Geschrieben von Dienstag, 09 August 2005 00:28

Wacken Open Air 2005 - Der Festivalbericht

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www.wacken.com

Als hätte die deutsche Metal-Gemeinde in diesem Sommer nicht schon genug Regen abbekommen, man denke nur an das Unwetter in Balingen, wurden die aus aller Welt angereisten Banger auch in Wacken kräftig durchgespült. Sollte Petrus tatsächlich, wie oft behauptet, ein Metaller gewesen sein, ist er jetzt scheinbar zum Hip Hop konvertiert. Dass das Wacken Open Air trotzdem überhaupt stattfinden kann ist der phänomenalen Arbeit der Crew zu verdanken, die immer wieder Stroh heranschaffen und ausstreuen musste, um den Platz überhaupt einigermaßen begehbar zu machen.

Donnerstag

Nachdem wir am späten Donnerstag Nachmittag endlich unseren Campingplatz erreicht und das Zelt aufgebaut haben, geht es gleich aufs Gelände. Da ich es 2004 nicht nach Wacken geschafft habe, erwartet mich hier die erste Überraschung: Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen wurden sämtliche Non-Food-Stände vom Festivalgelände verbannt und auf dem Vorplatz rund um den Metalmarkt platziert. Damit fällt der geplante Bummel durch die Angebote während der ersten Bands schon mal flach, zumal das Wetter auch nicht gerade dazu einlädt, den matschigen Platz noch mal zu überqueren, wenn es denn nicht unbedingt nötig ist. 

Pünktlich um 18:00 eröffnen dann Tristania das eigentliche Festival. Die Norweger kommen mit der derzeit ja recht beliebten Kombination von weiblichem Gesang und männlichem Grunzen. Auch wenn ein weiterer Sänger auch cleane Vocals beisteuert und so das Schema F etwas auflockert, habe ich diesen Stil in letzter Zeit einfach schon zu oft gehört und könnte eigentlich auf eine Nighwish Kopie verzichten, wenn das Original ohnehin nur einige Stunden später spielt. Aber um gerecht zu bleiben muss gesagt werden, dass Tristania trotz fehlender Originalität einen soliden Auftritt abliefern. Anschließend entern „Doomkopf“ Messiah und seine Recken von Candelmass die Bühne und sorgen für eine Stunde tadelloser Unterhaltung, obwohl der Wuschelkopf über Hunger klagt, nachdem er ganze sechs Stunden nichts zu Essen bekommen hätte. Egal ob Mitsing- oder Mitklatschspielchen, die Fans machen alles mit und als Messiah dann noch zum Doom Dance ansetzt, bleibt keine Auge trocken. Für mich das Highlight des ersten Tages. Nachdem ich auf Oomph! gerne verzichte und mich lieber einem großen Teller mit gegrillten Tierleichen widme, bin ich pünktlich zu Nighwish wieder auf dem Platz. Die haben allerdings anfangs einige Probleme, das Publikum zu erreichen. Besonders Tarja, die in einem gelben(!) Strickmantel auf der Bühne steht, wirkt noch etwas distanzierter als gewöhnlich. Erst im Verlauf des Auftritts tauen Band und Publikum langsam auf, und als beim letzten Stück als großes Finale ein Feuerwerk abgebrannt wird, sind alle Anhänger der Finnen restlos befriedigt.


Freitag

Für heute sind Regenschauer angesagt, die bleiben aber aus. Stattdessen gibt es Dauerregen in verschiedener Stärke, so dass man sich irgendwann schon freut, wenn es nur etwas nieselt. Erst gegen Abend lockert die Bewölkung etwas auf uns es gibt einige seltene trockene Momente.

Nach einem ausgiebigen Bummel über den Metalmarkt bin ich zu Marky Ramone (Party Stage)

wieder auf dem Festivalgelände. Ich persönlich wusste im Vorfeld nicht so recht, was ich davon halten sollte: Ein Drummer, der mit einer Coverband die Hits seiner alten Band nachspielt? Und das, wo alle anderen Bandmitglieder tot sind und sich nicht mehr wehren können? Aber ganz so schlimm wie befürchtet kommt es nicht. Marky hat einige authentisch spielende (allerdings nicht aussehende) Musiker um sich versammelt und führt durch die Klassiker der Ramones Geschichte. Auch wenn den Funke nie so wirklich überspringen mag, erlebt der eine oder andere Fan sicher eine Zeitreise in die eigene Jugend. Trotzdem erweist sich die frühe Platzierung als absolut angemessen.

Gleich im Anschluss geht es auf der True Metal Stage mit Sonata Arctica weiter. Wenn man bedenkt, dass es erst Mittag ist (und für die Band nach eigener Aussage auch viel zu früh), können sich die Finnen über einen erstaunlichen Publikumszulauf freuen. Und Sonata Arctica nutzen die guten Bedingungen und schaffen es, die Fans wie kaum eine andere Band an diesem Tag zu begeistern. Die zwei Stunden später ebenfalls auf der True Metal Stage spielenden Metal Church müssen da schon mit deutlich weniger Zuschauern Vorlieb nehmen, überzeugen die Anwesenden aber mühelos mit ihrer traditionellen Metal-Interpretation. Ich hätte bei einem so großen Namen mit mehr Zuspruch gerechnet, den die Jungs um Kurdt Vonderhoof auch redlich verdient hätten.
Doomfoxx
haben danach auf der Party Stage gleich drei Probleme: Erstens sind die Australier den meisten Fans noch kein Begriff, zweitens haben sie diesen Platz im Programm von den kurzzeitig abgesprungenen Hanoi Rocks übernommen und werden so nur von wenigen Interessierten erwartet, und drittens wird der Regen pünktlich zu ihrem Auftritt mal wieder stärker und viele Zuschauer ziehen sich unter die Dächer der Bierstände oder gleich in ihre Zelte zurück. So spielen die sympathischen Jungs aus Down Under also zunächst vor einer eher überschaubaren Menge. Die Anwesenden aber bekommen eine Lektion in australischem Rock’N’Roll erteilt. Doomfoxx zocken sich souverän durch ihr Programm und im Laufe der Zeit füllt sich der Platz vor der Bühne zusehends. Zum Ende des Auftritts tanzt bereits eine ansehnliche Polonaise durch die Reihen der Rockenden. Mit diesem und anderen Auftritten auf den kleineren Bühnen des Wacken Open Air dürften die Aussis gut für ihr Album geworben haben, das in Kürze erscheint.

Wer Edguy auf die Idee gebracht hat, sich mit dem Hubschrauber einfliegen zu lassen, sollte verprügelt werden. Sorry Jungs, aber ihr seid nicht die Rolling Stones. Trotz dieses lächerlichen Auftritts werden die Deutschen von recht Vielen gefeiert, auch wenn unbestätigte Gerüchte vermelden, dass sich die Campingplätze zeitgleich gefüllt haben, weil viele Besucher vor den fünf Dauergrinsern geflüchtet sind. Ich hab' dann nach einigen Songs auch der Gesellschaft meines Grills den Vorzug gegeben. Machine Head Frontmann Robb Flynn verdient auf jeden Fall den Coolness-Preis 2005. Technische Probleme überbrückt er schon mal mit einer „Beer-Drinking-Session“ und sein neues deutsches Lieblingswort „Prost“ kommt so oft wie nur möglich zum Einsatz. Und auch sonst kann sich die Band aus der Bay-Area über einen großen Publikumszuspruch freuen. Als Machine Head dann noch einige Coverstücke (u.a. Iron Maidens „The Trooper“) auspacken, haben sie Wacken im Handstreich für sich eingenommen.

Schon am Donnerstag hatte die Wacken Orga bekannt gegeben, dass es sich bei dem Special Surprise Act am Freitag um Stratovarius handeln würde (wer übrigens die Band-Aufstellung der Wacken T-Shirt mit dem abgedruckten Programm verglichen hätte, hätte auch früher darauf kommen können). Vielleicht sollten alle Festivalveranstalter damit aufhören, Überraschungsgäste lange vorher anzukündigen, denn wie zuvor bei anderen Open Airs war die Gerüchteküche lange im Vorfeld übergebrodelt und so gab es wohl mehr enttäuschte als erfreute Besucher. Trotzdem legen Stratovarius auf der Black Metal Stage einen mit 20 Minuten recht kurzen aber gut besuchten Auftritt hin. Die darauf folgenden Apocalyptica gehören zu den eher umstrittenen Bands dieses Jahres. Die Anhänger der Finnen waren ebenso begeistert wie viele andere gelangweilt. So stimmungsvoll das mit großer Lightshow umgebene Programm der vier Chelisten auch ist, so wirklich Spannung kommt nicht auf und so feiere ich den Rest des Abends lieber auf dem Campingplatz weiter.


Samstag

Heute bekommen wir endlich die versprochenen Regenschauer, aber von Zeit zu Zeit lässt sich die Sonne auch mal für einige Momente sehen. Wirklich warm wird es aber trotzdem nicht, und sobald die Sonne wieder dem nächsten Schauer Platz macht, sucht jeder sofort nach wärmeren Klamotten. So ist am Samstag auch kein einziger Pullover mehr an den Merch Ständen zu bekommen. Wer zu spät kommt...

Pünktlich bin ich dann wenigstens bei Mob Rules. Die deutschen Power Metaller können sich für diese frühe Stunde über eine ordentliche Menschenmenge vor der Party Stage freuen und nutzen ihre Chance, neue Freunde zu gewinnen. Diese Band könnte so langsam auch reif für die großen Bühnen sein. Dass sie auf die große Bühne gehören, beweisen Dragonforce anschließend auf der True Metal Stage eindrücklich. Auch wenn die Choreographie hier und da hakt und sich die Wahl-Londoner mehr als einmal fast gegenseitig über den Haufen rennen, haben die Flitzefinger offensichtlich jede Menge Spaß. Den haben auch die zahlreichen Fans, die alle Mitklatschspielchen mitmachen und sich für den weiteren Tag warmbangen können.

Gebangt wird bei den schwedischen Doomern Count Raven auch, aber nur in halber Geschwindigkeit. Und die Fans, die sich an die Party Stage begeben haben, um die Rückkehr der Kultband zu feiern, haben ihren Spaß. Zwar wirken die drei Schweden etwas hüftlahm, schleudern aber einen Kracher nach dem anderen ins dankbare Publikum. Außerdem erfreulich: Die Band hat bereits einen neuen Plattenvertrag und neue Stücke im Gepäck. So richtig old school zeigen sich dann auch Overkill auf der True Metal Stage. Mit dem bisher höchsten Fanaufkommen des Tages führen die fünf Amis durch alle Phasen ihrer langen Karriere. Bobby Blitz, der seine Ansagen auch gerne mal in Reimform vorträgt, hat dabei sichtlich Spaß am textsicheren Publikum. Und nach dem obligatorischen „Fuck You“ kann die Wreckingcrew dann auch mit dem Bewusstsein nach Hause fahren, Wacken in Grund und Boden gerockt zu haben.
Nach einer Pause richte ich mich dann vor der True Metal Stage mehr oder weniger häuslich ein. Die letzte Gelegenheit, Accept in Deutschland zu sehen, möchte ich dann doch möglichst weit vorn nutzen. Axel Rudi Pell verkürzt mir die Wartezeit auf recht angenehme Weise. Der Meister der Melodie und seine Band, allen voran Sänger Johnny Gioely, zeigen klassischen Hard Rock vom Feinsten und werden vom zahlreich anwesenden Publikum dafür auch gebührend gefeiert. Als die Bühnencrew das Hammerfall Bühnenbild aufbaut, muss ich irgendwie immer wieder an Spinal Tap denken. Die Pappmaché Eisberge und der gigantische blaue Hammer, der über der Bühne schwebt, wirken auf mich schon etwas arg lächerlich (von den Kostümen gar nicht zu reden). Trotzdem muss man den Schweden zugestehen, dass sie eine Menschenmasse anziehen, die danach selbst die Headliner an diesem Tag nicht mehr erreichen können. Dabei scheinen alledings auch einige Wacken Debütanten zu sein. Der Herr mittleren Alters vor mir, der seine minderjährigen Kinder begleitet und jedem Crowdsurfer einen Schwinger mit der Faust mitgibt, scheint sich mit den Festivalgepflogenheiten noch nicht so recht abgefunden zu haben. Wobei ich zugeben muss, dass es schon sehr unangenehm ist, wenn jetzt mit den Stiefeln der Surfer auch gleich eine Ladung Schlamm im eigenen Gesicht landet. Und besonders bei Hammerfall nimmt deren Zahl irgendwann echt nervige Ausmaße an, wobei auch hier, wie im Publikum insgesamt, erstaunlich viele kleine Mädchen zu finden sind.
Bevor dann der unbestrittene Headliner auf die Bühne darf, soll der Sieger des über das Wochenende im Wet Stage Zelt stattfindenden Metal Battle Band-Wettbewerbs verkündet werden. Leider ist das Interesse des Publikums an der Siegerehrung gleich Null und entsprechend schnell werden die Namen von Holy Moses Sängerin Sabrina Classen verlesen. Außerdem hat sich die Wacken Orga eine weitere Überraschung einfallen lassen: Im sechzehnten Jahr des Open Airs soll eine Hall Of Fame eingeführt werden, in der jährlich Fans, Crewmitglieder, Partner, Musiker und Bands geehrt werden sollen. Vielleicht hätte man dafür etwas mehr Zeit einplanen sollen, um dem Moment die gebührende Bedeutung zu geben, denn so interessiert auch das niemanden so recht. Die Wahl des Fans ist zudem etwas unglücklich, da sich der Geehrte benimmt wie ein peinlicher Hampelmann. Von Accept, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden sollen (wenn sie schon mal da sind?), kommt die Hälfte der Musiker erst gar nicht auf die Bühne und so kommt dieser an sich netten Idee leider nicht die Aufmerksamkeit zu, die sie verdient hätte.

Dann ist es endlich so weit und Accept entern die Bühne. Auch wenn die Choreographie nicht mehr so perfekt sitzt wie in den besten Tagen der Band, bieten sie eine gute Show, doch irgendwie kommt die Menge vor der Bühne nicht so recht in Schwung. Das mag an dem recht schwachen Beginn liegen, denn die richtigen Hits werden erst ab Mitte des Programms zum Besten gegeben. Als dann noch Wolfs Sender den Geist aufgibt und Udo, den man nicht gerade als den Meister der Ansagen bezeichnen kann, das Publikum mit endlosem Mitsingen zu beschäftigen sucht, ist die Luft ein bisschen raus. Dementsprechend leise sind dann auch die Forderungen nach Zugaben, als das reguläre Programm zuende ist (vielleicht auch, weil einfach noch zu viele Hits fehlen und klar ist, dass sich die Band so nicht verabschieden wird). Besonders mutig finde ich es dann, bei dem geringen Zuspruch aus dem Zuschauerraum mit einem zweiten Zugabeblock zu arbeiten, der nun wirklich nur noch von Einzelnen verlangt wird. Warum der Funke nicht so recht überspringen wollte, kann ich mir auch nicht erklären, an der Leistung der Band kann es nicht gelegen haben. Aber da wurde Udo mit seiner eigenen Band bei verschiedenen Gelegenheiten schon mehr gefeiert als Accept an diesem Abend. 

Mit den anschließend auf der Black Stage spielenden Scentenced kann ich mich ebenso wenig anfreunden wie mit Torfrock auf der Party Stage, und so lasse ich das sechzehnte Wacken Open Air gemütlich bei einigen Kaltgetränken auf dem Campingplatz ausklingen. Ein Wacken Open Air, bei dem man den Organisatoren wirklich ein Kompliment aussprechen muss. Trotz des ungünstigen Wetters habe ich noch nie so einen reibungslosen Ablauf in Wacken erlebt. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht allzu viele Fans im berüchtigten Wackenschlamm steckengeblieben sind.

Eine traurige Nachricht gibt es dennoch zu vermelden: Ein nach meinen Informationen vierfacher Familienvater hat bereits in den ersten Tagen des WOA einen Unfall mit einem Fahrzeug des Roten Kreuzes nicht überlebt. Das Mitgefühl aller Besucher und Fans gilt seiner Familie und seinen Freunden.

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