Geschrieben von Freitag, 19 Februar 2021 12:25

Tvinna im Interview: "Unsere Sprache ist ein Geschenk, ein Wunder der Natur"

Die Band TVINNA Die Band TVINNA Credits: Samantha Evans

Passend zur Veröffentlichung des TVINNA Debüt-Albums "One In The Dark" haben sich Laura Fella und Fiona Rüggeberg Zeit genommen, um mit uns über Weiblichkeit, Sagen und das Miteinander der Band zu plaudern.

Zu Beginn erstmal: Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung des TVINNA-Debüts! Erzählt doch mal – für alle, die euch noch nicht kennen – wer ihr genau seid.

Laura: Vielen Dank! Wir – TVINNA – sind eine internationale Band, bestehend aus Fiona Rüggeberg (ehemalig in FAUN), Fieke van den Hurk (Musikerin & Produzentin), Rafael Salzmann (ELUVEITIE), Jasper Barendregt (u.a. ULSECT) und mir, Laura Fella (FAUN). Mit unserer Musik möchten wir den femininen Spirit wecken, alte Weisheiten wieder aufleben lassen und Emotionen wecken.

Unsere Musik lässt sich schwer beschreiben, man muss sie wohl vor allem erleben und sich darin fallen lassen. Was TVINNA wohl besonders macht, ist, dass wir uns mitunter auch als Kreis verstehen – uns begleiten in Kollaborationen immer wieder einzigartige Künstlerinnen auf unserem Weg, unter anderen Eivør oder Fabienne Erni.

"We are one in the dark. We are TVINNA!" ist euer Leitsatz. Kurze Recherche hat ergeben, dass "Tvinna" (je nachdem, welche skandinavische Sprache man wählt) "Schnur" oder "Twist" bedeutet. Was hat es damit auf sich?

Fiona: "Tvinna" bedeutet im Grunde verzwirnen, spinnen, verweben. Es drückt unsere Verbundenheit innerhalb der Band aus, aber nimmt auch Bezug auf das Erschaffen von Musik und darauf, Klänge zu verweben. Dem Wort liegt aber auch ein noch allgemeingültigeres Gefühl zu Grunde – und zwar mit dem Leben und den Dingen, die geschehen, auf wundersame Weise verwoben zu sein.

Einen kurzen Abriss über die Bandgeschichte kennt man ja schon. Warum hat sich Fabienne dazu entschlossen, doch nicht als Hauptmitglied mitzumachen, obwohl sie doch Hauptbestandteil der TVINNA-Idee gewesen ist?

Laura: Mit einer international so erfolgreichen Band wie ELUVEITIE hat man eigentlich sowieso schon genug zu tun – Fabienne hatte zum Zeitpunkt dieser Entscheidung allerdings sowohl noch ihr Side-Project ILLUMISHADE an den Start gebracht, als auch noch ihr Studium. Genug also, um zwei Leben zu füllen – ohne Freizeit. Wir konnten ihre Entscheidung, sich innerhalb von TVINNA zurückzuziehen, also sehr gut verstehen und freuen uns nach wie vor, voneinander zu hören oder uns zu sehen.

Was hat sich in der Band geändert seit ihr auch männliche Mitglieder in der Band habt?

Fiona: Durch Jasper Barendregt (ULSECT) an Drums und Rafael Salzmann (ELUVEITIE) mit E-Gitarre/Bass kam die Art von metallastiger Power in die Band, die wir uns für TVINNA vorgestellt haben. Wir wollten mit TVINNA durchaus etwas ins Düstere gehen und genau dafür sind die beiden eine sehr gute Ergänzung unserer Band. Beide sind auf ihrem Gebiet wirklich fantastische Musiker und es macht einfach Spaß, wenn ein größerer Kreis von kreativen Köpfen beim Songwriting unterschiedliche Impulse bringt.

Ist es euch wichtig, alle Songs gemeinsam zu schreiben oder habt ihr einen primären Songwriter in der Band?

Laura: Uns ist vor allem wichtig, dass sich jeder frei entfalten, wiederfinden und auch verlieren kann. Unser Songwriting hat keinen fixen Ablauf, ganz im Gegenteil – das variiert von Song zu Song! So entstand manches Lied zum Beispiel in enger Zusammenarbeit von uns drei Frauen (z.B. „The Gore“, „12“ oder „Partus“), manch anderer entspringt aber der Feder nur einer von uns (z.B. „Wild Hunt“ oder „Inside - The Dark“) ... und wurde dann gemeinsam erarbeitet und in die jetzige Version gebracht.

Allerdings genießen wir es sehr, gemeinsam zu schreiben, wenn es die äußeren Umstände zulassen! Hier fließt die Kreativität auch unfassbar schnell ... Die erste Version von „Partus“ haben wir z.B. in ungefähr zwei Stunden geschrieben ...

Fiona zum Beispiel spielt ja auch Dudelsack und verschiedene Flöten. Kann man noch eine diversere Auswahl an Instrumenten in Zukunft erwarten?

Fiona: Wir wollten bei TVINNA von Anfang an ganz bewusst den Gesang in den Vordergrund stellen. An manchen Stellen des Albums kann man allerdings eine Obertonflöte hören, denn diese Art von Flöten kann wirklich einen ganz undefinierbaren, wilden Sound erzeugen und passt daher sehr gut in unser Klanguniversum. Bei diesem Rezept werden wir auch in der Zukunft bleiben!

Mir persönlich hat der tiefe Gesangsanteil auf "Partus" zum Beispiel sehr gut gefallen. Könnt ihr euch vorstellen, auch auf späteren Alben mehr Männergesang einzubinden – oder ist es euch wichtig, dass der Fokus auf dem weiblichen Gesang bestehen bleibt?

Laura: Uns ist der weibliche Gesang sehr wichtig, ist er doch der Ursprung der Idee von TVINNA – und somit unseres gesamten Universums. Grundsätzlich kann ich mir trotzdem auch sehr gut vorstellen, mal Männerstimmen zu featuren – sehr gut sogar! Denn bisher haben wir das nicht getan. Der tiefe Gesang in „Partus“, das sind Fiona und ich!

"Laura, Fiona und Fieke bilden den Kern der weiblichen Seele der Musik", steht in eurem Promotext. Was ist denn die "weibliche Seele der Musik"?

Fiona: Die Ausrichtung auf die weibliche Kraft, die wir in TVINNA betonen, ist in erster Linie aus unserer Zusammenkunft erwachsen. So ein Kreis aus Frauen hat eine ganz eigene Dynamik und wir haben von Anfang an angespürt, dass dies eine starke und vertrauensvolle Verbindung ist.

Es ging uns ganz bewusst darum, einen Schutzraum zu schaffen, in dem wir uns frei entfalten können, Gefühlen in der Musik aber auch unserer intuitionsgeführten Arbeitsweise freien Lauf lassen können. Unser Debut-Album befasst sich ja auch inhaltlich mit den Themen Geburt / Wasser und alle Songs haben in irgendeiner Weise Bezug zu diesem weiblichen Thema.

Was bedeutet Weiblichkeit für euch und wie wichtig ist euch Weiblichkeit in der Musik und im Alltag?

Laura: Puh, ich denke das ist für jede von uns anders. Weiblichkeit an sich ist ja auch kein fester Begriff, meine Weiblichkeit hat sich mit der Geburt meiner Tochter z.B. sehr verändert – ich denke, ich bin „weiblicher“ geworden. Ich kann den Begriff also nur für mich definieren und das bedeutet folgendes: Stärke, Mut, Verletzlichkeit und vor allem Hingabe.

Das trifft sich für mich auch in der Musik – ich möchte mich in die Musik fallen lassen, mich ihr hingeben und das fordert oft Mut (den ich manchmal auch nicht habe) – denn man macht sich dadurch verletzlich.

Auf "One In The Dark" werden verschiedenste Themen angesprochen. "The Gore" ist der erste Song, den ihr zusammen geschrieben habt und stellt auch den Introsong des Albums dar. In einem Interview habt ihr mal erwähnt, dass der Song Verbundenheit und Erwachen thematisiert. Was ist damit konkret gemeint? Gebt uns doch mal einen Einblick in eure Gedankenwelt!

Fiona: „The Gore“ war das erste Lied, das wir zusammen als Band geschrieben haben. Das Wort „The Gore“ bedeutet „Blut“ und der Song spricht von den Blutsverbindungen, die uns mit unseren Vorfahren verbinden. Je mehr wir selbst aber in das Lied eingetaucht sind, desto mehr ging es auch um die Verbindung innerhalb unserer neuen Band, die wir gerade gefunden hatten. Auch diese Gefühle haben wir in dem Lied, vor allem aber in dem Video dazu, reflektiert.

"12" habt ihr der Göttin Perchta gewidmet. Ich habe das Gefühl, ihr holt viel Inspiration aus Sagen und Legenden – ähnlich wie bei FAUN. Was für eine Bedeutung haben Geschichten für Menschen?

Laura: Hmmm – ich würde sagen, wir holen viel Inspiration aus unseren eigenen Leben. Fiona hat uns von „Perchta“ erzählt – und eindrücklichen Erlebnissen, die sie in Verbindung mit dieser Göttin hatte ...

Geschichten sind so wichtig für uns Menschen – unsere Sprache ist ein Geschenk, eigentlich ein Wunder der Natur, und diese für etwas so Wundervolles wie Legenden, Sagen oder eben Lieder zu nutzen, ist mindestens genauso wundervoll. Geschichten helfen uns, uns zu erinnern. Sie lehren uns Empathie, Achtsamkeit und können gerade in einer so schnelllebigen Welt wie der heutigen wunderbar entschleunigend sein.

Wisst ihr schon, wo es thematisch später mit TVINNA noch hingehen wird?

Fiona: Wir hatten von Anfang an geplant, eine Serie von Konzeptalben zu machen, die sich jeweils mit einem Element und analog dazu mit einer Lebensphase befasst. Wir arbeiten bereits an neuen Songs und versuchen, diese momentane Lage ohne Konzerte auf diese Weise zu nutzen.

Ihr seid ja eine internationale Band – wie war das für euch, während der Corona-Pandemie zu arbeiten?

Fiona: Wir hatten alle Aufnahmen bereits vor dem Beginn der Maßnahmen im Kasten und konnten daher bei den Aufnahmen uneingeschränkt arbeiten. Da wir allerdings teilweise sehr weit voneinander weg leben, haben wir ohnehin viel digitales Ping-Pong gespielt und uns die neuesten Ideen und Versionen hin- und hergeschickt. So werden wir das unter den momentanen Bedingungen dann wohl weiterführen.

Zeit für die berühmten letzten Worte an die BYE-Leser!

Laura: Wir sind unfassbar stolz, mit „One - In The Dark“ unser erstes Album endlich zu veröffentlichen. Wir freuen uns wirklich von Herzen über jedes Wort, jede Reaktion, die wir erhalten, und hoffen sehr, unsere Musik auch so bald wie möglich auf die Bühne bringen zu dürfen! Bis dahin wünschen wir euch allen da draußen und drinnen nur das Beste und viel Liebe aus dem TVINNA-Camp!

Nana

Stile: Atmospheric Black Metal, Stoner Rock, Melodic Death Metal, Metal-/Deathcore, russischer Postpunk, Synth-Pop

Bands: Altin Gün, Agar Agar, Boy Harsher, Children of Bodom, Mars Red Sky, John Maus, Lorna Shore, Jonathan Hulten, Myrkur, Molchat Doma, Polyphia

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