Nach einer experimentierfreudigen Phase wandelte der britische Sänger 1997 wieder auf dem musikalischen Pfad, dem er 1993 bei IRON MAIDEN den Rücken gekehrt hatte. Auf seinem stimmlichen Höhepunkt lieferte die Air Raid Siren das ausnahmslos starke "Accident Of Birth“ ab, gefolgt von seinem kongenialen Nachfolger "Chemical Wedding“ und dem brachialen Live-Testament "Scream For Me Brazil“. 1999 folgte die Reunion mit dem ehemaligen Arbeitgeber, der Rest ist Geschichte.
Dreigestirn ohne Ego: Die Kollaboration mit Roy Z und Adrian Smith
Zusammen mit seinem Bruder im Geiste, Roy Z, und seinem ehemaligen IRON-MAIDEN-Mitstreiter Adrian Smith bildete Bruce Dickinson Ende der Neunziger ein geniales Songwriter-Trio ohne Ego, dafür mit jeder Menge künstlerischer Freiheit.
Während Eddie Casillas und Dave Ingraham mit pumpendem Bassspiel und treibendem Drumming mit hochpräziser Intensität den Takt angaben, veredelte Adrian Smith die kompromisslosen Riffs von Roy Z mit melodischen Leads und Soli voller Leidenschaft. Darüber thronte Bruce Dickinsons unverkennbar variables Organ – mal als mitreißender Geschichtenerzähler, mal als motivierter Aufputscher, mal als gebrochene Kreatur, gefühlvoll und leidend, aber auch verbissen und wütend.
"Accident Of Birth" ist ein Metal-Album der Meisterklasse
Die zwölf regulären Songs auf "Accident Of Birth“ sind kompositorische Meisterwerke, mit dem Mini-Epos "Darkside Of Aquarius“ als herausragendstes Beispiel. Das atmosphärische Bass-Intro, die galoppierenden Riffs, zweistimmigen Leads und ausladenden, erzählerischen Vocals, der epische Ohrwurm-Refrain – alles Zutaten einer atemlos packenden Nummer, die in einer musikalischen Parallelwelt ein Highlight jedes IRON-MAIDEN-Albums darstellen würde. In eine ähnliche Richtung, allerdings deutlich kompakter, geht "Road To Hell“ mit vier Minuten nach vorne peitschender, schnörkelloser Metal-Ekstase.
Der stürmische Opener "Freak“, das schleppend-vertrackte "Welcome To The Pit“ mit latentem Blues-Touch und der fiese Titeltrack mit seinem brachialen Riffing nahmen den kompromisslos brutalen Sound des massiv tiefer gestimmten Nachfolgers "Chemical Wedding“ vorweg. Die smoothe Midtempo-Hymne "Starchildren“ (leider immer noch nicht mit "Toltec 7 Arrival“ verbunden) und "The Magician“ mit seinen "Oh-oh-oh-oh-oh“-Chören sind als zugängliche Ohrwürmer wie für die Bühne gemacht.
Akustikperlen mit Gänsehaut-Garantie: Keine Chance für Kitsch
Besonders bemerkenswert ist Dickinsons Händchen für kitschfreie (Halb-)Balladen und ruhige Momente. Rund ein Drittel der Trackliste macht massiv von einnehmenden Akustikgitarren Gebrauch, die zwischen all den harten Riffs spürbar Abwechslung bringen. Das gleichermaßen verzweifelte wie wunderschöne "Man Of Sorrows“ ("Here, in a church, a small boy is kneeling / He prays to a god, he does not know, he cannot feel…“) sorgt für eine dicke Gänsehaut, während das packend-dramatische "Taking The Queen“ im Refrain Zähne zeigt. Nebenbei brilliert Adrian Smith mit einem seiner schönsten Gitarrensoli im gesamten MAIDEN- und DICKINSON-Umfeld.
In eine ähnliche Richtung geht "Omega“ mit seinem getragenen Einstieg und dem melancholischen Chorus, bis es nach theatralischer Steigerung in einem Instrumentalpart gipfelt, der einem auch heute noch die Kinnlade herunterfallen lässt. "Arc Of Space“ beschließt das Album schließlich mit latentem Space-Western-Feeling.
Ich bin sehr stolz auf diese Platte und diese neuen Mixe klingen fantastisch.
(Bruce Dickinson)
Brendan Duffey bläst den Staub von den Bändern
Seit seinem jüngsten Solo-Release "The Mandrake Project“ (2024) besteht eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Bruce Dickinson und Brendan Duffey. Der Produzent zeichnet nicht nur für den Klang des für 2027 angekündigten, nächsten Soloalbums verantwortlich, sondern hat bereits die drei ersten BRUCE-DICKINSON-Alben klanglich aufpoliert und in Dolby Atmos abgemischt.
Im Gegensatz zu "More Balls To Picasso“ (2024) wurden für "Accident Of Birth (2026 Remix)“ keine neuen Gitarrenspuren aufgenommen oder zusätzliche Instrumente integriert. Duffey sollte laut Dickinson "den Klang des Albums wirklich auf den neuesten Stand [...] bringen“ – und meistert diese Herausforderung mit Bravour.
Nicht, dass der originale Mix von 1997 nicht gut klingen würde – er ist roh, stark bassbetont und bringt die düster gezeichnete musikalische Härte gut auf den Punkt. Als Remix klingt "Accident Of Birth“ dennoch ein ganzes Stück kompakter, direkter und dynamischer. Der dominante Bass wirkt weniger einnehmend, ohne etwas von seinem druckvollen Fundament einzubüßen. Sowohl die präzisen Riffs als auch die luftigen Akustikgitarren bekommen mehr Raum. Die Vocals, auch Zweitstimmen und Hintergrundgesang, kommen besser zur Geltung. Vor allem der im Original etwas pappige Drumsound profitiert und hat jetzt einen ordentlichen Punch. Es ist, als hätte Brendan Duffey behutsam eine Staubschicht von den Bändern gepustet. Im direkten Vergleich wirkt das Original beinahe dünn.
Entsprechend geht "Accident Of Birth (2026 Remix)“ spürbar mehr auf die Fresse und befördert gleichzeitig spannende Details ans Tageslicht. Die emotionalen Akzente des kammermusikalischen Duos um Silvia Tsai (Violine) und Rebecca Yeh (Cello) kommen insbesondere in der zweiten Hälfte von "Taking The Queen“ deutlich besser zur Geltung, ebenso in "Man Of Sorrows“, bei dem auch Richard Bakers Pianospiel voluminöser wirkt. Keyboards und Effekte wurden etwas nach vorne geholt und sorgen an den entsprechenden Stellen für spürbar mehr Atmosphäre. Insgesamt macht der neue Mix einen deutlich bissigeren Eindruck als die leicht rumpelige Original-Produktion.
Fokus aufs Wesentliche statt Rundum-sorglos-Paket
Wie bei den vorherigen BRUCE-DICKINSON-Remixes steht auch bei "Accident Of Birth (2026 Remix)“ das ursprüngliche Album im Fokus. Bedeutet: Im Gegensatz zur umfangreichen Expanded Edition von 2005 fehlen sämtliche Boni, selbst das für das Album aussortierte, nicht minder hörenswerte "The Ghost Of Cain“. Der Japan-Bonus hätte gerne ebenfalls neu gemixt und integriert werden können.
Das ist auf der einen Seite schade, auf der anderen Seite nachvollziehbar, wenn der Anspruch von Künstler und Label nicht darauf abzielt, ein Rundum-sorglos-Paket aus der "Accident Of Birth“-Zeit zu schnüren. Im Grunde erfüllt die Expanded Edition 2CD diesen Anspruch. Abgesehen von den (verzichtbaren) Album-Demos oder alternativen Versionen gäbe es allerdings auch professionell gefilmte TV-Mitschnitte der BRUCE-DICKINSON-Tour 1997, die auf DVD oder Blu-ray echten Mehrwert bieten würden.
Vor dem Hintergrund, dass es rein um die zwölf regulären Albumtracks geht, ist Brendan Duffey ein knackiger, dynamischer Remix des wohl wichtigsten Soloalbums in der Karriere von Bruce Dickinson gelungen, das sich in einer homogenen Soundwand durch die Boxen presst. "Accident Of Birth (2026 Remix)“ bietet über seine musikalischen Genialität hinaus also einen hörbaren Kaufanreiz. Ob man den alten oder neuen Mix favorisiert, ist selbstredend Geschmackssache.
Hinweis: Die Dolby-Atmos-Umsetzung kann im Rahmen dieses Reviews nicht beurteilt werden, weil sie nicht vorlag.
"Accident Of Birth (2026 Remix)" Trackliste:
01. Freak
02. Toltec 7 Arrival
03. Starchildren
04. Taking The Queen
05. Darkside Of Aquarius
06. Road To Hell
07. Man Of Sorrows
08. Accident Of Birth
09. The Magician
10. Welcome To The Pit
11. Omega
12. Arc Of Space
BRUCE DICKINSON Line-up 1997:
Bruce Dickinson - vocals
Roy Z - guitar
Adrian Smith - guitar
Eddie Casillas - bass
David Ingraham - drums