Geschrieben von Mittwoch, 06 Dezember 2017 14:00

Obscurity Frontmann Agalaz im Interview: "Gitarre war schon Scheiße, Gesang kannst du besser"

Seit mittlerweile 20 Jahren sind OBSCURITY eine feste Größe in der deutschen Metallandschaft und ziehen mit ihrem Battle Metal von Festival zu Festival. Im Rahmen der diesjährigen Full Metal Mensa hat sich Frontmann Agalaz mit uns unterhalten – über den Ursprung des „Battle Metal“, das Songwriting, die Themen des aktuellen Albums "Streitmacht" und die verdammten Vergleiche mit AMON AMARTH.

Ihr werdet mit einer Vielzahl an Genrebezeichnungen bedacht und seid eine Band, die man schwer in eine Genreschublade stecken kann. Zu welcher Bezeichnung tendierst du eher?

Das ist schon richtig ausgedrückt, uns kann man wirklich schwer in eine Schublade stecken. Wir sagen immer: „Wir machen Battle Metal“. Das ist eigentlich eine Kombination aus Viking Metal, melodischem Death Metal und wir haben auch noch ein paar Black Metal Einflüsse. Uns in ein Genre zu packen ist schwer, belassen wir es deshalb einfach bei „Battle Metal“, das trifft’s am ehesten.

Dann also Battle Metal. Eine Band, die auch unter der Genrebezeichnung Battle Metal bekannt ist, sind die Finnen von TURISAS – und die gibt es witzigerweise auch schon seit 1997. Warlord und seine Jungs sind also genauso alt wie ihr. Potential für eine Zusammenarbeit oder ein Fun Fact der Metalgeschichte?

Ich glaube eher, dass das ein Fun Fact ist. Wir waren mit TURISAS vor zwei Jahren auf der Paganfest Tour. Das sind nette Jungs, mit denen sind wir super gut klargekommen. Musikalisch wird es da auch den einen oder anderen Anknüpfungspunkt geben, ich glaube aber eher, dass die geringerer Natur sind. Da geht das Spektrum doch schon ein Stück weit auseinander. Allerdings muss ich sagen: Ja, TURISAS gibt’s seit 1997, aber ich glaube, das Battle Metal Album von denen, das ist erst ‘98 oder ’99 rausgekommen. Und da haben wir schon gesagt, wir machen „Battle Metal“. Also wenn, haben sich die Finnen bei uns ein bisschen angelehnt.

Das kann auch sein ... aber schade, ich habe schon auf eine Battle Metal-Split EP gehofft. Vielleicht kommt das ja noch mal.

(Lacht) Ja, vielleicht. Also wie gesagt, wir waren mit denen auf Tour und mit denen kann man prima klarkommen, die sind auch kein bisschen abgehoben. Von daher: Wer weiß, was in Zukunft passiert.

Ihr habt im Oktober euer zwanzigjähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Wie fühlt man sich, wenn man sowas hinter sich hat?

Für uns war das prima. Wir blicken auf bewegende und erfolgreiche 20 Jahre zurück. Wer uns ein bisschen näher kennt, weiß auch, dass wir sehr wenige Besetzungswechsel in den Jahren gehabt haben. Wir kennen uns von klein auf und das Ganze war mehr als eine Band, es war Freundschaft oder sogar Familie. Von daher fühlen wir uns prima. Der einzige Wehmut, der natürlich aufkommt: Du bist nach 20 Jahren Bandgeschichte auch 20 Jahre älter. Ich werde nächstes Jahr auch 40 Jahre alt. Das ist heutzutage kein Alter und ich fühle mich auch nicht wie 40 – körperlich manchmal wie 90, aber geistig eben nicht. Als Band fühlen wir uns aber sehr gut dabei und haben Bock, noch ein paar weitere Jahre Musik zu machen. Ein paar Jahre weiteren Battle Metal.

Du sprichst eure wenigen Besetzungswechsel an – einer davon war euer Sänger Nezrac, der euch vor ein paar Jahren verlassen hat. Du warst ja als Sänger erst mal die „Notlösung“, bevor ihr Ersatz gefunden habt. Was hat dich dazu bewogen, am Ende doch nicht zurück an die Gitarre zu gehen?

Wir haben uns damals von unserem Sänger aus privaten Gründen getrennt. Das war kurz vor den Aufnahmen von „Varar“ 2008. Ich habe in der Vergangenheit immer ein bisschen im Background mitgesungen und von daher war es wirklich eine Notgeburt, dass ich das Album eingesungen habe. Ich hab' das dann mal angetestet, weil es für mich auch völlig ungewohnt war, in vorderster Front zu stehen. Dann haben wir das Ding eingespielt und haben parallel dazu auch einen neuen Sänger gesucht, weil für mich eigentlich klar war, dass ich nicht beide Rollen ausfüllen kann. Gitarrenspiel und Gesang parallel hat nicht immer zu hundert Prozent funktioniert.

Von daher haben wir weitergesucht, aber die Leute mussten auch zu uns passen. Es kam uns natürlich auch auf die musikalische Qualität an, aber es war uns auch wichtig, wie die Person zu uns passt. Es haben sich auch ein paar Leute beworben, die super nett gewesen sind, aber es war halt doch schwierig, wen zu finden.  Und irgendwann haben die Jungs dann zu mir gesagt: „Hast du nicht Bock, das einfach weiterzumachen und wir gucken parallel, ob wir nicht einfach einen neuen Gitarristen finden?“

Als unser ehemaliger Gitarrist Dornaz dann wieder dazugekommen ist, hat sich das alles auch so eingespielt. Ich war am Mikro und er kam dann an die Gitarre zurück und das war dann auch, unserer Meinung nach, eine erfolgreiche Lösung. Die Jungs haben mir dann auch gesagt: „Ja, Gitarre war schon Scheiße, Gesang kannst du besser.“ (lacht) Wie heißt es so schön, wenn du solche Kollegen in der Band hast, dann brauchst du keine Feinde mehr.

Wenn man so lange unterwegs ist, hört man sowas wahrscheinlich öfter.

Wir kennen uns schon so lange, wir wissen, wie wir mit solchen flapsigen Kommentaren umzugehen haben. Ich denke, dieser Zusammenhalt und diese Freundschaft ist auch das Besondere an uns. Wir haben auch andere Bands kennengelernt, wo es sehr professionell zugeht. Die Leute sind da musikalisch ganz weit oben in der Liga, aber dieses Zwischenmenschliche ist nicht da. Das sind halt Musiker, die eingekauft werden. Wir sagen immer, wir sind die fünf Freunde von der der Kneipe um die Ecke, wir haben Bock auf Musik und die machen wir auch.

Schreibt ihr eure Songs auch immer noch zusammen?

Ja. Ich schreibe auch weiterhin ein paar Riffs für die Alben und jeder hat so seine eigenen Ideen und Vorstellungen, die auch zuhause geboren werden, aber letztendlich entsteht der Song dann im Proberaum. Derjenige, der die Idee hatte, spielt das an und wir steigen drumherum ein. Und ganz ehrlich, es ist wunderbar, wenn du im Proberaum zusammenkommst, erst mal über Gott und die Welt quatscht, dein Bier trinkst und dann ans Songwriting gehst. Davon wollen wir auch nicht abweichen.

Es ist keine Neuigkeit, dass ihr als die deutsche Version von AMON AMARTH bezeichnet werdet. Seht ihr das eher als Lob oder geht euch das langsam auf die Nerven?

Das sehen wir ganz neutral. Ich sag's mal so: Wenn unsere Fußballmannschaft hier aus Velbert mit dem FC Bayern München verglichen würde, dann hätten sie nicht viel falsch gemacht. So kann man das vielleicht auch ein bisschen auf uns und AMON AMARTH übertragen. Ich will uns jetzt nicht zu klein machen, aber im Vergleich mit AMON AMARTH ist es eben so. Ich persönlich kann die Band gut leiden, respektiere sie auch, muss aber sagen: da fehlt mir ein Stück weit was. Aber die sind ihren Weg gegangen und haben es auch verdient da zu stehen, wo sie stehen. Von daher ist es erst mal nicht das Schlechteste, wenn wir mit denen verglichen werden.

Wir sind aber auch nicht angenervt. Wir fragen uns manchmal nur, wie man auf den Vergleich kommt. Wir haben ja teilweise andere Einflüsse als die, also wo kommt das her? Ist es der textliche Vergleich, die Gitarrenmelodien oder der Gesang? Ich glaube, es gibt da mehrere Möglichkeiten, wo das herkommen kann. Das ist zum Beispiel in Reviews sehr interessant. Manche Schreiberlinge sagen da, wir versuchen irgendwen zu kopieren. Ich habe des Öfteren in der Vergangenheit gelesen: „Also der Agalaz, der wird nie eine Stimme haben wie Johan Hegg.“ Das möchte ich auch gar nicht! Ich habe meine eigene Stimme, meinen eigenen Ausdruck und meine eigene Klangfarbe und es liegt mir und den Jungs fern, irgendwen zu kopieren.

Ich sag‘s mal so: Es gibt elf Töne in der Musik, dass sich das eine oder andere gleicht, lässt sich nicht vermeiden. Egal ob es Pop, Schlager oder Was-auch-immer ist. Irgendwann hast du immer mal Riffs und Gesangspassagen, die ähnlich klingen, das ist einfach so. Aber abgesehen davon wäre es mal schön, mit AMON AMARTH auf Tour zu gehen. Ich glaube, das wäre genau das Publikum, was wir auch ansprechen mit unserer Musik.

Wäre auf jeden Fall mal eine interessante Tour für die deutsche Melo-Death-Community.

Die stehen ganz oben an der Nahrungskette in der Musikbranche. Wenn da einmal das Angebot kommen sollte, würden wir auch irgendwie versuchen, dabei zu sein. Das könnte dann schon ein Einstieg in eine andere Größe werden. Klar machen wir Musik zu 80 Prozent, weil es uns Spaß macht, aber wir sind ja auch dabei, um etwas zu erreichen. Und ich glaube schon, dass man bei uns in den letzten zehn Jahren sehen kann, dass es linear Stück für Stück immer weiter nach oben gegangen ist. Wenn du dann die Chance hast, mit AMON AMARTH auf Tour zu gehen, dann kann das von diesem linearen Verlauf auch mal einen Knick nach oben geben.

Kommen wir zu eurem aktuellen Album "Streitmacht": Ihr habt in der Vergangenheit Themen aus der nordischen Mythologie in euren Songs thematisiert. Ich habe das Gefühl, dass ihr solche Elemente auf „Streitmacht“ ziemlich zurückgeschraubt habt. War das geplant oder gehen euch die Themen aus?

Bewusst geplant haben wir das nicht. Wenn ich die Texte schreibe, habe ich immer bestimmte Sachen im Kopf, die ich ausdrücken möchte. Ich verpacke beim Songwriting auch oft aktuelle Thematiken in nordische Gewänder. Wenn ich das Thema habe, was ich will, dann schreibe ich einfach und mache mir vorher keinen großen Kopf, in welche Richtung das gehen soll. Ich schreibe halt, wie es mir gerade aus den Fingern kommt. Klar gibt es da Themen, die andere Bands schon 100 Mal aufgegriffen haben. Die Frage ist nur, was steht hinter diesen bildlichen Darstellungen, die man in den Texten findet.

Wo siehst du die Band in der nächsten Zeit ... und vielleicht den nächsten 20 Jahren?

Ich glaube, auch da ist es wie mit dem Songwriting – das planen wir nicht wirklich. Klar macht man sich Gedanken, aber es gibt ja auch noch andere Verpflichtungen neben der Musik. Einer unserer Gitarristen hat drei Kinder zuhause, unser Bassist ist vor kurzem Vater geworden, ich habe auch eine Lebensgefährtin mit einer 13-jährigen Tochter und unser Schlagzeuger hat jetzt geheiratet. Das sind so Sachen die in die Überlegungen mit hineinspielen. Wir haben alle feste Berufe, die viel Zeit schlucken, da bleibt halt zwangsweise so einiges auf der Strecke. Von daher machen wir uns keinen Kopf darüber, wie lange genau wir noch machen.

Aktuell haben wir alle Spaß daran, wir haben auch schon für nächstes Jahr das eine oder andere Festival an Land gezogen. Das sind auch schöne Erfolge, die einen noch weiter motivieren. Dazu gehören auch die Gigs, bei denen die Resonanz einfach großartig ist. Wir haben vor kurzem in Österreich gespielt und hatten in Wien schon wirklich Gänsehautfeeling beim Konzert. Von daher können wir eigentlich noch nicht aufhören, möchten wir auch nicht, wir möchten weitermachen.