Geschrieben von Montag, 16 Februar 2026 16:55

Livebericht "Pirates & Kings" mit VISIONS OF ATLANTIS, WARKINGS & INDUCTION

Wenn der Duft von Meeressalz auf den beißenden Geruch von Schwarzpulver trifft, dann ist es Zeit für die Pirates & Kings Over Europe Tour. Am 07. Februar 2026 wurde die Turbinenhalle Oberhausen zum Schauplatz eines epischen Gipfeltreffens: Während die einen die Segel setzten, um die Freiheit der Meere zu besingen, rückten die anderen mit schweren Rüstungen und lodernden Fackeln an, um die Bühne in ein historisches Schlachtfeld zu verwandeln.

Als wir eintreffen, ist die kleine Turbinenhalle gut gefüllt, und auch wenn es nicht ganz ausverkauft ist, wird es schnell kuschelig in der Halle. Beste Voraussetzungen für eine ausgiebige Meuterei auf dem Piratenschiff!

INDUCTION

Den Anheizer machen heute INDUCTION. Musikalisch wird hier Power Metal streng nach dem Reinheitsgebot serviert: Hymnische Gesänge, Gitarrensoli und das volle "Ohoho"-Programm zum Mitklatschen. Handwerklich ist das alles im grünen Bereich und sauber gespielt, wirkt aber streckenweise wie Malen nach Zahlen.

Bei "Gods Of Steel" musste ich dann etwas schmunzeln: Das Ding ist so sehr ein "MANOWAR-Gedächtnis-Song", dass ich fest damit gerechnet habe, gleich reitet einer in Lederhose und mit ölglänzendem Oberkörper auf die Bühne. Warum die Nummer nur physisch auf Platte und nicht digital existiert? Ein Rätsel für die Götter des Stahls.

Es fehlt noch der eigene Wiedererkennungswert. Sound und Performance wirken hier und da zu repetitiv und fast etwas nüchtern. Sänger Gabriele macht es sich und dem Publikum schwer, visuell im Gedächtnis zu bleiben: Im schlichten schwarzen T-Shirt vor schwarzem Backdrop verschmilzt er schnell mit dem Hintergrund, während sich zumindest die anderen Bandmitglieder herausgeputzt haben. Doch mit "Queen Of Light" gibt es zum Rausschmeißer einen echten Lichtblick, der das Potenzial der Truppe aufblitzen lässt.

Kann man machen, tut nicht weh, aber für den Aufstieg in die Champions League muss da dringend mehr Eigenständigkeit und visuelle Präsenz her. Als Anheizer hat die Truppe aber ihren Soll erfüllt.

Leinen los: VISIONS OF ATLANTIS entern die Bühne

Szenenwechsel. Johoho und 'ne Buddel voll Rum! VISIONS OF ATLANTIS entern die Bretter und lassen sich nicht lumpen. Die Bühne ist thematisch als Piratenschiff aufgetakelt. Sobald die ersten Töne von "To Those Who Choose To Fight" erklingen, sind wir nicht mehr in Oberhausen, sondern auf hoher See.

Was Clémentine Delauney und Michele Guaitoli da abliefern, ist ganz großes theatralisches Kino. Die beiden harmonieren stimmlich und optisch perfekt. Der Humpen "Rum" ist immer griffbereit, die Interaktion mit den Fans direkt und herzlich. Das ist keine steife Show, das ist ein gemeinsames Gelage. Kaum hat man sich akklimatisiert, zünden sie mit "Tonight I’m Alive" direkt den nächsten Treibsatz. Da wird nicht lang gefackelt, das ist pure Lebensfreude – auf der Bühne, aber auch im Publikum wird getanzt und geklatscht.

Bei "Hellfire" zünden VISIONS OF ATLANTIS die Pyros, dazu ein Mix aus Power Metal und orchestraler Wucht, der ordentlich Dampf macht. Zudem wird es etwas emotional, als sie bei der Powerballade "Underwater" das Tempo rausnehmen. Clémentine wirft sich gefühlt für jeden Akt in Schale, mal mit Krone, mal im Kleid, mal als Freibeuterin. Bei "Pirates Will Return" wird der unvermeidliche "Ruderpit" gestartet und der ganze Innenraum sitzt mit im Boot und rudert, was das Zeug hält.

Den Siedepunkt erreichen wir aber bei "Armada": Begleitet von ordentlich Pyro auf der Bühne verwandelt sich die Turbinenhalle in einen einzigen lauten Chor. Die "Hail Jolly Roger!"-Rufe donnern so gewaltig zur Bühne, dass man fast das Meer rauschen hört. Ein grandioser Moment der Einheit zwischen Band und Fans.

Die Zugabe macht das Epos "Master The Hurricane" und wir genießen jeden Moment dieser magischen Show. VISIONS OF ATLANTIS haben heute bewiesen, dass sie live eine absolute Macht sind.

WARKINGS: Historisch fragwürdig, aber Pyromanen im Herzen

Nach den Seeräubern übernehmen die Krieger. WARKINGS rücken an, um Oberhausen dem Erdboden gleichzumachen. Musikalisch ist das im direkten Vergleich zu VoA deutlich einfacher gestrickt, quasi der stumpfe Streitkolben gegen den eleganten Säbel. Aber genau dieser Kontrast macht den Abend so unterhaltsam.

Das Line-up ist ein historischer Fiebertraum: Ein römischer Tribun, ein wilder Wikinger, ein Spartaner, die düstere Hexe Morgana und der Gitarrist in voller Kreuzzugs-Robe. Wer hier nach historischer Akkuratesse sucht, hat den Metal nicht verstanden. Hier geht’s um Spaß, nicht um das Geschichtsbuch. Und Spaß haben die Jungs. Es wird Pyro gespammt, als gäbe es kein Morgen (oder keine CO2-Bilanz).

Hexe Morgana liefert bei ihren Auftritten unfassbar stark ab und ist deutlich mehr als nur ein Sidekick; ob scharfe Shouts oder böse Growls, das brennt sich ein und ist allererste Sahne. Ein ganz besonderes Highlight liefert dann die gemeinsame Tour-Hymne "Pirates & Kings". Hier holen sich die WARKINGS Verstärkung von VISIONS OF ATLANTIS auf die Bühne: Gitarrist Christian ergänzt an den Saiten, während sich Clémentine und Michele gesanglich mit Morgana und dem Tribun duellieren. Jeder bekommt seinen Moment im Scheinwerfer, bis am Ende alle vier Stimmen zu einer unglaublichen Power verschmelzen. Ein unfassbar starker Song mit sehr viel Gewusel auf der Bühne – ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll und fühle mich wie ein aufgedrehter Golden Retriever, aber live ist die Nummer purer Zucker.

Einen weiteren schönen Moment des Abends liefert Lasse, ein sehr junger Fan, der auf die Bühne geholt wird. Er steht dort als Zukunftsversicherung des Heavy Metal und Hoffnungsträger. Auf die Frage des Tribuns, ob er Andreas Gabalier kenne, schüttelt der Junge nur den Kopf. Gelächter in der Halle, gefolgt von minutenlangen "Lasse, Lasse!"-Sprechchören. Diesen Moment wird er sein Leben lang nicht vergessen und es ist der Beweis, dass der Metal-Nachwuchs gesichert ist, damit Gabalier auch in Zukunft "scheißen gehen kann", wie der Tribun noch trocken verlauten lässt.

Zum Finale wird dann nochmal alles aufgefahren. Bei "Fight" packt der Crusader die Flammenwerfer-Gitarre aus und heizt uns wortwörtlich ein. Das trashige "Live Is Life"-Cover von OPUS kommt etwas unerwartet, macht aber Spaß. Umso wuchtiger sind dafür dann die letzten Songs: Bei "Sparta" und "Gladiator" mobilisieren Band und Fans nochmal die letzten Reserven und fackeln die Hütte endgültig ab.

Fazit

Ein Abend mit drei Gesichtern: INDUCTION müssen noch etwas an ihrem Profil feilen und visuell zulegen, VISIONS OF ATLANTIS haben eine theatralische und emotionale Meisterleistung abgeliefert und WARKINGS haben Oberhausen mit viel Pyro, Herz und Humor im Sturm erobert. Wer hier nicht auf seine Kosten kam, war einfach völlig fehl am Platz.

Cengiz

Seit 2012 bin ich mit Kamera und offenem Ohr für BurnYourEars unterwegs.

Ich habe viele Jahre professionell in der Konzertbranche gearbeitet und viele weitere Jahre Shows, Artists und Festivals privat und semiprofessionell begleitet und begleite diese teilweise immernoch.

Mein musikalischer Horizont kennt keine Grenzen: Von synthlastigem Metal über Rap bis hin zu Screamo – Hauptsache, es groovt und hat Tiefgang.

Live-Konzerte sind meine Passion. Zahllose Gigs und Festivals später bin ich immer noch süchtig nach der Energie, die nur Live-Performances entfachen können. Denn egal wie brillant eine Platte klingt, erst auf der Bühne zeigt sich die wahre Magie einer Band.

Meine All-Time-Favourites? Machine Head, Heaven Shall Burn und Parkway Drive (bis "Reverence"). Aber meine Playlist ist so vielfältig wie ein Festivalprogramm – von Crossfaith bis Lamb of God ist alles dabei.

Wer einen Blick auf meine fotografische Reise durch die Musikwelt werfen möchte: Mein Portfolio mit Konzertbildern seit 2012 findet ihr auf fotocengiz.de.

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