Geschrieben von Sonntag, 31 Mai 2026 21:19

METALLICA im Olympiastadion: Das größte Konzert Deutschlands – und seine Grenzen

Metallica live in Berlin Metallica live in Berlin Fotos: Heiko Becker

Schon am Vorabend des Konzerts gehörte die Stadt nicht mehr ganz sich selbst. Kuttenträger und METALLICA-Shirts prägten das Berliner Stadtbild wie eine stille Invasion – die Pilger waren längst angekommen, bevor die erste Note erklang. Am 30. Mai folgte dann der Beweis: Mit 95.000 Besuchern versammelte das Olympiastadion die größte Menschenmenge, die hierzulande je ein Einzelkonzert gesehen hat. Was diese Menge zu sehen bekam, war groß, teuer und brillant inszeniert – und trotzdem kein ungetrübter Triumph.

Im Schatten der Ringkonstruktion

KNOCKED LOOSE eröffneten. Das Hardcore-Quintett aus Kentucky ließ keinen Zweifel an seiner Bereitschaft, dem Rund einzuheizen – und doch blieb der Auftritt zwangsläufig ein Kampf gegen Verhältnisse, die nicht für sie gemacht waren. Die Bühne schluckt Support-Acts. Das ist keine Kritik an der Band, sondern an der Logik dieser Veranstaltungsdimension.

GOJIRA hingegen kennen das Stadion-Spiel. Die Franzosen, die beim Wacken Open Air 2025 noch als triumphale Headliner gefeiert wurden, traten hier unter einem entscheidenden Handicap an: Auf der M72-Bühne gelten METALLICAs Regeln – eigene LED-Wände waren untersagt. So wirkten GOJIRA wie ein Maler, dem man die Leinwand auf ein Drittel beschnitten hat: Das Können war sichtbar, die Wirkung gedämpft. Ihr Set lief technisch sauber, aber die visuelle Wucht, die ihren Auftritten sonst innewohnt, fehlte.

Creeping Death und kalkuliertes Chaos

Um 20:08 Uhr beendete das vertraute Doppel aus AC/DCs „It's a Long Way to the Top" und Ennio Morricones „The Ecstasy of Gold" das Warten. Wer zu diesem Zeitpunkt noch an der Bierstand-Schlange stand, verpasste den explosivsten Moment des Abends: „Creeping Death" als Opener – eine Wahl, die sofort klarmachte, dass die Band nicht sanft in den Abend gleiten wollte.

Die Bühne, die alles ermöglichen soll, nimmt der Band genau das, was METALLICA immer ausgemacht hat: Das Gefühl, dass da vorne vier Männer gemeinsam kämpfen.

Dann jedoch entfaltete die M72-Konstruktion ihre Schattenseite. Das 360°-Ringdesign verlangt, dass Lars Ulrichs Schlagzeug dreimal während der Show unter die Bühne abgesenkt und an eine neue Position gefahren wird. Was als Zugeständnis an die Gleichberechtigung aller Zuschauerblöcke gedacht ist, kostet die Show bei jedem Umbau spürbar Energie. Drei Mal kam der Schwung zum Erliegen, drei Mal musste die Stimmung neu aufgebaut werden.

Hinzu kommt ein strukturelles ästhetisches Problem: Durch die ringförmige Bühnenführung agieren James Hetfield, Kirk Hammett, Robert Trujillo und Lars Ulrich fast nie als geschlossene Einheit. Man blickt auf Rücken. Man sieht Musiker, die in entgegengesetzte Richtungen spielen. Die Bühne, die alles ermöglichen soll, nimmt der Band genau das, was METALLICA immer ausgemacht hat: Das Gefühl, dass da vorne vier Männer gemeinsam kämpfen.

Kritisch ist auch die Klassentrennung im Infield: Das Snake Pit – der zentrale Bereich direkt unter dem Drumkit – ist zu Preisen zugänglich, die Normalsterbliche ausschließen. Wer dort steht, erlebt eine andere Show. Wer außen steht, kämpft mit Sichtlinien, die von Video-Türmen im Infield zusätzlich beschnitten werden. Der Sound tat sein Übriges: Je nach Block changierte er zwischen mitreißend und schwer genießbar – das unvermeidliche Los jeder Stadionshow dieser Dimension, aber kein Freifahrtschein.

Berlin, Rammstein und das Finale

James Hetfield bewies einmal mehr, dass er zu den wenigen Frontmännern gehört, die ein Stadion dieser Größe tatsächlich füllen können – nicht mit Volumen, sondern mit Präsenz. Sein Charisma trägt, auch wenn die Konstruktion darum herum nicht immer hilft.

Der emotionale Höhepunkt des Abends gehörte Rob Trujillo und Kirk Hammett. Beim traditionellen „Doodle" – der improvisierten Bastion beider Musiker auf einer Satellitenbühne – griffen die beiden zu RAMMSTEINs „Sonne". Trujillo sang den Text auf Deutsch. Was das für einen Raum mit 95.000 Berlinern bedeutet, lässt sich kaum in Worte fassen: Das Stadion brannte, ohne dass eine einzige Pyrotechnik gezündet wurde.

Als der Berliner Abendhimmel schließlich dunkel genug war, um der Licht- und Pyroshow ihren Raum zu geben, fügte sich alles zusammen: „One" – untermalt von infernalischem Knall, Rauch und Feuer – war das kathartische Zentrum. Der Abschluss aus „Seek & Destroy", „Master of Puppets" und „Enter Sandman" war keine Überraschung, aber auch keine Enttäuschung. Ein Feuerwerk entließ 95.000 Menschen in die Berliner Nacht. Beseelt, erschöpft, taub.

Fazit

Kiel 1992, die Wuhlheide 2003, die Big 4 auf Schalke 2011 – wer diese Maßstäbe im Rücken hat, wird diesen Abend nicht ganz oben einsortieren. Der Gigantismus der M72-Tour kauft Reichweite auf Kosten von Intimität, und einige Songs im Mittelteil schleppten sich mit einer Schwere, die mehr mit Stadionphysik als mit künstlerischer Absicht zu tun hatte. Trotzdem: Schlecht war dieser Abend nie. „Gigantisch" trifft es am besten – mit allem, was das Wort verspricht, und allem, was es kostet.

Heiko

Ich bin Heiko Becker, gebürtiger Schleswig-Holsteiner und seit vielen Jahren in Berlin zu Hause. Meine musikalische Herkunft liegt im Grunge und der „angezerrten Gitarrenmusik“ der frühen 90er – Bands wie Nirvana, Guns N’ Roses, AC/DC, Pearl Jam, Foo Fighters, Machine Head, Pantera, Slayer, Metallica, Paradise Lost und Sick Of It All gehören zu meinen prägendsten Lieblingsbands. Aber auch Rap, Hip-Hop und Songwriter begeistern mich, solange die Musik handgemacht ist und bei mir Emotionen weckt.

Viele Jahre war ich als normaler Besucher auf Festivals wie Roskilde, Wacken Open Air, Hurricane Festival und Dynamo Open Air unterwegs. Seit 2024 darf ich endlich als akkreditierter Fotograf dabei sein und tolle Bilder von diesen besonderen Momenten machen.

Musik für mich ist immer eine emotionale Erfahrung – egal ob im Publikum oder hinter der Kamera, Hauptsache, sie berührt und bleibt im Gedächtnis.

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