Istanbul, 26.07.2026 – Am Samstag steht mit ACCEPT im Rahmen ihrer 50-Jahre-Jubiläumstour gemeinsam mit DESTRUCTION und SAINTS 'N' SINNERS die Thrash-Metal-Fraktion auf dem Programm – ein Line-up, das mich persönlich allerdings weniger interessiert.
Am Sonntag folgt die melodischere Seite des Wochenendes: Die schwedischen Schwergewichte IN FLAMES machen Halt in Istanbul und werden dabei von den beiden britischen Bands NAPALM DEATH und EMPLOYED TO SERVE unterstützt. Für Letztere ist es sogar das erste Mal in Istanbul und damit besonders aufregend.
Die Maximum Uniq Açıkhava ist ein Veranstaltungsort mit großem Außenbereich, der eine Kapazität für bis zu 8000 Besucher:innen hat. Man wird zunächst in ein kleines Einkaufszentrum geleitet, das mehrere Schnellimbisse, einen Supermarkt und sogar ein Musikgeschäft beinhaltet, und erhält dann schließlich seine Bändchen am Einlass. Netterweise dürfen wir uns im Front-Of-Stage-Bereich aufhalten und auch schon den ersten Act des Abends begrüßen.
EMPLOYED TO SERVE geben alles, Istanbul (noch) nicht
Mit unheimlich guter Laune und Energie betritt die Metalcore-Band EMPLOYED TO SERVE aus Woking, England, die Bühne. Für sie ist es der allererste Auftritt in der Türkei, daher ist der Abend für uns alle ein besonderer Moment. Dass sie aber schon sehr viel Erfahrung auf der Bühne haben, ist kein Geheimnis. Energie und Handwerk verschmelzen hier, und dass Sängerin Justine Jones für das Rampenlicht geboren wurde, steht außer Frage.
Mit all ihrer Kraft und guten Laune versucht sie, die Menge zu animieren, was ihr manchmal gelingt ... Vielleicht liegt es daran, dass es noch recht hell ist, noch zu wenig Bier geflossen ist und der Platz generell noch spärlich besetzt ist, aber so richtig abgeholt ist das Istanbuler Publikum noch nicht. Immer wieder versucht Justine, zum Moshen und zu Circle Pits anzustiften, doch außer einer Handvoll Fans, die glücklich um einen EMPLOYED TO SERVE-Fan im Rollstuhl herumhüpfen, wirkt die Menge noch träge.
Doch selbst nach einer gescheiterten Wall-Of-Death lässt sich das Quintett nicht unterkriegen und gegen Ende des Sets wird zumindest Arm in Arm geheadbangt. Der erste Auftritt des Abends zu sein, kann ein wenig undankbar sein, doch EMPLOYED TO SERVE haben sich hier absolut gar nichts vorzuwerfen und bleiben als grandioser Auftritt in Erinnerung.
NAPALM DEATH mit politischem Statement
Auf NAPALM DEATH hatte ich mich sehr gefreut, da ich bislang noch nicht das Vergnügen hatte, sie live erleben zu können. Als die Pioniere des Extreme-Metals die Bühne schließlich betreten, und eine Welle aus Chaos und Anarchie über mich hereinbricht, merke ich sofort, dass ich damit nicht alleine bin. Ein riesiger Moshpit entsteht sofort aus dem Nichts, alle schwitzen und wollen es Frontmann Barney Greenway gleichtun, der scheinbar komplett die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren scheint und schön die ersten Reihen mit einigen Litern Spucke und Schweiß besprüht.
Es ist noch gar nicht lange her, dass das BEHEMOTH-Konzert hier in Istanbul abgesagt wurde, da die Band nicht konform sei mit den „Werten des Staates“. Und auch sonst kommt es hier häufiger vor, dass Bands nicht auftreten dürfen aufgrund deren politischen Haltung, die sie offen kundtun. Daher schätze ich es umso sehr, dass NAPALM DEATH die Möglichkeit nutzen, um auf der großen Bühne in Istanbul über Religion als „Bullshit“ und Machtinstrument zu sprechen, über sinnlose Kriege, Kapitalismus, Faschismus und Rechtspopulismus zu schimpfen. Ob das Konsequenzen haben wird, wird sich zeigen. Für dieses Land bedeuten die Worte dieser Band jedoch eine gewisse Freiheit, die sie selbst schwer folgenlos in die Öffentlichkeit tragen können.
Nach dem grandiosen Auftritt von NAPALM DEATH finden wir heraus, dass wir auch Zugang zum Backstagebereich haben – eine Gelegenheit, die wir uns nicht entgehen lassen. Und so kommt es, dass wir nicht nur die türkische Rocklegende Athena Gökhan treffen, sondern auch den Musikern von NAPALM DEATH zum gelungenen Auftritt gratulieren. Zwischendurch sorgt eine verschmuste Babykatze für einen unerwarteten, charmanten Moment, bevor wir IN FLAMES auf ihrem Weg zur Bühne noch kurz die Hand schütteln und ihnen viel Spaß wünschen. Lange halten wir uns allerdings nicht auf, denn wir folgen ihnen direkt, denn schließlich wollen wir von der Show keine Sekunde verpassen.
Ein kleines Erdbeben oder ein IN FLAMES-Konzert?
IN FLAMES habe ich auf größeren Festivals schon mal erlebt, doch hier im kleineren Konzert-Setting wirkt die Band nochmal deutlich intensiver. Dass IN FLAMES Jahrzehnte an Erfahrung mit sich bringen, macht den Auftritt perfekt, und auch die Zuschauer:innen sind begeistert und können sich kaum entscheiden, ob sie die Haare schwingen lassen, moshen, in den Circle Pit oder mitgrölen wollen.
Die Auswahl der Songs hätte kaum besser sein können. Uns wird ein kleiner Abriss aus der Bandgeschichte präsentiert mit einer größeren Auswahl aus den Alben „Foregone“ und „A Sense of Purpose“, aber auch der mittlerweile 30 Jahre alte Track „Artifacts of the Black Rain“ aus dem Album "The Jester Race" findet seinen Weg auf die Setlist.
Dem Wunsch „Please play ‚Only For The Weak‘ or we cry in Turkish“ wird schließlich nachgegeben, und wer dachte, dass die Stimmung nicht hätte besser werden können, lag völlig daneben. Kaum dass die ersten Töne von „Only For The Weak“ anklingen, fängt der Boden wortwörtlich an zu beben. Selten habe ich so eine umwerfende Energie erlebt und auch IN FLAMES können glücklich sein, dass keine türkischen Tränen fließen mussten (außer vielleicht Tränen der Freude).
Nach einem grandiosen Abgang mit „The Mirror’s Truth“, „I Am Above“ und „Take This Life“ verabschieden sich die schwedischen Melodic-Death-Veteranen von Istanbul und wir hoffen, dass sie möglichst schnell wieder zurückkehren.