Antichrisis – Cantara Anachoreta (Re-Release) Tipp



Stil (Spielzeit): poppiger, melodischer Celtic/Doom/Pagan Metal – eigentlich unbeschreiblich (41:40 + 40:28)
Label/Vertrieb (VÖ): Tunguska Music/Twilight (14.05.10)
Bewertung: 9,5/10

Link: http://www.antichrisis.net
ANTICHRISIS hatten 1997 mit ihrem Debüt "Cantara Anachoreta" das Pech, bei der Plattenfirma Ars Metalli zu landen, die nicht lange nach der Veröffentlichung der CD pleite ging. Damit verschwand auch "Cantara Anachoreta" von der Bildfläche und wird erst jetzt wieder als überarbeitete Doppel-CD den Interessenten zugänglich gemacht. Zum Glück, denn die deutsche Band hat mit ihrer innovativen, unkonventionellen und auch heute noch für Staunen sorgenden Scheibe einen Klassiker des experimentellen, düsteren Metals abgeliefert.

ANTICHRISIS können nur schwer beschrieben werden, man muss diese Scheibe einfach gehört haben. Selten ist es einer Band so gut gelungen, auf perfekte Weise die düsteren und schönen Seiten des Metals mit keltischen und poppigen Elementen zu verbinden. Obwohl die Songs meist getragen und eher simpel strukturiert sind, braucht es einige Durchläufe, damit sich die ganze Magie von "Cantara Anochreta", das im Grunde ein Ein-Mann-Projekt eines Musikers mit dem Pseudonym Moonshadow war und ist, entfalten kann. Sämtliche Musik und die fabelhaften Lyrics stammen von ihm, ebenso hat der Bandkopf das komplette Album selbst eingespielt. Nur Sängerin Willowcat und zwei Gastmusiker haben neben Moonshadow an dem ANTICHRISIS-Erstling mitgewirkt. Umso beeindruckender ist das Ergebnis.

Bereits der eindringliche "Prologue", der lyrisch nur aus der Textzeile "As darkness falls" besteht, macht das ungeheuer spannende und abwechslungsreiche Konzept hinter "Cantara Anachoreta" deutlich. In "Descending Messiah" wird die Songmelodie in verschiedenen Variationen Minuten lang wiederholt, aber man wird der eingängigen Struktur niemals überdrüssig, sondern könnte glatt noch fünf weitere Minuten zuhören. Hier sprengen ANTICHRIS ganz locker sämtliche Grenzen, spielen mit ruhigen Piano-Klängen, Keyboards, den zerbrechlichen weiblichen Vocals und einer Prise Giftigkeit. Das Augenmerk liegt jedoch deutlich auf Eingängigkeit und zum Heulen schönen Passagen. Zum Schluss mündet der Song dann doch noch in einen schwarzmetallischen Abgang.
Am besten sind ANTICHRISIS immer dann, wenn sie solch getragene, majestätische Melodien vom Stapel lassen wie im Chorus von "Requiem Ex Sidhé" oder dem erhabenen "Epilogue" (inkl. Chrogesänge). Auch "Baleias" zählt mit seiner keltischen Atmosphäre und der immens hohen Eingängigkeit zu den Höhepunkten einer Scheibe, auf der jeder Ton und jedes Detail sitzt und perfekt zueinander passt.

"The Endless Dance" bietet folkig-elektrische Gitarren, bevor einmal mehr Sängerin Willowcat zum Einsatz kommt und sich auf ein Wechselspiel mit Moonshadow einlässt. Poppige, sphärische Passagen mit entrücktem weiblichen Gesang, doomige Gitarren und kauzige Vocals geben sich die Klinke in die Hand und beweisen, dass bereits vor 13 Jahren im extremen Metal experimentiert werden durfte, was das Zeug hält. Trotzdem überrascht der ruhige, mit Akustikgitarren unterlegte Part am Ende gleichzeitig mit keltischem Flair und HEROES DEL SILENCIO-artigen Gesängen. Wie bereits erwähnt: ANTICHRISIS in eine Schublade stecken zu wollen, ist schlicht unmöglich, auch wenn das Grundgerüst im doomigen Gothic/Pagan Metal anzusiedeln ist.

Die zweite CD startet mit dem bisher unveröffentlichten "Beautiful Wolves". Dieser Track wurde bei der Erstauflage fallengelassen, da sonst eine Doppel-CD fällig gewesen wäre, die man nun endlich geboten kommt. Mit seinem Wechsel aus Doom-Parts, etwas flotteren Riffs, dem typischen Gekrächze Moonshadows sowie seinem Klargesang, der sich später mit den sanften weiblichen Vocals abwechselt, und den atmosphärischen, völlig ruhigen Parts wird erneut demonstriert, wie versiert sich ANTICHRISIS zwischen den verschiedensten Stilen bewegen können. "Goodbye To Jane" kratzt für heutige Verhältnisse vermutlich sehr an der Kitschgrenze, ist mit seinen entspannten Akustikgitarren, dem eingängigen Piano und der Melodieführung aber ein sagenhaft schönes, poppiges Lied, dessen Vocals fast komplett von Willowcat übernommen werden.

Im Rückblick muss man ANTICHRISIS zugestehen, dass sie mit ihrer offenen Experimentierfreudigkeit und dem Vermischen von Doom/Pagan/Gothic Metal, keltischen Elementen, Pop und ein wenig Ambient Maßstäbe gesetzt und wohl nicht wenige Bands beeinflusst haben. "Cantara Anachoreta" ist sowohl in absoluter Abgeschiedenheit unterm Kopfhörer als auch auf voller Laustärke über die Anlage ein über 80-minütiges Meisterwerk, das völlig zu Recht seine Wiederveröffentlichung erfährt. Wer das ANTICHRISIS-Debüt bisher gezwungenermaßen verpasst hat, sollte schleunigst zu der hübsch aufgemachten (ausklappbares Digipack, dickes Booklet mit Texten, Linernotes, neues Artwork) Neuauflage greifen.

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