn du jemanden in deiner Band hast, der etwas besser kann als du, und du lässt es ihn nicht machen, dann bist du ein Idiot.“ Also, auch wenn ich vorgebe, wohin TAILGUNNER unterwegs sind: Jeder hilft, das Schiff zu steuern. Jeder bringt Input ein. Wenn ich allein an die Verbesserungen denke, die wir durch den Einstieg von Rhea und Eddie erfahren haben. Jeder hat seine eigenen Stärken, und die Band wäre definitiv nicht dort, wo sie jetzt steht, wenn wir nicht dieses Line-up hätten.

Sobald du einen Plan B hast, glaubst du insgeheim, dass Plan A scheitern könnte.

Du selbst hast gute acht Jahre investiert, um TAILGUNNER zu formen und bis hierher zu bringen. Hattest du jemals einen Plan B, falls es mit der Band nicht funktioniert hätte?

Eddie: Was ist ein Plan B? (beide schmunzeln)

Bones: Nein. Es gibt keinen Plan B. Denn sobald du einen Plan B hast, glaubst du insgeheim, dass Plan A scheitern könnte. Als Musiker musst du ein Stück weit „verrückt genug“ sein, um überhaupt irgendwohin zu kommen. Du musst darauf vertrauen, dass es funktioniert. Mich hat am Anfang schon mal jemand gefragt, und ich habe gesagt: „Ich gebe mir fünf Jahre. Wenn ich dann immer noch kein Line-up zusammen habe, versuche ich, bei einer anderen Band einzusteigen und dort Bass zu spielen.“ Aber ich habe das vorher schon gemacht, und die Lektion war: Ich bin viel zu selbstbewusst, um nur das Zeug anderer Leute zu spielen. Darum ging’s mir bei TAILGUNNER: die Band zu formen, die ich als Kind immer sehen wollte. Und Gott sei Dank hat es geklappt!

CRAIG Vocals SHOT 1 Photo Credit Tunde Valiszka CLOSECraig Cairns (Gesang)

Jeder von euch liefert auf „Midnight Blitz“ eine herausragende Performance ab. Aber ich möchte einmal Craigs Gesang hervorheben, der für TAILGUNNER eine ganz besondere Bedeutung hat. Als er damals der Band beigetreten ist: War euch klar, dass Craig einer der besten Metal-Sänger werden könnte, um den euch viele andere Gruppen beneiden würden?

Bones: Ja. Ich hatte Craig ja schon vorher singen gehört, und ich habe ihn ungefähr ein Jahr lang „gejagt“, damit er uns endlich beitritt. (grinst) Das erste Mal, dass ich Craig gehört habe, war auf Instagram, ein Cover von Maidens „22 Acacia Avenue“. Sobald diese hohen Vocals im Intro losgingen, dachte ich: „Das ist der Typ! Das ist der Typ! Er muss für meine Band singen!“ Er hat erst mal freundlich abgelehnt, was ich verstehen konnte, aber ich bin dann durch ganz England gereist und bei einem Gig seiner damaligen Band MIDNIGHT PROPHECY in Liverpool aufgetaucht. Ich glaube, da dachte er: „Oh fuck … dieser Typ meint es wirklich ernst … oder er ist total irre!“ Ich konnte ihn überreden, den Song „Guns For Hire“ als Demo einzusingen, und ich glaube, das hat ihn überzeugt, dass die Sache Hand und Fuß hat. Also ja: Craig war der Sänger, den ich immer wollte und den diese Band braucht, und er hat alle Erwartungen erfüllt. Ich denke, er ist einer der besten, wenn nicht der beste neue Metal-Vokalist unserer Zeit.

Ich hatte nie Sorgen, dass Craig uns fallen lassen würde.

Als 2023 euer Debut „Guns For Hire“ erschien, ist Craig aber erst mal noch zweigleisig gefahren und hat auch bei INDUCTION gesungen, die ebenfalls bereits am Durchstarten waren. Hattest du schlaflose Nächte bei dem Gedanken, dass er sich für INDUCTION entscheiden und bei TAILGUNNER aussteigen könnte?

Bones: Nein. Ich habe wirklich sehr viel Respekt vor Tim Hansen und seiner Band, aber ich hatte nie irgendwelche Sorgen, dass Craig uns fallen lassen und nur noch für INDUCTION singen würde. Stress gab’s höchstens mal bei der Abstimmung der Terminkalender, aber das war Craigs Problem. Einmal hat er mit INDUCTION in Japan gespielt, als Support für GAMMA RAY, und ist nach dem Gig direkt zurückgeflogen, um mit uns für RIOT zu eröffnen. Aufgrund der Zeitverschiebung hat er zwei Shows auf zwei Kontinenten am selben Tag gespielt.

RHEA Guitar SHOT 1 Photo Credit Tunde Valiszka CLOSERhea Thompson (Gitarre)

Noch mal zurück zum neuen Album: Der Musikmarkt wird aktuell jeden Tag überschwemmt mit neuen Veröffentlichungen, darunter auch vielen jungen Bands, die klassischen 80er-Metal spielen. Warum sollen die Leute ausgerechnet in „Midnight Blitz“ reinhören?

Eddie: Weil es verdammt großartig ist! Das ist die einfache Antwort. (lacht) Ehrlich: Ich war schon in anderen Bands, ich habe viele Bands gesehen – aber selten habe ich eine Gruppe erlebt, die so fokussiert und mit so viel Hingabe bei der Sache ist wie TAILGUNNER. Bones hat eine extrem klare Vision, nicht nur musikalisch, sondern in jeder Hinsicht: Sound, Image, Ausrichtung – alles. Das Album ist stark, das Projekt ist stark, und ich glaube, das Wichtigste ist: Man spürt das Potenzial. Selbst wenn ich nur Fan wäre, würde ich denken: „Das ist jetzt schon richtig gut – aber ich will unbedingt sehen, was diese Band in Zukunft noch schaffen kann!“

Die 80er waren nicht nur Nostalgie – sie waren Innovation.

Bones: Was uns von so vielen anderen Bands unterscheidet, die heute klassischen Heavy Metal spielen: Viele vergessen, dass die 80er nicht nur Nostalgie waren – sie waren Innovation. Priest, Maiden – diese Bands haben sich ständig weiterentwickelt. Manche Bands heute wollen nur wie ein obskures Album von 1982 klingen. Und ich liebe das, ich bin ein riesiger Fan davon – aber das sind nicht wir. Wir beten nicht nur am Altar dieser legendären Bands – wir versuchen, darauf zu stehen, mit unserer eigenen Identität. Und ich glaube, genau deshalb reagieren die Leute so positiv auf TAILGUNNER.

Lasst uns auf die Lyrics des neuen Albums schauen. Abgesehen von „Tears In Rain“ und „Dead Until Dark“, die von Filmen inspiriert wurden, geht’s in den Texten fast ständig um Krieg, Gefahr, Bedrohung. Ich könnte mir vorstellen, dass das für manche Zuhörer ein bisschen zu viel ist, gerade in der heutigen, politisch schwierigen Zeit, in der einige Menschen durchaus Angst haben, dass wir selbst irgendwann wieder einen Krieg in Mitteleuropa erleben könnten. Was sagt ihr dazu?

Bones: Wir sind keine politische Band, in keiner Weise. Ich habe kein Problem, über solche Themen privat zu sprechen. Aber wenn es um TAILGUNNER geht, sollten wir einfach über Heavy Metal reden. Viele sagen, unsere Texte seien „kriegsbezogen“, aber ehrlich gesagt: Es ist einfach ein starkes Thema für Heavy Metal. Ich habe mir auf diesem Album sogar Mühe gegeben, weniger über Krieg zu schreiben als auf dem ersten. Aber vielleicht ist es einfach mein Stil. Außerdem bedeutet nicht alles, was danach klingt, wirklich wortwörtlich Krieg. Oft ist es eine Metapher. „Midnight Blitz“ handelt nicht vom Blitzkrieg, sondern von uns als Band und von Heavy Metal im Allgemeinen. „War in Heaven“ steht auch für etwas viel Persönlicheres. Zwar gibt es auf dem Album einen tatsächlichen Kriegssong wie „Barren Lands And Seas Of Red“, aber wir sind nicht SABATON. Das wollen wir auch gar nicht sein.

Nichts, was wir tun, ist eine Verherrlichung oder ein Support von Krieg. Definitiv nicht!

In meiner Interpretation ist „Barren Lands And Seas Of Red“ ein Anti-Kriegs-Song. Liege ich da richtig?

Bones: Ja. Ich habe vor ein paar Jahren den Tower of London besucht, und dort ist ein berühmtes Gedicht ausgestellt namens „Blood, Sweat, Lands and Seas of Red“. Es wurde von einem unbekannten Soldaten im Ersten Weltkrieg geschrieben. Bei so einem Titel – wie kann man da nicht einen großartigen Heavy-Metal-Song draus machen? Es geht um den Horror des Krieges, um die unnötige Natur von Krieg und Tod, besonders damals im Ersten Weltkrieg. Also nichts, was wir tun, ist eine Verherrlichung oder ein Support von Krieg. Definitiv nicht!

Wir haben heute mehrfach das Wort „Vision“ gehört. Was ist eure künftige Vision? Was ist möglich, und wo seht ihr TAILGUNNER in ein paar Jahren?

Eddie: Wembley! … Im Ernst: Ich glaube, alles ist möglich!

Bones: Das Schöne ist: Unsere Vision ist eigentlich ganz simpel. Wir wollen die Band sein, die wir selbst als Teenager geliebt hätten. Die Band, die man sich immer gewünscht hat – und die aus Großbritannien so nie wirklich gekommen ist. Wir lieben Gitarrensoli, wir lieben große Refrains, wir lieben Leder, wir lieben übertriebene Shows. Auf dem Papier ist das alles sehr einfach – aber wir müssen es so gut machen, wie wir nur können. Und dann gibt es keine Grenzen. Wir wollen einfach die ultimative Heavy-Metal-Band sein!

ZACH GUITAR SHOT 1 Photo Credit Tunde Valiszka CLOSEZach Salvini (Gitarre)

Für 2026 habt ihr viele Pläne, darunter sind bislang vier Festivalauftritte in Deutschland vorgesehen. Können wir auch auf ein paar Headliner-Shows in Deutschland hoffen?

Bones: Irgendwann auf jeden Fall. Aber erst mal werden wir elf sehr große Shows bei euch haben. Ich denke, die Fans in Deutschland werden zufrieden sein. Es dauert nicht mehr lang, bis wir auch den Rest unserer Shows ankündigen können. Also: Stay tuned!

Eddie: Wir werden dieses Jahr wahrscheinlich mehr Zeit in Deutschland verbringen als im UK … (grinst)

Das klingt super. Eddie, Bones, ich bedanke mich für dieses Interview. Gibt es etwas, das ihr unseren Leserinnen und Lesern noch sagen möchtet?

Bones: Hört euch einfach unser neues Album „Midnight Blitz“ an. Kommt und seht uns auf Tour. Und wenn ihr euch nach neuen Bands im Stil von Maiden, Priest und Helloween sehnt – dann sind wir hier. Verpasst uns nicht. Heavy Metal lebt – und es geht ihm gut! Und das wird auch immer so bleiben.

TAILGUNNER sind auf Instagram zu finden unter @tailgunnerhq

Marcus

Als Kind geprägt durch die umfangreiche Plattensammlung meines Vaters, in der von BAP bis Motörhead alles vertreten war, sowie eine dauerhafte Infektion mit dem Kiss-Virus (seit 1979 nicht mehr abgeklungen), entwickelte sich äußerst früh meine Begeisterung für Rock, Hardrock, Metal und Konzerte. Und abgesehen von Paul Stanley und Co. gilt in meinem Fall: Je kleiner, desto feiner! Diese unglaubliche Energie, die ein Clubgig entfachen kann, ist für mich mit nichts zu vergleichen. Insofern ist es gar nicht hoch genug zu bewerten, dass es auch nach Corona und trotz bedenklicher Preisentwicklungen kleine Veranstalter und Locations gibt, die mit Herzblut dafür kämpfen, auch unbekannteren Künstlern eine Bühne zu bieten – das ist keine Selbstverständlichkeit! Daher: Support your local clubs and bands!

Top 5 Studioalben

Nestor - Teenage Rebel (2024)
Dark Tranquillity - Haven (2000)
Helloween - Keeper Of The 7 Keys, Part I (1987) 
Savatage - Streets / A Rock Opera (1991) 
Fifth Angel - Fifth Angel (1986)

Top 5 Livealben

Kiss - Alive II (1977)
Blind Guardian - Tokyo Tales (1993)
Stratovarius - Visions Of Europe (1998)
Iron Maiden - Rock In Rio (2002)
Judas Priest - Unleashed In The East (1979)

Top 5 Konzerte

Kiss + Iron Maiden (Kassel 1980)
Helloween + Overkill (Fulda 1987)
Nestor (Memmingen 2024)
Savatage (München 1996) 
Tailgunner (Selb 2024)

Rückmeldungen und Fragen sehr gerne per Instagram @bendelmarcus oder per Mail an marcus@burnyourears.de

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