Chris Evans/David Hanselmann - Stonehenge: From Then Till Now

Chris Evans/David Hanselmann - Stonehenge: From Then Till Now
Neuveröffentlichungen alter, gesuchter Alben sind oft ein zweischneidiges Schwert. Wer nicht die Chance hatte, das Original zu ergattern und keine 100 Euro oder mehr für eine gebrauchte Version berappen möchte, freut sich über eine im besten Falle erweiterte Neuauflage des entsprechenden Albums. Fans der ersten Stunde verreißen den Re-Release, weil er sich massiv von ihrem geliebten Original unterscheidet. Auch "Stonehenge", die Neuauflage des Prog-Projektes CHRIS EVANS/DAVID HANSELMANN aus den Achtzigern, bleibt davon nicht verschont.

Während sich Neueinsteiger theoretisch über vier neue Songs und neue Versionen von zwei alten Nummern freuen, zetern Altfans über eine verhunzte Neuauflage mit veränderter Songreihenfolge, langweiligen und unpassenden Bonustracks und massiven Veränderungen an alten Songs. Da ich das Original von 1980 nicht kenne, kann ich mir glücklicherweise etwaige Vergleiche sparen. Für alle Neueinsteiger: Der britische, seit Ewigkeiten in Deutschland lebende Komponist und Keyboarder Chris Evans und der deutsche Sänger David Hanselmann (TRIUMVIRAT, war auch als Peter Gabriel-Nachfolger bei GENESIS im Gespräch) lieferten 1980 ein Konzeptalbum über die titelgebende Steinformation Stonehenge ab, das gemeinhin zu den Klassikern der progressiven Musikrichtung gezählt wird und seit Jahren Höchstpreise bei Auktionen erzielt. Vergleichbar mit EMERSON, LAKE & PALMER, ALAN PARSONS PROJECT und (meinen Ohren nach) ein wenig BARCLAY JAMES HARVEST ist "Stonehenge" ein Album in der Schnittmenge von Symphonic Prog und Pop. Herausragend ist David Hanselmanns Stimme, der bereits das in der Neuauflage an den Anfang gerutschte "Genesis" zu einem Gänsehaut-Ohrwurm macht. Wie ein roter Faden zieht sich das "Stonehenge Theme" durch die CD, die neben den Vocals von Chris Evans' typischen Achtziger-Keyboardsounds lebt und auch die ein oder andere famose Gitarrenharmonie enthält. Sanfte Balladen, vertrackte Nummern, Bombast-Epen: Bis zum leidenschaftlich dargebotenen "Silbury Hill" ist das ganz, ganz große Progressive-Kunst; danach wird mir das Album (vermutlich "dank" der Bonustracks) mit Ausnahme von "Glastonbury" und "Cadbury Castle" zu ruhig-verspielt und Musical-haft.

Das ist jammerschade, denn "Stonehenge" umleuchtet dank Streicher und keltischer Thematik eine mystische Aura. Durch die Langatmigkeit im zweiten Drittel des Albums wird diese Atmosphäre zerstört, auch wenn David Hanselmann in den neuen Songs beweist, dass er immer noch ein Ausnahmesänger ist. "Stonehenge: From Then Til Now", so der eigentliche Titel der Neuauflage, ist für mich somit ein sehr gutes, stellenweise famoses Progressive-Album, das am Schluss zu langatmig und ruhig vor sich hin plätschert, aber nicht der erhoffte Über-Klassiker. Vielleicht wäre es doch angebracht gewesen, die Spielzeit mit den neuen Songs nicht auf 62 Minuten zu strecken und bei den 40 Minuten des Originals zu bleiben. Prog-Fans mit Hang zu symphonischen und poppigen Klängen sollten dem Re-Release aufgrund der überragenden ersten Hälfte jedoch ihr Gehör schenken.

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