Pain Of Salvation - Scarsick

Review


Stil (Spielzeit): Progressive Metal(67:52)
Label/Vertrieb (VÖ): InsideOut/SPV(19.01.2007)
Bewertung: 8/10
Link: http://www.painofsalvation.com/

Pünktlich zur Jahrtausendwende wurden PAIN OF SALVATION als das neue, große Ding in Sachen Progmetal abgefeiert. Damals erschien das in den Augen bzw. Ohren vieler Fans als vorläufiges Meisterstück geltende „Perfect Element, Pt.1“ und erntete so ziemlich in allen Publikationen Lorbeeren. Da stellt sich natürlich die Frage: Was hat PAIN OF SALVATION so anders oder besser gemacht als Genrevertreter wie SAVATAGE, DREAM THEATER oder FATES WARNING, meinetwegen auch TRESHOLD? Nun, alle genannten Bands sprechen irgendwie eine andere Klientel an. Während bei DREAM THEATER die Frickelfraktion bedient wird, SAVATAGE eher auf die Zwölf geht, THRESHOLD die etwas softere Schiene bedient und FATES WARNING einen modernen, atmosphärischen Progsound auftischt, der irgendwie durch jedes Raster fällt, kreierten PAIN OF SALVATION ihren ganz eigenen Sound, ohne dabei auf vertraute Elemente zu verzichten. Nur die Kombination der verwendeten Elemente war und ist seitdem einzigartig. Um auf den Punkt zu kommen: PAIN OF SALVATION erkennt der geneigte Hörer auf Anhieb, und wo PAIN OF SALVATION draufsteht, ist auch PAIN OF SALVATION drin. 

Immer? Nicht ganz. Der 2004 erschienene Konzept-Monolith „BE“ rief bei einigen Verwirrung, bei einigen Enttäuschung hervor, vielen erschien dieses Werk überambitioniert, zerfahren, enthielt es doch verhältnismäßig wenig Musik, viele atmosphärische Interludien  und eindeutig weniger Metal als bislang. Dafür gab es folkigen Metal, ein Spiritual(!), einen Longtrack in der Tradition von ROGER WATERS gemixt mit Elementen von PRINCE, und dazu einige typische, doch recht unmetallische POS-Nummern, die nicht jeden Fan überzeugen konnten.
Der Rezensent erinnert sich jedoch mit Freuden an diese Platte, war er doch seinerzeit genötigt, eine morgendliche Zeitungsroute zu übernehmen und sich die Zeit mit Musik zu vertreiben. So kam es, dass ich in der Morgenstille jeden Morgen, mehrere Wochen lang „BE“ hörte und mich in das sperrige Teil verliebte. Nun könnte man meinen, dass ich nun genau diese Attribute vom aktuellen Longplayer „Scarsick“ erwartet hätte. 
Aber POS wären nicht POS, wenn sie einem neuen Album nicht immer einen neuen Dreh geben würden. Denn trotz des Trademarksounds sind die Alben alle auf ihre Art unterschiedlich. 

„Scarsick“ ist erst einmal die logische Konsequenz aus der Stilvielfalt, die auf „BE“ zu finden war. Nur hat sich die Band (oder war es Daniel Gildenlöw?) diesmal entschieden, den Konzeptcharakter nicht kompositorisch umzusetzen, sondern lediglich durch eine kontextuelle Verbundenheit der Texte. Das fällt einem allerdings erst auf, wenn man sich durch ein paar Songs durchgehört hat. Der Titeltrack, gleichzeitig Einstieg ins Album, ist zum Beispiel noch sehr typisch POS und präsentiert hartes Geriffe in Verbindung mit Stakkatoartigen Raps à la CLAWFINGER, dazu sanftere Parts mit mehrstimmigem Gesang (die Herr Gildenlöw wohl fast komplett selbst bestreitet). Auch „Spitfall“ ist gewohnte Kost, aber ich bin sofort wieder mitgerissen und begeistert. Auch wenn ich an anderer Stelle von „Raps mit miesem Flow“ gelesen habe, gefällt mir das rhythmische Konstrukt, auch wenn jetzt deutlich wird, dass die Songgebilde auf „Scarsick“ einfacher gehalten sind. Geschenkt. „Cribcaged“ ist eine recht kitschige Ballade, aber auch eindeutig POS. Das lasse ich mir gefallen, zumal es eine schöne Steigerung gibt und die „Fuck“-Tirade am Ende wirklich mitreißend ist. Da singt man schon mal mit, ohne genau zu verstehen, was er da eigentlich gefickt sehen will. Schockpotential hat „America“ für den konservativen Fan, denn das Minimusical bedient sich einer ähnlichen Melodiefolge wie das gleichnamige Stück aus „West Side Story“, eines zuckersüßen und pathetischen  Mitsingrefrains mit Banjobegleitung, einiger im Zeitraffer abgespulter Basslinien und ähnlicher Scherze. Und das ganz ohne Ironiewarnung! Und das sollte nicht alles gewesen sein. „Disco Queen“ beginnt – richtig, als Discosong, und erinnert mich auf Anhieb an „The Bad Touch“ von der BLOODHOUND GANG. Jedoch wird der eingefahrene POS-Hörnerv richtig strapaziert, wenn Falsett-Chöre „Wooohooo-Aaaahs“ intonieren und im Refrain ein grelles „Let’s Disco“ erklingt.

Die eingesponnenen Downbeat-Sequenzen sind klassische, spannend aufgebaute POS – und auch hier empfiehlt sich das Einschalten des Ironiedetektors. „Kingdom of Loss“ präsentiert sich dann wieder als gewohnt dramatisch aufgebautes Epos, das alle beliebten und bekannten Markenzeichen aufweist, während „Mrs. Modern Mother Mary“ rhythmisch daherkommt wie GENESIS’ „Back in NYC“. Eine tolle, spannend aufgebaute Nummer, der es für einige Fans vielleicht an Härte fehlen dürfte. Aber daran muss man sich bei POS wohl mittlerweile gewöhnen, und wenn man sich darauf einlässt, bekommt man  qualitativ hochwertige Musik geboten, die trotzdem die Essenz von POS transportiert. Mit „Idiocracy“ wird wieder die volle Sympho-Kante geboten und „Flame To The Moth“ wartet mit einem orientalisch anmutenden Vers auf, der in einem wirklich geilen Scream-Part gipfelt, während der Refrain wieder klassisch daherkommt. Und eigentlich sollte spätestens „Enter Rain“ als traumhaftes Epos die alten Fans wieder versöhnen. Aber Fans wären wohl keine Fans, wenn sie nicht ab und zu mal Kritik üben würden, und Gott sei Dank sind Geschmäcker ja auch verschieden. Ich persönlich vermisse bei „Scarsick“ zwar die Homogenität der Konzeptkolosse der Band, kann aber bei der gebotenen Stilvielfalt eigentlich nicht meckern. Ich komme auch gut mit den etwas gewagteren Stücken zurecht, empfinde diese sogar als Auflockerung und Bereicherung. Und wenn die Band mal ein etwas songorientierteres Album aufnehmen wollte, kann ich das auch gut verstehen.

Ach ja, ein wichtiges Faktum dieser Veröffentlichung habe ich beinahe schon als Nebensächlichkeit abgetan, beinahe wäre es in diesem Text gar nicht mehr erwähnt worden. Und am besten bliebe es auch unerwähnt, wäre es nicht offiziell und von höchster Stelle bestätigt worden: „Scarsick“ ist nichts Geringeres als „The Perfect Element, Pt.2“. Ich hätte das, offen gestanden, lieber nicht gewusst, denn die beiden Werke haben nichts gemeinsam und funktionieren keinesfalls als Zweiteiler. Deswegen sei dem pingeligen Hörer geraten, diese Information einfach zu ignorieren.
Alles in Allem ist „Scarsick“ ein gutes Album geworden, dennoch warte ich sehnsüchtig auf ein „BE, too“. Alle anderen warten einfach auf ein „richtiges“ „Perfect Element, Pt.2“, und hören, wie ich, so lange „Scarsick“.

BYE Redaktion

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