Saosin - s/t


Review

Stil (Spielzeit): Emo-/Post-Hardcore (41:15)
Label/Vertrieb (VÖ): Capitol Records (03.11.06)
Bewertung: 6,5/10
Link: www.saosin.com

„Saosin ist ein chinesisches Sprichwort aus dem 15. Jahrhundert. Es bedeutet ‘kleines Herz'. Väter verheirateten damals ihre jüngsten Söhne für Geld mit Frauen aus reichen Familien. Sie rieten ihnen, da sie nicht aus Liebe heirateten, sollten sie ihre Frauen emotional auf Distanz halten, denn diese könnten ja jederzeit sterben. Also liebten die Söhne ihre Ehefrauen nur mit kleinem Herz. Ich habe alle meine Bands so genannt und schreibe Songs über das Thema. Korrekt wird es ‘say-ocean' ausgesprochen, aber die heutigen Bandmitglieder und die Fans sagen ‘say-oh-sin'." [Anthony Green, Ex-Sänger von Saosin]

Selten ist mir ein Album so fluffig in die Ohren gefahren wie das selbstbetitelte Capitol-Debüt des interessant benamten Quintetts aus Newport Beach / Kalifornien. In seiner Gesamtheit ungewöhnlich rund geraten und ausgestattet mit den gefälligsten Licks und Hooks, sowie einer überaus wohlklingenden, warmen aber klaren Produktion, stellt es so ziemlich das Optimum dessen dar, was man als Musiker an Leichtgängigem aus dem Pop-Punk / Post-Hardcore-Genre arrangieren kann.

Und doch haben Cove Reber (voc), Beau Burchell (g, voc), Justin Shekoski (g, voc), Chris Sorenson (b, voc) und Alex Rodriguez (dr) hier keinen Evergreen eingespielt, denn so schnell wie die zuckersüßen Melodien durch die Hirnwindungen geschnalzt sind, so schnell ist mindestens die Hälfte leider auch schon wieder hinausgeflutscht. Oder um es ganz direkt zu sagen: SAOSIN zelebrieren das Klischee, und das hat mit echter Substanz nicht wahnsinnig viel zu tun.
Wie zu erwarten, ließ der Hype zumindest in den USA dennoch nicht lange auf sich warten, obwohl die Band durchaus klein begonnen hat, inklusive Umbesetzung: Sänger Anthony Green, der die Band 2003 mit Burchell und Shekoski gegründet hatte, war bereits nach der ersten EP „Translating The Name" ausgestiegen. Nach der Veröffentlichung der ersten EP in Eigenregie und einer ersten US-Tour verbreitete sich die Kunde von der Band mit enormer Geschwindigkeit im Internet. Im Winter 2005 unterschrieben SAOSIN bei Capitol, veröffentlichten eine EP mit Demos und Live-Stücken und begannen in Zusammenarbeit mit Produzent Howard Benson (MY CHEMICAL ROMANCE, HEAD AUTOMATICA) mit den Aufnahmen zu diesem Debütalbum.

Man flüstert, man schreit, man singt, sehr hell und klar und hoch und emotional und herzzerreißend. Da schwirren zarte Delay-Licks um cleane Akkord-Zerlegungen herum, es regnet warme, vor Emotionen triefende Worte um Herzschmerz und tiefe Gefühle, traurig-schöne Chorusse steigern sich mit bratenden Gitarren zu Bombast-Refrains, Zuckerbrot und Peitsche im exaltierten Wechsel - es gibt tatsächlich nicht viele Möglichkeiten, sich dem Sog der Musik zu entziehen. Doch im Grunde besteht die Kunst bei SAOSIN darin, hier sämtliche Stereotype optimal einzusetzen, um maximalen Effekt zu erzielen: Die Blaupause für ein ganzes Genre.
Das ist auch eine Kunst, aber mir fehlt wie so oft bei diesen glatt polierten Bands der Zacken Eigenständigkeit, die Kante im Sound, das Überraschungsmoment und schlichtweg ein eigener, herausstechender Charakter, der nun mal nötig ist, um über längere Dauer im Ohr hängen zu bleiben. Hier habe ich das einzige Problem mit SAOSIN, denn das will bei mir nicht so recht klappen, auch wenn mir das Album während des Hörens richtig gut reinläuft. Nur für Lobeshymnen reicht es nicht ganz aus, da gibt's andere Kaliber.

Wer sich generell im Emo/Posthardcore/Pop-Punk zu Hause fühlt, FINCH und TAKING BACK SUNDAY mag, auf THURSDAY-Gitarren steht und nicht ganz so auf Originalität schielt, der findet mit diesem Debüt jedoch eine mehr als gute Platte zum genrekonformen Schmachten und Abtanzen. Und mehr muss es ja vielleicht auch gar nicht sein ...