Geschrieben von Dienstag, 13 Oktober 2009 13:29

Dream Theater - Interview mit Keyboarder Jordan Rudess zu 'Black Clouds And Silver Linings'



Es kommt ja, wie es kommen muss: Als ich vor 16 Uhr im luxuriösen Breidenbacher Hof Hotel in der Düsseldorfer Altstadt aufschlage, ist niemand da – dafür aber in der Philipshalle. Also fahre ich mit der U-Bahn wieder zurück, muss mich dann noch eine Dreiviertelstunde lang gedulden und kann schließlich im ebenfalls luxuriösen Tourbus mit Jordan Rudess sprechen. Der DREAM THEATER-Tastenmann gibt bereitwillig Auskunft über die Progressive Nation-Dates, Livegigs im allgemeinen und seine Band, kommentiert aber auch alle DREAM THEATER-CDs, an denen er bisher mitgewirkt hat, und erklärt, warum er so stolz auf sein Soloalbum "Notes On A Dream" ist.


Abgesehen von den Dates im Sommer absolviert ihr jetzt die reguläre Tour zu "Black Clouds And Silver Linings". Wie wichtig ist es für dich, wieder live zu spielen? Magst du es eher, im Studio zu sein, oder vor dem Publikum zu performen?


Es ist sehr wichtig, in Europa zu spielen, weil es hier einige Gebiete gibt, die wir über die Jahre erschlossen haben. Dementsprechend müssen wir uns den Fans präsentieren und unser neues Material vorstellen. Die Balance bei einer Tour ist auch wichtig, damit du keinen Burn out-Effekt verursachst. Deutschland war eine der Regionen, bei der wir uns vor nicht allzu langer Zeit gesagt haben, dass wir hier zu oft sind.

Viele werden nichts dagegen haben…

Ja, bestimmte Leute würden uns gerne jeden Tag sehen. Wir wollen aber nicht zu einer Clubband werden oder nur den Status einer lokalen Band haben, das ist nicht cool. Was die Studio- bzw. Livesache angeht: Das sind für mich zwei ganz verschiedene Dinge. Beides ist sehr wichtig, aber eben total unterschiedlich. In der Livesituation hast du all deine Musik, spielst jeden Abend und versuchst, auf dem Laufenden zu bleiben, um immer gut zu performen. Was Spaß macht, ist, die Songs vor dem Publikum zu spielen, um Energie zurückzubekommen. Es ist einfach eine Performance, während die Studioarbeit aus Songs schreiben und für mich auch aus Arbeit mit der Technik besteht, um die Sounds zu bekommen, die ich haben möchte. Man muss neue Technologien ausprobieren. Für mich sind beide Elemente, also aufzutreten und neue Songs zu kreieren, musikalische Erfahrungen, die ich sehr gerne mag.

Die DREAM THEATER-Setlist wird jeden Abend verändert, was denjenigen zu Gute kommt, die euch wirklich hinterher fahren und womöglich jeden Abend sehen. Hast du einen bestimmten Lieblingssong für diese Tour?

Ja! Ich genieße es wirklich, "The Count Of Tuscany" zu spielen, und auch "A Nightmare To Remember" zocke ich gerne. Ich vermute, das ist so, weil sie beide neu sind und ich viel Arbeit da rein stecke, dass meine Sounds gut klingen, ich viel übe und dann Befriedigung darüber verspüre, wenn sie auf der Bühne präsentiert werden.

Wie viele Songs habt ihr denn eigentlich geprobt?

Oh, so einige. Es ist so, dass Mike Portnoy so etwas wie eine Repertoire-Liste rumschickt, bevor wir auf Tour gehen. Da stehen alle Songs drauf, die möglicherweise bei den Auftritten gespielt werden. Danach müssen wir die Songs lernen und uns wieder ein wenig da rein fuchsen.

Gibt es denn irgendeinen DREAM THEATER-Song, den du gerne live spielen würdest und der es noch nicht in eine Setlist geschafft hat? Wobei ich mich gerade frage, ob es überhaupt einen Song der vergangenen fünf, sechs Alben gibt, den ihr noch nicht live gespielt habt…

Oh, das letzte Album haben wir noch nicht so oft live gespielt, das ist das erste, was mir jetzt in den Sinn kommt. So was wie "The Best Of Times"…

Na gut, auf "Black Clouds And Silver Linings" war die Frage jetzt auch nicht unbedingt bezogen…

Hm… Nein, ich weiß nicht, das ist auch keine tagtägliche Überlegung für mich, welchen noch nicht aufgeführten Song ich gerne mal spielen würde. Ich habe ja schon jetzt genügend Nummern in meinem Kopf, das ist echt verrückt…

Gut, kommen wir kurz zum aktuellen Album, das meiner Meinung nach das beste DREAM THEATER-Album seit "Scenes From A Memory" ist. Wie ist deine Meinung zu "Black Clouds And Silver Linings"?

Ich finde, "Black Clouds" ist ein wirklich cooles DREAM THEATER-Album. Wir sind eine Band, die immer von den vorherigen Erfahrungen lernt und wächst. Ich finde, der Klang des Albums ist besser als alles, was wir je gemacht haben. Es gibt eine Menge Gründe dafür: Wir lernen an unseren Instrumenten dazu, wir stellen Leute ein und wissen mittlerweile, mit wem wir am besten arbeiten. Dieses Mal war Paul Northfield wieder als Engineer und Mixer dabei, und er kennt uns wirklich gut. Die Zusammenarbeit zwischen uns ist gewachsen, so dass wir gegenseitig das Beste aus jedem von uns herausholen konnten. Ich finde, das Album zeigt sehr gut, dass wir weiter positiv zusammenwachsen.

"Train Of Thought" war ein sehr Metal-lastiges Album, "Octavarium" wieder melodischer. Kannst du…

Das neue Album ist ein guter Mix. Bei "Train Of Thought" erinnere ich mich daran, dass Mike und John schon vor den Aufnahmen ein Album machen wollten, welches das DREAM THEATER-Pendant zu klassischen Metalscheiben sein sollte. Noch bevor wir einen Song geschrieben hatten, sagten sie: "Jungs, das ist das, was wir machen sollten". Bei dem neuen Album war das überhaupt nicht so, wir wollten ins Studio gehen, Songs schreiben und sehen, wohin die Reise geht.

Ihr hattet also keinen Plan oder etwas in der Art.


Keinen Plan, nein. Auch für "Systematic Chaos" hatten wir keinen Plan, und ich finde, in vielerlei Hinsicht arbeiten wir so am besten.

Definitiv! Kommen wir kurz zu deinem Soloalbum "Notes On A Dream". Was steckt dahinter?

Es ist ein Solo-Pianoalbum. Von den zwölf enthaltenen Songs sind neun von DREAM THEATER. Die Idee kam von meiner Frau, sie wollte, dass ich das mache, und natürlich war das eine gute Idee. Wenn jemand Piano-Arrangements von DREAM THEATER-Nummern einspielen sollte, dann sollte ich diese Person sein. Ich entschloss mich also dazu, das zu machen, und wählte meine Lieblingsballaden wie "The Spirit Carries On", "Speak To Me" und "Another Day" aus. Es gibt auch drei Eigenkompositionen zu hören, die etwas progressiver sind. Ich bin ziemlich stolz auf das Ergebnis, weil es eine ganz andere Herangehensweise an die DREAM THEATER-Songs darstellt.

Ich habe deine Version von "Hollow Years" gehört und war ziemlich beeindruckt, weil der Track intimer und emotionaler klingt und ein anderes Feeling transportiert. Ich finde es schön, dass man dich nur Piano spielen hört und die Keyboard-Experimente deiner Band mal außen vor gelassen wurden.

Genau, vielen Dank! Meiner Meinung nach ist es auch sehr cool, dass Leute, die die Songs kennen, gut hören können, wie die Melodien in ein ganz anderes Format übertragen werden. Ich meine, wenn du "Hollow Years" von DREAM THEATER hörst, dann ist das eine Sache. Aber wenn du es dann am Piano hörst, denkst du: Ah, das ist aber eine schöne Melodie! Du hörst es auf eine ganz andere Art. Das Ziel dieser CD war, dass ich diese Passagen, die tolle Melodien beinhalten, stärker herausstelle und zeige, wie sie sich zu einem Solo-Pianostück wandeln können. Zur gleichen Zeit wollte ich mich aber auch selbst ausrücken und meinen eigenen Piano-Stil hervorheben.

Das Ergebnis ist wirklich beeindruckend, die Klavier-Umsetzung funktioniert sehr gut.

Yeah, die DREAM THEATER-Fans sind wählerisch und können sehr kritisch sein. Ich musste mich in einigen Fällen an die Melodien halten, habe sie aber auch verändert und erweitert, weil es mein Projekt ist und ich tun kann, was ich will.

Du hast ja schon gesagt, dass du hauptsächlich DREAM THEATER-Balladen ausgewählt hast. Wäre es nicht auch spannend, härtere Songs wie "As I Am" oder "This Dying Soul" in ein Piano-Gewand zu kleiden?

Ja, das wäre sehr interessant. Wenn ich so etwas nochmal machen würde, dann wahrscheinlich mit den Progressive-Songs wie "The Dance Of Eternity".

Das wäre wirklich interessant…

Ja, vielleicht eines Tages mal… Mit der nötigen Energie und Inspiration könnte die nächste Piano-CD aus den Progressive-Stücken bestehen.

Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, hast du von dem Continuum Fingerboard geschwärmt und meintest, dass du es gerne für den Rest deines Lebens spielen würdest. Spielt dieses Instrument immer noch eine so große Rolle?

Ja, ich finde, das Continuum ist ein sehr lebendiges Instrument. Es ist ein sehr intelligenter, praktischer Musik-Controller. Übrigens, die neue Version hat bereits Sounds integriert. Bei denen, die ich benutze, muss man noch einen Synthesizer anschließen, es ist also wirklich nur ein Controller. Ich werde das Continuum definitiv noch für eine lange Zeit spielen.

"Black Clouds And Silver Linings" markiert dein zehnjähriges Bandjubiläum. Hast du Lust, die einzelnen Alben, an denen du mitgewirkt hast, zu kommentieren und vielleicht einen Lieblingssong zu wählen?


Hm, das ist ja sowas wie ein Test… Ok, wo fangen wir an?

Mit "Scenes From A Memory".


Einer der Songs, an die ich dabei denke, ist natürlich "The Dance Of Eternity", weil wir es jeden Abend spielen. Das war ein richtiges Abenteuer für uns… Es war das erste Album, das ich mit den Jungs geschrieben habe, und es ist sehr wichtig. Also… Für mich war es der Start mit einem neuen Team.

Also ist dein Lieblingssong "The Dance Of Eternity"?

Mein Lieblingssong… Sie sind alle gut (lacht). Was kam danach?

"Six" -

- "Degrees Of Inner Turbulence", yeah. Ich mag die zweite CD am meisten, sie war progressiver und da hatte ich mehr an den Keyboards zu tun. Ich erinnere mich daran, wie John Petrucci ankam und meinte "Ok, spiel was Verrücktes. Und jetzt was mit Orchester." Ich habe viel improvisiert, und heraus kamen einige Riffs.

Dann folgte "Train Of Thought", das härteste Album.


The heavy one… Ich finde das Album richtig gut, was ziemlich lustig ist, weil man wahrscheinlich denkt, als Keyboarder würde ich das nicht so sehr mögen. Aber ich hatte eine gute Zeit und habe einige harte Sounds kreiert. "Endless Sacrifice" war ein Song, den ich echt sehr gerne mochte, weil er ein cooles Feeling hatte und da einige heavy Keyboardsounds enthalten sind. Eine Menge Leute, die den Song hören, wissen nicht genau, ob das jetzt eine Gitarre oder das Keyboard ist. Manche merken dann live, dass das jetzt ein Keyboard war. Da muss man sein Ego herausnehmen und über den Tellerrand schauen. Aber es ist natürlich befriedigend, wenn die Leute realisieren, dass das, was sie gerade hören, ein Keyboard ist.

2005 kam "Octavarium" heraus. Ich vermute, du favorisierst den Titeltrack.


Der Titelsong, genau. Das war eine Erfahrung, die viel Spaß gemacht hat. Mike wollte ein richtig tolles Progressive Rock-Stück machen und meinte zu mir: "Sieh zu, dass das klar geht" (lacht).

Zwei Jahre später folgte dann "Systematic Chaos".

Ja, da sind wir wie bereits gesagt ohne Pläne oder Vorstellungen ins Studio gegangen. Mein Favorit auf dem Album? (überlegt) "The Presence Of Enemies", wieder so ein progressiver Song, es macht Spaß, ihn zu spielen.

Ok, über das neue Album haben wir ja bereits gesprochen. Kommen wir nochmal zurück zur Tour. Es handelt sich ja nicht um eine reine DREAM THEATER-Tournee, sondern um Progressive Nation Europe. Was hältst du von UNEXPECT, BIGELF und OPETH?

Ich kenne UNEXPECT nicht wirklich gut Ich habe ein paar Sachen bei You Tube gehört und fand, dass sie sehr wild und verrückt sind. Und ziemlich cool, mit einem Kerl, der growlt, einem Violinisten, da ist alles dabei. BIGELF sind eine coole Band, die mich etwas an URIAH HEEP, DEEP PURPLE und PINK FLOYD erinnern, das ist eine nette Mixtur. Und OPETH sind eine richtig gute Band. Ich bin zwar kein riesiger OPETH-Fan, habe aber einige Sachen von ihnen in meiner CD-Sammlung. Wenn ich sie höre, finde ich sie richtig toll, und ich habe Respekt vor ihnen, weil sie augenscheinlich richtig gut sind. Es ist schön, dass sie mit von der Partie sind. Normalerweise höre ich nicht so viel Metal, aber OPETH haben eine progressive Seite, und das ist klasse. Ach ja, und die DREAM THEATER-Jungs sind auch gut.

Magst du DREAM THEATER?


Ja, die sind ok, nicht schlecht (lacht).

http://www.dreamtheater.net