Progressive Metal mit Gänsehaut-Faktor
„Chrysalis" eröffnet die 20-minütige Reise und präsentiert perfekt die Klasse dieser Band: Luftige Gitarrenleads schweben über einem warmen Bass, der Klangraum ist weit geöffnet, dazu die klare Stimme von Sänger und Gitarrist Kyle Guerrero. Die erste Hälfte bleibt im Gitarrensound clean und offen, dann schalten VIE JESTER auf heavy, halten inne mit spannungsvollem Break – Bass und Gitarrenlead lösen sich, werden zum ineinander verschlungenen Mahlstrom, wuchtig und mitreißend. Gänsehaut … und das war nur der Auftakt!
Djent trifft Melodie
Die nächsten Songs überzeugen auf gleich hohem Niveau und bieten eine faszinierende Mischung aus schweren, bisweilen djentigen Riffs, melodischen Bögen und progressiven Power-Rock-Momenten, stets unterlegt von einem ungemein lebendigen Bass, der mich manchmal an KORN erinnert. Der Sound ist tight und poliert, mit gelegentlichem Grunge-Einschlag – wenn die Stimmen sich zu mehrstimmigen Harmonien zusammenfinden, erinnert das sogar an ALICE IN CHAINS. Und ich liebe diesen warmen Gesamtsound, in dem jedes Gitarrenlick, jedes Basspluckern atmen kann.
L.A. Alternative Metal unter dem Radar
Wenn all diese Versiertheit und Eleganz zusammen mit dem technischen Anspruch dann auch noch wie bei „The Pretty Tyrants" in einen melancholisch-schönen Refrain kulminieren, frage ich mich schon, wie diese Band so lange unter dem Radar bleiben konnte. Die Diskografie von VIE JESTER reicht mindestens bis 2013 zurück und umfasst fünf EPs, darunter mit „Masquerade" eine Cover-Scheibe mit Songs von GODSMACK, A PERFECT CIRCLE, INCUBUS und Hans Zimmer. Die Band befindet sich also nicht nur was ihre geschmacklichen Präferenzen angeht in bester Gesellschaft – man hört auch ihrem Spiel zu jeder Sekunde an, dass hier schwer talentierte Musiker am Werk sind.
Vermutlich laufen VIE JESTER, deren Name so viel bedeutet wie „Clown im Herzen", sich gerade erst richtig warm. Und Junge, bin ich gespannt, was da noch Großartiges auf uns zukommen wird!
