Geschrieben von Freitag, 09 November 2018 12:01

Chapel Of Disease im Interview zu "... And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye"

Drei Jahre nach ihrem starken Zweitwerk “The Mysterious Ways Of Repetitive Art” legen die Kölner Death Metaller CHAPEL OF DISEASE nun nach. Mit “... And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye" veröffentlicht die Band am 23.11.2018 ein Album, das nochmal eine deutliche Weiterentwicklung darstellt, sich gleichzeitig streckenweise aber von den Death-Metal-Wurzeln der Band entfernt. Wir sprachen mit Vocalist Laurent Teubl über die neue Platte.

Laurent, “... And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye" ist ein ebenso beeindruckendes wie überraschendes Werk, weil ihr einige neue Wege einschlagt. Das Album klingt für mich, als hättet ihr euch endgültig von stilistischen Zwängen und Genre-Ketten befreit, um die Essenz von CHAPEL OF DISEASE in einer bisher nicht dagewesenen Form freizulegen. Lasst uns ein bisschen an dieser Weiterentwicklung und der Entstehungsgeschichte der Platte teilhaben.

Zweifellos ist das neue Album offener und vielschichtiger als unsere bisherigen Platten. Das war allerdings weniger geplant, als man es eventuell vermuten würde. „The Mysterious Ways Of Repetitive Art“ war für uns bereits ein großer Sprung nach der „Summoning Black Gods“. Es war außerdem ein Album, mit dem wir sofort zufrieden waren, nachdem es fertig war.

Es hat dann etwas gedauert, bis wir das Songwriting für “... And As We Have Seen The Storm" angefangen haben. Als es soweit war, kam mir der Entstehungsprozess als etwas sehr Natürliches und Homogenes vor. Wir haben uns vorher nicht hingesetzt und beschlossen, dass wir nun in diese oder jene Richtung gehen wollen. Vielmehr hat uns die TMWORA automatisch neue Türen geöffnet. Auch auf dem Album gab es ja immer mehr einzelne Songs und Parts, bei denen wir versucht haben, auszubrechen. Genau diese Stücke haben uns auch immer am meisten gefallen, sodass es eine logische Konsequenz war, nochmal einen Schritt weiterzugehen.

Wir hören persönlich alle die unterschiedlichste Musik und lassen uns von diversen Sounds inspirieren. Bei mir zuhause läuft zum Beispiel klassischer Death Metal mittlerweile seltener. Wenn man sich selbst kein bisschen an ein Genre kettet (was wir nie vorhatten), ist es ganz normal, die Musik den eigenen Vorlieben anzupassen. Dabei kommt dann eine Platte raus, die mit allem möglichen jongliert. Sie bleibt – alleine schon wegen der Vocals – im Bereich der extremen Musik, ergänzt aber neue und teils auch ungewöhnliche Noten. Die Scheibe ist für uns eine extrem ehrliche geworden, da es letzten Endes Musik ist, die in Bezug auf unsere Präferenzen und Vorstellungen geschrieben wurde, ohne dabei auch nur einmal an irgendwelche Arten von Grenzen zu denken.

Die einzelnen Songtexte ergeben für mich zusammengenommen ein inhaltliches Gesamtkonzept: Das Diesseits ist voller Bedeutungslosigkeiten bis hin zur Leere. Es geht um die fortwährende Suche nach einem tieferen (Lebens-)Sinn, nach Erklärungen und Antworten, die allerdings weder Götter noch Religionen liefern können. Was ist eure Message, die ihr den Hörern mit dem Album überbringen wollt?

Das war eine Entwicklung, die wir gar nicht bewusst gesteuert haben. Aber du hast durchaus recht, das Gesamtkonzept ist so stimmig, auch wenn es nicht geplant war. Ich möchte nicht allzu sehr über eine Message reden. Ich finde es gut, wenn dem Hörer und seiner persönlichen Interpretation viel Raum überlassen werden.

Zudem könnte ich jetzt spontan gar keine bestimmte Message benennen. Es wird in den Texten viel verarbeitet, beobachtet, dargestellt und stehen gelassen: Dass wir in einer absolut überfluteten Gesellschaft leben, die Frage nach der eigenen Rolle dabei, die Frage nach dem Umgang mit Verlusten innerhalb einer solchen Sinnentleerung – das sind Denkanstöße, zu denen wir natürlich eine Einstellung haben und zu der der Rezipient seine eigene haben kann.

„1.000 Different Paths“ verstehe ich so, dass alle Menschen, obwohl sie völlig unterschiedliche Lebenswege beschreiten, dennoch im Tod letztlich dasselbe Ende finden – und im (sturen) Glauben an Auferstehungskonzepte scheitern werden. Habt ihr aufgrund dieser Thematik für diesen Song (einen leicht sakral angehauchten) Klargesang gewählt?

Das ist eine schöne Interpretation, die ich zum größten Teil auch so unterschreiben würde. Allerdings war es so, dass wir den Song als Instrumental längere Zeit hatten und sofort wussten, dass ein Klargesang hermuss. Es war dann geplant, einen Gastsänger zu engagieren, da ich immer der Meinung war (und auch noch bin), dass ich nicht singen kann. Sven von Ván Records sagte mir aber immer wieder, ich solle es einfach probieren.
Ich habe es dann irgendwann sehr spontan im Studio ausprobiert. Es ist natürlich nicht perfekt, aber funktioniert. Der vollständige Text kam dann später hinzu, aber alles hat sich sehr natürlich zusammengefügt.

Der Titel des Albums impliziert für mich, dass eure persönliche Suche zumindest teilweise erfolgreich war und zu einem Ergebnis geführt hat. Liege ich damit richtig?

Zu einem Ergebnis würde ich nicht sagen. Zu einer Akzeptanz und einem Umgang jedoch schon.

„The Sound Of Shallow Grey“ ist mein Highlight des Albums – und auch der Song, mit dem ihr euch am weitesten von euren rohen Death-Metal-Wurzeln entfernt. Beschreibe doch mal bitte die Ideen, die zur Entstehung dieses Stücks geführt haben.

Gute Frage, da muss ich mich sortieren. Das Opening-Riff war zweifellos der Anfang (was nicht immer der Fall ist). Die Strophen wurden dann sehr simpel drumherum gebaut, denn das Riffing ist wirklich nichts allzu Wildes: Es sind drei sich wiederholende Akkorde, die ideal als Background dienen.
Durch Zufall kam bei einer Probe dann diese melodische Gitarre hinzu, die alles extrem aufgewertet und perfekt gepasst hat. Der Mittelteil war ein ganz schöner Kampf und wurde mehrmals verworfen, bis wir zu dem Ergebnis gekommen sind, das nun auf der Platte zu hören ist.

Wir wollten diesmal ganz bewusst einen letzten Song schreiben, der nicht so einen langsamen, epischen Aufbau hat wie „... Of Repetitive Art“ auf dem letzten Album. Stattdessen wollten wir ein konstantes, etwas zurückgenommenes Stück kreieren, das den Hörer auf eine andere Weise packt. Ursprünglich sollte es auch mal eine kürzere Nummer werden, aber mittlerweile glaube ich, dass wir einfach keine kurzen Songs schreiben können.

Dieses rockige Retro-Feeling, das diesen Song charakterisiert, ist an mehreren Stellen der Platte zu finden. Ich möchte hier keine (vermutlich falschen) Vergleiche zu anderen Bands ziehen, das überlasse ich euch: Habt ihr euch beim Schreiben von “... And As We Have Seen The Storm …“ auch von Helden der Vergangenheit oder Wegbegleitern der Gegenwart beeinflussen lassen?

Ich kann für mich sagen, dass es eher viele der alten Helden waren, die mich bewusst oder unbewusst beeinflusst haben. Das Gitarrenspiel der späten 60er und 70er war nach „The Mysterious Ways Of Repetitive Art“ mein Fokus. Das schleicht sich dann natürlich auch ganz automatisch in das Songwriting mit ein. Wir wollten mehr Dynamik, andere Strukturen und offenere Klänge – gepaart mit den Wurzeln von Death und Black Metal ergibt das dann unseren Sound.

chapel of disease and we have seen the storm coverDas Artwork stammt diesmal von Timo Ketola, der unter anderem auch schon Plattencover von WATAIN, OPETH, ASPHYX, DISSECTION und NECROS CHRISTOS gestaltet hat. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Wir wollten ein Artwork haben, das sich grundsätzlich vom vorherigen unterscheidet. Das Cover des letzten Albums kam sehr gut an. Auch ich kann es heute noch angucken und mich immer wieder darüber freuen. Es ist detailverliebt, sehr fein aufgebaut und äußerst durchdacht mit seinen einzelnen Szenen.

Diesmal wollten wir etwas sehr breitflächiges. Ein Bild, das erstmal wirken muss und keine direkten Anhaltspunkte liefert, sondern eben nur als Ganzes funktioniert. Wir finden, dass dies deutlich besser zu dem Album und den Kerngedanken der Musik passt.
Nachdem wir uns dann einige (sehr gute) Cover angeguckt haben, fiel die Wahl relativ schnell auf Timo, da er eben für eine solche Herangehensweise wie gemacht ist. Er hat einen deutlich „gröberen“ Stil, seine Bilder wirken oft sehr weit und füllig. Die Zusammenarbeit hat sich voll ausgezahlt, wir könnten nicht zufriedener mit dem Endprodukt sein.

Wenn man eure bisherigen Platten kennt, scheint das relativ farbenfrohe und stilistisch völlig abweichende Cover-Artwork zunächst etwas befremdlich. Bei genauerem Betrachten passt es aber sehr gut zur Musik und den Inhalten: Die neue Scheibe ist kompositorisch und soundtechnisch mächtig und aufwühlend wie ein Sturm; daneben vielseitig, facettenreich und an vielen Stellen alles andere als nur düster; und wenn die Wolken vorbeiziehen, geben sie den Blick auf etwas frei, das vorher verdeckt war. Was waren eure Gedanken für die künstlerische Gestaltung?

Da hast du es eigentlich perfekt getroffen. Wir wollten ein Cover, das sich mit der Musik und vor allem auch den Texten deckt. Und du hast recht: Trotz all der Themen, die angesprochen werden, und trotz genug düsterer Momente in der Musik, schwingt auch immer wieder etwas Positives auf dem Album mit. Genau diese Gedanken wollten wir aufnehmen und in dem Cover verarbeiten. Wie auch die Musik, soll es eine Dichte darstellen, ein Konvolut an Eindrücken und Ideen. Etwas, das zugleich als mächtig und zerschmetternd und zeitgleich als sanft und weich erscheinen soll. Und dennoch soll nichts dabei chaotisch oder willkürlich wirken, es soll einen klaren Anhaltspunkt und ein Dahinter geben. Ein „Etwas“, das der Hörer oder der Betrachter erahnen, ja fast schon sehen kann.

Sprechen wir mal über Metal made in Köln. Ihr seid neben ULTHA meines Erachtens aktuell die metallischen Aushängeschilder der Stadt und auch international geschätzt. Wie beurteilt ihr die Szene in der Domstadt und seht ihr hoffnungsvolle Nachwuchs-Talente im Kölner Raum?

Da bin ich leider gar nicht auf dem Laufenden. ULTHA kennt man natürlich, da wir auch im selben Keller proben. KETZER (Anm. d. Red.: aus Bergisch Gladbach) sind sehr gute Freunde seit vielen Jahren. Abgesehen davon fällt mir gerade nichts Konkretes ein. Entweder bin ich also weit davon entfernt, auf dem Laufenden zu sein, oder Köln bietet nicht vieles zurzeit, wer weiß!? Ich lasse mich gerne auch korrigieren.

Was geeignete Locations für Metal-Konzerte angeht, war die endgültige Schließung des kultigen Underground im Jahr 2017 ein herber Tiefschlag. Mit dem Club Volta scheint es aber endlich einen adäquaten Ersatz für Events mit einer Besucherzahl von 300 bis 500 zu geben, die mittlerweile ja eher im Ruhrpott stattfinden. Wie schätzt ihr das Konzertangebot in Köln ein?

Ich bin sehr gespannt auf den Club Volta, in dem wir ja auch unsere Release-Show feiern werden. In der Tat könnte das eine echte Alternative zum Underground werden. Generell finden hier aber auch nicht viele Konzerte in dieser Größenordnung statt. Noch immer halten mehr Bands im Pott an: Ich denke da sofort ans Turock in Essen oder ans Helvete in Oberhausen, in denen quasi ständig Konzerte der (Extrem-)Metal-Szene stattfinden.

Deshalb fände ich es schön, wenn sich da etwas mit dem neuen Laden in Köln tut. Ván Records hat ja nach unserem Konzert bereits für Januar oder Februar nächsten Jahres eine Show mit URFAUST und THE RUINS OF BEVERAST dort geplant. Hoffentlich kommt dann anschließend noch mehr!

Kurz vor Weihnachten erwartet uns im angesprochenen Club Volta ein echtes Highlight: Ihr präsentiert Seite an Seite mit SULPHUR AEON, die im Dezember ihr nächstes Langeisen veröffentlichen, jeweils eure neuen Platten. War diese Doppel-Release-Show eure Idee?

Die Idee kam von Ván Records, wenn ich mich nicht täusche. Aber da sich beide Bands kennen und gut verstehen und die beiden Releases so nah beieinander liegen, war das eine ganz logische und relativ schnell getroffene Entscheidung!

Zum Abschluss noch eine Frage nach euren Musikerkollegen: Für mich ist “... And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye" neben SLAEGTs „The Wheel“ und „Mark Of The Necrogram“ von NECROPHOBIC ein heißer Anwärter auf den Titel „Album des Jahres“. Wer mischt für euch 2018 ganz oben mit?

Ich muss dieses Jahr noch einiges nachholen, um ehrlich zu sein. Die „Domedon Doxomedon“ von NECROS CHRISTOS will ich nochmal mehr hören, da mir das bisherige gut gefallen hat. Die SLAEGT habe ich noch gar nicht gehört. Ansonsten bin ich wohl etwas in 2017 stehen geblieben, wenn ich über meine Favoriten nachdenke. Ich denke, bei all den Vorbereitungen zum eigenen Album ging dann alles andere etwas unter.