Geschrieben von Samstag, 16 Januar 2021 16:58

"Zu heavy für TikTok" – Blackout Problems im Interview

"Zu heavy für TikTok" – Blackout Problems im Interview Credit: Moe Schinn

BLACKOUT PROBLEMS melden sich mit ihrem dritten Studioalbum „Dark“ zurück, auf dem sie sich musikalisch weiter experimentierfreudig und authentisch zeigen. Nüsse essend begrüßt mich Drummer Michael Dreilich auf Zoom, um mit mir darüber zu sprechen, wieviel DIY trotz Major-Deal noch in der Band steckt, was eine Fridays For Future unterstützende Band für umweltfreundliches Touren tun kann ... und was BLACKOUT PROBLEMS wirklich mit DEPECHE MODE zu tun haben.

Erstmal Glückwunsch an euch – euer neues Album erscheint auf einem Major-Label. Aber wie viel DIY (Do It Yourself) steckt da jetzt noch drin?


Tatsächlich mehr als jemals zuvor. Ich finde es ganz witzig, dass ich diese Frage glaub' ich schon mindestens zehn Mal beantwortet habe. Wir haben ja diesen DIY-Stempel drauf und natürlich klingt der Schritt zum Major dann im ersten Moment total komisch. Ich würde wirklich sagen, dass in dieser Platte mehr DIY steckt als jemals zuvor – vor allem musikalisch und auch im Sinne von, wie sehr wir uns öffnen –, obwohl sie von einem Major-Partner vertrieben wird.

Und warum glaubst du, dass ihr jetzt am meisten DIY drin habt? Was war vorher anders?


Es war vorher nichts anders. Bei „Dark“ haben wir noch viel mehr gewusst, was wir denn machen wollen und haben das noch versucht, für uns viel genauer zu definieren. Wir sehen uns auch immer in der Rolle des Co-Produzenten. Wir lassen uns nicht von einem Produzenten produzieren, sondern wir sind alle auf demselben Level Produzenten.

Für mich hat der Begriff DIY auch eigentlich überhaupt nichts mit irgendwelchen Strukturen im Hintergrund zu tun, sondern nur mit der Musik und ob die authentisch ist und ehrlich – und da empfinde ich „Dark“ als sehr ehrlich und sehr authentisch.

Ihr probiert recht neue Sachen auf „Dark“ aus, es ist wesentlich Elektro-lastiger als eure bisherigen Releases. Wie kommt es, dass ihr euch in „neue Gewässer“ wagt und Genre-Grenzen überschreitet?


Für mich sind das gar nicht so krass neue Gewässer oder so eine extreme Weiterentwicklung. Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, den wir eh schon gehen und ich denke da auch gar nicht so sehr in irgendwelchen Instrumenten oder in elektronisch oder nicht-elektronisch. Was wir mit der Platte gemacht haben, ist, wir haben einen Begriff für uns definiert, musikalisch und lyrisch. Wir haben in der Entstehungsphase ganz oft den Begriff „Dark“ umhergeworfen und das fanden wir so geil, dass wir den Begriff für uns vier definiert haben: So soll das Album werden.

Klar sind da Sachen elektronischer, aber es hat trotzdem noch denselben Spirit. Warum vielleicht viele das als elektronischer empfinden, ist, dass wir mit Sebastian (GEISTHA) auch einen Produzenten haben, der sehr stark in der elektronischen Richtung unterwegs ist. In manchen Artikeln hieß es „der Elektro-Tüftler“, dann ist natürlich klar, dass der Eindruck entsteht, dass dieser Mensch kam und sagt: „Hey, ich kenn' mich voll aus im Elektro, wir machen jetzt Techno-Rock!“, aber es war überhaupt nicht so. Es war viel mehr ein komplett natürlicher Prozess und wir waren voll happy, dass Sebastian mit am Start war.

Hattet ihr denn Angst vor der Reaktion der Fans? Gerade im Rock-Genre sind die Leute schon schwierig, wenn es um Elektro-Sachen geht oder wenn man neue Sachen ausprobiert.


Das stimmt auf alle Fälle, da ist die Rock-Spalte echt schnell im Urteil. Das finde ich auch scheiße. Aber klar, man hat Erwartungen. Zahlen sind aktuell überall – es geht um Streaming-Zahlen, um Vorverkaufszahlen, und wenn du dich in diesem ganzen Zahlen-Kosmos verlierst, dann denkst du: „Wenn das jetzt aber nicht 10.000 Streams in 24 Stunden knackt, dann ist der Song scheiße.“ Da muss man echt versuchen, sich so gut es geht von freizumachen.

Wir machen das ja für uns, es ist unsere Musik, es ist unser Ausdruck und dass das dann jemand kommentiert, ist vollkommen fein, aber das darf uns nicht erreichen oder nicht beeinflussen. Ich bin wirklich der Überzeugung, oder ich versuche es mir auch ganz stark einzureden, dass es mir echt egal ist, auch wirklich egal sein muss.

Euch ist Fan-Nähe sehr wichtig. Wie ist das in Zeiten von Corona, hat man da schon Entzugserscheinungen?


Total. Im privaten Umfeld habe ich es an Silvester gemerkt. Ich kann bestätigen, dass man da Entzug hat. Nicht nur das mit den Leuten am Merch-Stand reden, sondern das ganze Ding „Konzerte spielen“, der Hauptteil für uns vom "Band sein" – der fehlt vollkommen und das ist total komisch. Das bringt einen echt aus dem mentalen Gleichgewicht, wenn man das so gewohnt ist. Wenn dieser ganze Lebensbereich fehlt, das ist für uns als Musikschaffende scheiße, aber auch für uns als Musikbegeisterte.

Ihr habt eine Mini-Doku gemacht, die den Albumprozess begleitet hat. Da sprecht ihr auch über Fridays For Future und den Klimawandel. Ihr seid eine Band, die sehr viel auf Tour ist – welche Schritte unternehmt ihr denn, um möglichst umweltfreundlich touren zu können?


Dieselbe Frage stelle ich mir auch. Das ist natürlich eine etwas blöde Situation. Wir wollen hier auf ein Thema aufmerksam machen, sind aber selber Teil des Problems. Was ist dir wichtiger – ist es wichtiger, dass wir viel rumfahren in einem Auto und damit CO2 produzieren oder machen wir das, um diese Message zu so vielen Leuten wie möglich zu tragen?

Da finde ich, wäre ein Lösungsansatz zu sagen: Ja, wir machen das, es ist unser Job und wir wollen das zu den Leuten bringen. Gleichzeitig kann man pro Tour, pro Show einen Kleinstbetrag spenden. Wie jedes andere Business ist das Touring-Business ein Wirtschaftszweig, der auch der Umwelt schadet und da sollte man was zurückgeben.

Man muss das dann schon zu Ende denken, man kann nicht sagen, "Hier, Umweltschutz!" und dann im Flieger nach Berlin für eine Show fliegen ... – würde ich scheiße finden, wenn wir das machen würden.

Du hast vorhin angesprochen, dass ihr beim Albumprozess sehr viel den Begriff „Dark“ benutzt habt – euer Album heißt „Dark“, der Titeltrack heißt „Dark“, in eurem Song „Lovers“ geht es auch sehr viel um Dunkelheit. Gibt es da noch eine tiefergehende Bedeutung oder wofür steht diese Dunkelheit?


Die Themen, die behandelt werden, sind in erster Linie super negativ und damit ist es dunkel. Das Album ist aber nicht nur gesellschaftskritisch. Es gibt auch autobiographische Songs. „Seven“ und „Fireman“ zum Beispiel sind autobiographische Songs, die weggehen von diesem Ankreiden von gesellschaftlichen Problemen.

„Dark“ steht natürlich auch stellvertretend für mentale Gesundheit. Es ist ein allgegenwärtiges Thema, ohne dass wir das jetzt genau so ansprechen auf der Platte.

Eure Konzerte sind ja sehr schwitzig und energiegeladen und ich finde, ihr schafft es immer wieder, diese Energie auch auf eure Alben zu transportieren. Wie macht ihr das?


Danke, das ist schön, dass du das siehst, weil das ein ganz großer Ansporn und ein Ziel von uns ist, dass wir das möglichst genau so machen, wie wir das live machen würden. So kam zum Beispiel auch das Outro bei „Darling“ zustande. Hätte es den Song gegeben ohne dieses Outro, hätten wir das an den Song hundertprozentig nach zwei bis drei Mal auf Tour spielen drangehängt. Da haben wir gesagt: Lass uns doch einfach ein echtes Abbild von uns als Liveband machen. Was wir generell versuchen, wenn wir Musik machen, ist, dass es möglichst energetisch und roh ist.

Wäre es dann nicht langsam Zeit für eine Live-DVD?


Ja, definitiv. Die letzten Tage haben wir viel geprobt und wir werden ein Konzert streamen. Wir werden das vorher aufzeichnen, zwei Sets, und werden das dann über die Release-Woche übers Internet ausstrahlen. Ich glaube, das wird so live, wie es gerade irgendwie sein kann ... Aber ich gebe dir vollkommen recht, ich hätte mega Bock drauf, mal so eine richtige Live-DVD zu machen.

Ihr habt ganze sechs Singles mit Musikvideos im Vorfeld veröffentlicht und ich finde, ihr macht nicht so 0815-Videos, sondern ihr überlegt euch da ordentlich was. Zum Beispiel hängt ihr in „Dark“ kopfüber in Folie eingepackt. Was inspiriert euch für eure Musikvideos?


Das war auch einer der Gründe, warum wir die Videos so gemacht haben, wie wir sie gemacht haben. Wir wollten keine 0815-Band-Performance in der leeren Halle machen. Nichts dagegen, es kann auch richtig geil sein. Aber bevor wir das machen, entscheiden wir uns lieber dafür, gar nichts zu machen.

Die Hauptinspiration sind natürlich Texte, die Wörter, die gesungen werden. Ich muss auch sagen, dass das gar nicht mein Gebiet ist. Das liegt eher bei Mario und bei den Video-Leuten. Die erzeugen immer wahnsinnig geile Bilder und wir können echt froh sein, dass da so viel Talent vorhanden ist.

Was ich krass finde – es ist relativ hart geworden. Zum Beispiel diese Szene, die du angesprochen hast, ist anscheinend zu heavy für eine Plattform wie TikTok. Ganz kurz dachten wir, man könnte ja diese Plattform auch mit Inhalten von uns füllen. Da haben wir aber ganz schnell gemerkt, dass das von der Reichweite, von den Klickzahlen – dass das einfach zu hart ist. Alles, was irgendwie mit „Dark“ zu tun hatte, oder was diese krasse Bildsprache hatte, das wurde eingeschränkt. Das verstehe ich als riesen Kritik an TikTok.

Auf eurem neuen Album habt ihr sehr viele Bezüge zu aktuellen Ereignissen, zum Beispiel euer Song „Murderer“, der von dem Mord an Walter Lübcke handelt, oder ihr sprecht den Klimawandel an. Waren aktuelle Ereignisse eure Hauptinspirationsquelle während des Albumprozesses?


Was bei uns über die Jahre passiert ist: Wir können bei solchen Themen nicht mehr so gut wegschauen. Das konnten wir noch nie gut, aber wir haben immer mehr darüber geredet. Es hat uns immer mehr geschockt. Deshalb hat es so viel Einfluss auf uns genommen. Ich glaube, je älter man wird, desto weniger kann man immun sein gegen sowas. Zumindest ist es bei uns so.

Wir haben als Band ein Verständnis entwickelt, dass wir unsere Meinung oder eher die Werte, für die wir stehen wollen, auch gerne nach außen kommunizieren wollen.

blackout problems dark coverMeinem Chefredakteur ist aufgefallen, dass euer Album-Cover eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Album ...

... DEPECHE MODE?

Ja.


Ich hatte fünf Minuten Zeit und bin auf BurnYourEars gegangen und habe das Album-Review und den Kommentar gelesen. Dann habe ich das Cover von DEPECHE MODE gegoogelt und dachte mir, "oh Gott ...". Und dann ist es auch noch das Album, wo „Personal Jesus“ und „Enjoy The Silence“ drauf sind, so richtig geile Nummern. Fuck. Wusste niemand von uns.

Also ist es nicht gewollt gewesen?


Nein, es ist nicht gewollt gewesen, aber ich würde – ... jetzt weißt du’s halt, scheiße! ... – sonst würde ich fast sagen, das passt einfach. Also nicht, dass jemand von uns aktiv DEPECHE MODE hört, aber ich würde sagen, dass die, vor allem wie sie live klingen, schon was mit der Ästhetik, die wir haben wollen, zu tun haben. Man kann das schon vergleichen.

Was soll denn euer Cover stattdessen aussagen? Habt ihr eine Geschichte dahinter?


Das Cover kam meiner Meinung nach so zustande: Irgendwann wurde auf Social Media dazu aufgerufen, dass Leute Blumen zu Shows von uns mitbringen sollen. Man hat ja schon eine Wahl an Wurfgeschossen, als Publikumsmensch. Und wenn man dann eine Rose, vielleicht ohne Dornen, wählt, ist das ganz cool.

Dann haben wir den Song „Sorry“ gemacht, da hatten wir das Artwork mit den Rosen und wir haben gesagt: Das geht jetzt schon zwei Jahre mit den Rosen, lass uns das doch weiterführen. Wenn man die weiße Rose symbolisch mit irgendwas verbinden will, dann könnte man es mit Sophie Scholl verbinden. Man könnte sagen, die Widerstandsgruppe damals, das passt zu dem Gedanken von „Murderer“ zum Beispiel. Man kann aber auch sagen, es ist einfach eine schöne weiße Rose.

In euren Musikvideos habt ihr sowas wie Uniformen an. Was war der Gedanke dahinter?


Dazu gibt es mehrere Gedanken. Einer ist auf alle Fälle der: Wenn man das gleiche trägt, absolut identisch gekleidet ist, fällt dieser Faktor Mode und Kleidung schon mal als Hingucker raus. Dieses Album hat auch diesen Movement-Gedanken und das wollten wir damit unterstützen. Die Musik und die Bildsprache in den Videos sind das Wichtige und nicht, welchen Schnitt jetzt der eine trägt. Jedes Detail an Mode schiebt dich ja in eine gewisse Kategorie. Und dem wollten wir komplett widersprechen, dass uns niemand wegen solcher äußerlichen Merkmale irgendwo einordnen kann.

Worauf freust du dich denn am meisten, wenn die Pandemie hoffentlich bald überstanden ist?


Ich freu' mich einfach darauf, wieder mehr Menschen sehen zu können und nicht dieses ständige ungute Gefühl zu haben, dass wir da nicht rauskommen. Ich glaube, dass wir trotzdem alle im letzten Jahr sehr gewachsen sind.