Wenn man im Netz den Namen FRANK’S WHITE CANVAS eingibt, findet man kaum Informationen, die ein wenig in die Tiefe gehen – vor allem, wenn man des Spanischen nicht mächtig ist. Es ist sicher nicht übertrieben, zu sagen, dass FRANK’S WHITE CANVAS ihrem Namen entsprechend in Deutschland ein fast unbeschriebenes Blatt sind.
Sofern es nach mir ginge, sollte sich das schleunigst ändern. Nicht nur kann einem die Musik von FRANK’S WHITE CANVAS, wenn man sich eingehender damit beschäftigt, tief unter die Haut gehen. Im Gespräch mit Karin Aguilera (Gesang, Gitarre) und Francisca „Pancha“ Torés (Schlagzeug) lernte ich zudem zwei ungemein sympathische, reflektierte und bodenständige Musikerinnen kennen, die keine Herausforderung scheuen und eine beeindruckende Do-It-Yourself-Mentalität an den Tag legen.

Kurz ein paar Eckdaten: 2014 veröffentlichten FRANK’S WHITE CANVAS aus Santiago de Chile ihre ersten Songs und machten sich als Live-Act in Südamerika einen Namen. 2023 Umzug nach Deutschland. Ende 2025 kam ihre jüngste EP „This Will Hurt, This Will Heal“ heraus, eine tolle Mischung aus rockigen, poppigen und melancholischen Klängen. Ab dem 20. März 2026 werden FRANK’S WHITE CANVAS ihre Musik bei rund 20 Club-Konzerten in Deutschland live präsentieren (die aktuellen Tour-Daten findet ihr unter unserem Album-Review zu „This Will Hurt, This Will Heal“).
Hi, Karin, hi, Pancha – schön, euch kennenzulernen! Fangen wir mit eurer Bandgeschichte an. Wie kam’s, dass ihr euch entschieden habt, als Duo Musik zu machen, ohne weitere Mitmusiker?
Karin: In unserer Schule in Santiago de Chile wurden wir mal gezwungen, an einer Art Band-Wettbewerb teilzunehmen. Wir waren beide eher Außenseiterinnen und hatten gar keine Lust auf so eine Art von Competition. Jedenfalls haben wir bei der Aktion zusammengespielt und uns auf diese Weise vor 15 Jahren kennengelernt.
Dieses Miteinander fühlte sich besonders an, weil das alles in diesen jungen Jahren schon so tief und bedeutungsvoll war. Und das ist etwas, das uns bis heute zusammenhält.
Wir haben ganz viel geredet und uns über Bands ausgetauscht, die für uns beide eine große Bedeutung hatten, die uns quasi „das Leben gerettet haben“, wie wir es damals empfanden. Daraus entstand der Wunsch, eigene Songs zu schreiben und unsere Lebenserfahrungen in etwas zu verwandeln, das wir mit anderen teilen können. Dieses Miteinander fühlte sich besonders an, weil das alles in diesen jungen Jahren schon so tief und bedeutungsvoll war. Und das ist etwas, das uns bis heute zusammenhält.
Pancha: Wir haben gemerkt, dass man für das, was wir machen wollten, wirklich verrückt sein musste. Man musste bereit sein, alles aufzugeben und sich vollständig der Band zu widmen. Wir sind nicht zur Uni gegangen, ich habe die Schule abgebrochen. Es hieß: „Okay, wenn wir das machen, dann machen wir es richtig. Wenn wir scheitern, dann scheitern wir eben – aber wir haben alles dafür gegeben.“ Es gab keinen Plan B. Bei anderen Leuten haben wir diese Einstellung nicht gefunden. Also haben wir am Ende gesagt: „Okay, lass uns verrückt sein. Lass uns das zu zweit versuchen, und wir werden schon sehen, wie es funktioniert.“ Und wir machen das bis heute so.
Video „Sleep, Work, Eat“
Euer Bandname FRANK’S WHITE CANVAS steht für eine leere Leinwand. Könnt ihr das bitte etwas genauer erläutern?
Karin: Frank ist eine Kombination aus unseren Namen – Francisca und Karin. Frank sind also wir beide. Und die „weiße Leinwand“ soll uns selbst immer daran erinnern, dass man – besonders in schwierigen Zeiten – das Leben wie eine leere Leinwand sehen kann. Als Künstler steht man vor einer weißen Leinwand und entscheidet selbst über Farben, Formen und Wege. Man kann jederzeit neu anfangen, wieder zu Weiß zurückkehren und seinen eigenen Weg gestalten. Für uns bedeutet der Name: Du kannst immer selbst entscheiden, wie du dein Leben leben willst.
Es ist euch gelungen, in Südamerika recht populär zu werden. Zwei Highlights waren ganz sicher 2022 eure zwei Shows in Chile im Vorprogramm von KISS und GUNS N’ ROSES. Wie kam das zustande?
Pancha: Das war völlig verrückt. Wir bekamen einen Anruf – die Veranstalter dieser Konzerte mochten unsere Musik und wollten uns als Vorband haben! Nachdem KISS und GUNS N’ ROSES ihr Okay gegeben hatten, haben wir natürlich sofort zugesagt. Was sollten wir auch sonst machen? Solche Chancen bekommt man nicht oft, und wir sind bis heute dankbar dafür! Das hat uns einen großen Schub nach vorne gegeben, was wir auch auf unseren Social-Media-Accounts gemerkt haben.
Der Manager von KISS kam nach unserer Show zu uns und sagte, dass er zwei Songs gesehen hat und es großartig fand! Und ich dachte nur: „Wow!“
Karin: Diese ganze Erfahrung war total surreal! Wir schauten während des Spielens nach hinten – auf das riesige Drumset und diese gigantische Bühne, auf der KISS nach uns ihre Show abziehen würden. Das Estadio Nacional in Santiago de Chile ist die größte Bühne des Landes, und es waren 45.000 Menschen da. Das war wirklich gewaltig!
Pancha: Ich erinnere mich, dass ich dachte: „Wir sind nur zwei Personen und außerdem beide ziemlich klein – etwa 1,60 groß – wie soll das funktionieren?“ Und das Publikum ist ja nicht wegen dir dort – die meisten Leute wollen eigentlich nur, dass du als Vorgruppe schnell fertig wirst. Aber alle waren unglaublich nett zu uns. Es hat sich großartig angefühlt, und wir hatten eine tolle Zeit!
Habt ihr backstage Mitglieder von KISS oder GUNS N’ ROSES getroffen?
Pancha: No way! (lacht) KISS sind vielleicht 15 Minuten vor der Show angekommen und danach direkt wieder verschwunden. Auch GUNS N’ ROSES waren nicht mal zum Soundcheck da. Aber der Manager von KISS, Doc McGhee, kam nach unserer Show zu uns und sagte, dass er zwei Songs gesehen hat und es großartig fand! Und ich dachte nur: „Wow!“

Frank’s White Canvas live 2021 (Pic: Lilith Fernandez)
Kommen wir zu eurem aktuellen Album „This Will Hurt, This Will Heal“. In früheren Interviews habt ihr öfter mal Bands wie PLACEBO oder MY CHEMICAL ROMANCE als musikalische Einflüsse angegeben. In euren neuen Songs meine ich auch eine deutliche Affinität zu großen Pop-Hymnen wahrzunehmen.
Pancha: Ich liebe unser neues Album wirklich, weil man darauf sehr gut erkennen kann, dass die größten Einflüsse oft in der Musik liegen, die man in seinen prägenden Jahren gehört hat. Das, was in deiner Jugend wichtig war, bleibt immer irgendwo im Hinterkopf. Beim Komponieren und Aufnehmen von „This Will Hurt, This Will Heal“ haben wir einfach losgelassen und den Songs erlaubt, dahin zu gehen, wo sie hinwollten. Es gibt keinen einzigen festen Stil. Zum Beispiel Songs wie „Apocalypse“, „Time Bomb“ oder „Circles“ haben rhythmisch viel Funk und auch Einflüsse lateinamerikanischer Musik – aber kombiniert mit sehr harten Gitarren. Also Latin-Funk-Rhythmen mit den härtesten Gitarren, die wir bisher gespielt haben. Das fühlte sich für uns frisch an. Was musikalische Einflüsse angeht, können wir sicher OASIS nennen, aber auch JOURNEY, ALTER BRIDGE oder THE BEATLES.
Karin: Ich komme immer wieder auf JOURNEY zurück. Aber auch PVRIS ist eine Band, die wir sehr lieben, das hört man zum Beispiel in „Apocalypse“. Und natürlich PARAMORE, besonders bei den Melodien. Auch YELLOWCARD habe ich als Jugendliche sehr geliebt. Das ist Pop-Punk mit ganz starken Melodien – und ich glaube, man kann das auch in unseren neuen Songs hören.
Es ist das zweite Album, das ihr in London mit Dimitri Tikovoï aufgenommen habt (Anm.: für den Grammy nominierter Produzent von Acts wie PLACEBO, THE HORRORS und CHARLI XCX). Ich habe gelesen, dass er nach den Sessions mit euch gesagt hat: „Es ist eine seltene Erfahrung, an etwas zu arbeiten, das sich so lebendig anfühlt.“ Das ist ein wunderbares Kompliment!
Pancha: Ja, das ist unheimlich schön zu hören – besonders von Dimitri! Er hat so viel Erfahrung, das ist unglaublich. Wenn wir mit ihm sprechen, erzählt er ganz selbstverständlich von Künstlern, die wir lieben, mit denen er gearbeitet und abgehangen hat, und wir denken nur: „Was zur Hölle…?“

Karin: Beim ersten Mal, als wir mit ihm gearbeitet haben, waren wir viel jünger und haben noch versucht rauszufinden, wie man ein Album so produziert. Dieses Mal waren wir sehr gut vorbereitet, die Essenz der Songs war schon klar. Also konnten wir experimentieren und neue Dinge ausprobieren. Zum Beispiel beim Gesang. Die Aufnahmen waren diesmal riskanter. Nicht unbedingt die perfekte Technik, aber die echte Emotion. Die Songs fühlen sich so lebendig an, weil wir viele der Themen gerade wirklich durchlebt haben. Einige davon erleben wir immer noch. Das macht die Songs intensiver. Sie handeln nicht von etwas, das längst vorbei ist – sondern von Dingen, die gerade passieren.
Schreibt ihr eure Texte gemeinsam?
Karin: Ich schreibe hauptsächlich die Texte. Aber wir sprechen viel darüber. Ich bringe einen Text mit und dann reden wir darüber: „Ist das okay? Fühlst du dich damit repräsentiert? Stimmst du zu?“ Die meisten unserer Texte – wenn nicht sogar alle – sind im Grunde wie Tagebucheinträge. Sehr persönlich, fast wie ein Geständnis. Sie handeln von persönlichen Kämpfen, mentaler Gesundheit und Dingen, die in deinem Kopf passieren. Wir investieren viel Zeit, zu prüfen, ob der Text wirklich richtig ist – manchmal ändern wir noch beim Aufnehmen einzelne Worte oder schreiben Zeilen neu.
„Secret Garden“ entstand aus dem Gefühl heraus, dass es in einer Beziehung auch darum geht, jemandem seine schlimmsten Seiten zu zeigen.
Ein Song, der mich sowohl textlich als auch musikalisch emotional sehr bewegt, ist „Secret Garden“, den ihr 2016 veröffentlicht habt. Soweit ich die Lyrics verstehe, geht es um das Ende einer Beziehung, das wahnsinnig schmerzhaft ist, aber auch eine positive Perspektive eröffnen kann. Liege ich da einigermaßen richtig?
Karin: Das gefällt mir, wie du den Text interpretierst. „Secret Garden“ entstand damals aus dem Gefühl heraus, dass es in einer Beziehung auch darum geht, jemandem seine schlimmsten Seiten zu zeigen – wie in einem geheimen Garten, in dem viele verborgene Dinge liegen. Damals hatte ich oft mit Panikattacken zu kämpfen. Der Song handelt davon, verletzlich zu sein und jemandem seine tiefsten Ängste und Kämpfe zu zeigen. Also jemandem zu zeigen, wer man wirklich ist – und ihn zu bitten, einen dennoch wachsen zu lassen. Aber ich mag deine Interpretation auch – es könnte durchaus auch um eine Trennung gehen.
Video „Secret Garden“
Ein weiterer ruhiger und für mich wunderschöner Song ist „Abrázame“ – das einzige Stück, das ihr auf Spanisch veröffentlicht habt. Gibt es besondere Gründe, warum ihr nicht noch mehr Songs in eurer Muttersprache aufgenommen habt?
Karin: Ich denke, daran bin ich schuld. Als wir angefangen haben, Songs zu schreiben, waren meine „Mumblings“ – also die ersten improvisierten Textentwürfe über den Melodien – auf Englisch, und das haben wir beibehalten. Ich glaube, wir waren so aufgeregt, überhaupt eine Songidee zustande gebracht zu haben, dass wir gar nicht hinterfragt haben: „Oh, das ist auf Englisch, vielleicht sollten wir es auf Spanisch machen.“ Tatsächlich ist „Abrázame“ eine alternative Version von „Play“, einem Song, den ich ursprünglich auf Englisch geschrieben habe. Dann haben wir die spanische Version gemacht, weil wir wollten, dass sich die Botschaft vielleicht noch ein bisschen weiterverbreitet. Aber ja, ich würde gern mehr auf Spanisch schreiben. Es fällt mir nur nicht so leicht, oder der kreative Prozess müsste sich für mich ein bisschen ändern, damit das funktioniert. Ich finde es einfach generell schon schwer genug, Songs zu schreiben. Und wenn dann etwas entsteht, versuche ich es einzufangen und nichts zu erzwingen.
Wir haben gelernt, wie das Musikgeschäft funktioniert, und wir sind zufrieden. Aber wir wären absolut offen dafür, mit einem Label zu arbeiten.
Was jetzt sicher viele überraschen wird: Ihr habt kein finanzstarkes Label im Rücken, sondern vermarktet eure Musik komplett selbst, als Independent Release. Verfolgt ihr damit eine besondere Geschäftsphilosophie?
Karin: Nein. Wir hatten früher durchaus Gespräche mit kleinen Labels – damals in Chile. Aber daraus ist nicht viel entstanden, und am Ende haben wir alles selbst gemacht. Wir haben gelernt, wie das Musikgeschäft funktioniert, und wir sind zufrieden. Aber wir wären absolut offen dafür, mit einem Label zu arbeiten. Wir wissen, dass wir Unterstützung brauchen, um vorwärtszukommen. Deshalb sind wir auch nach Deutschland gekommen – um Leute aus der Branche kennenzulernen. Aber bisher ist das einfach noch nicht passiert.
Neben der Vermarktung und der Planung seid ihr für alles andere ebenso allein zuständig. Ihr habt auch eure Musikvideos selbst produziert, die alle einen sehr kreativen Look haben. Nehmen wir den Clip zu „Hiding Away“ – habt ihr euch dafür komplett mit Farbe überschüttet, oder wurde viel am Computer hinzugefügt?
Pancha: Nein, das ist alles echte, phosphoreszierende Farbe. Das Video haben wir während der Pandemie gedreht. Wir haben während der Lockdowns versucht, Wege zu finden, Musikvideos zu machen, ohne mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Wir haben unseren Proberaum komplett mit schwarzen Planen abgehangen, wie in einer Black Box. Dann haben wir uns von Kopf bis Fuß mit Neonfarben angemalt und später nur die Farben der Aufnahmen am Computer nachbearbeitet. Karins Bruder Aron, der mit im Haus wohnte und sich privat sehr für Filme und Kameras interessiert, hat spontan die Rolle des Regisseurs übernommen – seitdem macht er fast alle Clips für uns.
Karin: Für dieses Video haben wir wirklich gelitten! (lacht) Die Farbe war überall und komplett auf unseren Gesichtern, deshalb mussten wir die meiste Zeit die Augen geschlossen halten und gleichzeitig versuchen, das Lip-Syncing für’s Playback irgendwie hinzubekommen. Das hat einen kompletten Tag gedauert, aber bei aller Anstrengung auch viel Spaß gemacht.
Video „Hiding Away“
Es gibt noch etwas, das ihr selbst macht. Karin entwirft alle eure knalligen Outfits, die ihr auf der Bühne und in den Videos tragt. Nähst du die Sachen auch selbst?
Karin: Nein, nähen kann ich noch nicht. Ich suche nach Kleidung, die uns gefällt, und verändere sie durch Bemalen, Sprayen, Beschriften, Zerschneiden und das Hinzufügen von Details. Farbe spielt dabei eine große Rolle – von Pinselstrichen und Farbspritzern bis hin zu bewusst gesetzten Linien auf den Jacken, die die Verbindung zwischen dem Song und der Performance widerspiegeln und zeigen, wie wir die „Leinwand“, auf die wir uns beziehen, nutzen. Ich versuche sicherzustellen, dass die Outfits etwas aus unserer Musik ausdrücken. Meine Inspiration hole ich mir aus Filmen, von Künstlern, die ich bewundere, und von Kreativen im Internet, die mit Mode experimentieren.
Chile liegt praktisch am Ende der Welt, es ist extrem weit weg von allem. Also haben wir viele Optionen geprüft… am Ende sind wir bei Deutschland gelandet.
Karin hat es eben schon angesprochen: 2023 habt ihr beschlossen, von Chile nach Deutschland auszuwandern, genau genommen nach Potsdam. Was gab den Ausschlag für diese komplette Neuorientierung?
Pancha: Chile liegt praktisch am Ende der Welt, es ist extrem weit weg von allem. Von Nord nach Süd sind es über 4.000 Kilometer, die nicht sehr dicht besiedelt sind. Oft muss man acht Stunden fahren, um von einem Veranstaltungsort zum nächsten zu kommen. Und wir haben irgendwann angefangen, international zu spielen – in Europa, Kolumbien, Mexiko und den USA. Aber jedes Mal war das Reisen wahnsinnig teuer – ein Flug nach Mexiko kostet von Chile aus sogar mehr als von Berlin. Also haben wir viele Optionen geprüft: USA, Spanien, England… am Ende sind wir bei Deutschland gelandet. Viele andere Musiker haben uns gesagt: „Deutschland ist der richtige Ort für euch.“ Wir dachten zuerst: „Warum Deutschland? Wir sprechen kein Deutsch.“ Aber sie hatten recht. Hier gibt es unglaublich viele Clubs zum Spielen, alles ist toll organisiert und liegt so nah beieinander. Als wir zum ersten Mal hier auf Tour waren, konnten wir innerhalb von drei Wochen richtig viele Shows spielen. Also haben wir beschlossen, den Sprung zu wagen und hierher zu ziehen. Und wir sind wirklich sehr glücklich mit dieser Entscheidung!

Vor allem emotional muss es dennoch eine große Herausforderung gewesen sein. Ich denke, ihr habt viel zurückgelassen.
Pancha: Natürlich, es war hart, es war verrückt, aber es läuft tatsächlich viel besser, als wir gedacht hatten. Ich glaube, eines der schwierigsten Dinge ist, dass wir Chile in einer sehr guten Position verlassen haben – nicht als die größte Band des Landes oder so –, aber wir hatten ein Publikum und waren dort schon seit zehn Jahren aktiv und haben gespielt. Wir kannten viele Leute vom Radio, von den TV-Shows und aus der Musikszene. Wir hatten uns dort ein Netzwerk aufgebaut. Und dann mussten wir alles verlassen und irgendwo anders wieder bei null anfangen – mit all der Erfahrung, die wir haben. Aber das war Teil des Preises, den wir zahlen mussten. An manchen Tagen ist es schwieriger als an anderen, weil man weiß, dass man die Leiter wieder von unten hochklettern und sich alles neu erarbeiten muss. Wir lernen gerade, wie man als Einwanderer lebt und damit umgeht. Es ist eine Erfahrung, über die man schwer mit jemandem sprechen kann, der so etwas noch nie erlebt hat. Aber dadurch habe ich jetzt zwei Orte, die ich meine Heimat nenne. Ich genieße es sehr, hier zu leben.
Manchmal ist es schwer, so weit weg zu sein. Wir wünschen uns manchmal, man könnte einfach einen Zug direkt nach Chile nehmen.
Karin: Wir sehen es so: Wir leben jetzt hier, und das ist jetzt unser Zuhause. Wir können hier sein und uns bewegen, durch Europa reisen – wir haben einfach sehr viel Spaß an diesem Abenteuer, eine unabhängige Band zu sein. Aber wir haben auch das Privileg, nach Chile zurückzugehen, dort eine Tour zu spielen und unsere Familien zu sehen. Im Moment fühlt es sich so an, als wären wir überall gleichzeitig. Aber ja, manchmal ist es schwer, so weit weg zu sein. Wir wünschen uns manchmal, man könnte einfach einen Zug direkt nach Chile nehmen.
Apropos Zug: Eure ersten beiden Touren hierzulande habt ihr komplett mit der Deutschen Bahn bewältigt – nur ihr beide und euer Equipment. Ich glaube, das war logistisch nicht unbedingt einfach.
Pancha: Am Anfang hatten wir kein Auto und waren zudem ziemlich überrascht, wie schwierig es hier ist, einen Führerschein zu bekommen. Also haben wir alles mit dem Zug geplant. Wir haben uns große Rollbretter gebaut, um unsere Ausrüstung zusammen mit den Koffern zum Gleis zu transportieren. Wir haben diese Trolleys immer weiter verstärkt – inzwischen haben wir ein riesengroßes „Skateboard“, das so stabil ist, dass man darauf theoretisch bis nach Frankreich fahren könnte. Das Schlagzeug konnten wir in der Bahn aber logischerweise nicht mitnehmen, nur die Becken und die Snare.
Also musstet ihr euch damals jeden Abend überraschen lassen, was für ein Drumkit euch die lokalen Veranstalter zur Verfügung stellen konnten?
Pancha: Genau. Die Veranstalter haben uns sehr unterstützt, aber man weiß halt nie, was man bekommt. Der Sound ist jedes Mal anders. Inzwischen bin ich Profi darin, jedes beliebige Schlagzeug in Rekordzeit zu stimmen. (grinst)
Video „Abrázame“
Wie gestaltet sich aktuell euer Leben in Deutschland? Müsst ihr nebenbei arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen?
Pancha: Es mag verrückt klingen, aber wir verdienen unser Geld fast komplett mit Konzerten. Ich gebe manchmal Schlagzeugunterricht, aber etwa 90 Prozent unseres Einkommens kommen aus den Shows. In Europa – besonders in Deutschland – gibt es einfach unglaublich viele Möglichkeiten zu spielen. Natürlich war es teuer, hierherzuziehen. Aber Chile ist auch sehr teuer, bei ganz vielen Dingen liegen die Preise sogar höher als in Europa. Der Unterschied ist, dass wir hier viel öfter auftreten können.
Das neue Album handelt vom emotionalen Chaos, das wir durchlebt haben. Von Dingen, die wir zurücklassen mussten. Und davon, uns hier ganz neu kennenzulernen.
Hat euer Umzug nach Deutschland eure Musik und eure Texte beeinflusst?
Karin: Absolut. Das neue Album handelt sehr stark davon. Vom emotionalen Chaos, das wir durchlebt haben. Von Dingen, die wir zurücklassen mussten. Und davon, uns hier ganz neu kennenzulernen. Es ist fast wie ein „Reise-Album“. Zum Beispiel „You Better Come Sweating“, das ist unser bisher optimistischster Song. Er handelt von der Entscheidung, einfach alles zu riskieren – von diesem Moment, in dem man sagt: „Lass es uns einfach tun und Spaß haben. Wir werden nie sicher wissen, ob es die richtige Entscheidung ist – also machen wir es einfach.“

Was sind für euch die größten Unterschiede zwischen euren Konzerten in Südamerika und in Deutschland?
Karin: Das ist eine gute Frage. Zum einen ist es natürlich die Größe der Clubs. Hier in Deutschland spielen wir in viel kleineren Venues – das fühlte sich immer ein bisschen nostalgisch für uns an, wie in den Anfangstagen der Band. Auch das Publikum ist sehr unterschiedlich – wie sie reagieren, wie sie miteinander kommunizieren. In Chile zum Beispiel flippen die Leute richtig aus. Sie drängen ganz nah an die Bühne und schieben sich gegenseitig, um immer näher zu kommen. Ich habe das Gefühl, dass die Besucher hier mehr zuhören – und danach reagieren. Sie schreien auch viel, aber die körperlichen Signale sind anders. Ich finde außerdem, dass die Leute in Deutschland sehr offen dafür sind, neue Musik zu hören.
Pancha: Manche erzählen uns nach den Shows: „Ich habe heute in der Zeitung gelesen, dass hier eine Band spielt – also bin ich gekommen.“ Und wir denken dann: „Was? Wirklich? Das hat gereicht, damit du dir ein Ticket kaufst und hierherkommst?“ Und auch, dass es Leute gibt, die freiwillig und ohne Bezahlung in den Clubs mitanpacken – einfach nur aus Liebe zur Musik. Das alles kannten wir so nicht, das ist wirklich etwas Besonderes – und einer der Gründe, warum wir überhaupt in Deutschland sind.
Pancha, Karin – ich danke euch für dieses tolle und offene Gespräch, das mir viel Spaß gemacht hat! Meine abschließende Frage: Was sind eure nächsten Pläne für FRANK’S WHITE CANVAS?
Karin: Wir bleiben in Deutschland, das ist zumindest erstmal der Plan. Gerade konzentrieren wir uns auf die Vorbereitung der anstehenden Tour, damit die Shows richtig gut werden, und sind mit der Promotion für unser Album beschäftigt. Danach wollen wir noch eine Tour in Chile spielen. Außerdem haben wir schon wieder angefangen, Songs zu schreiben. Hoffentlich werden wir dann gegen Ende des Jahres neue Musik veröffentlichen – vielleicht noch kein ganzes Album, dafür bräuchten wir mehr Zeit. Aber etwas Neues wird ganz sicher kommen.
FRANK’S WHITE CANVAS sind bei Instagram @frankswhitecanvas oder erreichbar per Mail unter frankswhitecanvas@gmail.com
