Geschrieben von Samstag, 01 Februar 2014 11:38

MURMANSK: Interview zum Album "Rüütli" mit Laura und Olli

Mit ihrem dritten Album "Rüütli" haben MURMANSK soeben eine wunderschön gelungene Mischung aus Post-Punk, Indie und Wave rausgebracht. Sängerin Laura und Bassist Olli haben sich Zeit genommen, über Sinn und Unsinn von Genres zu sprechen, über Ritter der Nacht und die Grundlage finnischer Kultur.

Zuerst muss ich euch nach diesem genialen Cover fragen. Welche Geschichte steckt dahinter?

murmanskOlli: Danke, wir mögen das Cover auch sehr gern. Es handelt sich um einen Moment spät in der Nacht, den unser Ex-Gitarrist – er heißt Jari, genauso wie unser jetziger Gitarrist – festgehalten hat, als wir mit einigen Freunden in St. Petersburg waren. Ein Ritter der Nacht versucht, seinen Weg aus einem illegalen Taxi zu finden – natürlich ein Lada. Vielleicht schaut er ein wenig sauer, weil er die Fahrt bezahlen musste? Oder dachte er, dass er zu viel bezahlt hat? Man weiß es nicht.

Das Cover verrät nichts darüber, welche Art von Musik man erwarten kann. Wolltet ihr das so?

Laura: Nun, ich denke, dass man erkennen kann, dass es sich um alternative Musik handelt, weil das Bild in keiner Weise stilisiert ist und eine reale Situation abbildet. Vielleicht erzählt es dir, welche Musik nicht dahinter steckt – ich meine, man würde kaum erwarten, dass Celine Dion ein solches Cover verwendet, oder? Wir haben das Bild wegen seiner visuellen Qualitäten ausgewählt und weil es cool ist! Als ich es das erste Mal sah, musste ich furchtbar lachen und sofort an Britney Spears denken, wie sie besoffen und ohne Höschen aus einem Auto steigt. Also macht das Bild vielleicht jeden etwas menschlicher für mich.

Olli: Ich denke, das gilt für alle unsere Albumcover. Ich mag es, wenn man nicht sofort am Cover erkennen kann, um welche Art Musik es sich handelt und wenn das Bild eine Geschichte erzählt. Okay, das gilt vielleicht nicht für den Lampenschirm auf dem Cover unseres Debüts „Chinese Locks“, das ist einfach nur ein Lampenschirm.

Warum nennt ihr euch Murmansk und was bedeutet „Rüütli“?

Olli: Als wir uns für den Bandnamen entschieden haben, hatten wir nur die Idee, wirklich verzerrte Musik zu machen. Und weil Russland aus finnischer Perspektive irgendwie widersprüchlich scheint und die Stadt Murmansk starke Bilder hervorruft, fanden wir den Namen gut. Es geht um die Extreme, Liebe und Hass, Schönheit und Grobheit. Das Wort „murman“ kommt eigentlich aus der Sprache der Samen und bedeutet „der Rand der Welt“. Wenn wir das damals schon gewusst hätten, hätten wir uns vielleicht für etwas anderes entschieden, weil es uns zu post-rockig geklungen hätte… Als sich unsere Musik entwickelt hat, begann der Name aber seltsamerweise immer besser zu dem zu passen, was wir machen.

Laura: „Rüütli“ bezieht sich auf einen Ritter. Der Name kommt aus dem Estnischen, weil wir den Großteil des Albums in einer kleinen Stadt in Estland komponiert und arrangiert haben. Dort haben wir uns mit Instrumenten und Drinks in einem kleinen Haus eingesperrt. Für mich fasst der Titel die Texte des Albums zusammen, viele davon handeln von verschiedenen Rollen und Illusionen von Heldentum. Insofern passt auch das Cover perfekt, ha!

Und was bedeutet „Rüütli“, das Album, für euch? Wie seht ihr es in Relation zu eurem älteren Material?

Laura: “Rüütli” ist ein weiterer Schritt nach vorn. Wir entwickeln uns, indem wir weitermachen. Wir haben das Album gemacht, weil wir es machen mussten, es war in unseren Köpfen und musste raus. Wir wollen nichts Bestimmtes damit erreichen, langfristiger Planung haben wir uns noch nie schuldig gemacht, haha!

Geht ihr auf Tour?

Laura: Wir würden gern durch Deutschland touren! Wir haben da schon tolle Zeiten erlebt, und eure Polizei liebt uns! Aber wir haben noch keine Pläne gemacht.

Ich kann mich nicht entscheiden, ob euer Sound retro, modern oder beides ist. Wie seht ihr das?

Keine Sorge, das geht allen so. Ich denke, es ist beides.

Wie ist euer Sound entstanden?

Laura: Entwicklung kommt von selbst, wenn man Interesse daran hat, neue Dinge auszuprobieren, anstatt immer und immer wieder das Gleiche zu machen. Ich denke, dass unser Sound und Vibe sich auch mit jedem neuen Bandmitglied verändert hat.

Welche Bands haben euch beeinflusst, selbst Musik zu machen? Wie ist eure Band entstanden?

Olli: Ich und mein Freund Jari haben die Band 2002 gegründet. Unser erster Proberaum war neben einer Autowerkstatt und hatte keine vernünftige Heizung, du kannst dir also vorstellen, wie kalt es dort im Winter wurde. Dann haben wir einen Drummer gefunden, der jemanden kannte, der wiederum unser Sänger wurde. Im Laufe der Zeit haben alle Mitglieder gewechselt, aber als wir 2008 unser Debüt aufgenommen haben, waren Laura und Jaakko (Schlagzeug) schon an Bord. Zu der Zeit habe ich Bands wie B.R.M.C., INTERPOL und THE STROKES geliebt und generell dieses Postpunk-Zeug. Aber eigentlich wollten wir zu Anfang einfach nur sehr laute, verzerrte Musik machen.

Laura: Wir haben alle unterschiedliche musikalische Vorlieben und Hintergründe, und genau deshalb funktioniert es auch mit uns. Als Kind verliebte ich mich in Nina Hagen und Michael Jackson. Später verlor ich mein Herz an Kurt Cobains Fusion aus Pop und Alternative. Mein größter Einfluss aber war mein Vater, weil er Musiker ist und immer Schallplatten und Instrumente nach Hause brachte. Als Kind habe ich immer verrückte kleine Lieder improvisiert. Ich habe noch eine alte Kassette, auf der ich voller Pathos singe: „Ich will meinen Darm nicht geglättet bekommen!“

Was oder wer inspiriert euch heute? Gibt es ein Genre oder eine Szene, der ihr euch zugehörig fühlt?

Olli: Wir sitzen wohl ziemlich zwischen den Stühlen und haben schon sowohl mit Indiepop-Bands als auch auf Metal-Festivals gespielt. Uns sind Szenen und Genres egal, mit dem Problem sollen sich Musikjournalisten herumschlagen. Und Inspiration… ? Ich denke, wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir World Music-Alben kaufen müssen.

Wie entstehen eure Songs? Gibt es einen Hauptsongwriter, oder seid ihr als Kollektiv am besten?

Laura: Wir komponieren gemeinsam, meistens, indem wir jammen. Jeder macht sein Ding, wir reagieren aufeinander und versuchen, die besten Sachen auf einem beschissenen mp3-Player festzuhalten.

Finnische Bands werden oft auf ihre „exotische“ Herkunft angesprochen. Und immerhin ist die finnische Musikszene tatsächlich sehr divers. Liegt’s tatsächlich an Land, Leuten, Sprache und Kultur – oder seht ihr da für euch keinen Zusammenhang?

Laura: Es stimmt schon, dass wir für ein solch kleines Land eine große Vielfalt haben. Das ist kein Klischee. Es ist recht dunkel hier und unsere Kultur basiert darauf, Trübsal zu blasen. Jeder Finne mit ein bisschen Selbstachtung verbringt sein Leben in Agonie – und er liebt es! Wir versuchen aber, mit Kreativität dagegen anzukämpfen, haha!