Sollte Epic von FIFTH ANGEL verlangt haben, sich an Hair-Metal-Bands wie POISON zu orientieren, dann haben sich Ed Archer und Co. dem zum Glück erfolgreich widersetzt. „Cathedral“ beginnt mit fettem Riffing und ist sofort als FIFTH-ANGEL-Song erkennbar. Auch nach der Trennung von James Byrd wirkt der Einsatz der Gitarren absolut stimmig und charakteristisch, zudem muss man klar sagen: Kein anderer Sänger klingt wie Ted Pilot – der Mann ist einfach ein Kracher, der jeden Song zu seinem eigenen macht! „Cathedral“ ist ein Stück, das ich bis heute immer wieder gerne höre.
Radio-Legende mit Geschmack
Ähnlich stark: „Midnight Love“, das alles vereint, was den Hard Rock Ende der 80er hörenswert gemacht hat. Toller Beginn mit wuchtigen Drums von Ken Mary und fettem Gitarrensound, dazu ein Refrain, der irgendwie ein bisschen zu süßlich daherkommt, sich aber umso mehr im Gehörgang einnistet. Dachte sich auch Radio-Legende Howard Stern, der den Refrain noch Jahre nach der Auflösung von FIFTH ANGEL als Intro für seine Sendung verwendete.
„Seven Hours“ beginnt mit einer spannenden Melodie und ist ein eher getragener Song, bevor es mit „Broken Dreams“ balladesk wird. Der Titelsong „Time Will Tell“ ist ebenfalls ein sehr guter Hardrock-Song, wäre aber dennoch nicht meine Nummer 1 bei der Wahl einer Video-Single gewesen.
Verstärkter Keyboard-Einsatz
Bei all diesen Songs wird deutlich, wie sehr Ted Pilot seit dem Debüt noch mal an seinem Gesang gearbeitet hat. Zudem haben Gitarrist Ed Archer und RUSH-Stammproduzent Terry Brown den Einsatz von Keyboards forciert, zum Glück ohne es zu übertreiben. Was mir jedoch fehlt, je länger das Album dauert, sind ein paar schnellere Songs, die drei Jahre zuvor noch zu den unumstößlichen Markenzeichen von FIFTH ANGEL gehörten (siehe auch den Blog-Beitrag zur Bandhistorie).
Erst der sechste Song auf dem Album zieht den Härtegrad kurzzeitig etwas an. Dass es sich bei „Lights Out“ um eine Coverversion von UFO handelt, war mir als Jugendlichem gar nicht bewusst, dennoch merkte ich damals schon, dass das Stück einen etwas anderen Vibe hat als der Rest. Keine schlechte Version – eine weitere Komposition aus der Feder von FIFTH ANGEL wäre mir allerdings deutlich lieber gewesen.
„Wait For Me“ und „Angel Of Mercy“ halten weiter ein gutes Niveau, bevor „We Rule“ es endlich mal ein bisschen krachen lässt. Nicht ganz das Kaliber von Bandklassikern wie „In The Fallout“, dennoch ein ordentliches Pfund. Ein oder zwei Stücke mehr von diesem Kaliber hätten dem Album definitiv gut getan.
Starker Schlussakkord
„So Long“ begibt sich nochmal in balladeske Regionen, bevor „Feel The Heat“ einen starken Schlusspunkt setzt. Ein weiterer typischer 80er-Song mit cheesy Refrain, den man einfach mögen muss und der sich gut in alten Stallone-Kloppern wie etwa „Over the Top“ gemacht hätte.
Fazit: „Time Will Tell“ ist ein sehr gutes Hard-Rock-Album, das man wunderbar durchlaufen lassen kann und dem es aus meiner Sicht allenfalls ein wenig an Abwechslung und Härte fehlt. Gemeinsam mit den Highlights des Debüts hätten die meisten dieser Songs das Potential gehabt, die großen Bühnen der Welt zum Beben zu bringen – wären die Dinge anders gelaufen. Wer sich für FIFTH ANGEL und 80er-Hard-Rock im Allgemeinen interessiert, kommt auch an dieser Scheibe nicht vorbei.
Anspieltipps: Cathedral / Midnight Love / We Rule / Feel The Heat / Seven Hours
„Time Will Tell“ Tracklist:
1. Cathedral
2. Midnight Love
3. Seven Hours
4. Broken Dreams
5. Time Will Tell
6. Lights Out
7. Wait For Me
8. Angel Of Mercy
9. We Rule
10. So Long
11. Feel The Heat
FIFTH ANGEL 1989:
Ted Pilot (voc.)
Ed Archer (g./key.)
Kendall Bechtel (g.)
Ken Mary (dr.)
John Macko (b.)