Geschrieben von Samstag, 21 März 2026 21:08

HANS ZIMMER "The Next Level" in Dortmund: Ein dreistündiger Rausch der Extraklasse

Es gibt Abende, da weiß man schon beim ersten Ton (oder beim ersten Zucken eines Lichtblitzes samt Donnergrollen): Das hier wird kein normales Konzert. Das wird eine prägende Erfahrung. Eine musikalische Reise, die ihresgleichen sucht. Entertainment der Extraklasse – und das hart verdiente Geld mehr als wert. Weil solche Erinnerungen unbezahlbar sind.

17.03.2026, Westfalenhalle Dortmund – Soundtrack-Komponist, Grammy-Gewinner und Oscar-Preisträger Hans Zimmer pilgert mit seinem Tross ins Ruhrgebiet, um das Europa-Kapitel seiner "The Next Level World Tour 2025/26" langsam, aber sicher zu Ende zu schreiben. Nach "Hans Zimmer Live" 2022 und 2023 lässt es sich der Maestro nicht nehmen, sein Publikum erneut mit auf eine Reise durch seine umfassende Soundtrack-Karriere zu nehmen.

Wer an diesem Abend in der Westfalenhalle sitzt, tut dies, um sich einer musikalischen Naturgewalt hinzugeben. Einer Naturgewalt voller Melodie, Emotion, Kraft, Drama, Pathos und Ehrlichkeit. Wer die zuletzt erschienene Blu-ray "Diamond In The Desert" mit spektakulären (Live-) Aufnahmen aus Dubai oder "Live In Prague" als Referenz (Die exzellente Abmischung in Dolby Atmos! Das atemberaubende 4K-Bild!) im Schrank stehen hat, weiß, worauf er sich einlässt. Ungefähr zumindest – denn die Bezeichnung "The Next Level" kommt nicht von ungefähr.

Ein Line-up der Superlative

Schon beim ersten Blick auf die Bühne wird klar: Der Maestro kleckert nicht, er klotzt. Hans Zimmer hat eine Truppe um sich geschart, bei der jede*r Musiker*in, jede*r Sänger*in alleine auf absolutem Weltklasse-Niveau ist. Und dort stehen sie als Einheit, gesegnet mit purer Freude, Energie und Leidenschaft, die sich sofort auf das Dortmunder Publikum überträgt.

Man erblickt und hört alte Bekannte wie den unfassbaren Guthrie Govan. Wenn Zimmer ihn Abend für Abend als „besten Gitarristen der Welt“ vorstellt, ist das keine Plattitüde – es ist ein Fakt. Was dieser so bescheiden wirkende Mann aus den Saiten seiner Gitarren herausholt, grenzt an Hexerei. Oder Nick Glennie-Smith, den Multiinstrumentalisten, mit dem Hans Zimmer bereits seit fast 50 (!) Jahren zusammenarbeitet. Oder Violinistin Molly Rogers, die über ihre musikalischen Fähigkeiten hinaus mit einer wundervollen Stimme gesegnet ist.

Apropos Stimmen: Auf der Bühne gibt sich die Creme de la Creme der markanten Vocals die Klinke in die Hand. Loire Cotler etwa, die mit ihrem beeindruckend mächtigen, beinahe außerweltlichen Organ die weiten Sandlandschaften aus "Dune" greifbar macht. Oder der König der Löwen Lebo M. höchstselbst. Und was wäre eine "Gladiator"-Suite ohne die ehrwürdige, unter die Haut gehende Lisa Gerrard? Ihr bescheinigte der Maestro, in Dortmund die beste "Gladiator“-Performance ihrer Karriere abgeliefert zu haben.

Das lag für den Komponisten auch an der Energie in der Halle. Das Publikum quittierte Soloauftritte mit ohrenbetäubendem Applaus und kitzelte scheinbar mehr als 100 Prozent aus jedem Beteiligten heraus. Auch wenn frühere Wegbegleiter wie Pedro Eustache oder Tina Guo kein Teil dieser Konzertreise sind, bügelten die Neuzugänge und weitere alte Bekannte jede Lücke mit purer Leidenschaft wieder glatt.

180 Minuten musikalische Ekstase: Von Gotham ins Weltall

Pünktlich um 19:30 Uhr ging die Soundtrack-Reise los. Wer Hans Zimmer kennt, weiß, dass er ein begnadeter, unheimlich sympathischer Geschichtenerzähler ist. Er moderierte den Abend mit einer solchen Herzlichkeit, frotzelte lachend mit seiner Band und wechselte völlig uneitel zwischen Deutsch (gell?) und Englisch, dass es sich fast wie bei einem (sehr lauten) Wohnzimmerabend unter Freunden anfühlte. Die Konzeption der Setlist war dabei nahe an der Perfektion. Trotz diverser Wiederholungen gab es keine bloßen Kopien der letzten Tour 2022/23, sondern duechdacht verfeinerte Suiten, Einzel-Tracks und Überraschungen.

Bereits der grandiose Beginn zog das Publikum in einen düsteren Sog, der die Westfalenhalle in ein beklemmendes Gotham verwandelte – Gänsehaut inklusive. "The Dark Knight" startete mit einem überlangen Synthesizer-Einstieg, fiebrigen Violinen und dem knarzigen Bass, der die Magengrube massierte. Die verstörend verfremdeten Klänge von "Paul's Dream" aus dem "Dune"-Soundtrack schlossen sich an, bevor Guthrie Govan zum "Man Of Steel" avancierte.

Nach einem erweiterten Intro konnte "What Are You Going To Do When You Are Not Saving The World?" mit "Gar nichts, wir gucken einfach nur mit runtergeklappter Kinnlade zu!" beantwortet werden. Was der Gitarrist hier mit seinem begnadeten Solo ablieferte, sorgte für ungläubiges Staunen.

Zu "To Every Captive Soul" aus dem "Hannibal"-Soundtrack wurde die Bühne nach und nach in blutrotes Licht getaucht, während das wehklagende Cello in den Fokus rückte – intime Beleuchtung mit Kerzenschein und ein endlos fließendes, samtiges Kleid inklusive.

Das himmlisch schöne "Chevaliers De Sangreal" aus "The Da Vinci Code" kanalisierte wie kaum ein anderes Stück die Essenz von Hans Zimmer: Von den geheimnisvollen Xylophon-Klängen über die sehnsuchtsvollen Streicher und das satte Cello bis zum epischen Chor-Finale streichelte das Thema mit jeder neuen Wiederholung die Seele ganz, ganz tief. Den emotionalen Anker und Schlusspunkt der ersten Hälfte setzte das fantastische "Gladiator"-Medley, bis aufs Äußerste ausgereizt auf satte 20 Minuten. Was für ein Geniestreich!

Überraschungen, Akrobatik und Metal-Vibes

Der zweite Teil wartete mit willkommenen Überraschungen auf: Das sich wellenförmig aufbauende "Dream Is Collapsing" brachte die Westfalenhalle wieder in Stimmung, bevor "160 BPM" aus "Angels & Demons" die Percussionisten ins Rampenlicht stellte und mit "Pearl Harbor" ein Stück erklang, das Zimmer selbst eigentlich nicht besonders schätzt. Besonders stolz zeigte sich der Komponist seiner Band gegenüber, weil das Stück es dank ihrer Überarbeitung doch ins Programm geschafft hat.

Das zackige Synthie-Thema aus "F1" wurde um ein weiteres exzellentes Solo von Guthrie Govan erweitert, bevor "Snow Owl" Juan Garcia-Herreros mit seinem fett knarrenden Bass den Bogen zurück zu "Dune" spannte. "A Time Of Quiet Between The Storms", das Love-Theme zu Paul und Chani, entfaltete durch das traumwandlerisch sichere Zusammenspiel zwischen Cotler und Govan eine tief berührende, zauberhaft-zarte Magie.

Auch "Interstellar" wurde aufs Äußerste ausgereizt, bevor es im symphonischen Finale explodierte und für das Show-Highlight des Abends sorgte: In schwindelerregender Höhe baumelte eine Akrobatin von der Decke und bewegte sich scheinbar schwerelos zu den fantastischen Weltraum-Klängen, während sie in einem glitzernden Ganzkörperanzug von Scheinwerfern angestrahlt das Licht tausendfach brach.

Mit einem lebensfrohen Afrika-Block und einem Medley aus "The Lion King" versprühten Hans Zimmer und seine Freunde gegen Ende nochmals pure Energie, bevor "The Kraken" für echte Metal-Vibes sorgte. In einer fast schon Symphonic-Metal-artigen Bearbeitung von (natürlich) Guthrie Govan leitete es unfassbar druckvoll und aggressiv in "Pirates Of The Caribbean" ein, die letzte große Suite des Abends.

hans zimmer

Als die ersten Piano-Klänge zu "Time" erklangen, die Band einstieg und der Song so leise verebbte, wie er begann, waren drei Stunden magisches Soundtrack-Entertainment vorbei gegangen. Der ikonische "Inception"-Track markierte den perfekten Schlusspunkt für einen Abend, an dem tausende Menschen zu einer friedlichen, ehrfürchtig lauschenden Einheit verschmolzen. Wer Musik mit jeder Faser seines Körpers fühlen und dazu eine atemberaubende Show sehen will, kommt um Hans Zimmer nicht herum.

Und das ist die eigentliche Faszination hinter diesem Konzept: Musik, die eigentlich „nur“ Bilder untermalen soll, wird dank Hans Zimmer zum Hauptdarsteller. Präsentiert von so herzensguten und talentierten Menschen, dass man stets zwischen seligem Grinsen und ungläubigem Kopfschütteln hin- und hergerissen war. Wenn das „The Next Level“ war – was soll denn da bitteschön noch kommen?

Setlist

Part I

Like A Dog Chasing Cars / Why So Serious? / The Fire Rises (The Dark Knight)
Paul's Dream (Dune)
What Are You Going To Do When You Are Not Saving The World? / If You Love These People (Man Of Steel)
To Every Captive Soul (Hannibal)
Chevaliers de Sangreal (The Da Vinci Code)
Discombobulate (Sherlock Holmes)
Homecoming / Barbarian Horde / Duduk Of The North / Elysium / Honor Him / Now We Are Free (Gladiator)

Part II

Dream Is Collapsing (Inception)
160 BPM (Angels & Demons)
… And Then I Kissed Him / Tennessee (Pearl Harbor)
F1 (F1)
A Time Of Quiet Between The Storms (Dune: Part Two)
Day One / Murph / Coward / Stay (Interstellar)
Africa (The Power Of One)
Circle Of Life / He Lives In You / This Land / King Of Pride Rock (The Lion King)
The Kraken / Jack Sparrow / At Wit's End / He's A Pirate (Pirates Of The Caribbean)
Time (Inception)

Chrischi

Musik ist immer da. Sie ist ein Geschenk und wird nie vergehen. Sie ist Seelentröster, Stimmungsmacher, Runterbringer, Frustbewältigung, Freiheit und Gefühl. Und weil sie oft genug so unfassbar geil ist, sollten wir drüber reden. 

Stile: Metal und (Hard) Rock in allen möglichen Facetten – von knüppelhart über symphonisch bis vertrackt und balladesk.

Bands: Metallica, Iron Maiden, Bruce Dickinson, Blind Guardian, Avantasia, Helloween, Nightwish, Ayreon, Dream Theater, Lorna Shore, Wintersun, Opeth, Foo Fighters, Pearl Jam, Linkin Park, Motörhead, AC/DC, Rammstein, Armored Saint, Night Demon, Hans Zimmer und so verflucht viele mehr ...

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