Ich war 15, als ich Ende 1986 eine positive Kritik der Scheibe las, und sofort spürte: Das könnte was sein! Mit dem Zug ging´s ins 16 Kilometer entfernte Marburg, wo der stets gut sortierte Radio-Brand die LP mit dem aufsteigenden Pegasus-Ungetüm zum Glück tatsächlich im Programm hatte. Schon beim ersten Reinhören war klar, dass mein hart erspartes Taschengeld dran glauben musste. Ab nach Hause, und in den kommenden Monaten hatten es andere Bands schwer, den Weg auf meinen Plattenspieler zu finden. Interessanterweise fanden sogar Freunde, die sonst eher auf A-HA standen und nicht einmal BON JOVI etwas abgewinnen konnten, Gefallen an der Scheibe.
Vorboten des Power Metal
Was mich von Anfang an faszinierte, war dieses gelungene Zusammenspiel von Eingängigkeit und Härte – so nahmen die schnellen Songs auf der Scheibe vieles vorweg, was erst Jahre später unter dem Begriff Power Metal firmieren sollte. Zugleich gibt es getragene Songs, allesamt mit Ohrwurmcharakter, ohne jedoch zu soft oder schmalzig zu klingen. Hinzu kommt die warme, charakteristische Stimme von Ted Pilot, von Anfang an ein Alleinstellungsmerkmal der Musik von FIFTH ANGEL. „Fifth Angel“ gehört zu den Platten, die ich im Verlauf der vergangenen 40 Jahre so oft gehört habe, dass ich die Songs fast komplett in meinem Kopf abspielen kann.
„In The Fallout“ eröffnet das Album kraftvoll, mit ungemein treibenden Drums von Ken Mary und einem tollen Wechselspiel von James Byrds Gitarre und Ted Pilots Vocals. Dieses Markenzeichen zieht sich durch das ganze Album – oftmals ergänzt die Leadgitarre den Gesang fast wie eine zweite Stimme, zudem spielt sie immer wieder mal ein, zwei Töne mehr, als sie müsste.
„Shout It Out“ ist danach ein eher typischer 80er-Stampfer und würde sich auch auf jedem DIO-Album gut machen. Dass die Band und Produzent Terry Date kaum Budget zur Verfügung hatten, hört man dem Ergebnis definitiv nicht an.
Mit „Call Out the Warning“ folgt mein absolutes Lieblingsstück von FIFTH ANGEL. Wunderbar schnell, melodisch, präzise, das Solo ist zu jeder Sekunde absolut songdienlich und sämtliche Details sitzen an der richtigen Stelle. Dezente Keyboard-Samples im Hintergrund verleihen dem Refrain eine besondere Tiefe (ohne auch nur annähernd überproduziert oder gar schlagerhaft zu wirken, wie viele der heutigen Veröffentlichungen). Ein perfekter Metal-Song für die Ewigkeit!
Starker Signature-Track
„In a Land far from nowhere…“ – mit unheilvoll-feierlichem Gesang nimmt uns Ted Pilot im Titeltrack mit auf eine düstere Reise, inspiriert durch den Fünften Engel aus der Offenbarung des Johannes. Der Signature-Track der Band ist ein getragenes Stück, in dem einmal mehr die Gitarren von Ed Archer und James Byrd brillieren. Der kraftvolle Refrain ist danach nicht mehr so leicht aus dem Kopf zu bekommen.
In eine ähnliche Kerbe schlägt „Wings Of Destiny“, das – wohl aufgrund seines Ohrwurm-Refrains – in den 80ern auch auf dem einen oder anderen Sampler auftauchte. Am Ende des Songs begibt sich Ted Pilot kurz auch mal in höhere Tonlagen, die er sonst jedoch eher meidet.

Auf der LP war´s das bereits mit der ersten Seite – der zweite Durchgang beginnt mit „The Night“, auf dem Ken Mary mit präziser Double-Bass und James Byrd mit einem weiteren starken Solo glänzen können. Übrigens wird „The Night“, das durch ein kurzes Intro eingeleitet wird, bei einigen alten Pressungen auf dem Cover als Album-Opener geführt. Möglicherweise wurde es kurzfristig durch das ähnlich schnelle, aber etwas stärkere „In The Fallout“ ausgetauscht.
„Only The Strong Survive“ ist ein weiteres Stück mit DIO-Schlagseite und stammt aus der Feder von Schlagzeuger Ken Mary. Zwar war der etwas schleppende Refrain nie mein Favorit, doch das wuchtige, stampfende Drumming in diesem Song bleibt definitiv im Gedächtnis.
Ein Stück Musikgeschichte
Noch ein absoluter Klassiker in der Geschichte von FIFTH ANGEL ist „Cry Out The Fools“, ein bemerkenswerter Midtempo-Track, der in einem wunderbaren, hymnenhaften Refrain gipfelt. Das Stück wurde bereits für das erste Demo eingespielt, und ich finde es immer wieder beeindruckend, in welch jungen Jahren die Bandmitglieder diese Perle des Melodic Metal komponiert haben.
„Fade To Flames“ nimmt nach einem schönen Akustik-Intro Fahrt auf und gehört zu den schnelleren Tracks auf der Scheibe. Ein eindeutiger, sich wiederholender Refrain ist hier nicht zu erkennen – dieser ist aber auch nicht nötig, denn die Strophen und der Song in sich sind stark genug und bringen nochmal das ganze Können der Band auf den Punkt. Ein gelungener, dramatischer Abschluss dieses wunderbaren Albums.
Mir ist vollkommen klar, dass viele Leser meine Ausführungen und meine Begeisterung für das Album wahrscheinlich nur bedingt werden nachvollziehen können, wenn sie zum ersten Mal die Möglichkeit haben, in „Fifth Angel“ reinzuhören. Und natürlich muss man bei der Bewertung auch berücksichtigen, wann und unter welchen Umständen diese Scheibe entstanden ist.
Ganz sicher kann man jedoch sagen, dass FIFTH ANGEL 1986 – praktisch unbemerkt von der Masse – ein Stück Musikgeschichte veröffentlicht haben. Ich bin froh, dass ich zu den Menschen gehören darf, die diese Band und ihr Debüt frühzeitig für sich entdecken und ins Herz schließen konnten.
„Fifth Angel“ Tracklist:
1. In The Fallout
2. Shout It Out
3. Call Out The Warning
4. Fifth Angel
5. Wings Of Destiny
6. The Night
7. Only The Strong Survive
8. Cry Out The Fools
9. Fade To Flames
FIFTH ANGEL 1986:
Ted Pilot (voc.)
Ed Archer (g.)
James Byrd (g.)
Ken Mary (dr.)
Kenny Kay (b.)