Geschrieben von Freitag, 13 September 2019 17:50

Antigone's Fate im Interview zu "Zum Horizont...": "Es gibt endlos Gründe, zu leben"

Mit "Zum Horizont..." hat Mastermind Ruun seinem Black-Metal-Projekt ANTIGONE'S FATE ein weiteres gelungenes Kapitel hinzugefügt. Wir haben uns mit dem Norddeutschen über das neue Album, die Zusammenarbeit mit Northern Silence Productions und Musik als Kommunikationsmedium unterhalten.

Hallo Ruun, herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung deines neuen Albums "Zum Horizont...". Wie geht es dir mit der fertigen Platte? Zufrieden?

Ich denke, was ich schaffen wollte, habe ich geschafft. Man denkt sich nach jeder vollendeten Veröffentlichung, man hätte dies noch besser schaffen, den Klang an jener Stelle anders drehen oder diesen Übergang anders gestalten können. Aber am Ende des Tages ist es eigentlich doch alles gut so wie es ist. Vermutlich ist das der Fluch des Solomusikers im Heimstudio – theoretisch endlos weiterschnitzen und -drehen zu wollen.

Fangen wir ganz vorne beim Album an – dem Cover. Mich persönlich hat es wirklich umgehauen, daher die Frage: Wie ist das Cover entstanden?

Entstanden trifft es weniger, als "Wie kamst du zu dem Cover"? Viele Werke der Spätromantik haben so einen getragenen, melancholischen Unterton, der schlichtweg gut zu depressiven Klängen passt. Die traurige Schönheit, oder andersherum, vielleicht auch die auf ihre Weise schöne Tristesse von Natur und der Welt im Alltag sind ein häufiges, stets wiederkehrendes Thema dieser Epoche. Ebenso wie in vielen verschiedenen Musikgenres heutzutage, eben auch in diesem und meiner Musik.

Die Lieder gab es – bis auf "Abendstern" – alle seit Ende 2015. Entsprechend oft macht man sich Gedanken, welche Worte und auch welche Visualisierungen dazu passen. Nach einiger Suche stieß ich auf das Gemälde "Clearing Upcoast Of Sicily" von Andreas Achenbach. Auf seine Weise wirkt es wie eine Art Abschied an die Welt, kann aber auch als ein Neuanfang verstanden werden. Die Doppeldeutigkeit passte.

In einem Interview mit metal1.info zu deinem Debütwerk "Insomnia" ist zu lesen, dass ANTIGONE'S FATE für dich wie eine Art Tagebuch fungiert. Das war schon in den Texten des Vorgängers, ist aber auch auf der neuen Platte spürbar. Wie wichtig ist dieses Projekt für dich zur Verarbeitung von bestimmten Ereignissen?

Sehr wichtig. Ich mache mittlerweile fast mein halbes Leben lang Musik und habe es mir "angewöhnt", bestimmten Gefühlen, die man so vielleicht nicht beschreiben kann oder will, Nachdruck zu verleihen und für andere greifbarer zu machen, ohne ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Wie viele abertausende Worte, unzählige Dialoge und Zeit muss man führen und aufwenden, um jemanden wirklich kennenzulernen? Um zu wissen, wie es ihm geht, wenn man auch durch eine bloße Vertonung seiner inneren Welt sofort verstehen kann, was er fühlt oder erlebte?

Fühlst du dich auch manchmal unwohl dabei, zu wissen, dass so viele Menschen etwas von deinen intimsten Gefühlen mitbekommen?

Ich bin mir nicht sicher, ob mir das nicht sogar egal ist. Als Kind und Jugendlicher denkt man ständig darüber nach, wie weit man in Wort und Tat gehen kann, ohne anzuecken oder aufzufallen. Um es sich nicht mit seinen Mitmenschen und Freunden zu verscherzen. Um akzeptiert zu werden, kurzum – um nicht allein und einsam sein zu müssen.

Wird man erwachsen und macht Erfahrungen, in denen das Konstrukt all dieser Menschen, Bekannten, Freunden und des sozialen Umfeldes wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt – wenn diejenigen, von denen man dachte, man wäre bei ihnen sicher, einen nackt und allein in der Wüste aussetzen, vor der man sich als Heranwachsender stets fürchtete – dann lernt man, wie vollkommen egal das ganze zwischenmenschliche Getue und der pseudomoralische Scheiß, der einem eingetrichtert wird, sind.

Auf eine gewisse Art ist das Austreten aus diesem moralischen Spinnennetz eine Befreiung. Nicht auf pseudointellektuelle, spirituelle oder sonstige Art und Weise. Abartiger Sozialvampirismus ist ein Grund, weshalb sich so viele Menschen schlechter fühlen, als es ihnen gehen müsste. Ja, ich denke, es ist mir egal. Es ist ein Ventil, das nötig ist.

In besagtem Interview wurde auch eine kurze Brainstorming-Session eingebaut. Als es um ANTIGONE'S FATE in fünf Jahren ging, meintest du, dass das Projekt dann hoffentlich nicht mehr nötig sei. Jetzt liest man im Promotext, dass "Zum Horizont..." nur ein weiteres Kapitel einer langen Reise ist. Was hat sich verändert?

Nichts. Persönliche Umstände ändern sich, man entwickelt sich vielleicht weiter. Aber dass man, sobald man vor die Tür geht, nur brechen möchte, bei all dem Müll, den immer hysterischer, schnelllebiger, oberflächlicher, dümmer und sinnentleerter werdenden Menschen, das ändert sich nicht.

Kommen wir zum Album selbst: "Zum Horizont..." klingt einerseits erfüllt von Weltschmerz und Melancholie. Dennoch hat es in seiner Gesamtheit auch etwas sehr Reinigendes. Etwas, das auch wieder positiv in die Zukunft blicken lässt. Was bedeutet das Album für dich und warum der Titel "Zum Horizont..."?

Ich habe die Musik für das Album aufgenommen in einer Zeit, in der es – inmitten eines Ortes, der zuvor voller Leben und regem Austausch war – zum Problem wurde, sich nach zwei Tagen des Auf-dem-Sofa-Liegens Wasser zu holen. Die Texte kamen deutlich später. Wer konsequent ist und sich von seinen Problemen übermannen lässt, zieht einen Schlussstrich. Wer dagegen ankämpfen möchte, braucht Hoffnung. Auch wenn man sie sich selber schaffen muss. In den Texten kommen auch Gedichte vor, die manches besser ausdrücken, als ich es könnte.

Der Titel: Es gibt endlos Gründe, zu leben. Und wenn man sich bemüht, können die meisten ihren finden. Doch muss man dafür irgendwann aus dem Bett aufstehen, sich zusammenreißen und einen Anfang machen. Zwischen sich selbst und der Ferne des Himmels kann alles liegen, das einem dabei behilflich sein kann.

Besonders gut hat mir der neue Song "Der graue Block" gefallen. Von was handelt der Song?

Sich in guter Absicht selbst in einen Käfig gesteuert zu haben, der einen nicht loslassen möchte.

Trotz der langen Spielzeit von über 20 Minuten wird der Song nie langweilig. Wie gehst du einen solchen Song im Songwriting-Prozess an? Woher kommen diese ganzen musikalischen Einfälle?

Versuchst du, ein Schloss an einem Safe zu öffnen, rastet an jeder richtigen Position ein Teil des Schlosses ein, bis er seine Tür öffnet. Es kommt eine Melodie, die zu etwas passt, das man erlebt hat, möglicherweise auch eine vergangene oder aktuelle Emotion widerspiegelt. Soll die Melodie kohärent fortgeführt werden, muss das Nachfolgende den beschriebenen Klick machen. Sonst passt es nicht. Ich weiß selber nicht, wie lange meine Lieder werden. Erst, wenn sie sich abgeschlossen anfühlen.

Die anderen Stücke des Albums – "Abendstern", "Morgengrauen" und "Herbstnacht" – wirken alleine schon durch ihre Namensgebung sehr naturverbunden. Du selbst lebst in Schleswig-Holstein in unmittelbarer Nähe zum Meer. Was für eine Rolle spielt die Natur für dich und deine Musik?

Lyrisch bloß eine metaphorische. Emotional allerdings eine umso größere. An einem Ort eingepfercht zu sein – an dem es kaum möglich ist, einmal für sich zu sein, durch einen Wald zu marschieren ohne Autogeräusche zu hören oder den Wellen zu lauschen, ohne dass irgendeine niedere Kreatur einen mit ihrem Schwachsinn belästigt – ist erdrückend. Ich arbeite daran, diesen Umstand zu ändern.

Du spielst eine Vielzahl verschiedener Instrumente, bist also ein Multi-Instrumentalist. Gibt es trotzdem manchmal Momente, in denen du eine Passage kreieren möchtest, für welche dir aber die nötigen Fähigkeiten fehlen?

Ständig. Bis auf das Schlagzeug, mit Abstrichen E-Bass und einem Monat Gitarren-Unterricht musste ich mir alles selber beibringen. Ebenso den tontechnischen Aspekt der Musik. Es gibt immer wieder Gitarrenläufe, die ich gerne auf eine Weise hätte, für die meine Fähigkeiten aber nicht ausreichen.

Noch kritischer wurde es bei den Violinen-Aufnahmen. Ein sehr undankbares Instrument. Alles, was nicht sauber und gut klingt, klingt sofort grausam. Dann muss ein Kompromiss gefunden werden, wie die entsprechende Idee dennoch ins Lied eingebaut werden kann, ohne an Wirkung zu verlieren.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Northern Silence Productions? Auch nach dem zweiten Album noch zufrieden?

Ja. Es wird ein großer Aufwand betrieben, um mir bei der Werbung unter die Arme zu greifen. Durch einen gigantischen Fundus an Kontakten und Bemusterungen, den kein Solomusiker aus dem Ärmel schütteln könnte. Selbst wenn er wochenlang stumpf bestimmte Kontaktadressen anschreiben würde. Auch in manchen abschließenden Aspekten kreativer Herkunft wird sich mit Rat und Tat reingehängt, als hätte man selber an dem Album mitgewirkt.

Natürlich verschwindet man im Gegenzug bei so einem Label zwischen Namen wie GALLOWBRAID, CALADAN BROOD oder SAOR. Da ist man ein kleines Licht. Aber das ist nicht Schuld oder Problem des Labels.

Hast du noch irgendwelche abschließenden Worte? Irgendetwas, dass du loswerden willst, bisher aber nicht sagen konntest? 

Nein. Danke für eine Gelegenheit, Klartext schreiben zu können.