Tool - 10.000 Days

tool 10000days

Stil (Spielzeit): Progressive ArtRock (75:52)
Label/Vertrieb (VÖ): SonyBMG (28.04.06)
Bewertung: Sehr gut aber kein Überhammer (7/10)
Link:www.toolband.com

TOOL haben ihr viertes Werk veröffentlicht und ich bin hin- und hergerissen zwischen Freude, Enttäuschung und Verwirrung. Mehr als einmal 76 Minuten konzentrierten Hörens liegen hinter mir, und es war kein Spaziergang. Das hatte ich auch nicht erwartet, TOOL erschließen sich einem nicht einfach mal so. Aber das ist es gar nicht, denn James Keenan (Gesang), Adam Jones (Gitarre), Justin Chancellor (Bass) und Danny Carey (Schlagzeug) sind vier Jahre nach ihrem letzten Album nicht mehr einfach zu komplex für die Durchschnittsohren dieser Welt, sie sind eher kompliziert. Und schließt Komplexität so etwas wie Hochachtung mit ein, konnotiert „Kompliziertheit" eher negativ. Ich halte „10.000 Days" für eine gute, sogar sehr gute Platte, aber nicht für den vielleicht erhofften Überhammer.

Die Aufmachung der Scheibe ist phänomenal: Im Cover sind zwei Vegrößerungslinsen integriert, denen sich die einzelnen Seiten des Booklets gegenüberstellen lassen. Jeweils zwei Parallelbilder auf einer Seite verschmelzen beim Blick durch die Linsen zu einem, der Eindruck von Räumlichkeit entsteht. Man könnte auch sagen: Die Sinne werden getäuscht und nehmen das als großes Ganzes wahr, was vormals separiert und einfach gedoppelt war. Und nach diesem Prinzip funktioniert für mich auch streckenweise die Musik auf „10.000 Days" - hier wird oft lediglich in die Länge gezogen, ein ums andere Mal Gleiches wiederholt, minimal verändert, groß gestikuliert und aufgeblasen; doch am Schluss ergibt sich kein übergreifend beeindruckendes Gesamtbild.

Nehmen wir einen Titel wie „Wings For Marie", der in zwei Teile geteilt wurde, Part I und II: stoischer Rhythmus, erdige Riffs, unzählige Wiederholungen. Schlingernde Töne, die sich wie erhitztes Quecksilber zu verflüssigen, wieder zu festigen scheinen, sich um sich selbst drehen. Ein Break, sattes Riffgebirge, da capo. Keenans Gesang die einzige Rettungsinsel, emotional und variabel, die Atmosphäre ist bedrohlich und anfangs durchaus dicht - und doch wird es mir bei Part II nach vier Minuten zu öde. Mein Interesse stirbt ab, ich werde unruhig. Zeugt es von Irgendwas, wenn man hier nicht nach mehr Ideen fragt, wenn man diese Band gewähren lässt? Müssen sich nicht auch TOOL gefallen lassen, dass man ihnen vorwirft, zu wenig zu bringen?

Song Nummer fünf, „The Pot", bietet ein anderes Bild. Lebhafter Percussion-Beginn, die Gitarre setzt ein, starkes Riff, wow! Yes, endlich sind sie voll da! Der Bass pumpt, Keenan singt inbrünstig, rocken ist angesagt. Danke für diesen Song, ein echter Killer, so liebe ich Euch! Was kommt danach?

Auch im zweiten Teil des Albums streifen TOOL die Lethargie nie ganz ab. Wie schon im ersten finden sich auch hier überlange Songs, die sich teils sogar titelübergreifend wiederholen, in sich unnötig gestreckt wirken, und auch nicht mehr mit dem Begriff „hypnotisch" schönzureden sind. Lässt man "10.000 Days" nebenbei dudeln, ohne groß darauf zu achten, fallen diese Makel viel weniger ins Gewicht. Aber sind TOOL eine Band zum Sich-berieseln-lassen?
Highlights sind das mit einem stimmungsvollen Gesprächs-Intro verzierte "Rosetta Stoned", der vergleichsweise nicht ganz so gute Opener "Vicarious" oder das diesem ebenbürtige "Jambi" sowie „Right In Two", der vorletzte Song. - Diffizil und dennoch beeindruckend locker, unverkrampft, sehr nachdenklich und durchaus ergreifend. Die Lyric-Teile, die ich verstehe, klingen interessant; im Booklet wurden sie leider nicht verewigt, und auch die Webseite gibt sie (noch) nicht preis.

Ich stelle mir die Frage, ob drei bis vier herausragende Songs und eine Hand voller Gänsehautmomente (natürlich gibt es die, man muss nur Geduld haben und sie finden) reichen, um auch dieses Album über den Klee loben zu können? Aber vielleicht wächst es noch in seiner Gesamtheit, die Eindrücke sind sehr frisch. Und die Erfahrung besagt, dass sie Dich kriegen, wenn Du nur tief genug eintauchst. 
Ich werde „10.000" Days noch oft hören; wer weiß, was wird. Aber Hand auf's Herz: An die gigantischen Vorgänger kann dieses Werk wohl nicht anknüpfen.