Montag, 09 Februar 2026 20:25

Gladenfold - Soulbound Tipp

Gladenfold - Soulbound

Mit ihrem vierten Studioalbum schlagen GLADENFOLD ein neues Kapitel auf: Mehr Klargesang, ein Storykonzept und die verschiedensten Emotionen prägen den aktuellen Sound.

Kennst du den finnischen Sommer? Gerade noch am See die Sonnenstrahlen genossen, schon zieht ein scharfer Wind durch die Birken und erinnert daran, dass das Wetter auch ganz anders kann. Mit Blick Richtung Hütte sammelt man hektisch seine Decke ein – und schon kommt die Sonne wieder raus und taucht alles in ein solch güldenes Licht, dass man vor Schönheit schreien möchte. Exakt so hört sich GLADENFOLD an – auf „Soulbound“ perfektioniert. Gebrauchsanweisung vorab: Am besten bleibt man einfach liegen und genießt all die unterschiedlichen Empfindungen, so wie sie kommen. Und dann nochmal von vorne!

Epic Melodic Everything

GLADENFOLD aus dem südwestfinnischen Turku blicken inzwischen auf eine über 20-jährige Geschichte zurück. Nach zunächst einigen Demos und EPs erschienen drei Alben, auf denen die Band einen Stil entwickelte, der bislang mit „Epic Melodic Death Power“ so sperrig wie treffend zusammengefasst wurde. Ein Genremix, der immer dynamisch blieb – mal hymnischer, mal düsterer, aber stets melodisch. Das letzte Album, „Nemesis“ (2022), ließ sich bis dato am eindeutigsten im Melodeath verorten, stilistisch nah an Genregrößen wie AMORPHIS oder CHILDREN OF BODOM.

Mit „Soulbound“ tauchen GLADENFOLD nun offenbar in einen völlig neuen Karriereabschnitt ein. Zwar wurden bisherige Trademarks wie anspruchsvolle Drumparts, unfassbar finnische Keyboards, dezente Orchestrierung und gerne mal abrupte Songabschlüsse beibehalten, allerdings setzt Sänger und Bandkopf Esko Itälä diesmal fast ausschließlich auf Klargesang, der sich zuvor mit Deathmetal-Growling in etwa die Waage gehalten hatte. Dabei bedient er eine große Range und kann vor allem in den mittleren bis tiefen Lagen mit einer angenehm warmen Klangfarbe glänzen.

Der nächste Evolutionsschritt

Gleichzeitig wird auf die ohnehin schon hoch hängende kompositorische Latte nochmal ordentlich etwas draufgesetzt. Der Pressetext übertreibt nicht, wenn er von GLADENFOLDs „bislang ambitioniertestem Album“ spricht. Wer Bands wie KAMELOT oder AYREON mag, sollte sich „Soulbound“ unter songwriterischem Gesichtspunkt anhören. Die Ideendichte in jedem einzelnen Song ist hier überwältigend – es scheint fast, als wüsste die Band gar nicht, wohin mit all ihrer Kreativität, die eigentlich für mehrere Alben ausreichen würde. Jedes Instrument hat etwas zu sagen, jeder Song scheint aus verschiedenen Perspektiven zu bestehen.

Gut möglich, dass das auch mit dem inhaltlichen Konzept des Albums zu tun hat – ja genau, es handelt sich erstmals um ein Konzeptalbum. Die von Esko (v) und Matias (g) erdachte Storyline wird nur bruchstückhaft preisgegeben, eine genaue Handlung der eigenen Fantasie überlassen. Grob geht es jedoch um ein verhängnisvolles Schicksal, das sich über Zeitalter hinweg wiederholt. Im Mittelpunkt stehen eine geheimnisvolle Machthaberin und ein Wächter, deren Seelen verbunden sind, und die nach schwerwiegenden Fehlentscheidungen gemeinsam den Kreislauf des ewigen Konflikts durchbrechen müssen. Alle Angaben ohne Gewähr – die Lyrics werden nie wirklich konkret, sondern bleiben wunderbar poetisch-fragmentarisch mit Spielraum für Interpretation.

Das Album wurde übrigens – wie auch schon die Vorgänger – größtenteils unter der bewährten Regie von Toke (g) selbst aufgenommen und gemixt. Herausgekommen ist ein beeindruckend ausgewogener Sound, bei dem alle Instrumente wie selbstverständlich harmonieren.

„Soulbound“ im Schnelldurchlauf

Der Opener „Fire Wind“ startet nach einem geheimnisvollen Crescendo-Intro beinahe proggig, mit Klängen, die an SYMPHONY X erinnern, um sich dann urplötzlich in einem astreinen Powermetal-Chorus zu entladen. Im Anschluss daran wirkt die jüngst erschienene Single-Auskopplung „Wardens Of Time“ deutlich geradliniger, mit nachvollziehbareren Melodieverläufen und einem wunderbar pathetischen Gesamtfeeling. Es folgt die (für GLADENFOLD-Verhältnisse) „fröhlichste“ Nummer des Albums: „For My Queen“, bereits im vergangenen August veröffentlicht, ist ein hymnisches, treibendes Melodiefeuerwerk, bei dem auch Happy-Hippo-Metal-Fans das Herz aufgehen dürfte.

Im direkten Kontrast dazu stehen die Strophen von „Helix Of Hate“ mit den beinahe einzigen Growls auf „Soulbound“. Im weiteren Verlauf lichtet sich die Szenerie aber wieder mit nachdenklichen Zwischenparts, spielerischen Twin Guitars und einem mitsingtauglichen Refrain. Mit der zweiten Singleauskopplung „Mercy“ folgt ein Track, bei dem es einiges zu entdecken gibt – mehrfach wechselnden Gitarrensound, groovige Gesangs- und verspielte Instrumentalpassagen. Außerdem verleiht Sängerin Michaela „Micha“ Tuomenoksa (WITHOUT WARNING) dem Song hier mit einem vierzeiligen Soloauftritt und einigen Harmonievocals eine zusätzliche Farbe.

Mit „Ghostlike“ kommen AVANTASIA- und SONATA-ARCTICA-Fans voll auf ihre Kosten, sollten sich beim zuckersüßen Gitarrenintro jedoch nicht vorschnell zurücklehnen, denn wir sind hier immer noch bei GLADENFOLD: Die Strophen muten eher komplex an, bevor der strahlende Chorus den Anfangsvibe wieder aufnimmt. Wer „Angel Defiled“ vom jüngsten SONATA-ARCTICA-Album mochte, sollte beim anschließenden „Chaos Waltz“ aufhorchen: Der Song wechselt zum Strophenbeginn in einen herrlichen 6/8-Takt – vom Walzertanzen würde ich abraten, Headbangen empfohlen! Zwischendurch versprühen 1A-SONATA-Keyboards ihre Magie.

Wer bis hierhin noch nichts gespürt haben sollte, wird spätestens bei den letzten beiden Tracks gebrochen – woher kommen all diese gewaltigen Gefühle? „Anthem Of The Broken“ ist nochmal eine Achterbahnfahrt mit sphärischem Intro, moderneren Elementen und punktuellen Chören. „Soulbound Parallax“ hat zwar eine vollkommen durchschnittliche Länge, fühlt sich jedoch – im besten Sinne – wie der obligatorische epische Schlusstrack an. Wieder einmal vollkommen „irreführend“ startet er mit einem rhythmischen Riff, aus dem bei anderen Bands ein Stampf-Klassiker entstanden wäre, leitet dann aber zu verträumten bis tänzerischen Szenen über, bricht abermals mit klassischen Songstrukturen und endet mit kurzem, mehrstimmigem A-cappella-Gesang, der das Album wie ein Statement abschließt – und tatsächlich in der Seele nachhallt.

gladenfold bandGLADENFOLD (v.l.): Paavali Pouttu (k), Matias Knuuttila (g), Lauri Itälä (d), Esko Itälä (v), Toke Gerdts (g), Ville Vesa (b). Foto: © Teppo Ristola Photography

Mehr als die Summe seiner Teile

Ja, dieses Album trägt das Etikett „Powermetal“, schleppt vielleicht auch noch das Relikt „Melodic Death“ mit sich. Beides greift jedoch viel zu kurz: GLADENFOLDs Stil bricht durchgängig mit Erwartungen und lässt sich in keine klassische Schublade packen. Wir haben es hier nicht mit „noch einem Powermetal-Album“ zu tun, sondern mit einem eigenständigen Gesamterlebnis auf verdammt hohem Niveau.

Wenn ich ein Haar in der Suppe suchen müsste, dann wäre es allenfalls der abrupte Stilwechsel im Opener, mit dem ich mich erst nach einigen Anläufen anfreunden konnte, oder das Fehlen einer Ballade wie „Saraste“/„Ghosts Of Our Past“. Oder das Cover-Artwork, das für meinen persönlichen Geschmack leider zu sehr nach Prinz Eisenherz aussieht, als dass es der zugrundeliegenden Geschichte (geschweige denn der Musik) gerecht werden könnte. Schade, denn andere Werke des Künstlers Tuomas Valtanen gefallen mir ausgesprochen gut. Von diesen Marginalitäten abgesehen:

„Soulbound“ ist ein grandios vielschichtiges Album geworden, das allen ans Herz gelegt sei, die auch nur ansatzweise etwas mit melodischem Metal anfangen können. Ein Werk, das sämtliche existierenden Emotionen abbildet und in einem verblüffend selbstverständlichen Flow miteinander verbindet. Und vielleicht ist es ja auch endlich das Album, das GLADENFOLD auf internationale Bühnen bringt – es wäre eine große Freude, sie hierzulande einmal live zu erleben.

Tracklist „Soulbound“:
1. Fire Wind (04:31)
2. Wardens Of Time (03:41)
3. For My Queen (04:25)
4. Helix Of Hate (03:59)
5. Mercy (05:16)
6. Ghostlike (05:12)
7. Chaos Waltz (03:59)
8. Anthem Of The Broken (04:24)
9. Soulbound Parallax (05:51)

Anne

Stilübergreifend Fan von packenden Harmonien und Lyrics. Es muss Spaß machen oder berühren – oder beides. In früher Jugend große Seelenanteile an den Powermetal verkauft. Trotzdem nie was mit Drachen und Einhörnern am Hut gehabt. Konzertliebe wiederentdeckt und zur Sucht werden lassen. Frontrowbegeisterung! Lebensziel: Mit 80 immer noch vorne mithüpfen.

Instagram: @now.spring.is.in.the.air

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