Ein Hallen-Festival im Sommer?! – Ja, bitte!
Wenn man an Musikfestivals denkt, stellt man sich wahrscheinlich Veranstaltungen unter freiem Himmel (bestenfalls mit Sonnenschein) mit prallgefüllten Zeltplätzen und bester Stimmung vor. Auf das Impericon Festival trifft davon allerdings nur ein Punkt zu: Denn hier verzichtet man bewusst auf das Open-Air-Feeling und veranstaltet das zweitägige Event stattdessen in einer Halle der Leipziger Messe. Der entscheidende Vorteil des Konzepts gegenüber seinen Freiluft-Pendants: Die Halle ist klimatisiert! Gerade an dem Veranstaltungswochenende, an dem Außentemperaturen von knapp 40 Grad herrschten, ein angenehmer Benefit. Auf das Campen musste mangels geeigneter Plätze im Umkreis leider verzichtet werden, was der Stimmung aber keinen Abbruch tat.
„Metal pur“ am ersten Festivaltag – die Highlights

Der erste Tag des Impericon Festivals stand voll und ganz im Namen des Metal. Gleich zu Beginn wurde das Publikum mit Hardcore von GET THE SHOT aus Kanada ordentlich aufgewärmt, wobei auch die ersten Moshpits nicht lange auf sich warten ließen.
Dank der zwei benachbarten Bühnen dauerte es keine fünf Minuten, bis der zweite Act des Tages seine ersten Töne anstimmte. Die Stimmung war auch hier bereits großartig, denn auf vielfachen Wunsch wurden GUTALAX in das diesjährige Line-Up aufgenommen, die keinesfalls durch ihre Lyrics, sondern vielmehr durch ihre Show überzeugten. Wann sieht man sonst mobile Toiletten als Teil des Bühnenbilds, fliegende Klopapierrollen und mit Klobürsten wedelnde Zuschauer auf einem Konzert?
Immerhin vier female-fronted Bands im Line-Up
Es folgten TSS und DISTANT, ehe die erste von insgesamt vier female-fronted Bands des Wochenendes loslegte. Die Rede ist von THE PRETTY WILD, wo sich die Schwestern Jyl und Jules Wylde die Arbeit an den Vocals teilen. Heftige Screams, gefolgt von bösen Growls und zwischendurch immer wieder melodische Gesangspassagen – das beschreibt den Stil des Geschwister-Duos ganz gut. Unterstrichen wird das Ganze mit druckvollen Gitarrenriffs und ordentlichen Breakdowns. Eine Band, die auf jeden Fall Spaß macht und auch live sehr zu empfehlen ist!
The Pretty Wild
Mit NEVERTEL spielte gleich ein weiteres Gesangs-Duo, bevor BOUNDARIES das nächste Metalcore-/Hardcore-Brett lieferten. Die fünfköpfige Band aus den USA strotzte nur so vor Energie und war eine der aktivsten Bands aus dem Line-Up. Herumspringende Musiker, regelmäßige Headbang-Einlagen, begleitet von Matthew McDougals markanten Vocals. Auch das Publikum war sehr aktiv und ging auf jede Forderung, egal ob Circle-Pit, Moshpit oder Wall of Death, ein.
Im Anschluss wurde es mit FUTURE PALACE, CATCH YOUR BREATH und WE CAME AS ROMANS wieder etwas melodischer. Letztere sind ebenfalls für ihre energiegeladenen Konzerte bekannt und enttäuschten auch auf dem Impericon Festival nicht. Vor allem Bassist Andrew Glass stand selten für längere Zeit an einer Stelle und beeindruckte immer wieder aufs Neue mit seinen wilden Drehungen und Sprüngen auf der Bühne.
Metal kennt keine Grenzen
Der erste Festivaltag war in vollem Gange, die Besucher waren mittlerweile komplett angekommen und die nächsten Publikumslieblinge standen auf der Bühne: BLOODYWOOD. Die Gruppe aus Indien zeigte einmal mehr, dass Metal keine Grenzen kennt. Ihr „Punjabi Metal“, der indische Klänge mit harten Riffs verbindet, sorgte für pure Begeisterung und versetzte die Menschenmenge vor der Bühne innerhalb kürzester Zeit in Bewegung.
Bloodywood
Große Fangemeinde bei BLACK VEIL BRIDES
Ein Act, auf den sicherlich viele gewartet haben, waren BLACK VEIL BRIDES. Bereits bevor die Band auf die Bühne kam, wurde in den ersten Reihen gekreischt. Einige Besucher hatten sich extra für die Band geschminkt oder individuelle Schilder gebastelt. Belohnt wurden sie dann mit einer starken Setlist, bestehend aus älteren und vielen Songs des neuen Albums. Auch ein paar amüsante Interaktionen mit dem Publikum, die Sänger Andy Biersack bereits auf vorhergehenden Konzerten immer wieder mit einbaute, durften nicht fehlen.
Beeindruckende Show von BABYMETAL
Der Auftritt von BABYMETAL bot neben wuchtigen Riffs und aufwändigen Choreografien der drei Sängerinnen auch viel Publikumsaktion. Zudem wurde hier auch erstmals an dem Festivalwochenende Pyrotechnik verwendet. So wurden die Tanzeinlagen und Lichtspektakel regelmäßig mit Flammenfontänen untermalt.
Das Finale von ARCHITECTS
Architects
Gegen 22.35 Uhr war es dann soweit und mit ARCHITECTS war der Headliner des ersten Festivaltags an der Reihe. Vor der Bühne erstreckte sich ein Menschenmeer, als die ersten Töne des Songs „Elegy“ erklangen. Das Set bot eine gute Mischung, bei dem der Schwerpunkt natürlich auf dem neuesten Album lag. Sänger Sam Carter machte relativ früh deutlich, dass er das Publikum in Bewegung sehen möchte und so bildeten sich über den kompletten Auftritt immer wieder mehrere Moshpits.
Auch die Security an den vorderen Barricades wurde ordentlich auf Trab gehalten, als zeitweise Fluten von Crowdsurfern nach vorn getragen wurden. Nach etwas mehr als einer Stunde wurde das Konzert dann standesgemäß mit „Animals“ beendet und die Besucher machten sich zufrieden und mit Vorfreude auf den nächsten Tag auf den Heimweg.
Abwechslungsreiches Line-Up an Festivaltag 2
Der zweite Festivaltag startete bereits etwas früher und bot neben diversen Metalbands auch Abstecher in Richtung Punk und sogar Hip-Hop. Den Anfang machten die sichtbar überwältigten ESCAPE THE MADNESS aus Chemnitz, die sich wenige Wochen zuvor bei dem Bandcontest um den Spot auf dem Impericon Festival durchsetzen konnten. Es war die größte Bühne, auf der sie bisher gespielt hatten – und das zudem noch äußerst souverän.
Mit SAVIOURSELF folgte eine ebenfalls deutsche Band, die das Energielevel auf einem ähnlich hohen Niveau hielten und mit ordentlichen Riffs und Breakdowns überzeugen konnten, ehe es mit Deathcore von CABAL aus Kopenhagen etwas düsterer wurde. Tatsächlich entpuppte sich die Band, zumindest für mich, als eines der Highlights des Wochenendes.
Schon von der ersten Sekunde an machte Sänger Andreas Bjulver klar, dass die folgenden 30 Minuten keine reine Stehveranstaltung werden. Von Moshpits, Crowdsurfing bis hin zu einer kleinen aber feinen Wall of Death war alles dabei. Die Band selbst bewies mit Sprüngen, Headbanging zu den gewaltigen Breakdowns und allgemein viel Bewegung auf der Bühne, dass sie nichts davon hält, auf einem Live-Konzert einfach nur regungslos die Setlist durchzuspielen.
Cabal
MENTAL CRUELTY blieben dem bereits angestimmten Deathcore treu, bevor es mit SIAMESE wieder zurück zum melodischen Metalcore ging.
Zur Abwechslung wurde es punkig
Die deutsche Pop-Punk-Band MONTREAL äußerte zuerst Bedenken, nach so einem Brett und allgemein auf solch einer Veranstaltung zu spielen. Sie fanden allerdings mit viel Humor und ihrer unkomplizierten Musik schnell auch im Metal-Publikum viele interessierte Zuhörer.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde wurde es dann aber schon wieder härter und aktiver. THE BROWNING heizten mit ihrem Mix aus Electro und Metal ordentlich ein. Das Konzert wirkte viel mehr wie ein anspruchsvolles Workout im Fitnessstudio, bei dem am Ende einige Zuschauer ordentlich durchgeschwitzt gewesen sein dürften.
Die anschließenden Bands im Line-Up sorgten wieder für Abwechslung. I KILLED THE PROM QUEEN, DYING WISH, die Leipziger 100 KILO HERZ, SLEEP THEORY, THE MENZINGERS und LIONHEART sorgten mit Metalcore, Hardcore, Post-Hardcore und Punk dafür, dass es an diesem zweiten Festivaltag nicht langweilig wurde. Verglichen zum ersten Tag dürfte auf jeden Fall eine breitere Hörerschaft auf ihre Kosten gekommen sein.
I Killed The Prom Queen
MEHNERSMOOS spaltete das Publikum
Mit MEHNERSMOOS wurde schließlich ein krasses Kontrastprogramm geboten. Keine Band an dem Wochenende schaffte es wohl, das Publikum so zu spalten wie das Hip-Hop-Duo aus Frankfurt am Main. Die Songs, deren Texte zugegebenermaßen lyrisch nicht sehr anspruchsvoll sind, feierten die einen, während die anderen mit offenem Mund vor der Bühne standen und sichtlich überrascht waren (ob positiv oder negativ ließ sich nicht genau erkennen). Das Bühnenbild, bestehend aus einer überdimensionalen Bierdose, dem Schaufenster eines Spätis und einem Schlagzeug, das aus einem riesigen Aschenbecher ragte, passte jedenfalls wie die Faust aufs Auge.
Mehnersmoos
Wenn die Klimaanlage irgendwann nicht mehr mithalten kann
Während auf der einen Bühne noch über Dosenbier gesungen wurde, vervollständigte sich auf der Nachbarbühne langsam das Bühnenbild der Band, die bereits mit großer Vorfreude erwartet wurde. Die Rede ist von LANDMVRKS.
Wer die Franzosen bereits live sehen durfte, wusste, dass die nächsten 60 Minuten ordentlich eingeheizt wird – und zwar wortwörtlich. Die Band glänzte mit einer grandiosen Setlist, die auch hier wieder stark von Songs des neuesten Albums dominiert wurde, und einer Lichtshow, die perfekt auf das Set abgestimmt war. Natürlich durfte auch Feuer nicht fehlen – viel Feuer!
So viel Feuer, dass selbst die Klimaanlage in der Halle irgendwann an ihre Grenzen kam. Gestört hat das vermutlich niemanden, denn um es kurz zu sagen: es war einfach geil! Der letzte Song „Requiem“ gab dem Ganzen den Rest und holte auch den letzten stillstehenden Zuschauer im Publikum ab. Zugleich wurde die Halle ein letztes Mal in ein regelrechtes Flammenmeer versetzt.
Landmvrks
RISE AGAINST durften das Festival beenden
In der gut aufgewärmten Halle ging es im Anschluss an LANDMVRKS auf der Nachbarbühne dann mit dem Abschlussact des Festivals weiter. RISE AGAINST hatten in diesem Jahr die Ehre, das Festival zu beenden und zogen ihr energetisches Programm durch. Dabei wurde schon früh der direkte Kontakt zum Publikum gesucht, als Sänger Tim McIlrath nach unten in den Bühnengraben kletterte, um auf den Barricades stehend direkt in die Zuschauermenge zu singen. Gegen Mitternacht wurden dann die letzten Töne angestimmt, ehe ein Wochenende voller grandioser Musik und glücklicher Fans zum Ende kam.
Spannender Ausblick auf das nächste Jahr
Natürlich lies sich der Veranstalter die Chance nicht entgehen, mit einer großen Bandankündigung bereits Werbung für das Festival im kommenden Jahr zu machen. Als erster Act und Headliner für das Impericon Festival 2027 werden LORNA SHORE am Start sein. Den bisherigen Ticketverkaufszahlen nach hat die Ankündigung auch gewirkt, denn die günstigen „Loyalty Tickets“ und „Early Lion Tickets“ sind bereits ausverkauft. Auch die 1. Preisstufe ist schon zu ca. 80 Prozent ausverkauft.
Fazit
Da dies mein erstes Mal auf dem Impericon Festival war, kann ich die diesjährige Ausgabe nicht mit den Vorjahren vergleichen. Was ich allerdings sagen kann: Dass dort auf dem Leipziger Messegelände an den zwei Tagen ein grandioses Festival auf die Beine gestellt wurde, dass sich in keinster Weise hinter den größeren Open-Air-Veranstaltungen verstecken muss.
Das Gelände ist überschaubar, weshalb die Fußwege angenehm kurz sind. Es gab alles, was nötig war: Verschiedenste Essensangebote (auch vegetarisch und vegan), ausreichend Trinkwasserversorgung und diverse Aktionen (unter anderem Signing-Sessions, einen Ninja-Parcour und sogar ein mobiles Tattoostudio).
Was ebenfalls positiv hervorzuheben ist: Die Halle ist im hinteren Bereich fast über die komplette Breite bestuhlt. Dabei wurden mehrere Tribünen nebeneinander aufgebaut und schufen so eine Vielzahl an Sitzplätzen für die Besucher. Durch das Konzept mit den zwei benachbarten Bühnen konnte man so theoretisch auch das komplette Festival im Sitzen verfolgen (wenn man das wollte).
Auch vom Platzangebot war ich positiv überrascht: Man hatte nie das Gefühl, dass zu viele Leute vor Ort sind, sondern hatte in den hinteren und seitlichen Bereichen immer noch genug Raum, sich frei zu bewegen. Ich kann also durchweg nur Positives berichten und blicke gespannt auf das Line-Up für nächstes Jahr.