The Beauty of Gemina - A Stranger to Tears Tipp


Stil (Spielzeit): Dark Wave / Goth Rock (1:15:32)
Label/Vertrieb (VÖ): Danse Macabre (26.09.08)
Bewertung: 9 / 10
Link: http://www.thebeautyofgemina.com

Angeblich hat das Debüt des Projekts um Sänger und Mastermind Michael Sele für einige Aufmerksamkeit im tanzenden Untergrund gesorgt. An mir komplett vorbeigegangen, könnte ich das verstehen, wenn der Vorgänger ähnlich gut ist wie das Zweitwerk hier…

Was „A Stranger to Tears“ in meinen Ohren so schön und zu etwas Besonderem macht, ist dreierlei:
Vor allem erstmal eben der Gesang; d.h. einmal die Stimme selbst und dann die Art des Vortrags… Seles Stimme ist ordnungsgemäß warm und schwarz-weich wie Samt. Das gehört sich so; aber dass sie nicht nur die basalen Clichés erfüllt, sondern echt Charakter hat, lässt sie aus der Goth-Wave-Masse ein Stück weit herausragen. Charaktervoll und fast schon hypnotisch ist dieser unaufgeregte, mono-tone Vortrag (Singular ist völlig okay). --- Wer glaubt, dass mono-ton notwendig dasselbe meint wie langweilig, braucht gar nicht weiterzulesen…

Mono-Tonie ist charakteristisch auch für die Stücke, die sich eher mehr im Dunstkreis von (Dark) Wave bzw. eher weniger im Gothic (Rock) bewegen. Viele sind voll auf Tanzbarkeit ausgelegt; und auch wenn man sie zum ersten Mal hört, mag und kann man sich sofort dazu bewegen. Nörgler nörgeln da gern etwas von Vorhersehbarkeit… (Ob die verstanden haben, wie Musik auch funktionieren kann, darf mal bezweifelt werden). Andere sind schwer besinnlich, die Texte (soweit mitbekommen) und die Mucke schwanken zwischen zynischer Lakonie (z.B. „Heart of a Gun“, „The Lonesome Death of a Goth DJ“) und melancholischer Distanz („Into Black“). Gern auch beides auf einmal.

Stärke #2: THE BEAUTY OF GEMINA klingen a) verflucht englisch und b) total 8oer Wave mäßig. Während hierzulande NENA oder „Die Sennerin vom Königssee“ die Tanzfläche füllte, hatte England damals DURAN DURAN oder DEPECHE MODE aufzubieten. Wer den qualitativen Unterschied nicht rafft, versteht auch nicht, warum außer WOLFSHEIM (die so geil sind, dass sie es nicht nötig haben) nahezu die gesamte dunkeldeutsche Szene so gern wie Engländer klingen würde. Schafft bei uns natürlich keiner…

Wer schafft’s? Die Schweizer! --- Und sie überbrücken nicht nur eben mal den Ärmelkanal, sondern auch gleich mal die Zeiten… Trotz des mächtigen 80er Einschlags klingen TBoG nämlich kein bisschen angestaubt oder antiquiert. Es wird „einfach nur“ der alte englische 80er Charme gerettet; Gothic Rock Gitarrenlinien, die eher skandinavisch als teutonischen Ursprungs sind oder aber an SISTERS erinnern, nehmen im Vorbeigehen die 90er mit, während so manche Sequenzer-Salve in Richtung SPEZNAZ, KOMMANDA, dieses Jahrtausend und EBM zielt.

Stärke #3: Während Monotonie ein Begriff zum Verständnis der Stücke, sei es in ihrer Tanzbarkeit, sei es in ihrer melancholischen Nachdenklichkeit ist, empfinde ich das Album als Ganzes als extrem abwechslungsreich. Da finden sich eben jene intelligenten Tanznummern, Melancholiker en masse, das wunderbare, an Justin Sullivan erinnernde „Psycho Flood“ (hört mal den Refrain… wenn das nicht New Model Army ist…!?), das out-chillende „Essai Noir“ undundund…. Fast alle Größen aller dunklen Genres sind hier versammelt; ähnlich geil und doch ganz anders als bei DESCENDANTS OF CAIN. Neu ist auch hier kein einziges Element, aber der Gesamteindruck ist absolut frisch. Und die Primitivität von deutschen Straftänzern wird nie erreicht.

Ich bin schwer beeindruckt, denn das Ding funktioniert beim Zappeln ebenso gut wie beim bedachten easy-listening. Weil „8,6“ hier nicht geht, sag ich mal „9“. Und dann soviel value for money...