Unheilig - Lichter der Stadt

unheilig lichter der stadt

Stil (Spielzeit): Poprock mit einem Hauch Gothic, Wave und viel Schlager-Potential (64:00)
Label/Vertrieb (VÖ): Vertigo/Universal (16.03.2012)
Bewertung: 3,5/10

unheilig.com

Man kann nicht gerade behaupten, dass UNHEILIG jemals wirklich anspruchsvoll gewesen sind. Doch der simple, zuletzt zunehmend bombastische Mix aus tanzbarem Gothic Rock, stampfenden Electrobeats und sanften Balladen ging schnell ins Ohr, textlich verstand es der Graf, mit einfachen Worten die Herzen der Hörer zu berühren. Besonders dank des Überhits "Geboren um zu leben" war das Album "Grosse Freiheit" ein Megaseller, dabei melodisch und abwchslungsreich - Merkmale, von denen auf der neuen CD nicht mehr viel zu hören ist.

"Lichter der Stadt" ist über weite Strecken langweiliger, ideenloser Poprock mit bis zum Erbrechen ausgereizten Refrains. Nicht die (nicht neue) Verbreitung von Hoffnung statt düsterer Stimmung, nicht U2- statt RAMMSTEIN-Gitarren, nicht der deutlich gestiegene Popanteil an sich sind das Problem, sondern das erschreckend schwache Songwriting, das abgesehen von einer Handvoll guter Kompositionen keine hörenswerten Lieder liefert.

Ich gehöre nicht zur harten Fanbasis der ersten Stunde, die sich vom Grafen verraten fühlen und ihn teeren und federn möchten. Wie viele andere bin ich erst durch das tolle "Grosse Freiheit"-Album auf das ältere Material aufmerksam geworden, das ich nicht uneingeschränkt, aber zum größten Teil sehr mag. Trotzdem gefällt mir "Grosse Freiheit" besser als etwa "Phosphor". Das nur zur Einordnung, damit erst gar nicht der Verdacht aufkommt, hier wolle ein enttäuschter Altfan seine ehemalige Lieblingsband zerreißen. Ich bin relativ unvorbelastet an "Lichter der Stadt" gegangen. Jedem, der sich das erste Mal mit dem alten Material beschäftigt, ist sowieso klar, dass die Band früher anders klang - ob besser oder nicht ist Geschmackssache.

Letztendlich ist es egal, wie man zu "Grosse Freiheit" steht und ob man Neuentdecker oder langjähriger Fan ist. Mit ihrem achten Album machen es UNHEILIG beiden Gruppen unheimlich schwer. Der Graf, ein Künstler, der sich von Szene- und Stil-Fesseln löste und vom (verdienten) kommerziellen Erfolg kostete, ist musikalisch in einer Einbahnstraße angekommen. Wo bei harten Songs auch früher schon RAMMSTEIN überdeutlich Pate standen, werden die minimalistischen Riffs nun sogar in Watte gehüllt. "Feuerland" hätte ohne Keyboard-Kleisterei wirklich gut werden können. "Herzwerk" geht in Ordnung, klingt als Demo aber deutlich gitarrenlastiger und mitreißender als die Albumversion. Immerhin stellt "Eisenmann" ein Highlight dar. Es ist nicht schnell, sondern schleppend, durch organische Drums und fette Gitarrenpower sogar straighter als manch alte Rocknummer von UNHEILIG, erhaben und sehr eingängig.

Die genannten Songs erinnern noch am ehesten an vergangene Zeiten. sie lassen gleichzeitig das Potential von "Lichter der Stadt" erahnen, hätte sich der Graf nicht mit Pop- und Balladensülze überworfen. Tanzbare, elektronisch aufgepeppte Goth-Rocker waren schon immer nur ein Teil von UNHEILIG, genauso wichtig waren bedachte und ruhige Momente. "Mein Stern", "Unter deiner Flagge", das sind herzergreifende Balladen, die einem ein Lächeln auf die Lippen zaubern – einfach, ja, aber voll intensiver Schönheit. Auf dieser Veröffentlichung verzettelt sich der Graf viel zu oft in Stücke, die ständig mit gesummtem "Mmm" nerven und den Refrain bis zum Äußersten ausreizen. Abgesehen von den härteren Songs, dem bedeutungsschwangeren Intro "Das Licht" und seinem Outro-Pendant "Die Stadt" finden sich auf "Lichter der Stadt" keine brauchbaren Songs.

"So wie du warst" quält mit Schlager-Stimmung und ist "Geboren um zu leben", das trotz anderslautender Aussagen des Grafen musikalisch und textlich wie eine Blaupause für die Single wirkt, zu keiner Sekunde ebenbürtig. Die Gastsänger Andreas Bourani (durchschnittlich) und Xavier Naidoo (nölig-jammernd) bringen keine Abwechslung in den Sound, sondern machen "Wie wir waren" und "Zeitreise" noch poppiger, noch seichter als den Rest des Albums. Wenn der Graf schon seine Erlebnisse und Gedanken nach dem Erfolg des Vorgängers als Textkonzept adaptiert und mit seinem warmen, tiefen Gesang (dem einzig durchgängig Guten an dieser CD) vorträgt, dann doch bitte in mehr als einem Standardrepertoire von leeren Worthülsen. Extrem tiefsinnig waren die Lyrics noch nie, doch verstand es der Sänger, mit seinen persönlichen, ehrlichen Worten so manchem Hörer durch schwere Zeiten zu helfen und Hoffnung zu schenken – eine Qualität, derer sich nur wenige Künstler rühmen können. Nichts von alledem ist in den Songs dieser CD zu spüren. Flotte Nummern sind kaum vorhanden, die ruhigen Songs plötzlich lächerlich einfältig und bieder. Das ist der größte und wichtigste Unterschied zu den bisherigen Veröffentlichungen.

Schmalz, Pathos, Kitsch statt Emotion, Ehrlichkeit, Bombast – das ist "Lichter der Stadt". Vielleicht klangen UNHEILIG schon immer etwas zu sehr nach ihren Vorbildern, waren für die meisten Leute außerhalb der Szene nur eine von vielen Bands. Ihre Songs hingegen waren mal hart, mal einfühlsam, eingängig, melodisch und emotional. "Lichter der Stadt" ist glatt, geschliffen, angepasst, vollgestopft mit Balladen, Pomp und Pop. Es ist das, was jeder befürchtet hat, ohne die Hoffnung aufzugeben, falsch zu liegen: Der Tiefpunkt einer Band, die mit "Grosse Freiheit" noch im sicheren Hafen vor Anker lag, nun auf hoher See aber völlig vom Kurs abgekommen ist.