Geschrieben von Sonntag, 15 Januar 2012 17:42

My Ruin - Interview mit Tairrie B. und Mick Murphy zum Album 'A Southern Revelation'

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MY RUIN haben mit „A Southern Revelation" ihr siebtes Album veröffentlicht und als kostenlosen Download online gestellt: eine großartige Metal / Southern Heavy Rock Platte und gleichzeitig ein bitterböser Stinkefinger in Richtung Business. Im Interview mit BurnYourEars sprechen Tairrie B. (Gesang) und ihr Gatte Mick Murphy (Gitarre, Bass, Schlagzeug) über die Entstehung der Songs, die Geschichte hinter der Wut und ihre Do-It-Yourself (DIY)-Philosophie.

Warum habt Ihr „A Southern Revelation" als Titel für Euer neues Album gewählt?

Tairrie: Wir haben das neue Album im letzten Jahr über die Urlaubstage im Winter aufgenommen, und zwar in Micks Heimatstadt Knoxville, Tennessee. Es war das erste Mal, dass wir für Albumaufnahmen außerhalb von Los Angeles gewesen sind, wo wir wohnen, und wir hatten beide das Gefühl, dass sich dies sehr positiv auf die Musik ausgewirkt hat. Du kannst den südlichen Einschlag überall auf „A Southern Revelation" spüren.

Wir haben die Musik in L.A. geschrieben, ebenso wie die meisten Lyrics, aber es gab ein paar Songs, die erst unten im Süden das Licht der Welt erblickt haben – beispielsweise „Deconsecrated", in dem der Albumtitel vorkommt, und „The Soulless Beast", der durch die Offenbarung des Johannes inspiriert wurde. Die Bibel und unsere Umgebung vor Ort hatten großen Einfluss auf die Themen und den Titel des Albums.

Es gibt ein Making-Of-Video von der Entstehung des Albums. Scheinbar hattet Ihr viel Spaß während des Studioprozesses, es sieht aber auch nach anstrengender Arbeit aus ...

Mick: Es war einfach nur großartig und zudem eine Herausforderung, da wir innerhalb von nur drei Wochen alle Songs aufnehmen mussten, an sieben bis zehn Stunden pro Tag. Es gab wirklich keine Zeit zu verlieren, aber wir haben jede Minute genossen und tolle Erinnerungen an diese Zeit.

Wo seht Ihr die Unterschiede zum Vorgänger „Ghosts And Good Stories"?

Mick: „A Southern Revelation" ist ein völlig geerdetes Album, bei dem wir uns auf das Wesentliche konzentriert haben. Was Du darauf hörst, kam absolut natürlich aus uns raus. Es ist sowohl leidenschaftlich als auch heavy, mit eingängigen Soli und rockenden Refrains. Es knallt Dir direkt in die Ohren und öffnet für uns das nächste Kapitel nach der Retrospektive „Ghosts And Good Stories".

Tairrie: Es ist die direkte Reaktion auf das, was wir zu dieser Zeit als Band und privat durchgemacht haben. Es ist ein sehr persönliches Album, wie eine Momentaufnahme. Die Gesangsaufnahmen waren für mich wie ein Exorzismus. Ich möchte es mit den Worten ausdrücken: "When friendship is a fashion and honesty is the holiest disease – This is our seven daggers of Megiddo, this is our slaying of the beast."

Ihr verschenkt Euer Album als kostenlosen Download über Eure Homepage, warum?

Mick: Die Scheibe soll ein Geschenk für die Fans sein und ein ausgestreckter Mittelfinger an unser Ex-Label. Auf diese Weise umgehen wir den ganzen Plattenfirmen-Bullshit und erreichen weltweit alle Leute, die es interessiert.

Wird es die Scheibe später auch ganz regulär im Laden geben, und hatte der 7. Dezember als Tag der Veröffentlichung eine spezielle Bedeutung für Euch?

Mick: Weil es unser siebtes Studio-Album ist, haben wir es am 7. Dezember veröffentlicht, zudem gibt es darauf einen Song „Seventh Sacrament" – das passt ebenfalls prima in diesen Kontext. Es wird keine Veröffentlichung von „A Southern Revelation" auf Tonträger geben.

Tairrie B. Murphy by Maggie YoungWorum geht es textlich auf der Platte – und wo kommt all die Wut her, die man deutlich heraushört?

Tairrie: Die Musikindustrie kann sehr hässlich sein, voll falscher Versprechungen, Lügen und Betrug – sowohl hinter der Fassade als auch offensichtlich. Wir mussten auf die harte Tour lernen, dass man heute fast niemandem mehr vertrauen kann. Mick und ich haben unsere Lektion bekommen, was die Zusammenarbeit mit Teufeln in Form von Ex-Labels, Managern, Agenten, Publizisten, Produzenten, Bandmitgliedern und sogar – glaubt es oder nicht – Tourbusfahrern angeht. Wir haben eine Menge bizarrer Charaktere kennen gelernt, die uns über die Jahre auf die eine oder andere Weise abgezockt haben. Manche sind immer noch im Musikgeschäft, einige nicht – zum Schluss haben wir einfach Schadensbegrenzung betrieben und sind unserer Wege gegangen.

Über unsere Erfahrungen zu schreiben, hilft uns, mit ihnen abzuschließen, meist hat das sogar etwas Therapeutisches, sich Luft zu machen und das Negative und Dunkle rauszulassen. Jedes Album, das wir gemacht haben, ist so etwas wie ein Tagebucheintrag, der für die jeweilige Zeit steht. Unsere Inspiration wird aus der Not geboren, und ich denke, daher kommt auch die Wut, in Anlehnung an die Themen, über die ich schreibe.

Werden wir Tairrie jemals richtig singen hören? Vielleicht sogar eine Art MY RUIN-Ballade, haha... ?

Mick: Wir haben's nicht so mit diesem „Lieder singen" und wir mögen beide keine Balladen im Heavy Rock, also vermutlich nicht.

Tairrie: Ich bin eine Screamerin, keine Sängerin – und die einzigen Balladen, die ich kenne, sind „Murder Ballads" von Nick Cave, haha... !

Wie schreibt Ihr Eure Songs als Duo?

Mick: Es kommt ganz auf die Situation an. Manchmal nehme ich ein Instrumental als Demo auf und Tairrie schreibt die Lyrics zu dem Track, und manchmal gibt sie mir eine Gesangslinie und einen Rhythmus vor und ich schreibe etwas um ihre Idee herum. Oder wir treffen uns in der Mitte dieser beiden Szenarien.

Ihr hattet für „A Southern Revelation" die Unterstützung von Joel Stooksbury, der für Euch als Co-Produzent gearbeitet hat. Welchen Anteil hat er an der Entstehung des neuen Albums?

Mick: Joel spielte eine große Rolle im gesamten Prozess und hat unendlich viel Zeit und Energie in das Projekt, sowie Herzblut und Seele in die Platte gesteckt. Er hat nicht nur mit mir zusammen produziert, sondern auch das Engineering und den Mix des Ganzen übernommen. Er hat von vorne bis hinten einen exzellenten Job gemacht, sein Studio Soundtrack Black ist ein großartiger Ort zum Aufnehmen.

Tairrie: Es war toll, mit Joel zusammenzuarbeiten und ihn als Produzenten kennenzulernen. Er ist ein enger Freund und selbst ein unglaublich bescheidener und talentierter Musiker. Das Soundtrack Black Studio befindet sich bei ihm zuhause, und die ganze Atmosphäre war chillig und total entspannt. Wir nahmen dort im tiefsten Winter bei Schneesturm auf, und es fühlte sich an, als wären wir in einer anderen Welt, weit weg vom Sonnenschein und den warmen Temperaturen von Los Angeles.
Diese Atmosphäre hat viel zur Stimmung des Albums und der Lyrics beigetragen. Wir haben jede Minute dieses Aufnahme-Prozesses genossen und würden es liebend gerne wieder so machen, wenn die Chance dazu bestünde.

Es befinden sich wieder sehr viele Soli auf der Platte, mindestens eins in jedem Song, was eher ungewöhnlich im modernen Heavy Rock ist – werden die alle bis ins Detail ausgearbeitet oder kommt das auch mal spontan?

Mick: Normalerweise bleibe ich bei dem, was ich mir ursprünglich als Solo überlegt habe. Bei Live-Sets suche ich mir ein paar aus, die ich dann improvisiere und jede Nacht auf Tour anders spiele. Ich war schon immer ein Fan von Lead-Gitarristen, seit ich aufgewachsen bin – ich schreibe einfach gerne Songs mit Heavy Riffs und Solo-Breaks dazwischen.

Im Vergleich zu früher, als die Band noch aus mehreren Mitgliedern bestand, kommt Ihr als Duo besser zurecht? Wird MY RUIN immer eine Zwei-Personen-Band bleiben?

Mick: Der Zweier-Ansatz hat für uns gut funktioniert die letzten Jahre, wenn es um die Studioarbeit ging. Ich habe es aufgegeben, die Zukunft vorherzusagen... auch weil ich glaube, dass es für eine Band wie unsere keine andere Wahl gibt, außer im Hier und Jetzt zu leben.

Tairrie: Um ehrlich zu sein ziehe ich es vor, zu zweit Songs zu schreiben und aufzunehmen, da es einfacher, weniger zeitraubend und kosteneffizienter ist. Ich scheue mich im Moment auch davor, zusammen mit anderen Leuten an Songs zu schreiben. Wir sind keine Band mit großem Studio-Budget oder Label, das unsere Produktionskosten übernimmt, also ist alles, was wir tun, extrem DIY. Mick ist ein Multiinstrumentalist und als solcher kann er alles alleine bewerkstelligen, Co-Producing eingeschlossen. Das ist erstaunlich und etwas, worauf ich sehr stolz bin.

Wir sind jetzt seit 12 Jahren zusammen und kennen uns auf einer so tiefen Ebene, dass das Songwriting für uns ein sehr natürlicher Vorgang ist. Wir haben einen Stil entwickelt und verfeinert, der absolut eigen und unser Sound ist, auch weil wir schon so lange als Team zusammen arbeiten.

Man kann gar nicht sagen, was die Zukunft bringen wird, weil sich die Dinge offenbar stetig ändern; aber ich möchte definitiv nicht, dass sich die Stimmung oder der Sound drastisch ändert, wenn es darum geht, Alben aufzunehmen. Schließlich sind diese Dinge unser Vermächtnis und leben nach uns weiter. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir uns schützend vor unsere Musik und unsere Band stellen, insbesondere vor unsere Alben – nach allem, was wir in der Vergangenheit durchgemacht haben.

Natürlich können wir live nicht als Zwei-Personen-Band auftreten, daher haben wir derzeit zwei prima Jungs mit auf der Bühne: Luciano Ferrea am Bass und Isaac Lee am Schlagzeug. Beide sind großartige Musiker und supernette Typen. Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

My Ruin live by Maggie Young
Wie kommen die neuen Songs bei Euren Fans an?


Mick: Wir haben im Dezember einige Shows in Kalifornien gespielt, die neuen Songs wurden von den Leuten sehr gut aufgenommen. Es sieht so aus, als würden die Leute sich stark mit dem neuen Material identifizieren können.

Tairrie: Die Fans und ebenso viele Kritiker scheinen das neue Album echt zu mögen, und das ist ein großartiges Gefühl. Wir bekommen das gleiche Feedback wie zu unserem letzten Album, „Ghosts And Good Stories" – „A Southern Revelation" ist seine größere, gemeinere, ältere Schwester.

Was hört Ihr selbst für Musik und welche Alben würdet Ihr aus dem Jahr 2011 empfehlen?

Mick: Mein iPod ist immer im Zufallsmodus, also höre ich ständig alles Mögliche, aber meine Scheiben für 2011 wären GHOST – „Opus Eponymous", FIREBIRD – „Double Diamond" und die ersten beiden OZZY-Solo-Alben remastered.

Tairrie: Bei mir dasselbe wie bei Mick, aber ich möchte noch ergänzen, dass ich das neue WC-Album wirklich mag. Das ist West Coast Gangster Rap, kein Metal – aber neben Rock eben das, was ich gerne höre.

Was steht 2012 an für MY RUIN – schafft Ihr es dieses Jahr auch mal nach Deutschland?

Tairrie: Als wir 2010 „Ghosts And Good Stories" veröffentlicht haben, war eine Europa-Tournee gebucht, für die auch ein paar Dates in Deutschland eingeplant waren. Aber aufgrund der Umstände und dem ganzen Bullshit mit Lügen und unprofessionellem Verhalten seitens unseres alten Labelchefs waren wir gezwungen, die Tour zu canceln. Das war es auch, was uns letztlich dazu brachte, ein neues Album aufzunehmen.

Wir haben einen tollen neuen Agenten, der für uns die kommende UK-Tour organisiert, also werden wir mal sehen, was sich ergibt, wenn die Tour vorbei ist. Wir würden liebend gerne nach Deutschland kommen, ganz besonders gerne nach Hamburg, um mit A MILLION MILES zu spielen. Die Sängerin ist eine sehr gute Freundin von uns und kümmert sich um unsere Presse-Belange. Wir haben schon darüber gesprochen, gemeinsam was zu machen, später dieses Jahr...

Besten Dank für das Interview - das letzte Wort habt Ihr.

MY RUIN: Wir möchten jeden, der das hier liest, daran erinnern, wie wichtig es ist, Untergrundkünstler zu unterstützen, die versuchen, ihr Ding zu machen. Streckt Eure Mittelfinger und rockt 2012 zusammen mit „A Southern Revelation" den Geist der Unabhängigkeit!

Bitte nehmt Euch einen Moment Zeit und besucht uns auf myruin.net, wo Ihr Euch unser neues Album kostenlos runterladen und mit Euren Freunden teilen könnt. Für diejenigen unter Euch, die uns und unseren DIY-Status unterstützen möchten, gibt es einen „Donate"-Button auf unserem Blog.
Besucht uns auf Facebook und sagt hallo, wir freuen uns, Euch zu treffen! Wir danken Euch für Eure unaufhörliche Unterstützung.

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Chris

Ich bin ein 90er-Kid und liebe Grunge und Alternative Rock – bevorzugte Genres sind aber Death, Groove, Dark und Thrash Metal. Ich halte Szene-Polizisten für das Letzte, was Musik braucht, kann Musik und Künstler schwer voneinander trennen und mache sonst irgendwas mit Content. Cool und danke, dass Du vorbeischaust!