Geschrieben von Samstag, 25 April 2026 16:41

KARNIVOOL im Huxleys: Atmosphärischer Steigerungslauf des Progressive Rock

KARNIVOOL live in Berlin KARNIVOOL live in Berlin Fotos: Heiko Becker

Wenn die australische Prog-Instanz KARNIVOOL nach Berlin lädt, ist eine loyale Fanbase gewiss. Am 21. April war das Huxleys Neue Welt zwar nicht restlos ausverkauft – der abgehängte Oberrang und die entspannte Platzwahl im Parkett zeugten davon –, doch die Anwesenden kamen mit einer Hingabe, die den Raum füllte.

Das handwerkliche Vorspiel: INTERVALS

Den Abend eröffneten INTERVALS mit ihrem rein instrumentalen Progressive Metal. Das Projekt rund um den kanadischen Gitarren-Mastermind Aaron Marshall bot technisch höchst anspruchsvolles Gitarrenspiel, das musikalisch zwar hervorragend zum Hauptact passte, atmosphärisch jedoch einen schweren Stand hatte. Marshalls Bemühungen, durch zahlreiche Ansagen eine Verbindung zum Berliner Publikum aufzubauen, zündeten nur leidlich – handwerklich war der Auftritt jedoch über jeden Zweifel erhabene Kost für Genre-Liebhaber.

KARNIVOOL: Von der Suche zum Fokus

Gegen 21:10 Uhr betraten schließlich KARNIVOOL die Bühne und eröffneten das Set mit der atmosphärischen Dreifaltigkeit aus „Ghost", „Simple Boy" und dem neuen Stück „Aozora". Der Start gestaltete sich jedoch klanglich schwierig: Der Sound wirkte zunächst unausgewogen und undefiniert, was den komplexen Arrangements gerade zu Beginn ein wenig die notwendige Tiefe nahm. Es wirkte fast so, als müsste sich die Band – um eine Fußball-Analogie zu bemühen – erst mühsam in dieses Spiel hineinkämpfen. Die reduzierte Lichtshow unterstrich diesen eher spröden Beginn.

Doch mit zunehmender Spieldauer wendete sich das Blatt. Sowohl der Mix als auch die Spielfreude der Band steigerten sich Song um Song. Spätestens bei den Uptempo-Passagen im Mittelteil des Sets sprang der Funke endgültig über, was im Publikum stellenweise fast schon moshpit-ähnliche Züge annahm. Frontmann Ian Kenny zeigte sich sichtlich beeindruckt und konstatierte, dass Berlin die bisher beste Show der laufenden Tour sei – eine Aussage, die man angesichts des holprigen Starts hinterfragen durfte, die aber die tiefe Verbindung zwischen Band und Fans untermauerte.

Ein versöhnliches Ende

Dass KARNIVOOL auf eine der stabilsten Fanbases im Genre zählen können, bewies das Finale. Die Zuschauer zeigten sich textsicher und ließen sich von der wachsenden atmosphärischen Dichte mitreißen. Nach einem regulären Set und zwei Zugaben wurden die Fans glücklich und sichtlich zufrieden in die Neuköllner Nacht entlassen. KARNIVOOL haben den Abend mit technischer Brillanz und emotionaler Überzeugungskraft für sich entschieden.

Setlist: KARNIVOOL
(Berlin, Huxleys Neue Welt, 21.04.2026)

1. Ghost
2. Simple Boy
3. Aozora
4. Goliath
5. Drone
6. We Are
7. Deadman
8. All It Takes
9. Animation
10. Themata
11. Roquefort
12. New Day

Zugaben:
Opal
Salva

Heiko

Ich bin Heiko Becker, gebürtiger Schleswig-Holsteiner und seit vielen Jahren in Berlin zu Hause. Meine musikalische Herkunft liegt im Grunge und der „angezerrten Gitarrenmusik“ der frühen 90er – Bands wie Nirvana, Guns N’ Roses, AC/DC, Pearl Jam, Foo Fighters, Machine Head, Pantera, Slayer, Metallica, Paradise Lost und Sick Of It All gehören zu meinen prägendsten Lieblingsbands. Aber auch Rap, Hip-Hop und Songwriter begeistern mich, solange die Musik handgemacht ist und bei mir Emotionen weckt.

Viele Jahre war ich als normaler Besucher auf Festivals wie Roskilde, Wacken Open Air, Hurricane Festival und Dynamo Open Air unterwegs. Seit 2024 darf ich endlich als akkreditierter Fotograf dabei sein und tolle Bilder von diesen besonderen Momenten machen.

Musik für mich ist immer eine emotionale Erfahrung – egal ob im Publikum oder hinter der Kamera, Hauptsache, sie berührt und bleibt im Gedächtnis.

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