Ganze zweieinhalb Stunden dauerte die musikalische Reise. Doch man muss ehrlich sein: Stimmlich hatte Frontmann Steve Hogarth (liebevoll einfach „h“ genannt) schon stärkere Tage. Im Vergleich zum Vorjahr wirkte sein Organ stellenweise etwas belegt und nicht ganz so kraftvoll. Das machte er jedoch mit seiner gewohnt exzentrischen Bühnenpräsenz und einer gehörigen Portion Charisma wieder wett.
Die Setlist: Zwischen Vorjahres-Melancholie und einer doppelten Sensation
Wer Marillion im Juni 2025 beim Berliner Weekender an gleicher Stelle erlebt hat, erinnert sich an eine ganz andere Grundstimmung. Damals lag der Fokus am ersten Abend fast komplett auf dem 2004er-Meilenstein „Marbles“ – ein Geniestreich, der damals eine unglaublich dichte, schwermütige und in sich geschlossene Atmosphäre schuf. 2026 präsentierte uns die Band nun eine bunt gemischte, abwechslungsreiche Setlist.
Und dann passierten jene Momente, die für die Hardcore-Fraktion der Hogarth-Ära an ein echtes Weltwunder grenzten: Völlig unerwartet stimmte die Band den Über-Hit „Kayleigh“ an. Seit „h“ 1989 das Mikrofon von Fish übernahm, meidet die Band ihre alten 80er-Erfolge weitgehend. Doch damit nicht genug der Nostalgie – ohne Atempause schoben MARILLION direkt das fantastische „Hotel Hobbies“ (vom 1987er-Meilenstein "Clutching At Straws") hinterher. Diese beiden Perlen der Fish-Ära direkt hintereinander live zu erleben, war ein echter Gänsehaut-Moment und ein historischer Ritterschlag für diesen Konzertabend.
Chor-Magie und exzellenter Sound
Ein inszenatorischer Geniestreich wartete im Mittelteil des Sets auf uns: Völlig überraschend betrat ein achtstimmiger Chor (sechs Sängerinnen, zwei Sänger) die Bühne. Die zusätzliche Gesangspower verlieh den ohnehin epischen Klangwänden der Band eine orchestrale, fast sakrale Tiefe – ein echtes Highlight.
Unterstützt wurde dieser Moment von einem gewohnt erstklassigen Sound. Steve Rotherys schwebende Gitarrensoli und Mark Kellys Keyboard-Teppiche kamen glasklar und differenziert aus den Boxen. Schade nur, dass die Lichtshow nicht ganz an das visuelle Spektakel von 2025 heranreichte; dieses Jahr wirkte die Beleuchtung etwas reduzierter und weniger verspielt.
Ein Blick in die Zukunft und die Tücken des Alters
Als besonderes Schmankerl präsentierte die Band mit „Ribbons And Lace“ einen brandneuen Song von ihrem kommenden, noch unbetitelten Studioalbum. Ein vielversprechendes Stück, das zeigt, dass die Herren auch nach 47 Bandjahren noch kreatives Feuer in sich tragen.
Dass der mittlerweile 70-jährige Steve Hogarth auf dieser Deutschlandtour etwas vorsichtiger agiert, hat übrigens einen handfesten Grund: Nur wenige Tage zuvor, am 7. Juli bei der Show in der Frankfurter Jahrhunderthalle, stürzte der hyperaktive Sänger im Eifer des Gefechts von der Bühne. Zum Glück blieb er unverletzt, doch im Tempodrom hielt er verständlicherweise etwas mehr Sicherheitsabstand zur Bühnenkante.
Abgang in die Sommernacht
Ohne die sonst üblichen, künstlich in die Länge gezogenen Zugabenspielchen endete das reguläre Set mit dem epischen, emotional aufwühlenden „Great Escape“. Danach war Schluss. Ein schnörkelloser, ehrlicher Abgang. Die Band verabschiedete sich und entließ ein sichtlich glückseliges Publikum in die milde, Berliner Sommernacht.
Es war kein perfektes Konzert, aber eines mit Ecken, Kanten und Momenten für die Ewigkeit. Ein Abend, der mal wieder bewies, warum diese Band auch ohne Mainstream-Unterstützung seit Jahrzehnten eine der treuesten Fangemeinden der Welt hat.
SETLIST:
Splintering Heart
Fantastic Place
Easter
You're Gone
Ribbons and Lace
Kayleigh
Hotel Hobbies
Afraid Of Sunlight
Seasons End
Care
The Space
The Crow & The Nightingale
Lucky Man
Out Of This World
Living in FEAR
Go!
Man Of 1000 Faces
Mad
Great Escape