Das Dasein als Musikredakteur ist bisweilen doch eines, das im Zuge der voranpreschenden Entwicklungen im digitalen Raum eine gewisse Flexibilität an den Tag legen muss, befinden wir Redakteure uns doch im Fadenkreuz eines rasant progredierenden Paradigmenwechsels, der die Axt an beide unserer hochgeliebten Künste legt: das Verfassen kritischer und lobender Texte einerseits, das aufmerksame Rezipieren, Durchdringen, ja Lieben und Hassen musikalischer und musikkultureller Werke andererseits.
Denn beide Medien, Texte und Musik, scheinen mit zunehmender Popularität, Verbreitung, gar perverser Glorifizierung generativer künstlicher Intelligenz einer deutlichen, vielleicht unbewussten, mindestens aber unreflektierten Entwertung zu unterliegen. Denn wenn ein plumper Prompt genug ist, um das schöpferische Potenzial eines Künstlers vermeintlich zu ersetzen – und damit seien Schreiber wie Musiker gleichermaßen gemeint – und wenn von künstlicher Intelligenz getriebene Algorithmen wertlose KI-generierte Inhalte in die Timelines und Feeds der Öffentlichkeit spülen, erlebt echte Wertschätzung für Kunst als Ausdruck menschlicher Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse eine Rezession. Das betrifft den Texter ebenso wie den Musiker – für beide Hobbies gibt’s längst die passende generative KI; sie hören beispielsweise auf die Namen ChatGPT oder Suno.
Nun war 2025 ein durchaus freudvolles, ereignisreiches und wertvolles Jahr, welches ich biografisch nicht missen möchte – und dennoch bleibt in Bezug auf die Musik und die sie umgebende Kultur eine gewisse Bedrängtheit, eine Unzufriedenheit, ein Leiden, dessen Wurzeln tief in genau diesen neuronalen Netzen und Servern liegen, denen wir nachsagen, künstlich intelligent zu sein.
Erstmals mussten wir 2025 feststellen, dass es Algorithmen nicht nur möglich ist, etwas zu kreieren, das man durchaus als hitfähigen akustischen Output bezeichnen kann, sondern zugleich ganze „Künstler“ mit ansehnlicher treuer Hörerschaft inklusive passender Social-Media-Präsenz zu generieren (z.B. THE VELVET SOUND). Während sich sogenannter AI-Slop seinen Weg durch die Verdummungskanäle der Gesellschaft bahnt (immerhin 10% der am schnellsten wachsenden YouTube-Kanäle), generieren etablierte Metal-YouTuber am laufenden Band seichten bis lustigen Content, der von der Verknüpfung mehrerer KI-Tools lebt. Talking to you, STEVIE T. Ist hier das eine besser als das andere?
Altgediente Supertalente wie MYLES KENNEDY setzen neuerdings auf KI-generierte Musikvideos, immer mehr Künstler experimentieren mit KI-generierter Musik als „Startpunkt“ oder „Zünder“ des eigenen kreativen Schaffens (Quelle: befreundete Musiker, Gespräche mit Musikern auf Underground-Konzerte), und mit dem Start-Up Klay steht sogar bereits eine Streaming-Plattform in den Startlöchern, die das Modifizieren bestehender Songs nach den Vorlieben der Hörenden im Kern seines Geschäftsmodells trägt. Absurd.
Und die flächendeckede Nutzung und Normalisierung von ChatGPT, das in vielen journalistisch mittelprächtigen Medienhäusern bereits fast schon inflationär aus Bequemlichkeit die Arbeit der Texter übernimmt, nimmt diesem eigentlich sehr tugendhaften Handwerk leider ebenso den Zauber – denn wer außer mir garantiert euch denn, dass z.B. auch dieser Text nicht ebenfalls KI-generiert ist?
All das vergrößert jedenfalls das Angebot an Musik und musikkulturellen Produkten extrem, denn es beschleunigt die Produktion von Output in jeder Form erheblich. In marktwirtschaftlicher Logik sorgt aber ein Überangebot an Waren auch für eine Entwertung dieser, und wenngleich es die immer weiter zunehmende Beschleunigung der Welt zu erfordern scheint, sich mit ihr noch schneller zu drehen und mehr zu leisten, bleibt bei all der Hast doch die Liebe zum Produkt, zur Musik selbst auf der Strecke.
Wir erleben eine selbst erschaffene „Made-in-China-isierung“ genau der Kultur, die wir so sehr lieben, indem wir uns auf den Potenzialen dieser allzeit verfügbaren KI-Spielzeuge (bzw. Cash-cows) einiger Tech-Milliardäre ausruhen, getreu dem Motto: Ist ja gut genug, also warum mehr leisten als notwendig? Diese Anspruchslosigkeit sowohl von Künstler- wie auch Rezipientenseite ist mindestens bedenklich, möglicherweise widerwärtig.
Die Bildsprache, die hier mehrere Parallelen zum kalten Wirtschaftsdenken zieht, geschieht fast unfreiwillig, doch sie drängt sich förmlich auf, und das ist schade. Dass der Mainstream dem Diktat des Kommerz folgt, ist bisweilen kein Geheimnis, doch dass sich der musikalische Underground seit neuestem ebenfalls in erhöhtem Maße an offenkundlich KI-generierten Inhalten bedient, um seine Kanäle im öffentlichen (digitalen) Raum zu bespielen, Musikvideos zu erstellen, Flyer, Logos und ganze Covers zu designen, ja selbst den kreativen Prozess des Schreibens von Musik und Texten an Algorithmen aus dem Silicon Valley auszulagern, ist schade und schmerzt. Übrigens noch mehr mit Blick darauf, dass durch diese Abhängigkeit, Selbsttäuschung und Anspruchslosigkeit einige wenige Milliardäre, die genau diese Plattformen betreiben, nur noch reicher werden.
Doch leider orientiert sich auch der Underground einerseits an dem, was das „Big Business“ vorlebt, sowie an allem, was gesellschaftlich zunehmend normalisiert, akzeptiert und durch sozialen Druck vielleicht sogar gefordert wird. Aber braucht es solche Rechtfertigung?
Ich blicke jedenfalls auf ein Jahr zurück, das sehr im Zeichen von Frust und Enttäuschung über viele Entwicklungen in der Musikszene stand. Ich hörte merklich weniger Musik, blickte nur wenigen Veröffentlichungen voller Vorfreude entgegen, besuchte nur wenige Konzerte. Erteilte den Sozialen Medien endgültig eine Absage, flüchtete mich in die Welt des Handwerks rund um den Bau von Gitarren und die unendlichen Weiten der Literatur. Interessant, wenn als Nebeneffekt der Digitalisierung ein Rückzug aus der Welt der Nullen und Einsen und ins analog Bedeutsame stattfindet ...
Im Schulunterricht erfuhr ich einst, wie extreme Aussichtslosigkeit, Frustration über politische und gesellschaftliche Entwicklungen und das Gefühl von Übersättigung an fadem konservativem Einheitsbrei genau die Art von wütender, roher und entsprechend ausdrucksstarker, authentischer Musik hervorbrachte, in deren Takt mein Herz seit vielen Jahren headbangt. Metal, Punk und Hardcore haben ihre Wurzeln nicht in den Algorithmen des Silicon Valley, sondern auf den Straßen und in den Clubs der westlichen Industrienationen, wo keine Show vorprogrammiert und im Laufe einer Tour in jeder Stadt stumpf reproduziert wird, sondern von roher menschlicher Energie im Dunst lauter Amps getragen wird.
Ja, Lichtshow und Pyro ist cool, aber wenn’s jeder macht, wird’s halt auch irgendwann langweilig, und wie so oft in der Geschichte führt zu viel Übermaß irgendwann zwangsläufig zum massenhaften Bedürfnis nach Mäßigung. Wenn ich einen Wunsch für 2026 äußern dürfte, so würde er sich hier Bahn brechen: Lasst uns mal wieder die rohe, stumpfe und kranke Energie eines kleinen Clubkonzerts ohne Backingtracks und viel Spontanität, ohne Smartphone-Kameras und Social-Media-Nachspiel gönnen – getreu dem Motto: Hier und jetzt spielt sprichwörtlich die Musik, scheiß auf morgen und das, was die Follower dazu denken.
KI mag manchmal ganz praktisch sein. Die große Hoffnung, dass KI bald meinen Rasen mäht, das Haus wischt oder gar die Wäsche macht, wird sich alsbald jedoch nicht erfüllen. Wir wollten eine Hilfe im Alltag, einen brauchbaren, pfiffigen und geschickten Helfer für’s Unbequeme, und alles, was wir bekamen, war ein aufdringlicher und dennoch ideenloser Raubkopierer mit Geltungssucht und gewaltigem Energiehunger. Im kreativen, kunstschaffenden Milieu ist die KI in etwa so fehl am Platz wie Swifties beim Wacken.
Schon der Begriff „Kunst“ ist etymologisch mit „können“ verwandt, meint im Wesentlichen ein Produkt menschlichen Schaffens, das ein Empfinden, ein Gefühl, ein Bedürfnis zum Ausdruck bringen möchte, und deren Ziel in der Existenz und im Ausüben, ja der Wahrnehmung ihrer selbst besteht und deren Ausübung eben „gekonnt“ werden will. Doch „KI-Kunst“ ist ein oxymorischer Begriff, denn die Wortbestandteile schließen sich gegenseitig aus. Der Algorithmus reproduziert nach statistischen Kriterien bereits Vorhandenes, und er tut dies überdies nicht aufgrund eines Strebens nach ästhetischem Ausdruck, sondern im Interesse seiner Schöpfer, die damit erst Milliarden scheffeln und dabei Abhängigkeiten der Nutzer zementieren, nur um dann noch mehr Milliarden zu scheffeln.
„KI-Kunst“ ist damit Selbstbetrug auf Seiten der Nutzer, Anspruchslosigkeit auf Seiten der Betrachter bzw. Zuhörer und in seiner Gesamtheit perverser Ausdruck eines rasant anwachsenden Technofeudalismus, von welchem abgesehen von der Tech-Elite niemand profitiert. Bei allem Respekt, aber wer keine Arbeit in sein Werk zu investieren bereit ist, kann von Seiten der Konsumenten auch keine Bewunderung erwarten. Liebe Labels, liebe Künstler, bitte lasst die Finger davon – es gibt genug echte kreative Energie da draußen, die ihr Geld wert ist.
Der Griff zur KI in Zeiten kreativer Schreibblockaden lässt sich bereits mit einfachen Hausmitteln vermeiden: Die Abwesenheit permanenter Stimuli, beispielsweise in Form sozialer Medien, bewirkt oft Wunder, denn ob man will oder nicht: In der Langeweile liegen die Kraft und der Schlüssel zu echter kreativer Lust. Daher hier noch ein weiterer Wunsch für 2026: Lasst uns alle mal so richtig krass langweilen. Vielleicht wird ja was draus. Yeay!
Dieser mürrische Text wurde ohne Mitwirken generativer künstlicher Intelligenz verfasst und ist wirrer Ausdruck menschlichen Frustes über ein echtes Problem.
