Neal Morse - Testimony 2 Tipp

neal_morse_testimony_2

Stil (Spielzeit): Progressive Rock (78:18 + 36:51)
Label/Vertrieb (VÖ): Inside Out/EMI (20.05.11)
Bewertung: 8/10
Link: http://www.nealmorse.com/

NEAL MORSE ist einer der begnadetsten Künstler und Sänger der heutigen Musikszene, das weiß man spätestens seit SPOCK'S BEARD-Göttergaben wie "The Light" oder "Beware Of Darkness". Mit TRANSATLANTIC ist er zudem Teil eines der großartigsten Prog-Projekte aller Zeiten. Nach dem SB-Album "Snow" erleuchtete ihn 2002 der Herr, fortan schwor der Sänger und Multiinstrumentalist seiner Hauptband ab und veröffentlichte mit "Testimony" das erste in einer langen Reihe von Soloalben, das nun in "Testimony 2" eine direkte Fortsetzung findet.

Morse erzählt seine eigene Lebensgeschichte auf der ersten Disc der Doppel-CD weiter. Die zweite enthält drei "Bonustracks", die nichts mit dem Konzept von "Testimony" zu tun haben. "Testimony 2" führt musikalisch die Linie des Originals von der ersten Sekunde an fort, wiederholt bekannte Themen und Details und ist genau der mit allerhand anderen Zutaten gespickte Progressive Rock, den NEAL MORSE-Fans lieben und erwarten. Ganz so abgedreht und crazy wie mit SPOCK'S BEARD geht es auch diesmal nicht zur Sache, trotzdem fühlt man sich nicht nur wegen Neals göttlicher Stimme mehr als einmal an den Bart erinnert. Dazu kommt, dass seine ehemaligen Bandkollegen bei "Time Changer" mitsingen und einen waschechten, mehrstimmigen SPOCK'S BEARD-Gesang im Stil von "Thoughts" beisteuern, der selige Erinnerungen an die frühe Zeit der Prog-Meister herauf beschwört und eine dicke Gänsehaut verursacht. NEAL MORSE bedient sich auf "Testimony 2" wie gewohnt der gesamten Klaviatur der Emotionen und Gefühle. So klingt das seiner Tochter gewidmete "Jayda" fast schon brutal ehrlich, emotional und rührt zu Tränen. Der Sänger öffnet hier seine ganze Seele, und jeder kann in ihr lesen. Auch "It's For You" dürfte einigen Hörern, die nicht primär an den autobiografischen Texten, sondern der Musik interessiert sind, ein ganzes Stück zu offen und direkt sein. Ob man diese entwaffnende Ehrlichkeit und Überzeugung nun gut findet oder nicht, eines kann man nicht abstreiten: Man hört, dass Morse sein ganzes Herzblut, seinen ganzen Glauben in solche Songs steckt. Und dies auf eine solche Weise der gesamten Welt offen zu legen, ist mutig und verdient Respekt.

Das Besondere an "Testimony 2" ist, dass der lyrische Seelenstriptease eben mit der passenden Musik unterlegt wird. Man hört, was Morse fühlt. Das schnodderige "Nighttime Collectors" erzählt davon, wie Morse unterwegs in einem Hotel die wundersame Heilung seiner Tochter erfährt. "The Truth Will Set You Free" hingegen macht den Schmerz und die Verzweiflung auf der Suche nach dem richtigen Weg erfahrbar, während "Jesus Bring Me Home" ein beeindruckendes Zeugnis des Zweifels und Kampfes ablegt, den der Musiker gekämpft haben muss, um seine 180 Grad-Drehung zu vollziehen und sein Leben komplett Gott zu widmen. Die entwaffnend ehrlichen Texte, stellen ungeübte Hörer wohl immer noch vor Probleme. Zugegeben, es ist nicht einfach, sie zu verstehen oder zu akzeptieren, wenn man nicht selbst voll hinter Gott steht. Immerhin versucht Neal nicht zu missionieren, sondern legt dar, wie er seinen für ihn richtigen Weg gefunden hat. Und das mit gewohnt guter musikalischer Begleitung mitzuempfinden, ist ohne Zweifel spannend.

So ist die Fortsetzung von "Testimony" wie erwartet professionell umgesetzt, die Songs mit typisch begnadeten NEAL MORSE-Melodien versehen, aber auch nicht ganz einfach und teils recht schwermütig. Auf CD zwei findet man dann aber die vermisste Leichtigkeit und Unbeschwertheit, schon "Absolute Beginner" ist ein herrlich melodischer, mit einem tollen Chorus versehener Sunshine-Rocker, der unweigerlich für gute Laune sorgt. Das relaxte "Supernatural" mit Gänsehautmelodien zeigt erneut, dass Morse einfach ein großartiger Songwriter ist. Das stellt auch der 26-minütige Brocken "Seeds Of God" unter Beweis, ein typischer Prog Rock-Epic mit einem Gastauftritt von Steve Morse (was für ein begnadetes Solo!), Gänsehautmelodien, komplexen Arrangements, Stilbrüchen und einer Genialität, die vielleicht nicht an alte Klassiker heranreicht, aber von kaum einem anderen Musiker oder einer Band erreicht wird.

Die Vertonung seiner Lebensgeschichte gelingt NEAL MORSE erwartet gut, auch wenn es stellenweise etwas schwierig wird, ihr zu folgen. Wäre die "Bonus CD" nicht, die mit dem Longtrack und den beiden frischen Nummern einen tollen, aber auch nötigen Kontrast zum Konzept der ersten Scheibe bildet, würde ich "Testimony 2" eine solide und gute, aber nicht zwangsläufig überragende Qualität bescheinigen. So aber muss auch diese Scheibe, bei der übrigens Mike Portnoy hinter den Kesseln sitzt (über seine Leistung muss man nicht sprechen, genauso wenig wie über die einmal mehr gelungene Produktion) und auch Bassist Randy George erneut dabei ist, als Empfehlung auf unserer Startseite und im Einkaufskorb eines jeden SPOCK'S BEARD- und NEAL MORSE- bzw. Progressive Rock-Anhängers im Allgemeinen landen.