Oomph! - Des Wahnsinns fette Beute

oomph deswahnsinnsfettebeut

Stil (Spielzeit):
Elektro Rock / Synthie Pop (53:28)
Label/Vertrieb (VÖ): Sony (18.05.12)
Bewertung: 6/10

Link: www.oomph.de

Nein Jungs, so war das nicht gemeint. Als ich vor vier Jahren zum letzten OOMPH!-Album „Monster“ schrieb, der Themen- und Melodienkosmos der Band werde zu eng und es sei Zeit für ein neues Kapitel, wollte ich keine faden Provokationen a la RAMMSTEIN mit ATZEN-Beats! Und dass ich in diesem Review auch die unsäglichen UNHEILIG als Vergleich bemühen muss, schmeckt mir als jemandem, der den gesamten Alben-Backkatalog von OOMPH! im Regal stehen hat, überhaupt nicht. Aber so schlimm kommt es letztlich doch nicht, denn die Scheibe wächst mit dem Hören … und entfaltet vor allem musikalische Stärken.

Nette Hommage an 80er-Jahre-Filmplakate, dachte ich, als ich das Cover von „Des Wahnsinns fette Beute“ gesehen habe – die Jungs verabschieden sich vom Dunkel-Image und nehmen sich zur Abwechslung mal selbst auf die Schippe! Im Booklet findet man die Band auch entsprechend abgebildet, als lustig verkleidete Maskenmänner, Kleinstadtpimps und Transvestiten. Nur der Blick auf die Lyrics lässt zweifeln: Doch so platt? Wird das noch irgendwie ironisch gebrochen?

Nein, wird es nicht. Oder ich hab’s einfach nicht gecheckt. Im Gegensatz zu Bands, die in ihren Texten über die Jahre reifen und zusammen mit einem erwachsen werden, zelebrieren OOMPH! den Anachronismus und singen Lieder über Onanie und Herzschmerz im Regen. Der gleichnamige Song „glänzt“ denn auch passend mit schwülstigem Synthiepop und vor Pathos triefenden UNHEILIG-Lyrics. Dass es auch anders geht, zeigt ein Titel wie „Unendlich“, der mit PINK FLOYD Gedächtnis-Gitarre und ernsthaftem Storytelling zwar etwas kitschig rüberkommt, jedoch sehr viel weniger wie eine unfreiwillige Karrikatur oder schale Provokation wirkt. (Zu diesem Thema später leider mehr.)

Rundum klasse klingen OOMPH! beim Opener und besten Song „Unzerstörbar“ ­– ein cooler, rhythmischer Stampfer mit melodischem Mitsing-Refrain und ironischem Text gegen den Großkotz in uns allen. Auch „Zwei Schritte vor“ gefällt mir mit Swing-Grooves und Bläsern. „Such mich find mich“ ist eine typische OOMPH!-Tanzflächen-Nummer mit harten Elektro-Beats und treibendem Refrain, auch „Bis der Spiegel zerbricht“ und das gelungene „Die Geister, die ich rief“ klingen noch sehr OOMPH!-typisch und sollten keinen Freund der letzten Alben verschrecken.

Mit „Bonobo“, also nach etwa einem Drittel der Platte, dürften sich langsam aber sicher die Geister scheiden: „Steck dir’n Finger in’n Po und mach’s wie der Bonobo“ heißt es zu dicken Beats und Sprechgesang – ich kann darüber lachen und halte den Song für einen der besseren, aber lyrisch geht’s hier doch langsam in Richtung RAMMSTEIN, ohne deren Biss zu erreichen, und diesen Vergleich muss man fortan öfter bemühen. So auch beim Titel „Deine Eltern“: Der Song thematisiert Großmutters Onanieverbot unter Androhung von Rückgratschwund und Blindheit, explizit wird’s am Ende mit der Textzeile „Jetzt sitz ich hier mit ’nem Steifen … Rückgrat – grinsend im Dunkel, das nie mehr vergeht“. Knickknack.

„Kleinstadtboy“ huldigt in der Strophe „Remmidemmi“ von DEICHKIND und im Refrain BRONSKI BEATs „Smalltown Boy“ – trotzdem passt’s am Ende, weil geschickt adaptiert wurde und sich der Song um Selbstakzeptanz dreht und das textlich nett verpackt. „Kosmonaut“ ist atmosphärischer Synthie-Pop mit dezent riffender Gitarre und 80er-Jahre-NDW-Flair, in „Komm zurück“ ist es genau umgekehrt: bratende Gitarren, dazu gibt’s zurückhaltend flirrende Soundscapes und Bläser im Refrain – gut gelaunte Nummer.

„Aus meiner Haut“ überzeugt als songwriterisch hervorragender, wunderbar eingängiger Synthie-Rocker mit deftigen Gitarren. Wenn nur der Text nicht wäre: „Ein bisschen bi schadet nie“ und ein geflüstertes „Fick mich“ vor’m Refrain – mir ist das erneut eine Spur zu doof und zu nah an RAMMSTEIN. Noch mal: Derart platte Provokation haben OOMPH! eigentlich gar nicht nötig.
Bei „Seemansrose“ übertreiben die Jungs es für meinen Geschmack endgültig: „Komm mein schöner Leichtmatrose, stopfe mir das Leck.“ Hans Albers auf’m Absturz mit RAMMSTEIN zu Schifferklavier, Möwengekreisch und ’ner Buddel voll Rum … örks.

Am Ende wäre es ein Leichtes, „Des Wahnsinns Fette Beute“ komplett abzukanzeln. Mit Sicherheit ist diese Scheibe insgesamt das textlich schwächste und platteste Album, das OOMPH! je aufgenommen haben. Auch wenn zwischendurch die Ironie spürbar wird, die bei vielen Songs sicherlich intendiert ist – sie wurde nicht deutlich genug herausgearbeitet, um wirklich mitlachen zu können. Das habe ich von dieser Kombo schon viel, viel besser gehört. Bei englischsprachigen Formationen fallen maue Lyrics nicht so stark ins Gewicht und man neigt eher dazu, nur die Musik zu bewerten. Aber bei einer auf Deutsch singenden, somit bestens zu verstehenden Band wie OOMPH! höre ich doch genau hin – und da passiert kaum Substantielles, auch und gerade im Vergleich zu vergangenen Scheiben.

Songwriterisch zeigen OOMPH! sich jedoch ungewohnt stark und durchgehend vielseitig, hier ist vieles dabei, was ich mit anderen Texten richtig abfeiern würde: Starke Refrains mit Dampf in den Saiten, markante rhythmische Wechsel und zumeist simple aber sehr griffige Melodieführung. Die Bilanz ist am Ende beinahe ausgeglichen und ich komme nach drei Stunden unter Kopfhörern doch noch auf richtig knappe 6 Punkte. Ganz dünnes Eis und alles andere als Nummer sicher für alte Fans der Band.