Psychotic Waltz - The God-Shaped Void Tipp

Psychotic Waltz - The God-Shaped Void

Als sich PSYCHOTIC WALTZ 2010 wiedervereinigten, war die Freude der Prog-Jünger groß. Mit Dan Rock, Brian McAlpin, Ward Evans, Norman Leggio und natürlich Devon Graves sind alle Musiker des ursprünglichen Line-ups am Start. Dennoch sollte es weitere zehn Jahre dauern, bis mit "The God-Shaped Void" nun endlich das sehnlichst erwartete fünfte Studioalbum der amerikanischen Frickel-Legende in den Läden steht.

53 Minuten, elf Songs, keiner davon über sieben Minuten lang, der Großteil deutlich kürzer. Dass sich PSYCHOTIC WALTZ eher an ihren Spätwerken als am komplexen Debüt oder "Into The Everflow" orientieren, wird schon beim Blick auf die Trackliste klar. Und so ist "songdienlich" eine der erste Assoziationen, die einem beim Hören des neuen Materials in den Sinn kommt. Denn im Grunde machen PSYCHOTIC WALTZ ein knappes Vierteljahrhundert später da weiter, wo sie 1996 mit "Bleeding" aufgehört haben.

PSYCHOTIC WALTZ kehren nach einem Vierteljahrhundert zurück

Dass das Quintett nichts von seiner Qualität eingebüßt hat, stellt schon der mitreißende Opener "Devils And Angels" unter Beweis. Das Sechssaiter-Duo Dan Rock und Brian McAlpin brilliert mit wunderbar harmonischen Leads im Ohrwurm-Chorus, während sich Graves – abgesehen von überraschenden Screams – noch zurück hält. Das ändert sich im entrückten "Stranded", das mit hypnotischen Riffs überzeugt und im epischen Refrain vielschichtige Gesänge vor mystisch angehauchten Gitarren präsentiert.

Knackig und straight geht es mit fetten Riffs im düsteren "Back To Black" weiter. Norman Leggio tobt sich im Refrain mit komplexen, an TOOL erinnernden Drum-Patterns aus, bevor die Gitarrenfraktion ein Gänsehaut-Solo abliefert. "All The Bad Men" besitzt dank Ward Evans' pumpender Basslinien einen mitreißenden Groove und geht nahtlos in "The Fallen" über. Melancholische Gitarren begleiten die sanften Vocals, bevor die Rhythmus-Fraktion einsteigt und die akustischen Gitarren gegen elektrisch verstärkte ausgetauscht werden. Graves skandiert eindringlich "We are the fallen", bevor ein kurzes, explosives Gitarrensolo den heftigen Abschluss einleitet.

Auch "While The Spiders Spin" wird von einem kurzen Akustik-Teil eröffnet und gleich darauf von einer bombastischen Keyboard-Gitarren-Passage abgelöst. Erneut ist es das prägnante Bassspiel von Evans, das den Song antreibt. Die monoton-eindringlichen Vocals und wehklagenden, zweistimmigen Gitarrenleads entfalten eine hypnotische Wirkung – so, als ob man in ein schwarzes Loch gezogen würde. Atmosphärisch lässt "While The Spiders Spin" Erinnerungen an das zweite PSYCHOTIC WALTZ-Werk "Into The Everflow" aufkommen.

Melodisch, eingängig, komplex, mystisch, abwechslungsreich: PSYCHOTIC WALTZ ziehen alle Register

Mit satten, doomigen Riffs reißt "Pull The String" von der ersten Sekunde an mit. Graves nöhlt wie Ozzy, der Chorus ist mit mehrstimmigen Vocals, düsterer Atmosphäre und Textzeilen wie "Angels carry guns" PSYCHOTIC WALTZ in Reinkultur. Völlig überraschend liefert der Frontmann ein Gänsehaut-Solo auf seiner Querflöte ab. Wenn man einem Querflöten-Solo jemals bescheinigen konnte, aggressiv zu klingen, dann diesem hier. Kurz vor dem Ende galoppiert die Nummer mit feinem Groove davon, bevor sie nach einem knackigen Gitarrensolo wieder in ihre schleppende Spur findet. Eine geilere Prog-Verbeugung vor BLACK SABBATH hat es nie gegeben!

"Demystified" klingt wie das vertonte Gegenteil des Titels. Lediglich im überraschend straighten Chorus geht der mit akustischen, wabernden Gitarren und Flötenklängen aufgebaute Zauber zeitweilig verloren, gefällt dort aber mit klagenden Gitarren. Mit "Sisters Of The Dawn" zeigen sich PSYCHOTIC WALTZ von ihrer vertrackten Seite. Graves' dunkler, rauer Gesang erinnert an Rob Halford (!), der ganze Song transportiert eine bedeutungsschwangere, mystische Stimmung. Tempowechsel, Breaks, dramatische Keyboards und ein brillantes, arabeskes Gitarrensolo bieten Abwechslung pur, der leidenschaftliche intonierte Chorus hält die komplexe Nummer zusammen.

Im abschließenden "In The Silence" bündelt das Quintett schließlich noch einmal all seine Trademarks: Zweistimmige Leads und Soli, Akustikpassagen, fette Riffs, pumpender Bass, vertrackte Drums, abwechlsungsreiche Vocals. Düster, melodisch, fesselnd und mitreißend inszeniert, bis akustische Gitarren und spacige Keyboards den Hörer in die schwarzen Weiten des Alls entlassen.

"The God-Shaped Void" ist eines der besten progressiven Alben der letzten Jahre

Mit abwechslungsreichen und progressiven Songs, deren Essenz auf sechs Minuten komprimiert statt auf 15 ausgedehnt wird, begeistern PSYCHOTIC WALTZ auch anno 2020 wie kaum eine andere Band. Die Amerikaner haben es geschafft, sich trotz eines Vierteljahrhunderts Pause ihre Einzigartigkeit zu bewahren.

Ein ähnlich geniales Werk wie das fett und differenziert klingende, mit einem wundervollen Cover versehene "The God-Shaped Void" haben in der jüngeren Prog-Vergangenheit nur ARCH/MATHEOS mit "Winter Ethereal" und DREAM THEATER mit "Distance Over Time" veröffentlicht. 

"The God-Shaped Void" Trackliste:

  1. Devils And Angels (06:29)
  2. Stranded (04:49)
  3. Back To Black (03:52)
  4. All The Bad Men (03:59)
  5. The Fallen (05:49)
  6. While The Spiders Spin (05:49)
  7. Pull The String (04:54)
  8. Demystified (05:12)
  9. Sisters Of The Dawn (06:41)
  10. In The Silence (05:16)

PSYCHOTIC WALTZ Line-up:

Devon Graves – Vocals
Dan Rock – Guitars & Keys
Brian McAlpin – Guitars
Ward Evans – Bass
Norman Leggio – Drums